01. November 2007

Neue Heiden statt Nächstenliebe

Kultur

Die Jünger einer hemmungslosen Deregulierung vergöttern den Markt und bekämpfen das schlechte Gewissen – und treffen doch auf gehemmte Bürger

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Die Zeit der Ideologien ist nicht vorüber. Just in dem historischen Moment, da sich die deutsche Sozialdemokratie noch einmal gegen die übermächtige Logik des Marktes aufbäumt, erscheint schon in Umrissen die Gestalt eines neuen politisch-kulturellen Konstrukts, das es darauf anlegt, alle alten Fragen nach sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe überflüssig zu machen. Normative Deregulierung ist sein Wesenskern. Es hat viele Väter, aber nur eine Autorität: den Markt. Es hat keine ausformulierte Theorie, aber eine Leitmetapher: die Evolution. Es macht keine politischen Hoffnungen, aber ein Versprechen: das Ende des schlechten Gewissens. Seine Stichworte lauten: Privatisierung, Gentechnik, imperiales Recht, Religionskritik. Ihre Auslöser waren die Krise des Sozialstaats, die Entschlüsselung des Genoms, der amerikanische Irak-Krieg, der militante Islamismus.

Was hält die Stichworte zusammen? Beginnen wir mit der Religionskritik, welche den Monotheismus für die Wurzel aller religiösen Intoleranz hält; die den islamistischen Gotteskrieger ebenso wie den christlichen Kreuzfahrer des Mittelalters hervorgebracht habe. In der heidnischen Antike hingegen habe der Mensch sich noch friedlich mit den Nachbarn und ihren fremden Göttern, überhaupt mit dem Gegebenen arrangiert. Erst das Moralgesetz des einen Gottes habe den Menschen unduldsam, rachsüchtig und unzufrieden gemacht. Historisch ließe sich mancherlei einwenden gegen das idyllisch geschönte Bild der Antike, aber um Empirie geht es der Kritik am jüdisch-christlich-muslimischen Monotheismus nicht. Es geht ihr um die Unduldsamkeit einer göttlich legitimierten Moral, um ihre Realitätsverweigerung und die schlechte Laune eines schlechten Gewissens.

Ein erster Anwendungsfall war die Gentechnik. Was sollte das Gerede von der Heiligkeit des Lebens, die der Forschung die dringend benötigten Embryos entzog? Warum sollte der Mensch in seiner gegebenen Gestalt unantastbar sein? Als göttliche Schöpfung etwa? Es gibt nur die Evolution, und die Gentechniker sind die Werkzeuge, mit deren Hilfe die Evolution an der weiteren Optimierung des Menschen arbeitet. Die Religion ist hier nur ein Hindernis der menschlichen Entwicklung. Der zweite Anwendungsfall war der Irak-Krieg. Wer wollte eine imperiale Macht wie die USA ans Völkerrecht fesseln? Das moralische Argument organisiert hier nur die Weltfremdheit. Legitim ist alles, was sich durchsetzt. Auch das zeigt die Evolution. Wer wollte das Imperium zähmen? Wäre es nicht überhaupt besser, in seinem Schutz friedlich zu leben? Die Berufung auf eine Moral, die für alle gilt, weil der eine Gott unser aller Gott ist, verrät nur das Ressentiment des Schwächeren. Ein Imperium braucht keine universale Moral. Ein Imperium hat die Macht.

Analog ist auch der Sozialstaat nur ein Institut des schlechten Gewissens, das die Entfaltung evolutionärer Kräfte behindert. Das schlechte Gewissen ist ein schwerer Standortnachteil. Es fesselt die Starken an die Untüchtigkeit der Schwachen. Mit Nächstenliebe verliert man den globalen Klassenkampf, ohne die Welt zu verbessern (anderswo gilt das Gesetz der Nächstenliebe ohnehin nicht). Und schlimmer noch: Schlechtes Gewissen bedeutet schlechte Laune, und mit schlechter Laune konsumiert und arbeitet es sich schlecht.

Also hinweg mit dem antiquierten Plunder! Der große, neue Diskurs der Enthemmung, der diese vier Debattenfelder miteinander verbindet, hat nur ein großes Problem: Die Deutschen, mögen sie sich den Kirchen noch so entfremdet haben, verhalten sich in Fragen der praktischen Moral noch immer, als glaubten sie an die Zehn Gebote. Ganz augenscheinlich hat das christliche Menschenbild das Christentum überlebt. Die Deutschen haben ein hartnäckig schlechtes Gewissen gegenüber den Armen im eigenen Land, den Armen in der Welt, gegenüber dem Erbe ihrer Geschichte. Zergrübelt und mit sich selbst zerfallen, so lautet der zentrale Verdacht, kommt das Land nicht auf die Füße. Es wird den Sozialdemokraten noch die letzten Reste der marktliberalen Reform abschwatzen oder am Ende gar die Linkspartei wählen.

Das ist die Lage, in der sich die Förderer von Wirtschaft und Wissenschaft ein neues, fröhliches Heidentum wünschen. Ein Schuss nietzscheanische Selbstertüchtigung und die Industrie brummt, die Armen hören auf zu jammern, die Schwachen sehen ein, dass sie an ihrer Schwäche selber schuld sind, die Gentechnik blüht und dem Menschen wachsen Flügel. Ressentiment und Sklavenmoral verschwinden aus den internationalen Beziehungen, als treue Vasallen des amerikanischen Imperiums bekämpfen wir den islamischen Feind und gewinnen, von den Lasten des Sozialstaats befreit, die Weltmarktkonkurrenz. Dumm nur, dass die Amerikaner selbst nicht im Traum an eine moralfreie Begründung ihrer Macht denken. Dumm, dass die Islamisten nicht bereit sein werden, die religiöse Ressource abzuschaffen, aus der sie ihre kriegerische Energie beziehen. Und dumm, dass wir zu unserer Selbstbehauptung auch nicht mit Gottlosigkeit werden trumpfen können. Zu überzeugungsfreier Interessenspolitik fehlt uns die Macht. Insofern hat die neuheidnische Ideologie, die so gerne zu moralbefreiter Weltbejahung und Realitätswahrnehmung einladen möchte, selbst ein starkes Wahrnehmungsproblem.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11, November 2007, S. 108 - 109.

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