01. Januar 2007

Wir Massenmenschen

Kultur

Gleichschaltung der Gesellschaft, hilflose Bürgerlichkeit, wuchernder Staat –
eine Erinnerung an José Ortega y Gasset

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Die besorgten Gesellschaftsdebatten, die seit einiger Zeit unter den Stichworten „Neue Unterschicht“, „Neue Bürgerlichkeit“, „Größenwahn der Manager“ geführt werden, haben einen blinden Fleck gemeinsam. Sie verschweigen, dass die Menschen, von denen sie reden, alle derselben Schicht entstammen. Sie sind durchweg nicht ihres wirtschaftlichen Glückes Schmied, es sind Lohnempfänger, abhängig Beschäftigte, mit einem Wort Angestellte – auch die großen Bosse sind nicht die Eigentümer des Kapitals, sondern die Lakaien des Kapitals, wie Friedrich Engels sie nannte. Was sie unterscheidet, ist nur die Höhe ihres Einkommens und manchmal, aber keineswegs immer, die Höhe ihrer Bildung. Es ist höchst interessant zu sehen, dass José Ortega y Gasset in dem seinerzeit berühmten Essay über den „Aufstand der Massen“, der die Krisenstimmung von 1930 bündelte, alle diese, ob Arbeiter oder Professor, Lehrer oder Manager, den „Massen“ zugeschlagen hat. Warum? Weil er ihnen durchgängig denselben Mangel an Individualität und Eigenverantwortung, dieselbe Entmündigung und Konformität der Ansichten diagnostizierte. Er war vielleicht einer der ersten, die erkannten, dass auch Politiker und Akademiker nur Experten sind, die über Wissen und Einsicht in ihrem Fachgebiet verfügen, auf allen anderen Gebieten aber bloß die landläufigen Stammtischweisheiten und Ressentiments reproduzieren. Kurzum, unseren modischen Begriff der „Funktionselite“ hätte er weit von sich gewiesen. Elite war für ihn gerade das und nur das, was sich in seinen beruflichen oder politischen  Funktionen nicht erschöpft und in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nicht aufgeht.

Es fällt schwer, bei Ortegas Schilderungen des Massenmenschen, der sich als Intellektueller oder Politiker oder Wirtschaftsexperte bloß verkleidet, nicht an die Talkshows unserer Tage zu denken, wo der berühmte liberale Professor plötzlich dieselben dumpfen Ressentiments gegen Türken offenbart wie der Kiosk-besitzer nebenan. Und noch etwas anderes berührt erschreckend heutig: Ortega nennt den längst vergessenen Preis für die eigentlich wünschenswerte Partizipation der Massen an Wohlstand und Institutionen des Bürgertums – das ist wachsende Gleichschaltung der Gesellschaft. Die fatale Rolle der Massenmedien bei diesem Prozess zeigte sich ihm erst in Umrissen; wir dagegen müssen nur den Fernseher einschalten, um die Verengung des Meinungsbilds zu erkennen. Massennachfrage erzeugt auch einen geistigen Massenmarkt, der individuelle Abweichungen nicht duldet. Die einzige Wahlmöglichkeit, sagt Ortega, erfährt der moderne Mensch beim Einkaufen – aber diese letzte Option auf Alternativen erzeugt zugleich eine nagende Unzufriedenheit, weil sie an Geld geknüpft ist und keine individuelle Entfaltungsphantasie, sondern nur den Neid mobilisiert.

Die moderne Gesellschaft als Gesellschaft der Scheinalternativen – so hat es unserer Tage auch der Sozialphilosoph Slavoj Zizek formuliert. Eine andere Einsicht Ortegas, in dem die Ahnung faschistischer Verhältnisse heraufdämmert, ist heute allerdings wieder außer Kurs geraten: Die Zunahme von Lebenschancen für die Masse bedeutet eine Abnahme von Lebenschancen für das Individuum. Die Demokratisierung der Gesellschaft setzt alle Nischenexistenzen und Minderheiten unter Druck; und ein Übriges tut der Staat, der als eigentlicher Anwalt der Massen auftritt und entsprechend bedrohlich zu wachsen beginnt. An dieser Stelle mündet seine Klage in den noch heute sattsam bekannten liberalen Diskurs, der den Staat gerne wieder zugunsten der Gesellschaft zurückdrängen möchte.

Aber wie das? Hatte er nicht eben zuvor gezeigt, dass es gerade gesellschaftliche Veränderungen und Wünsche sind, die den Staat wuchern lassen; vor allem die Sehnsucht der Massen nach Garantien für Wohlstand und Sicherheit? Hier zeigt sich ein Widerspruch, der uns noch heute vollständig erhalten geblieben ist. Auch wir klagen gerne über den Staat, der die zivilgesellschaftlichen Selbstheilungskräfte behindert, und vergessen, dass der Staat gerade in seinen ärgerlichsten Zügen, der eskalierenden Regulierungswut, nur ein Agent gesellschaftlicher Ängste und (eingebildeter) Bedürfnisse ist. Ortegas Hauptsorge galt damals der Entstehung von Polizeistaaten, Mussolinis Italien und das bolschewistische Russland waren die zeitgenössischen Beispiele, die er vor Augen hatte. Der Aufstand der Massen, das war seine Pointe, vollendet sich in ihrer Selbstentmündigung.

Man wird wohl zugeben müssen, dass ihm die Geschichte des 20. Jahrhunderts Recht gegeben hat. Das unvermindert Aktuelle, aber auch Unbefriedigende seiner Diagnose besteht darin, dass sie ohne die bekannten Bestandteile marxistischer oder reaktionärer Ideologien auskommt. Er braucht keine geschichtsphilosophischen Konstruktionen um zu zeigen, wie sich die Massendemokratie auf den Weg der totalitären Entgleisung begeben kann. Er hat aber auch kein Heilmittel zur Hand, außer der hilflosen Ermahnung, den Verfall sittlicher Normen und Werte aufzuhalten. Auch dass sollte uns leider bekannt vorkommen. Auch wir wissen nicht, wie sich der globalisierte Kapitalismus und die Terrorgefahr einerseits, der polizeiliche Abwehrexzess und die eskalierende Intoleranz in der Gesellschaft andererseits einhegen lassen – es sei denn durch moralische Appelle. Aus welchen Ressourcen sich die Moral erneuern lässt, mit deren Hilfe man enthemmte Industriekapitäne oder Fanatiker der Homeland-Security in die Schranken rufen kann, ist uns so dunkel wie schon Ortega vor 70 Jahren.

JENS JESSEN, geb. 1955, war Feuilletonredakteur der FAZ, Feuilletonchef der Berliner Zeitung und ist seit dem Jahr 2000 Feuilletonchef der ZEIT in Hamburg.
 

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar 2007, S. 104 - 105.

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