Schlusspunkt

01. Mai 2020

Strategisches Denken

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Bild: Karrikatiur Donald Trump
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Zu Unrecht wirft man Donald Trump vor, nicht strategisch zu denken. Tatsächlich verfolgt er eine klare Line: China ist der strategische Gegner; Russland will er als strategischen Partner gewinnen. Die EU ist für Trump allenfalls ein Ärgernis. Welchen Platz Deutschland in seinem Denken einnimmt, machte Trump am 30. März in einem Interview mit „Fox & Friends“ klar. Nachdem russische Einmischung im Wahlkampf 2016 als „Ente“ entlarvt worden sei, so Trump, wolle er mit Wladimir Putin ins Gespräch kommen: „Russland kämpfte ja auch im Zweiten Weltkrieg. Sie verloren 50 Millionen Menschen. Sie waren unser Partner. Deutschland war unser Feind. Und Deutschland ist jetzt angeblich so toll. Dabei übervorteilen sie uns beim Handel. Sie zahlen viel zu wenig für die NATO. Aber wir reden nicht mit Russland, wir reden mit Deutschland. Wie kommt es, dass wir mit manchen Leuten reden, mit anderen nicht?“

Nebenbei: Seriöse Historiker beziffern die Verluste der Sowjetunion, zu der beileibe nicht nur das heutige Russland, sondern auch etwa die Ukraine und Weißrussland gehörten, mit 27 Millionen Menschen. Entsetzlich genug. Trump jedoch wiederholt Zahlen, die von radikalen russischen Nationalisten in die Welt gesetzt werden. Anscheinend hört man im Weißen Haus auf die Einflüsterungen solcher Leute.

In der Tat haben Putin und Trump in Bezug auf Europa analoge Interessen: die EU zu spalten. Beide begrüßten den Brexit. Beide unterstützen populistische Parteien. Beide benutzen die Geschichte als Waffe: Putin gegen Polen, Trump gegen Deutschland. Es genügt aber nicht, das festzustellen. Deutschland muss endlich geopolitisch handeln, und das heißt: um jeden Preis EU und NATO zusammenhalten. Um jeden Preis: Es darf nicht sein, dass man wegen eines Virus Abermilliarden zu verpulvern bereit ist, nicht aber 2 Prozent des BIP ausgeben will, um das Atlantische Bündnis zu erhalten. Dass man Sanktionen gegen Russland aufrechterhalten will, aber von russischem Gas abhängig bleibt.

Donald Trump kann sich erlauben, über Deutschland wie über einen Feind zu reden, weil Deutschland nicht dafür sorgt, dass ihm Europa mehr imponiert als Russland. So einfach ist das. Leider.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2020, S. 128

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