Porträt

01. Mai 2021

Der säuerliche Butler

Als Außenseiter stellt sich Japans neuer Premier gern dar. Tatsächlich hat sich Yoshihide Suga über Jahrzehnte in den Filz der Politik hineingearbeitet. Und während es Shinzo Abe an Ernsthaftigkeit fehlte, mangelt es seinem Nachfolger an Charisma.

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Bild: Porträt Yoshihide Suga
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Acht Jahre lang war Yoshihide Suga ein treuer Diener seines Herrn. Als Erster Kabinettssekretär managte er die Regierung Shinzo Abes und fungierte auch als Regierungssprecher. Schmallippig und monoton verlas er täglich Verlautbarungen. Journalistenfragen wich er meist aus oder reagierte unwirsch. Eine Reporterin, die beharrlich nachhakte, schikanierte er zuweilen.


Viele Japaner knnen Suga eher als „Onkel Reiwa“. Mit dem Kaiserwechsel 2019 begann eine neue Epoche, und es war Suga, der ihren Namen bekanntgeben und die Tafel mit den Schriftzeichen für „Reiwa“ (laut der offiziellen, aber umstrittenen Übersetzung „schöne Harmonie“) hochhalten durfte. Dass der 72-Jährige im September 2020 selbst zum Regierungschef wurde, kam auch für ihn überraschend; anders als die meisten seiner Vorgänger entstammt Suga keiner Politikerfamilie. Er wurde im Dorf Akinomiya im schneereichen Norden der Hauptinsel Honshu geboren, als Sohn eines Erdbeerfarmers. Weiter weg vom Zentrum der Macht kann man kaum aufwachsen. Nach der Schule lief Suga von zu Hause weg; eine Zukunft als Erdbeerfarmer konnte er sich nicht so recht vorstellen. In Tokio arbeitete Suga zunächst in einer Kartonfabrik, bevor er sich nach zwei Jahren an der Hosein-Universität einschrieb. Er machte den Bachelor in Jura und fand eine Stelle im Büro des Unterhausabgeordneten Hikosaburo Okonogi von der Liberaldemokratischen Partei (LDP), Japans ewiger Regierungspartei. Elf Jahre diente Suga seinem Mentor, dann kandidierte er 1987 für das Stadtparlament von Yokohama – gegen den Willen der LDP-Oberen, wie er später betonte. In jenem Wahlkampf will er zu Fuß 30 000 Haushalte abgeklopft und dabei sechs Paar Schuhe durchgelaufen haben.

Im Stadtparlament galt Suga bald als „Schatten-Bürgermeister“ und als langer Arm Okonogis. Einer, der scheinbar im Hintergrund diente – aber insgeheim viel Macht an sich riss. So soll es auch im Kabinett Shinzo Abes gewesen sein; der Journalist Masahiko Motoki verglich Sugas Rolle mit jener einer „starken Frau“ hinter dem „Leichtgewicht Abe“.

Im Sommer 2020 trat Abe plötzlich zurück. Angeblich ging der Premier aus gesundheitlichen Gründen, vermutlich aber eher, um sein Gesicht zu wahren – dazu später mehr. Doch die Drahtzieher der LDP wollten Abes Regime fortsetzen – dann eben mit seinem treuen Diener.

In Japan wird der Präsident der stärksten Partei automatisch Premier. Suga jedoch hatte in der Provinz kaum Rückhalt – also schlossen die Parteibonzen die Regionalsektionen von der Wahl des Parteipräsidenten aus. Angeblich, weil es schnell gehen musste. So wurde Suga zum Regierungschef, gewählt nur von jenen Abgeordneten, die nun von ihm abhängig sind: als Platzhalter und Erbverwalter Abes.

 Die Drahtzieher dahinter, die meisten von ihnen stramm konservative Greise, klammern sich an den Status quo, denn sie fürchten die Zukunft. Ihre Partei war einst heterogen, erst Abe hat sie eindeutig rechtsnational ausgerichtet und ihr eine straffe Hierarchie übergestülpt. Nicht unwahrscheinlich, dass die nächste LDP-Generation diesen Kurs korrigieren würde.
Suga zierte sich anfänglich – zumindest ließ er das so aussehen. Von Insidern hört man, dass er rasch damit begonnen habe, intern für sich zu lobbyieren.


Stilisiertes Selbstbild

Der Bauernjunge aus Akita, der selbstlose Parteisoldat, der zu Fuß Wahlkampf macht und gegen den Willen der Bosse gewinnt; der Kabinettssekretär, der täglich um fünf Uhr aufsteht, nicht trinkt, nicht raucht und die kleinen Leute versteht, ein Außenseiter in der von arroganten Dynastien beherrschten Politik Japans: Das Bild, das Suga von sich selbst zeichnet, ist arg stilisiert.

Zur Wirklichkeit gehört, dass sein Vater Wasaburo erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs Bauer war. Er hatte an der renommierten Waseda-Universität studiert und war 1941 als Funktionär in die Mandschurei gezogen, den Nordosten Chinas, den das japanische Kaiserreich als Kolonie an sich gerissen hatte. Vater Suga wollte mithelfen, die Mandschurei zum Zukunftsmodell zu machen für Tokios Plan, ganz Ostasien zu beherrschen. Nach Japans Kapitulation blieb dem mittlerweile 28-Jährigen nichts anderes, als ins Dorf zurückzukehren, in dem sein Vater Kraftwerksdirektor war und die Mutter Lehrerin. Er wurde Erdbeerfarmer, später Agrar- und Lokalpolitiker. Am Lebensende erhielt er den Orden der aufgehenden Sonne, wohl kaum für seine Erdbeeren. Arm war die Familie Suga nicht, an Einfluss mangelte es ihr ebenso wenig.

Sugas elf Jahre im Büro Okonogis, der ihm den Weg in die Politik ebnete, passen ebenso wenig ins Bild vom 72-jährigen Außenseiter. Suga weiß das, er zeigte sich dem Hause Okonogi gegenüber erkenntlich und machte dessen Sohn Hachiro zum Minister.

Ab 1996 saß Suga im Unterhaus, wo er sich mit Abe anfreundete, dem Enkel von Nobusuke Kishi. Dieser war in der Mandschurei die Nummer zwei jener Clique, die mit brutalen Mitteln Tokios Macht und die Industrialisierung durchsetzte. Wegen seiner üblen Eskapaden galt Kishi als „Monster der Mandschurei“. Nach der Kapitulation saß er drei Jahre als mutmaßlicher Kriegsverbrecher in Haft, wurde aber nie verurteilt. Die US-Besatzer hatten erkannt, dass Kishi ihnen noch nützlich werden könnte.

1960 erneuerte Kishi als Premier gegen den Willen einer Mehrheit der japanischen Bevölkerung den Militärpakt mit Washington. Auch gegenüber dem Kishi/Abe-Clan zeigte Suga sich erkenntlich. Abes Bruder Nobuo Kishi ist sein Verteidigungsminister.

Shinzo Abe blieb im Amt, bis er seinen Onkel Eisaku Sato überflügelt hatte und damit Japans Regierungschef mit der längsten Amtszeit war. Erreicht hat er in seinen fast acht Jahren wenig. Die „Abenomics“ und „Womenomics“ zur Ankurbelung der Wirtschaft und Verbesserung der Stellung der Frau sind Slogans geblieben. Abe hat es weder geschafft, die Provinz zu beleben, noch die Staatsfinanzen zu sanieren oder die Verfassung zu ändern. Fukushima und Corona haben ihn nie interessiert. Dafür gefiel er sich als Staatsmann. Die Rettung des transpazifischen Freihandelspakts ohne und gegen den Willen der USA dürfte sein wichtigster Erfolg sein. Vielleicht der einzige.

Als im vergangenen Sommer klar wurde, dass die Pandemie sich hinziehen würde, Abes letzter Großauftritt – die Olympischen Spiele in Tokio – gefährdet schien und er sich immer wieder wegen seiner Günstlingswirtschaft erklären musste, da hatte Abe genug. Er berief sich auf seine chronische Darmerkrankung und trat zurück. So musste er nicht als Gescheiterter gehen, sondern als Opfer seiner Krankheit.

In seiner Antrittsrede versicherte Suga, er werde Abes Politik fortsetzen, und versprach, die Handygebühren zu senken. Immerhin formulierte seine Regierung erstmals eine japanische Pandemiepolitik. Es ist denkbar, dass Suga ein besserer Regierungschef ist als Abe, sicher ist er der ernsthaftere. Aber anders als Abe hat Suga kein Talent für das politische Theater, das es zum Regieren braucht. Er reißt niemanden mit, sondern spricht teilnahmslos. Ein säuerlicher Butler, kein Staatsmann.

Suga hat auch nicht verstanden, dass er nun beobachtet wird. Im Dezember forderte er die Japaner auf, nicht auszugehen, und bat die Restaurants, um acht Uhr zu schließen – Japans Corona-Regeln bleiben „Empfehlungen“ –, nur um sich selbst darüber hinwegzusetzen. Dann wurden Politiker aus seinem Umkreis spätnachts in Hostessenbars gesehen. Suga entschuldigte sich und stolperte in den nächsten Skandal. Sein Sohn Seigo hatte hohe Beamte teuer bewirtet, die seiner Firma Lizenzen gewähren sollten. Unter ihnen eine Vizeministerin Sugas.

Yoshihide Suga ist kein Spross einer Politdynastie. Aber er ist nicht der Außenseiter, als der er sich gibt. Er hat sich über Jahrzehnte in den Filz hineingearbeitet, der Japan regiert.

 

Christoph Neidhart lebt als freier Autor in Tokio. Bis September 2019 war er Ostasien- Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Im Mai erscheint in der Edition Klaus Isele seine Essay-Sammlung über die Schweiz mit dem Titel „Ein Fünfliber im Kuhfladen. Die Schweiz von außen gesehen: lauter Sonderfälle“.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 03, Mai-Juni 2021, S. 9-11

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