Pekings Achillesferse
Der Iran-Krieg offenbart Chinas Verwundbarkeiten im Nahen Osten. Zerstörte Infrastruktur und blockierte Handelswege im so wichtigen Transitland Iran kann sich die Führung in Peking nicht leisten und sucht bereits nach Alternativen.
Die sicherheitspolitische Lage im Nahen Osten hat sich seit März 2026 in einer Weise zugespitzt, die weit über die unmittelbaren Konfliktparteien hinausreicht. Insbesondere China, das seinen wirtschaftlichen Einfluss in der Golfregion in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut hat, ist von den Folgen des Iran-Krieges direkt und indirekt betroffen.
Washingtons Drohungen, gezielt Energie- und Infrastrukturanlagen im Iran anzugreifen, sind nicht isoliert gegen Teheran gerichtet, sondern adressieren indirekt auch jene Kräfte, die maßgeblich am Aufbau dieser Infrastruktur beteiligt waren. Vor allem Peking und seine Bau- und Energieunternehmen haben hier im Laufe der vergangenen Jahre maßgeblich investiert. Bereits das 2021 geschlossene umfassende Kooperationsabkommen zwischen China und dem Iran, das Investitionen von bis zu 400 Milliarden US-Dollar in Energie-, Verkehrs- und Telekommunikationssektoren vorsieht, verdeutlicht die Tiefe dieser Verflechtung.
Gleichzeitig bleibt China strukturell in erheblichem Maße auf Energieimporte aus der Golfregion angewiesen, auch wenn Peking seit einigen Jahren verstärkt auf Diversifizierung setzt. Nach Daten der Internationalen Energieagentur importierte China 2024 rund 11,3 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, wobei etwa die Hälfte dieser Importe aus dem Nahen Osten stammte, insbesondere aus Saudi-Arabien, dem Irak und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass eine militärische Eskalation mit gezielten Angriffen auf iranische Energieanlagen nicht nur die regionale Stabilität gefährden würde, sondern auch unmittelbare Auswirkungen auf chinesische Versorgungs- und Investitionsstrukturen hätte. Pekings hohe Risikoakzeptanz könnte sich als strategische Verwundbarkeit erweisen.
Aus Fehlern lernen
Chinas Einfluss in der Golfregion speist sich traditionell weniger aus militärischer Präsenz als vielmehr aus einer Kombination wirtschaftlicher Verflechtung und diplomatischer Zurückhaltung, die es Peking ermöglicht hat, Beziehungen zu konkurrierenden Staaten wie Saudi-Arabien und dem Iran parallel aufrechtzuerhalten, ohne sich eindeutig zu positionieren. Das Handelsvolumen zwischen China und den Staaten des Golfkooperationsrats belief sich 2023 auf über 315 Milliarden US-Dollar, womit China der wichtigste Handelspartner der Region ist.
Gleichzeitig hat Peking seine strukturelle Abhängigkeit von der Region zumindest teilweise reduziert, indem es seine Energieimporte geografisch diversifiziert und massiv in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert. So importierte China 2024 etwa 2,2 Millionen Barrel Rohöl pro Tag aus Russland. Außerdem installierte das Land allein im Jahr 2023 mehr als 200 Gigawatt an neuer Solar- und Windkapazität. Eine weitere Säule bilden kurzfristige Partnerschaften mit anderen Energielieferanten wie etwa Angola.
Während der Iran als rohstoffreicher Partner und potenzieller Landkorridor nach Europa fungiert, gewinnt Pakistan als alternatives Transitland an Bedeutung
Auf diplomatischer Ebene hat China Bereitschaft gezeigt, über reine Wirtschaftsbeziehungen hinauszugehen – sofern dies im eigenen Interesse liegt. Ein Beispiel ist die Vermittlung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien im Jahr 2023, die international als Hinweis auf eine wachsende politische Rolle Pekings interpretiert wurde. Dennoch bleibt diese Rolle bewusst begrenzt und häufig im Hintergrund, da China weiterhin bemüht ist, seine ökonomischen Interessen nicht durch eine zu starke politische Positionierung zu gefährden.
Besonders deutlich wird dieses vorsichtige Balancieren im Verhältnis zum Iran und zu Pakistan, da beide Staaten unterschiedliche Funktionen innerhalb der chinesischen Gesamtstrategie erfüllen: Während der Iran als rohstoffreicher Partner und potenzieller Landkorridor nach Europa fungiert, gewinnt Pakistan als alternatives Transitland an Bedeutung. So verkündeten Peking und Islamabad bereits 2015 die Entwicklung des China-Pakistan Economic Corridor, der Investitionen von über 60 Milliarden US-Dollar umfasst und China direkten Zugang zum Arabischen Meer ermöglicht. Es ist daher kaum ein Zufall, dass es trotz der Avancen aus der Türkei und den VAE schließlich Pakistan ist, das als Vermittler zwischen Washington und Teheran dient. So kann China Einfluss auf die Verhandlungen in Islamabad nehmen und damit indirekt mit am Tisch sitzen.
Pekings angepasste Strategie in der Region
Angesichts der jüngsten Eskalationen wird immer deutlicher, dass die bisherige Rolle des Iran als zentraler Landkorridor zwischen Ostasien, dem Nahen Osten und Europa innerhalb der Belt and Road Initiative (Neue Seidenstraße) für China mit erheblichen Risiken verbunden ist, die bislang unterschätzt wurden. Dies gilt insbesondere dann, wenn Länder wie die USA bereit sind, gezielt jene Infrastruktur anzugreifen, die nicht nur für den Iran, sondern auch für chinesische Interessen von zentraler Bedeutung sind.
Diese Erkenntnis scheint bereits zu einer schrittweisen strategischen Anpassung geführt zu haben, die sich vor allem in einer stärkeren Diversifizierung von Investitionen und Transportkorridoren äußert. Insbesondere die Golfstaaten, allen voran die VAE und Saudi-Arabien, gewinnen als stabilere Partner an Bedeutung, da sie nicht nur politisch berechenbarer erscheinen, sondern auch über hochentwickelte logistische Infrastruktur verfügen, wie etwa den Hafen Jebel Ali, der zu den größten Umschlagplätzen in Asien zählt.
Es sind aber vor allem zentralasiatische Staaten, die stärker in den Fokus chinesischer Planungen rücken. Insbesondere der Mittlere Korridor eröffnet eine alternative Verbindung zwischen China und Europa, die es Peking zumindest teilweise ermöglicht, geopolitische Risiken in Russland und dem Iran zu umgehen. Länder wie Kasachstan und auch Aserbaidschan werden verstärkt als stabilere Transitpartner wahrgenommen; bereits seit einem Jahrzehnt profitieren sie von steigenden chinesischen Investitionen im Transport- und Infrastruktursektor – eine Entwicklung, die insbesondere in Moskau mit Argwohn zur Kenntnis genommen werden dürfte. Außerdem hat der Mittlere Korridor den positiven Nebeneffekt, dass wirtschaftliche Güter nicht erst maritime Nadelöhre wie die Straße von Hormus oder Bab al-Mandab durchqueren müssen. Letztere ist für China von größter Bedeutung. Denn aus Sicht Pekings geht die langfristige Bedrohung nicht etwa vom Iran und seiner Kontrolle der Straße von Hormus aus, sondern von den zahlreichen US-Stützpunkten entlang der wichtigsten maritimen Handelsrouten im Indo-Pazifik.
Die Frage, ob Peking ein Gewinner des aktuellen Konflikts ist, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt am ehesten so beantworten: kurzfristig sicherlich nicht – langfristig kann es jedoch einer werden. Die aktuelle Lage birgt für China erhebliche Risiken, denn eine Eskalation im Iran könnte nicht nur wirtschaftliche Verluste, sondern auch strukturelle Störungen im Rahmen der Neuen Seidenstraße nach sich ziehen. Gleichzeitig beweist Peking, dass es strategisch flexibel ist und auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren kann, ohne seine grundsätzliche Ausrichtung auf wirtschaftliche Expansion und Vernetzung aufzugeben. Diese Anpassungsfähigkeit versetzt China langfristig in die Lage, seine Präsenz in der Golfregion und in Zentralasien neu auszutarieren und dabei stärker auf stabile Partner zu setzen. Der Iran dürfte hingegen an strategischer Bedeutung verlieren, sofern die politische Unsicherheit anhält und externe Bedrohungen weiterhin bestehen. Entscheidend wird letztlich sein, ob es Peking gelingt, seine wirtschaftlichen Interessen mit den sicherheitspolitischen Realitäten einer fragmentierten Region in Einklang zu bringen, ohne dabei selbst stärker in den Konflikt hineingezogen zu werden.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 22. April 2026
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