01. September 2020

Willkommen auf der Weltbühne

Fußball ist ein einfaches Spiel, Integration eine komplexe Aufgabe. Im Ruhrgebiet ist der Sport seit jeher der Motor, ohne den Erfolgsgeschichten wie die von Mesut Özil oder Lira Alushi nicht möglich wären. Das „kleine Europa“ macht der großen Union vor, wie sich neue Identitäten schaffen lassen – Rückschläge und Missverständnisse inklusive.

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Bild: Nationalspieler Mesud Özil während eines Spiels
"Deutscher im Erfolg, Einwanderer in der Niederlage" (M. Özil)
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Gareth Barry staunt nicht schlecht. Natürlich, dass es schwer werden würde gegen die Deutschen, das hatte der Mittelfeldspieler von Manchester City schon vor dem Spiel geahnt. Schließlich war man bei großen Turnieren meist an den Erzrivalen gescheitert, und man wusste alles über sie. Sie hießen Breitner, Völler oder Müller, sie waren eher kampf- als spielstark, und aus britischer Warte sahen sie allesamt aus wie die Germanen-Karikaturen aus dem Musikvideo zum Song „Football’s coming home“ – schlechtfrisierte, irgendwie furchterregende Gesellen, die am Ende stets gewinnen.

Doch das, was Gareth Barry und seinen Kollegen an diesem 27. Juni 2010 im WM-Achtelfinale von Bloemfontein/Südafrika entgegenkommt, ach was: entgegenrast, ist anders. Jünger, schneller, talentierter. Auch die Namen der Protagonisten klingen für deutsche Verhältnisse ungewohnt fancy: Boateng, Khedira, Özil. Es steht schon 3:1 gegen England, als auf der linken Seite einer dieser neuen Deutschen einem Steilpass hinterherjagt. Barry hat mehrere Meter Vorsprung, doch ehe er sich’s versieht, ist er die auch schon wieder los. Mesut Özil sprintet in einem Stil nach vorne, für den einst der Begriff „unwiderstehlich“ erfunden wurde, er flankt nach innen, und da vollendet: Müller. Zumindest ein Name, den Gareth Barry noch von früher kennt.

Es ist dieser südafrikanische Sommer 2010, in dem der Stern des Mesut Özil aufgeht. Geboren 1988 in Gelsenkirchen als Sohn türkischer Einwanderer, spielt sich Özil vom „Affenkäfig“ in der Gelsenkirchener Olgastraße bis in die erste Mannschaft von Schalke 04, wechselt zu Werder Bremen, zu Real Madrid, zu Arsenal London. Und feiert 2014 mit dem WM-Titel in Brasilien den Höhepunkt seiner Nationalmannschaftskarriere.

Dabei war es gar nicht ausgemacht, dass der schüchterne Junge einmal für Deutschland spielen würde. Nicht, dass es ihm an Talent gemangelt hätte – anders hätte er sich gegen all die „Matthiasse oder Michaels“, wie er sie rückblickend nennt, niemals durchsetzen können.

Doch üblich war es damals noch nicht, dass sich die Kinder der türkischstämmigen Community für den DFB statt für den türkischen Verband entschieden. Zumal man auf deutscher Seite erst spät erkannt hatte, welche Möglichkeiten sich einem da eröffneten. „Wir verzichten auf die Hälfte unseres Potentials“, schimpfte Dortmund-Trainer Ottmar Hitzfeld 1998 im Spiegel. Talente wie Yıldıray Baştürk (geboren in Herne) oder die Brüder Hamit und Halil Altıntop (Gelsenkirchen) spielten für die Türkei; der in Yalvaç (Türkei) geborene Verteidiger Mustafa Doğan war der erste aus dieser Generation, der 1999 zwei Länderspiele für Deutschland bestritt.

Auch im Hause Özil war die Frage zunächst umstritten, für welche Seite man sich entscheiden sollte. Mutter Gülizar und Onkel Erdoğan plädierten für die Türkei: „Denk dran, dass das deine Wurzeln sind.“ Sportliche Gründe machte Bruder Mutlu geltend: „Wisst ihr, was der größte Erfolg der Türkei bisher war? Platz 3 bei der Weltmeisterschaft 2002. Und Deutschland? Weltmeister 1954, 1974, 1990.“ Letztlich schloss Mesut sich der Argumentation seines Vaters Mustafa an: Wer in Deutschland geboren und groß geworden sei, müsse auch für das Land spielen.

Dass sich diese Entscheidung sportlich auszahlen sollte, ist bekannt. Doch begann kurz nach der Weltmeisterschaft von 2010 das große Missverständnis zwischen Mesut Özil und der deutschen Öffentlichkeit. Rasch wurde Özil zum Vorzeigebeispiel für gelungene Integration erklärt; noch im Herbst des Jahres bekam er den dazugehörigen Bambi verliehen. Die Zerrissenheit eines Zuwandererkindes passte da nicht ins Bild. „Ich denke deutsch, aber ich fühle türkisch“, schreibt der praktizierende Muslim Özil in seiner Autobiografie von 2017. Er möge „diese Ausschließlichkeit“ nicht, mit der man ihn zwingen wolle, die Türkei ganz hinter sich zu lassen, wenn er als Deutscher akzeptiert werden wolle.

Dass das ein frommer Wunsch bleiben sollte, zeigte sich im Jahre 2018. Özil und der ebenfalls in Gelsenkirchen aufgewachsene İlkay Gündoğan hatten sich kurz vor der WM in Russland gemeinsam mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan fotografieren lassen. Ein Fehler, meinten die meisten Beobachter, aber auch eine Lappalie, fügten einige von ihnen hinzu. Doch da war die Empörungswelle schon nicht mehr zu stoppen. „Ein Bild mit einem Autokraten, während die WM bei einem Autokraten stattfindet“, werde genutzt, „um Özil das Deutschsein zu entziehen“, formulierte die Migrationsexpertin Naika Foroutan sarkastisch.

Nach der auch sportlich enttäuschenden Russland-WM erklärte Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, aber Einwanderer, wenn wir verlieren“, formulierte er resigniert.

 
Odyssee durch halb Europa

Als Mesut Özil am 13. Juli 2014 den WM-Pokal in dem Himmel von Rio de Janeiro reckte, durfte sich die gleichaltrige Fatmire „Lira“ Alushi schon seit vielen Jahren Weltmeisterin nennen. Die als Fatmire Bajramaj 1988 in Gjurakovc (Kosovo) im damaligen Jugoslawien geborene Mittelfeldspielerin und Stürmerin war mit fünf Jahren nach Deutschland gekommen. Weil ihre kosovo-albanische Familie angesichts der Entwicklung in ihrer Heimat keine Perspektive mehr für sich sah und um ihr Leben fürchtete, hatten sich die Bajramajs 1993 zur Flucht entschlossen.

Nach einer Odyssee durch halb Europa mithilfe einer Schleuserbande – der „reinste Horror“, wie Alushi sich später erinnert – landete die Familie in Remscheid, später in Mönchengladbach. „Wir kamen zu einer Zeit ins Land, in der Ausländer nicht gerade willkommen waren“, beschreibt Alushi den schwierigen Start in ihrer Autobiografie, tägliche Beschimpfungen inklusive. Doch die Bajramajs ließen sich nicht unterkriegen: 2001 nahmen sie die deutsche Staatsangehörigkeit an.

Fußballspielen musste die kleine Lira zunächst heimlich; Vater Ismet hatte etwas dagegen. Als sich aber zeigte, welches Talent seine Tochter entwickelte, förderte er ihr Hobby. Dabei kam Lira zugute, dass die Familie einen eher fortschrittlichen Islam praktizierte. „Als strenggläubige Muslima“, meint sie, hätte sie „nie und nimmer so eine Fußballkarriere hinlegen können.“ Ihr Vater hätte das zu verhindern gewusst, von den praktischen Erwägungen ganz abgesehen: „Welcher Sichter hätte denn ein Mädel mit Kopfbedeckung und langer Hose auf dem Platz zu einer Kreisauswahl eingeladen?“

Mit elf Jahren spielte Lira in Mönchengladbach zum ersten Mal in einem reinen Mädchen-Team, mit 15 Jahren bekam sie einen Anruf vom FCR Duisburg. Die Bundesliga! Der Rest ist schnell erzählt: Duisburg, Potsdam, Frankfurt, Paris. Meisterschaften, Pokalsiege, UEFA Women’s Cup, Champions League, zwei EM-Titel. Und schon am 30. September 2007 die Krönung: Weltmeisterin in China – als erste Muslimin in der deutschen Nationalmannschaft.

 

An Gott kommt nur Libuda vorbei

Eine Titelsammlung wie Lira Alushi können nur wenige Kicker in Deutschland aufweisen. Auch nicht das Duo, das von 2004 bis 2014 den Sturm der Männer-Nationalmannschaft bildete, Miroslav Klose und Lukas Podolski. Als gebürtige Polen führten sie eine Tradition fort, die im Ruhrpott begründet wurde, wie so vieles.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich Polen und Masuren zu Hunderttausenden auf den Weg ins Revier gemacht, um in den Zechen Arbeit zu suchen. Die Mannschaft des FC Schalke, die zwischen 1934 und 1942 sechsmal die Meisterschaft errang, war voller Spieler mit polnisch klingenden Namen, allen voran die Nationalspieler Fritz Szepan und Ernst Kuzorra. „Die deutsche Fußballmeisterschaft in den Händen der Polen“, titelte die polnische Presse 1934 – sehr zum Missfallen der nationalsozialistischen Regierung.

Spieler wie Dortmunds Hans Tilkowski, Torwart beim „Wembleytor“ 1966, hielten die Erinnerung an die polnischen Wurzeln des Fußballs im Pott hoch. Und dann war da noch der legendäre Dribbelkünstler Reinhard „Stan“ Libuda, Dortmunder und Schalker Fan-Idol der sechziger und siebziger Jahre. Als die Kirche auf einem Litfaßsäulenplakat mit dem Slogan „Niemand kommt an Gott vorbei“ warb, kritzelte jemand „außer Stan Libuda!“ darunter.

Die vielbeschworenen „neuen Fußball-Deutschen“: Im Ruhrgebiet kennt man sie schon ein bisschen länger.

 

Dr. Joachim Staron ist Redakteur der Internationalen Politik.

Bibliografische Angaben

IP Special 01, September 2020, S. 44-47

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