01. Oktober 2006

Partner für den Markt von morgen

Wirtschaftszusammenarbeit mit Delhi: Warum wir Indien mehr brauchen als Indien uns

Alle Welt schaute nach China und übersah Indien – auch die deutsche Wirtschaft. Dabei stellt das Land bereits Firmen von Weltruf und wächst zu einer der erfolgreichsten globalen Volkwirtschaften heran. Ob Energie, Engineering oder Infrastruktur: Wir müssen Delhi eine gewichtige Partnerschaft anbieten, um dort wirtschaftlich zum Zuge zu kommen – und gemeinsam mit Indien auch unsere Zukunft zu gestalten.

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“Deutschland ist ein führendes Land in Wissenschaft, Technologie und Kultur.“ Die Worte des indischen Ministerpräsidenten Manmohan Singh bei der Auftaktveranstaltung des Asien-Pazifik-Ausschusses (APA) zur diesjährigen Hannover Messe ließen aufhorchen, zollt dieser Blick von außen dem Standort doch ungewohntes Lob. Mehr noch: Der da lobte, erntet besonders bei deutschen Managern große Aufmerksamkeit. Auch das ist ungewohnt. Jahrzehntelang galt Indien als ein Land, in dem Überfluss nur bei Problemen herrschte: bei Bevölkerungswachstum, Armut und Analphabetentum, bei miserabler Infrastruktur und einer Industrie ohne Chancen auf dem Weltmarkt. Entsprechend einseitig war auch die Sicht auf die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen: Indien als dankbarer Empfänger deutscher Technologie und deutschen Know-hows.

Diese Perspektive hat sich, nicht erst seit dem Auftritt Indiens auf der Hannover Messe, deutlich gewandelt. Hubert Lienhard, langjähriger Indien-Kenner, Voith-Vorstand und Vorsitzender des APA-Wirtschaftsausschusses Indien hat dies auf den Punkt gebracht: “We need India more than India needs us.“ Weit über die immer wieder zitierten Branchen IT-Services und Biotechnologie hinaus gibt es längst eine große Zahl indischer Firmen von Weltruf. In zwei Jahrzehnten wird Indien zu einer der erfolgreichsten Volkswirtschaften der Erde aufgestiegen sein - höchste Zeit also für die deutsche Wirtschaft, Indien eine langfristige Partnerschaft anzubieten und diese durch konkrete Zusammenarbeit zu untermauern.

Attraktiv ist der indische Markt durch seine Größe: Auf Basis einer jährlichen Kaufkraft von 10 000 Dollar zählen nach konservativen Schätzungen über 20 Millionen Inder zu einer Mittelschicht nach westlichen Maßstäben. Nach einer breiteren Definition (ausreichende Versorgung mit Nahrung, Stromanschluss, Besitz von Kühlschrank, Mobiltelefon, Zweirad sowie Schulbildung für die Kinder) macht der Mittelstand in Indien bis zu 250 Millionen Menschen aus. Für Indien spricht zudem die fortschreitende wirtschaftliche Liberalisierung. Und vor allem: Indien ist ein junges Land mit hohem Bildungsniveau - und spricht Englisch.

Im Jahr 2005 flossen ausländische Direktinvestitionen in Höhe von fünfeinhalb Milliarden Dollar nach Indien. Allein von Januar bis Mai 2006 wurden erneut drei Milliarden Dollar investiert - ein neuer Rekordwert. Die indische Regierung will in den nächsten zehn Jahren durch Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen weitere 150 Milliarden Dollar an ausländischen Direktinvestitionen ins Land holen. In der im aktuellen Global Investment Report der UNCTAD veröffentlichten Rangliste der attraktivsten Standorte für Investitionen in Forschung und Entwicklung rangiert Indien hinter China und den USA auf dem dritten Platz. Die Frage: “Indien oder China?“ stellt sich Investoren längst nicht mehr. Heute heißt es klar: Indien und China. Dieses zunehmende politische und wirtschaftliche Gewicht bringt Indien immer stärker in wichtige internationale Foren ein. Dem kleinen Kreis, der Ende Juli einen leider wohl vorläufig letzten Versuch unternommen hatte, in der WTO-Doha-Runde voranzukommen, gehörte neben Australien, Brasilien, der EU, Japan und den USA auch Indien an - als größte Demokratie der Erde tritt das Land nicht nur in handelspolitischen Fragen als Sprecher der Entwicklungs- und Schwellenländer auf.

In der asiatischen Region setzt Delhi verstärkt auf wirtschaftliche Kooperation - ein erstes bilaterales Freihandelsabkommen wurde 2002 mit Sri Lanka  geschlossen. Das Comprehensive Economic Cooperation Agreement mit Singapur enthält ebenfalls eine Freihandelsvereinbarung und trat im August 2005 in Kraft. Auch mit Thailand laufen Verhandlungen, Anfang September diesen Jahres wurden 82 Produkte vom Zoll befreit. Verhandelt wird zudem mit den ASEAN-Ländern, mit Indonesien und dem Golf-Kooperationsrat, Sondierungsgespräche führt Delhi mit China, Japan, Malaysia und Südkorea. Entsprechend stark hat sich der indische Außenhandel in die Region verlagert, knapp die Hälfte der indischen Exporte geht heute schon in asiatische Länder.

Dem stehen enorme Herausforderungen für Indiens Wirtschaft gegenüber, an erster Stelle Mängel der Infrastruktur: Zug- und Straßennetz, Strom-, Wasser- und Abwasserversorgung, Flughäfen sowie Binnen- und Seehäfen. Die Regierungen in Delhi und den Bundesstaaten haben erkannt, dass ohne deren zügigen Ausbau weder Wirtschaftswachstum und außenwirtschaftliche Verflechtung noch der Kampf gegen die Armut zu gewinnen ist. Indiens Premierminister hatte zu Beginn seiner Amtszeit bis zum Jahr 2010 hierfür Investitionen von rund 150 Milliarden Dollar veranschlagt. Angesichts der angespannten Haushaltslage setzt die Regierung darauf, Infrastrukturprojekte durch Private Public Partnerships für Privatfirmen attraktiv zu machen - erste Schritte zum Bau und Betrieb von Flughäfen und Hafenanlagen wurden bereits unternommen. Eine ebenso große Herausforderung ist der Abbau rigider Arbeitsmarktregelungen: Der Industrial Disputes Act verbietet Rationalisierungen oder Modernisierungen, die Entlassungen nach sich ziehen und nicht die Zustimmung durch Gewerkschaft oder Arbeitsgericht haben. Viele Firmen haben sich in der Praxis mit diesen Bestimmungen arrangiert, bei geplanten Modernisierungen können sie allerdings zu mehrjährigen Verzögerungen führen.

Eine langfristige Partnerschaft

Ziel des APA ist es, den Wandel mit Indien gemeinsam zu gestalten - in einer langfristig angelegten Partnerschaft. Bisher war das deutsche Engagement zwar stets sichtbar, einen maßgeblichen Beitrag zur positiven Entwicklung Indiens konnte Deutschland jedoch kaum leisten. Noch liegt der Subkontinent auf der Rangliste der Zielländer deutscher Exporte auf Platz 36, hinter Rumänien, Taiwan und Singapur. Die Verdoppelung der deutschen Exporte nach Indien zwischen 2000 und 2005 ist jedoch ein wichtiges Signal, mindestens ebenso wichtig ist der Anstieg der indischen Exporte nach Deutschland, der im vergangenen Jahr 15 Prozent betrug. Um diese Dynamik beizubehalten, müssen wir den wechselseitigen Abbau von Handelshemmnissen weiter forcieren, trotz des Stillstands in den WTO-Verhandlungen. Die EU muss dabei auf die Vielzahl innerasiatischer Freihandelsabkommen in den letzten Jahren reagieren. Auch wenn die WTO in der deutschen Wirtschaft nach wie vor Priorität genießt, können bilaterale Abkommen einen Beitrag zur weltweiten Liberalisierung leisten. Zügig die Ziele festzulegen ist daher Aufgabe in den Gesprächen zwischen EU-Kommission und indischer Regierung über ein Freihandelsabkommen - aus Sicht der deutschen Wirtschaft sollten insbesondere Zölle abgebaut, Dienstleistungsmärkte geöffnet und Produktprüfungen auf der Grundlage internationaler Standards vereinbart werden.

Großer Nachholbedarf besteht bei Investitionen: Bis Anfang 2005 entfielen nur 0,3 Prozent der deutschen Direktinvestitionen im Ausland auf Indien, substanzielle indische Investitionen in Deutschland sind bislang noch Einzelfälle. Daher ist es besonders erfreulich, dass indische Firmen, allen voran führende indische Familienunternehmen, bei ihren globalen Expansionen zunehmend in Deutschland investieren; die erfolgreiche Akquisition des deutschen Textilunternehmens Trevira durch den indischen Reliance-Konzern zeigt, dass indische Investoren es sehr gut verstehen, unrentable Unternehmen im neuen Konzernverbund innerhalb kurzer Zeit zu sanieren und damit Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.

Reisen der Bundesregierung nach Indien, wie die von Bundesminister Michael Glos mit einer 80-köpfigen Unternehmerdelegation Ende August, sind entscheidende Bausteine für die deutsch-indische Partnerschaft, ähnlich wie die Deutsch-Indische Handelskammer, die gerade ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat und in der deutsche Unternehmen, die den Markt sondieren oder ihr Engagement ausbauen wollen, einen idealen Ansprechpartner finden. Während die meisten großen deutschen Firmen bereits in Indien präsent sind, nutzen nun auch viele global agierende deutsche Mittelständler die Chancen in Indien - gerade sie brauchen daher Unterstützung beim Zugang zu einem schwierigen Wachstumsmarkt. Hier greifen Hilfestellungen der Bundesregierung wie etwa die Flankierung von Projektinteressen durch die Botschaften, Messebeteiligungen im Ausland, die Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai), die Hermes-Exportkreditversicherung und Bundesgarantien für Direktinvestitionen im Ausland. Um die Zusammenarbeit solcher Unternehmen zu fördern, wäre ein erstes Deutsches Industrie- und Handelszentrum in Indien eine gute Ergänzung. Solche “German Centers“ haben sich in vielen Wachstumsmärkten als Plattform für den Markteintritt mittelständischer Firmen bewährt.

Innovation durch Kooperation

Innovation ist der Schlüssel zum Erfolg von morgen. In der global vernetzten Welt aber schafft es kein Land mehr im Alleingang, in allen Bereichen führend zu sein - die Kooperation mit Partnern im Ausland ist also unerlässlich. Gerade bei der Zusammenarbeit mit Indien ist Technologiekooperation längst wichtiger geworden als niedrige Lohnkosten. Deutschland, das Land der Ideen, hat den Ruf, die besten Ingenieurleistungen zu erbringen, unsere industrienahen Forschungsinstitute sind weltweit anerkannte Partner. Umgekehrt bietet Indien Spitzenleistungen in einigen Forschungsbereichen wie der Biotechnologie oder in der pharmazeutischen Industrie. In der gemeinsamen Forschung und Entwicklung liegen hier große Chancen, ebenso wie in der Agrotechnologie und der produzierenden Industrie.

Auch bei der Akquisition mittelständischer Firmen in Deutschland stehen Technologiefragen im Mittelpunkt. Ein Beispiel ist die indische Automobilindustrie: Große Familienunternehmen wie die Mahindra-Gruppe bemühen sich derzeit um den Erwerb mittelständischer Automobilzulieferer in Deutschland. Ziel ist, die betrieblichen Strukturen technologischer Modernisierung zu analysieren und auf indische Zulieferbetriebe zu übertragen. Durch diese Vernetzung von Fähigkeiten profitieren beide Seiten. Voraussetzung für den wechselseitigen Austausch von Know-how ist jedoch die reibungslose Bewilligung von Arbeitsgenehmigungen - Bundes- und Länderregierungen sollten den Klagen indischer Partner mit einer Verbesserung der Genehmigungspraxis Rechnung tragen.

Gleiches gilt bei modernen Infrastrukturvorhaben: Auch hier sind integrierte Lösungen erforderlich, auch hier können beide Seiten profitieren. Indiens Bedarf an Infrastrukturlösungen ist immens. Deutsche Firmen beherrschen das Engineering, indische wiederum erbringen einen Großteil der Arbeitsleistungen. Ein weiterer Bereich der Zusammenarbeit ist die Wehrtechnik. Die von der Bundesregierung eingeräumte Möglichkeit, den Export wehrtechnischer oder Dual-User-Güter nach Indien im Einzelfall zu genehmigen, ist ein wichtiger Schritt, dem eine Zusammenarbeit mit indischen Unternehmen folgen könnte.

Energie und Nachhaltigkeit

Die Zusammenarbeit bei erneuerbaren Energien kann einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Stromversorgung Indiens leisten. Im Norden des Landes besteht erhebliches Potenzial zum Ausbau von Wasserkraft. Deutsche Firmen gehören auf diesem Gebiet zu den weltweit führenden Anbietern, ähnlich sehen die Chancen für den landesweiten Ausbau von Wind- und Solarenergie wie für die Nutzung von Biomasse aus. Unsere Unternehmen bieten das Know-how, das Delhi für einen ausgewogenen Mix erneuerbarer, fossiler und nuklearer Energiegewinnung benötigt - für sie wird Indien in den kommenden Jahren auch beim Emissionshandel und beim Clean Development Mechanism (CDM) interessant. Bei der Energie- und Ressourceneffizienz haben deutsche Firmen aus der verarbeitenden Industrie ebenfalls eine hohe Kompetenz - der im April dieses Jahres zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Premierminister Singh vereinbarte Energiedialog muss dazu genutzt werden, dass Unternehmen beider Länder ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsame Projekte entwickeln, etwa bei der nachhaltigen Entwicklung indischer Großstädte. Stadtverwaltung und führende Wirtschaftsvertreter von Bombay haben beispielsweise ihr Interesse signalisiert, bei einer integrierten Entwicklung mit deutschen Partnern zusammenzuarbeiten. Neben den komplexen Themen Energieversorgung und Umweltschutz gehört Ernährung zu den schwierigsten Fragen, die globale Lösungen erfordern. Auch hier können deutsche Unternehmen als Partner Indiens mit ihrem Wissen und Know-how gemeinsame Antworten entwickeln, ebenso wie sich auf dem Gebiet der praxisnahen Ausbildung und Qualifizierung junger Menschen viele Chancen in der deutsch-indischen Zusammenarbeit ergeben.

Indische Unternehmen erobern den globalen Markt. Für die Anpassung ihrer Produkte an den europäischen Markt sind sie ebenso auf Partner angewiesen, wie deutsche Firmen dies für die Anpassung ihrer Produkte an die Erfordernisse des indischen Marktes sind. Indien wird bald zu den führenden Wirtschaftsmächten der Welt gehören. Darauf sollten wir uns heute einstellen: indem wir Partnerschaften eingehen und langfristig festigen, um gemeinsam mit Indien unsere Zukunft zu gestalten.

Dr. JÜRGEN HAMBRECHT, geb.1946, ist Vorstandsvorsitzender der BASF AG und seit Juli 2006 Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 10, Oktober 2006, S. 34‑38

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