Porträt

26. Juni 2026

Trommeln für die Nation

Mit ihrem Rockstar-Image punktet Sanae Takaichi bei der Jugend Japans. Inhaltlich ist die Premierministerin allerdings eher der Vergangenheit verpflichtet. Und wenn es ihrem Land dient, erträgt sie sogar zwei ganze Abende mit Donald Trump. 

Christoph Neidhart
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Bild: Die japanische Premier Ministerin Sanae Takaichi am Schlagzeug
Takaichi gibt den Takt vor: Japans Premierministerin setzt in ihrer Politik auf einen stramm rechten Sound. Bei der Jugend verfängt vor allem ihre Außenwirkung.
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Sanae Takaichi spielt Schlagzeug, jüngst mit Südkoreas Präsidenten Lee Jae Myung sogar für TV-Kameras. Sie hört Deep Purple, weil Rockmusik sie beruhigt. Früher einmal, die Fotos kursieren noch, fuhr Japans Premierministerin auch schwere Motorräder – allerdings nicht mehr, seit sie vor über 30 Jahren in die Politik wechselte. 

Takaichi spricht mit fester Altstimme, frei und wie „normale“ Bürger – anders als die grauen Männer der japanischen Politik, die alles ablesen müssen. 

Mit der jugendlich wirkenden 65-Jährigen führt erstmals in der Geschichte Japans eine Frau die Regierung in Tokio. Nach ihrer Wahl zur Präsidentin der Liberaldemokratischen Partei (LDP) im vergangenen Oktober wurde sie Chefin einer wackeligen Minderheitsregierung, landete mit vorgezogenen Neuwahlen im Februar dann aber einen Coup. Seither verfügt sie im Unterhaus über eine Zweidrittelmehrheit.


Neue Wähler, altes Denken

Wie konnte die Tochter einer Polizistin und eines Angestellten, die keiner Politikerfamilie entstammt, im provinziellen Nara aufwuchs und auf keiner Edel-Uni war – obwohl sie sich dazu qualifiziert hatte, ihre Eltern wollten aber nicht dafür bezahlen – Japans mächtigste politische Figur werden?

Rückblick. Im Jahr 2025 befand sich die LDP – wieder einmal – in der Krise, nachdem zwei Jahre zuvor aufgeflogen war, dass die Parlamentsgruppe des im Juli 2022 ermordeten Ex-Premierministers Shinzo Abe seit Jahren hohe Schmiergelder empfangen und bezahlt hatte. Im Oktober kündigte der Juniorpartner Komeito der LDP den Koalitionsvertrag.

Man brauchte ein neues, unverbrauchtes Gesicht. Takaichi ergriff die Chance und setzte auf Neuwahlen. Vergraulte LDP-Wähler gewann sie nicht in nennenswertem Maße zurück, aber sie mobilisierte neue: die Jungen. Die meisten Japaner unter 40 waren zuvor schon lange nicht mehr wählen gegangen. 

Heute sehen 90 Prozent der 20- bis 29-Jährigen Takaichi positiv, vor allem ihr Image; Politik interessiert sie weniger. Zudem hat Takaichi von der Misere der Opposition profitiert, die zersplitterter und kopfloser ist denn je. 

Dass Takaichi eine Frau ist, hat nicht sonderlich zu ihrem Erfolg beigetragen; sie hat kein Ohr für Frauenanliegen. Sie sperrt sich etwa dagegen, dass Kaiser Naruhitos Tochter Aiko Thronfolgerin wird, obwohl die Geschichte Japans mehrere Kaiserinnen kennt. Im 21. Jahrhundert muss das für Takaichi ein Mann sein.

Takaichi gilt als stramm rechts. Als Innen- und Kommunikationsministerin ihres Mentors Shinzo Abe drohte sie 2016 Japans Fernsehsendern, ihnen die Lizenz zu entziehen, wenn sie nicht „fair“ über die Regierung berichteten. Die schon zuvor wenig kritischen Sender gaben nach und versetzten populäre Journalisten auf weniger öffentlichkeitswirksame Stellen. In jenen Jahren rutschte Japan im Pressefreiheits-Ranking von Reporter ohne Grenzen von Rang 10 auf Platz 62 ab.

Die neue Regierungschefin ist Mitglied von Nippon Kaigi, einer rechtsnationalen Lobbygruppe mit 38 000 Mitgliedern, unter ihnen viele LDP-Politiker. Zu den Zielen von Nippon Kaigi gehört es, die Japaner „vom Masochismus zu befreien“ und ihnen den Nationalstolz zurückzugeben. 

Mit „Masochismus“ ist etwa die von den Nachbarländern erwartete Reue über Japans Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg gemeint. Laut Nippon Kaigi gab es diese Kriegsverbrechen gar nicht. Zum „Masochismus“ gehört auch Artikel 9 der Verfassung, mit dem Japan sich eine stehende Armee verbietet. Die Interpretation dieses Artikels ist im Laufe der Zeit schrittweise gelockert worden. Heute erlaubt sich Tokio außer Angriffskriegen militärisch sehr viel, zumindest in den Politikerreden. Im April lockerte Takaichi das Waffen­exportverbot weiter.

Ein Symbol für diesen trotzigen Nationalismus ist der Yasukuni-Schrein, mit dem Japan seiner Kriegstoten gedenkt und auch Kriegsverbrecher ehrt. Wer in Tokios Zeitungsarchiven nach Takaichi sucht, findet mehr ­Berichte über ihre Yasukuni-Besuche als darüber, was sie als Ministerin erreicht hat.


Konservative Realpolitikerin

Takaichis Mentor Abe hatte den Nationalismus zur „Glaubens­sache“ erklärt. Mit „Nippon o torimodosu“ (Japan zurückerobern) prägte er einen Slogan, den er wie ein Mantra wiederholte. In seinem Sinne will Takaichi nun die Verfassung revidieren. Selbst hatte Abe das nie angepackt, obwohl er es als sein Herzensanliegen bezeichnet hatte. 

Im Parlament hätte Abe die nötigen Mehrheiten vielleicht erreicht, aber er scheute das Risiko, nach einem Parlaments-Ja im vorgeschriebenen Referendum beim Volk durchzufallen. Auch sonst wich Abe oft vor Risiken zurück, etwa den Strukturreformen, der dritten Säule seiner Abenomics, dem Plan zur Sanierung der Wirtschaft. Wirklich interessiert habe ihn ohnehin nur eines, so ein Insider, der ihn persönlich kannte: Wahlen zu gewinnen.

Obwohl Abe sich als Hohepriester des Japanertums gab, handelte er oft pragmatisch und gegen seinen „Glauben“. Nachdem 2013 nicht nur Peking und Seoul, sondern auch Washington empört protestierten, weil Abe als Premier zum Yasukuni-Schrein pilgerte, schickte er fortan nur noch Kränze. Dabei war selbst sein Yasukuni-Besuch opportunistisch; er sicherte sich damit die Stimmen der ganz Rechten. 

Aus Sicht der Nationalisten beleidigt die Präsenz von US-Basen im Land den Stolz der Japaner. Doch die gleichen Leute, unter ihnen einst auch Abe, insistieren, Japan brauche die USA als atomare Schutzmacht. Als Beispiel für Abes Pragmatismus erzählt der erwähnte Insider, dieser habe es gehasst, Trump zu hofieren, doch er habe ihm geschickt vorgegaukelt, sie seien beste Freunde.

Takaichi scheint noch pragmatischer zu sein, noch opportunistischer. Bei ihren zwei Treffen mit Trump hörte sie nicht auf, dem US-Präsidenten zu schmeicheln, selbst als dieser anfing, Scherze über Japans Überfall 1941 auf Pearl Harbor zu machen.

China dagegen hatte Takaichi im November 2025 verärgert, als sie im japanischen Parlament unbedacht verdeutlichte, was Japans Regierungen bisher bewusst nicht explizit gesagt hatten: dass Gewalt im Streit um Taiwan den Paragraphen 9 – die sogenannte „Friedensklausel“ – außer Kraft setzen könnte. 

Und wenn Takaichi erklärt, sie möge Südkorea und koreanische Kosmetik, kommt das bei Japans Nationalisten angesichts der endlosen Querelen mit Seoul um die Vergangenheit nicht gut an. Revisionistische Schwärmereien wie in Abes Buch vom „Schönen Land“ hört man von Takaichi jedenfalls nicht. Sie sieht sich als konservative Realpolitikerin.  

Kann Takaichi ihre Machtfülle, anders als Abe, in eine wirksame Erneuerungspolitik ummünzen? Sie gilt als enorm fleißig, als Workaholic. Sie stehe um drei Uhr früh auf, könne kaum delegieren und mache alles selber, so Naoya Yoshino vom Wirtschaftsblatt Nikkei. Sie nehme sich auch kaum die Zeit, sich mit anderen auszutauschen. 

Weil die LDP verstanden habe, dass die Macht an ihrer Person hängt – sie erfreut sich einer Akzeptanz von etwa 70 Prozent, die Partei dümpelt unter 40 Prozent –, wage es niemand, ihr unbequeme Wahrheiten zu sagen.

Und die Wirtschaft? Takaichi hat versprochen, die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel zu senken oder auszusetzen. Obwohl Japan sein Öl aus dem Nahen Osten bezieht, kostete das Benzin hier im Mai 2026 weniger als einen Euro pro Liter. Takaichi hat strategische Reserven freigegeben, dazu subventioniert ihre Regierung das Benzin.

Ein früherer Berater von Ex-Premier Koizumi, ein Ökonomieprofessor, der nicht namentlich genannt werden möchte, warnt, Takaichis Ankündigungen zur Finanzpolitik seien widersprüchlich und naiv. Die Regierungschefin könnte Japan in eine Stagflation steuern – eine Stagnation mit gleichzeitiger Inflation.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 9-11

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Christoph Neidhart lebt als freier Autor in der Nähe von Tokio. Er war von 2007 bis 2019 Japan-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und des Zürcher Tages-­Anzeigers.
 

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