IP Special

31. Aug. 2026

Stell dir vor, es ist Krieg, und alle gehen hin

Finnland hat nach Ende des Kalten Krieges eine umfassende Verteidigung aufrechterhalten. In manchem könnte Deutschland dem Beispiel folgen.

Minna Ålander
Bild
Bild: Boris Pistorius (SPD, M), Bundesminister der Verteidigung, und sein finnischer Amtskollege Antti Häkkänen (vorn, r) besichtigen einen Bunker in der finnischen Hauptstadt.
In Helsinki (670 000 Einwohner) gibt es 5500 Bunker mit Platz für fast eine Million Menschen: Verteidigungsminister Boris Pistorius mit seinem finnischen Amtskollegen Antti Häkkänen beim Ortsbesuch, März 2024.
Lizenz
Alle Rechte vorbehalten

Während weite Teile (insbesondere West-)Europas in den Jahren nach 1989/90 die „Friedensdividende“ genossen, hat man sich in Finnland auch nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Untergang der Sowjetunion stets auf das Schlimmste vorbereitet – für den Fall der Fälle. Dabei handelt es sich nicht nur um die Bedrohung durch Russland, die der finnischen Einschätzung nach auch nach dem Ende des Kalten Krieges nicht ganz überwunden war, sondern auch Faktoren wie Klima und Geografie.

Mit 5,6 Millionen Einwohnern ist Finnland ein bevölkerungsarmes Land. Gleichzeitig ist das finnische Staatsgebiet aber nur einige wenige Quadratkilometer kleiner als Deutschland – eine herausfordernde Kombination für eine flächendeckende Landesverteidigung sowie die Versorgung in Kriegs- und Friedenszeiten. 

Geografisch liegt Finnland in der nordöstlichen Ecke Europas, mit einer 1340 Kilometer langen Landgrenze zu Russland im Osten. Im Westen ist es bis auf den nördlichen Teil des Landes von der Ostsee umgeben, weshalb 90 Prozent von Finnlands Importen und Exporten durch das Binnenmeer verlaufen. Aus der Perspektive der Versorgungssicherheit ist Finnland also quasi eine Insel. 

Hinzu kommt, dass die klimatischen Bedingungen mit langen Wintern sowie kurzen und kalten Sommern historisch nicht gerade günstig für Landwirtschaft oder Transport waren. Das Anlegen von Vorräten und sonstige Vorbereitungsmaßnahmen für Krisensituationen waren deshalb auch unabhängig von einer militärischen Bedrohung wichtig.

Die Bedeutung von Versorgungssicherheit wird dadurch deutlich, dass Finnland eine darauf spezialisierte Agentur hat: die nationale Notversorgungsagentur (National Emergency Supply Agency, NESA). Zu ihren Hauptaufgaben gehört, nationale Notvorräte an kritischen Gütern anzulegen und die Funktionalität kritischer ­Systeme aufrechtzuerhalten. 

Hinzu kommt die Koordination der Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Sektor und privaten Unternehmen, um nationale Bereitschaft zu gewährleisten. Dabei sind Bereitschaft und Resilienz nicht ein Status, den man durch das Erfüllen bestimmter Schritte erlangen kann, sondern ein konstanter Prozess. Resilienzbildung und -aufrechterhaltung muss sich stets dem sich verändernden Bedrohungsumfeld anpassen. Im Frühjahr 2026 hat NESA eine Szenarioübung durchgeführt, in der die Auswirkungen eines militärischen Angriffs durch Russland und eines lang anhaltenden Krieges auf Finnlands Versorgung und Funktionalität der Gesellschaft durchgespielt wurden.


Kriegstüchtigkeit auf hohem Niveau

Die finnische Kriegstüchtigkeit ist international bekannt: Dank einer ununterbrochenen Wehrpflicht können die Verteidigungskräfte im Kriegsfall 280 000 Soldatinnen und Soldaten schnell mobilisieren; die Gesamt­reserve beträgt 870 000. Die Regierung hat ab 2026 die Altersgrenze für die Reserve auf 65 Jahre erhöht, was einen Zuwachs von 125 000 Reservisten bedeutet; bis 2031 wird sie auf eine Personalstärke von einer Million aufwachsen. 

Die finnische Bevölkerung ist zudem außerordentlich verteidigungswillig: In einer Umfrage, die jährlich durchgeführt wird, waren vergangenes Jahr 78 Prozent der Befragten der Meinung, dass Finnland im Fall eines militärischen Angriffs verteidigt werden solle, selbst wenn der Ausgang ungewiss sei, und 80 Prozent waren bereit, selbst dazu entsprechend ihren individuellen Fähigkeiten beizutragen.

Das Ausrüstungsniveau der Verteidigungskräfte ist über die Jahrzehnte nicht zuletzt durch das Erwerben von „Second-hand“-Gerät unter anderem aus Deutschland aufrechterhalten worden: Finnland kaufte in den frühen 2000er Jahren insbesondere deutsche und niederländische Panzerwagen und Raketenwerfer – in einer Zeit, in der die großen Landstreitkräfte in westeuropäischen Staaten stark reduziert wurden. Aus finnischer Perspektive bestand die „Friedensdividende“ also vor allem in den günstigen Preisen auf dem Gebraucht-Rüstungsmarkt, nicht aus der Unwahrscheinlichkeit oder gar Unmöglichkeit eines Krieges in Europa.

Bis 2031 soll die finnische Reserve auf eine Million anwachsen, bei einer Bevölkerung von 5,6 Millionen

Die Wehrpflicht und der damit einhergehende hohe Verteidigungswille sind für den Gesellschaftsvertrag zwischen dem finnischen Staat und der Bevölkerung wichtig und hängen mit einem umfassenden Wohlfahrtsstaat zusammen. Der Gesellschaftsvertrag besteht aus dem Versprechen des Staates, der Bevölkerung ein gutes Leben zu ermöglichen, wofür die Bevölkerung im Gegenzug die in der Verfassung Finnlands festgelegte Landesverteidigungspflicht akzeptiert. Bei steigenden Verteidigungsausgaben ist es deshalb wichtig, dass der Staat weiterhin seinen Teil des Gesellschaftsvertrags einhält – insbesondere, wenn die Wahrscheinlichkeit eines Krieges wieder steigt und somit die Möglichkeit, dass die Bevölkerung ihren Teil einhalten muss.


Umfassende Sicherheit 

Im finnischen Gesamtverteidigungs­modell ist Zivilverteidigung mindestens genauso wichtig wie die militärische Verteidigungsfähigkeit. Koordiniert wird Finnlands „umfassende Sicherheit“ von einem Sicherheitskomitee, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern aus allen Ministerien, der Polizei, der Verteidigungskräfte, des Grenzschutzes, der Zollbehörde, der Nachrichtendienste und NESA. Das Sicherheitskomitee ist zuständig für verschiedene Koordinierungsaufgaben sowie für die „Sicherheitsstrategie für die Gesellschaft“, die das Konzept der umfassenden Sicherheit definiert und ­operationalisiert. 

Die Strategie hebt sieben unumgäng­liche gesellschaftliche Funktionen hervor, die unter allen Umständen aufrechterhalten werden müssen: Staatsführung; internationale und EU-Aktivitäten; Verteidigungsfähigkeit; innere Sicherheit; Wirtschaft, Infrastruktur und Versorgungssicherheit; Funktionskapazität der Bevölkerung und der öffentlichen Dienste; psychologische Resilienz.
Bei der umfassenden Sicherheitsstrategie handelt es sich sowohl um einen „Whole-of-society“-Ansatz als auch die Anwendung eines „Whole-of-government“-Prinzips: Alle Bürgerinnen und Bürger sollen einen Beitrag leisten. Aber auch Zusammenarbeit und Koordinierung innerhalb der Regierung und zwischen verschiedenen Ebenen müssen in einer Krisensituation funktionieren. 

Übung macht den Meister, weshalb seit den 1960er Jahren in den nationalen und regionalen Verteidigungskursen alle gesellschaftlich wichtigen Akteurinnen und Akteure regelmäßig zusammenkommen, um in einer mehrwöchigen Übung verschiedene Krisenszenarien mit Blick auf die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit der Gesellschaft durchzuspielen und ihre Rollen im Krisenmanagement zu internalisieren. Kursteilnehmende kommen aus Regierung und Lokalverwaltung, Medien, Zivilgesellschaft sowie Wirtschaft, Industrie und von Anbietern kritischer Infrastruktur. Auch Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kulturbereich und von den Kirchen sind eingeladen. ­Diejenigen, die an den Kursen teilnehmen, bilden Alumninetzwerke, die eine wichtige informelle Funktion bei der Aufrechterhaltung eines gemeinsamen Lagebilds erfüllen.

Finnlands über 50 000 Schutzräume müssen so gebaut sein, dass sie auch einen Atomwaffenangriff überstehen würden – aus psychologischen Gründen

Ein weiteres Element der umfassenden Sicherheit besteht darin, dass die Bevölkerung als eine Ressource, nicht als ein potenzielles Problem betrachtet wird. Die Strategie basiert auf der Annahme, dass Bürgerinnen und Bürger generell mündig sind und im Krisenfall beitragen können und sollen. Dass Finninnen und Finnen diese Pflicht ernst nehmen, zeigt sich auch darin, dass viele den Anweisungen des nationalen Rettungsdiensts folgen, für 72 Stunden ausreichende Vorräte zu Hause zu haben. Viele Menschen wollen sich auch freiwillig in der Aufrechterhaltung der Landesverteidigung engagieren: In Finnland sind über 300 Reservistenverbände aktiv, und eine besondere Ausbildungsorganisation bietet freiwillige Landesverteidigungskurse an.

Zudem beinhaltet das Zivilverteidigungssystem auch passive Schutzelemente. Beispielsweise müssen Wohngebäude sowie kommerzielle und industrielle Anlagen über Zivilschutzräume verfügen. In der Hauptstadt Helsinki, mit einer Einwohnerzahl von rund 670 000, gibt es 5500 Schutzräume mit Platz für 955 000 Menschen. Ganz Finnland verfügt über 50 500 Schutzräume mit einer Kapazität für 4,8 Millionen Menschen – also nahezu alle, die nicht an der Front kämpfen. Dass die Schutzräume standardmäßig auch einem Atomwaffenangriff standhalten müssen, zeugt von der detaillierten Vorbereitungsarbeit. Dabei geht es nicht primär um die Frage, ob man glaubt, einen Atomwaffenangriff überleben zu können, sondern einen psychologischen Effekt: Dass die Behörden Vorkehrungen für selbst solch eine Eventualität getroffen haben, gibt Bürgerinnen und Bürgern das Gefühl, in einer Krise agieren zu können. Um eine lähmende Angst zu vermeiden, wird eine Krise in Handlungsstrategien kanalisiert.


Ein Modell für Deutschland

Der umfassende Sicherheitsansatz Finnlands ist hauptsächlich aus der Geschichte des Landes erwachsen und nimmt Rücksicht auf die speziellen geografischen und demografischen Begebenheiten. Die strategische Kultur in Finnland basiert auf einem starken Konsens und einem von der gesamten Bevölkerung weitgehend geteilten Verständnis der Bedrohungslage. 

Die meisten Elemente können deshalb nicht ohne Weiteres auf andere Länder übertragen werden. Mit seiner föderalen Staatsform und den schlechten historischen Erfahrungen mit umfassender Koordinierung von Sicherheitsaufgaben sowie gesellschaftlicher Mobilisierung ist Deutschland ein Sonderfall. Dennoch kann sich die Bundesrepublik von Finnland inspirieren lassen, insbesondere in vier Bereichen:

Erstens beim Zivilverteidigungskonzept für Deutschland: Ergänzend zur neuen Wehrpflicht können Zivilverteidigungsaufgaben zum Beispiel beim Schutz der kritischen Infrastruktur, Versorgungssicherheit, Logistik und ähnlichen Bereichen eingeführt werden. Bürgerinnen und Bürger mit entsprechender Kompetenz könnten durch eine Briefkampagne ähnlich wie bei der neuen Wehrpflicht identifiziert und engagiert werden.

Zweitens könnte es Verteidigungskurse auf Bundes- und Länderebene geben: Um Schichten von Bereitschaft im föderalen System zu schaffen, können auf unterschiedlichen Ebenen Verteidigungskurse nach dem finnischen Modell organisiert werden. Dadurch entstehen Bereitschaftsnetzwerke, und praktische Erfahrung mit Zusammenarbeit und Koordinierung in Krisensituationen wird gesammelt, über die sich auf der Bundesebene ein Überblick verschafft werden soll.

Drittens könnte Deutschland Finnland bei der Identifizierung zentraler Gesellschaftsfunktionen gemäß der „Sicherheitsstrategie für die Gesellschaft“ folgen und wie diese in verschiedenen Krisensituationen aufrechterhalten werden können. Bei der praktischen Durchführung kann auf die Zivilverteidigungs- und Bereitschaftsnetzwerke zurückgegriffen werden. Der Fokus muss dabei nicht ausschließlich auf Krieg und militärischen Bedrohungen liegen, sondern kann und soll beispielsweise auch extreme Wetter­ereignisse oder Gesundheitsbedrohungen wie Pandemien umfassen.

Viertens gibt es Lehren für die Kommunikation: Deutsche Behörden und die Bundesregierung sollten ihre Denkweise ändern und Bürgerinnen und Bürgern zutrauen, dass sie in einer Krise eine Ressource sind. Dies bedeutet, dass über die Bedrohungslage und andere Herausforderungen – seien es gesellschaftliche, wirtschaftliche oder wettertechnische – ehrlich und auf eine erwachsene Art und Weise kommuniziert wird. Das Ziel soll sein, die Bevölkerung zu ermutigen und aufzufordern, sich an Lösungen zu beteiligen und aktiv beizutragen.    

Für Vollzugriff bitte einloggen.
Bibliografische Angaben

IP-Special 5, September 2026, S. 53-57

Teilen

Mehr von den Autoren

Minna Ålander ist Analystin des Stockholm Centre for Eastern European Studies (SCEEUS) beim Swedish Institute of International Affairs (UI).

0

Artikel können Sie noch kostenlos lesen.

Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.