Wo bleibt das Positive … ?

26. Okt. 2026

Wo bleibt das Positive,
Herr Krüger?

Justus Krüger
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Bild: Porträt von Justus Krüger
Justus Krüger lebt seit 2005 als freier Korrespondent in China und schreibt u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, für Mare und Geo.
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Das Ende ist nah! Das war damals die Stimmung, in Hongkong selbst und in den internationalen Medien. Demokratiebewegung, Straßenschlachten, Ausnahmezustand: 2019/20 schien die Stadt in Weimarer Verhältnisse abzustürzen. Sie sei „kaputt. Fini. Terminado. Over.“ So brachte Dan Harris, US-Anwalt für China-Geschäfte, die damalige Einschätzung auf den Punkt.

Die gute Nachricht: Hongkong ist nicht kaputt. Die Bürger führen weiter ein selbstbestimmtes Leben. Die kantonesische Sonderidentität lebt, die Geschäfte gehen gut. Während Deutschlands Wirtschaft im vergangenen Jahr bei 0,2 Prozent stagnierte, wuchs Hongkong um 3,5 Prozent. Zwar hat die Stadt politische ­Freiheit eingebüßt, aber im Leben der meisten Hongkonger ist das nicht angekommen.

Wenn das überraschend, ja frivol klingt, dann wohl, weil man politische, ökonomische und persönliche Freiheit oft für dieselbe Sache hält. Aber Selbstbestimmung hat viele Aspekte; politische Freiheit ist einer davon. Der Fall Hongkong provoziert die Frage, wie stark sie miteinander korrelieren.
Eine Hypertrophie des Politischen kann sogar auf Kosten anderer Freiheiten gehen. „Damals war einfach alles politisch“, erinnert sich eine kantonesische Freundin an die Proteste. „Man musste sich positionieren, das war völlig unausweichlich.“

Es überrasche sie selbst, aber die Entpolitisierung komme ihr auch wie eine Entlastung vor. Selbst die Vorliebe für ein Lieblingscafé konnte damals ein politisches Statement sein. Es gab „gelbe“ und „blaue“ Cafés – die einen intensiv dagegen, die anderen mit voller Wucht dafür, gesteigert bis zum Hass. „Heute sind es bloß Cafés.“ Das soll nicht heißen, dass der Verlust der politischen Autonomie nicht real ist. Lehrer, Professoren, Beamte und Journalisten spüren den Druck. Alle anderen eher nicht.

Hongkong bleibt eine ganz andere Gesellschaft als Festlandchina. In der privaten Lebensführung redet einem genauso wenig jemand rein wie in Berlin – vielleicht sogar weniger, weil man sich persönlich nicht politisch positionieren muss. Die Kehrseite ist, dass man es öffentlich nicht kann. Das zeigt sich auch im Recht. Es gilt wie gewohnt das eng ans britische Recht angelehnte Common Law – mit einer wichtigen Ausnahme: politisch heikle Fälle.
So führt eine erfreuliche Nachricht zu einer beunruhigenden Frage. Einerseits: Hongkong lebt, und es lebt gut. Andererseits: Was hat das zu ­bedeuten?

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 128

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Justus Krüger lebt seit 2005 als freier Korrespondent in China und schreibt u.a. für die Neue Zürcher Zeitung, für Mare und Geo.
 

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