28. Februar 2014

Timurs langer Schatten

Usbekistan geriert sich als Hort der Stabilität. Doch der Kampf um 
die Macht hat begonnen

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Hans Magnus Enzensberger empfahl einmal, keine Oden mehr zu lesen, sondern Kursbücher – sie wären genauer. Wer heute nach Usbekistan reist, sollte jedoch mit altertümlichen Übermittlungsgenres wie Herrscherchroniken durchaus vertraut sein. Sie erklären nämlich auch die Gegenwart. Zwar ist es nicht mehr das Reich von Dschingis Khan und Timur, dem nach dem Tod der Leitwölfe blutige Diadochen-Kämpfe drohen. Dennoch ist Usbekistan, von der westlichen Politik jahrelang hofiert als angeblicher Hort der Stabilität (und Stützpunkt für den Einsatz in Afghanistan), längst in innere Turbulenzen geraten, sichtbar am einst so homogenen Herrscherhof von Taschkent. Wenn also Gulnara Karimowa, die in Ungnade gefallene älteste Tochter des Dauerpräsidenten Islam Karimow, plötzlich den allmächtigen Polizeichef schilt und nach Demokratie ruft, obwohl sie Teil des milliardenschweren Raffke-Clans gewesen ist, geht es wohl allein darum, das Terrain zu sondieren, welches der seit 1990 diktatorisch regierende Vater aus Altersgründen nicht mehr vollständig zu kontrollieren vermag. Von Palastintrigen und innerfamiliären Morden, vom wachsamen Beobachterauge des großen Bruders China, dem sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch der russische Zar zugesellt hatte, um dem angloindischen Einfluss einen Riegel vorzuschieben, berichten in abgewandelter Form die alten Chroniken.

Solcherart Lektüre hat einen weiteren Vorteil: Sie ist offiziell erlaubt, und wer sich in der Öffentlichkeit darin vertieft, wird keine kritischen Polizistenblicke kassieren. Der Individualreisende sollte sich dennoch darauf einstellen, bei Nachfrage sofort die Liste seiner zuvor gebuchten Hotels zu präsentieren, damit der Staat die geplante Route einsehen kann. Zwar werden westliche Ausländer nicht mehr als mutmaßliche Spione gehenkt, doch ist auch kein Reisender „einfach so“ unterwegs im Lande der Karimows. Was begründet wird mit der Unterbindung islamistischer Umtriebe, entpuppt sich bald als Überwachungsprogramm für die gesamte Gesellschaft. Wer im überraschend begrünten und gepflegten Taschkent unterwegs ist, muss damit rechnen, dass auf jeden freundlichen Blick und auf jede herzliche „How you?“-Frage die zweckgerichtete Neugier eines üblicherweise mittelalten, meist schnauzbärtigen und in der Kleidung recht sowjetisch anmutenden Herrn folgt, der plötzlich auftaucht und „interessierte Fragen“ stellt.

Da die Foltergefängnisse, von denen in den Berichten etwa von Human Rights Watch regelmäßig zu lesen ist, sich nicht im Stadtzentrum befinden, muss man wohl zumindest diese Herren vom Dienst nicht übermäßig fürchten, sondern kann ihre Pseudo-Reiseführersprüchlein sogar recht gut nutzen. Sinn für autoritäre Kontinuität ist dem Staat jedenfalls nicht abzusprechen. Wie in allen usbekischen Städten existiert auch in Taschkent ein „Amir Timur-Platz“ mit der überlebensgroßen Statue des zum Nationalhelden erkorenen Kriegsherren des 14. Jahrhunderts. Auf dem gleichen Sockel hatten zu kommunistischen Zeiten zuerst Stalin und danach Marx und Engels gethront, was im übrigen bereitwillig erzählt wird und sogar – in unfreiwilligem Humor – als Beleg gilt für einen Bruch mit der alten Sowjetmentalität.

Weshalb aber hat man sich nicht Timur-Enkel Ulugh Beg (1394–1449) als Nationalhelden auserkoren, einen klugen Wissenschaftler und Forscher, dessen astronomische Entdeckungen sogar von den Autoritäten im britischen Greenwich gewürdigt werden? Weshalb wurden einheimische Historiker verpflichtet, den eher kleinwüchsigen Gewaltherrscher in ihren Studien auf 1,80 Meter zu strecken und Usbekistan, das bis zu seiner Gründung als Sowjetrepublik 1924 niemals als Staat existiert hatte, in spekulativen Jahrhundertschritten immer älter zu machen? Vielleicht bekäme man ja eine Antwort, wäre man Student oder Lehrender an der Taschkenter Universität: Wie in allen Schulen des Landes sind auch dort die Lehrsätze und Bücher des Präsidenten integraler Unterrichts- und Prüfungsstoff, von einigen Vorwitzigen auch „Karimologie“ genannt.

Was aber, wenn dahinter dennoch die identitätsstiftende Idee einer autoritären Modernisierung stünde, die sich positiv von islamistischem Fundamentalismus und von den Verwerfungen im südlich gelegenen Afghanistan abheben würde? Immerhin ist Usbekistan mit Bodenschätzen reich gesegnet und könnte aus seiner geostrategisch interessanten Lage einigen Profit ziehen.

Dieser jedoch wandert in die Taschen des Präsidenten-Clans, und auch die strenge staatliche Kontrolle der muslimischen Freitagspredigten dient weniger säkularer Toleranz – ohnehin ist der hiesige Islam eher alltagskulturell anstatt rigid-religiös – als der Stabilisierung einer kleptokratischen Diktatur. Einer Diktatur, in deren innersten Machtzirkel – ganz wie die jahrhundertealten Chroniken berichten – der Kampf um Einflusssphären und Pfründe nun beginnt.


Marko Martin 
lebt als freier Autor in Berlin. Zuletzt erschien der Erzählband „ Die Nacht von San Salvador“ (Die Andere Bibliothek).

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2014, S. 128-129

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