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01. Juli 2008

Multipolares Deutschland

Nicht nur die Weltordnung pluralisiert und fragmentiert sich

Die Weltordnung hat sich verändert. Die Bipolarität des Kalten Krieges gehört längst der Geschichte an; die aus ihren Trümmern erwachsene amerikanische Vormachtstellung hat ihren Höhepunkt überschritten. Komplizierte Konstellationen stehen bevor – eine multipolare Welt. Diese Beschreibung trifft jedoch, zumal in deutscher Perspektive, nicht nur auf die „Außenseite“, auf das internationale Gefüge von Politik und Gesellschaft zu. Der Pluralisierung, Fragmentierung, Heterogenisierung der Weltordnung entspricht ein Umbau der inneren Konstellationen, der sich in ähnlichen Kategorien beschreiben lässt. Das ist weder Zufall noch bloße Analogie der Begriffsbildung. Innen- und Außenpolitik wirken aufeinander ein und werden von ähnlichen Grundströmungen beherrscht.

Das Ende der konfrontativen Ideologien zeigte sich im Zusammenbruch des sowjetisch-kommunistischen Weltreichs ebenso wie in der Verflüssigung des Links-Rechts-Schemas im Innern und seiner Abbildung in einem wesentlich dichotomischen Parteiensystem. Die Ausweitung der europäischen Integration nach Osten und der Aufstieg neuer globaler Player jenseits der alten „Ersten“ Welt spiegelt sich binnengesellschaftlich in Migrationsprozessen und Integra-tionskonflikten. Eine neue internationale Arbeitsteilung, auf deren Grundlage China und Indien ihren Hut in den Ring der multipolaren Welt geworfen haben, bringt soziale Strukturen in Deutschland zur Erschütterung. Diese drei Beispiele genügen, um sich die mächtigen Wechselwirkungen, ja Parallelen äußerer und innerer Veränderung vor Augen zu führen. Das Bewusstsein dafür, wie abhängig eine vermeintlich klar abgegrenzte Nationalgesellschaft und eine klassische Innenpolitik inzwischen von Faktoren der internationalen Ordnung sind, könnte in der deutschen Öffentlichkeit ausgeprägter sein.

Multipolare Welt: Auf diesen Nenner lässt sich ein ganzes Bündel sozialer Transformationen bringen, mit denen wir uns heute herumschlagen. Die Nachkriegsvision einer homogenen Gesellschaft trägt nicht mehr. Der obere und der untere „Pol“ von Vermögen, Einkommen, Bildung und sozialem Status sind klarer hervorgetreten. Aber eine simple Rückkehr zur Linearität der früheren Klassengesellschaft bedeutet das nicht. Andere Spannungslinien treten hinzu und konstituieren ein vieldimensionales Kräftefeld: Ethnizität und kulturelle, auch religiöse Identität; die manifesten Interessen von Generationen; die klaffenden Lebenswirklichkeiten in scheinbar privaten Konstellationen, etwa zwischen Dual-Career-Paaren und alleinerziehenden Frauen. Und in räumlicher Hinsicht ist durchaus offen, ob sich die alte Vision von einheitlichen Lebensverhältnissen zwischen Oberbayern und der Uckermark je wieder realisieren lässt.

Innenpolitik und Parteiensystem wiederum sind keine simple Widerspiegelung der sozialen Umbrüche. Doch auch hier bringt „neue Multipolarität“ viele der rasanten Veränderungen in Deutschland auf den Begriff. Die alles beherrschende Dominanz zweier Volksparteien ist beendet; die Phase der „Lager“, in denen Union und SPD jeweils eine kleinere Partei „naturgemäß“ zugeordnet war, erweist sich schon jetzt als eine bloße Übergangsphase. Soziale Lagen, Lebensentwürfe und Weltsichten richten sich auf mindestens fünf Parteien aus, deren Anordnung auf der klassischen Skala immer schwieriger wird. Das Hamburger Schwarz-Grün ist nur eine von vielen Varianten der Mehrheitsbildung, die bevorstehen. Es spricht gegenwärtig wenig dafür, dass der Wandel des deutschen Parteiensystems sich abbremst oder gar umkehrt.

Ebenso wie in der Außenpolitik ist die entscheidende Frage für die deutsche Politik und Gesellschaft nicht mehr, ob wir den Übergang zur Multipolarität eher wünschen oder uns gegen ihn wehren sollten. Zur Debatte steht vielmehr, wie wir die möglichen Kosten begrenzen, vor allem aber die Vorteile nutzen können. „Zerfällt“ die Weltordnung, wenn nicht mehr zwei Supermächte, oder gar eine, das Koordinatensystem definieren? So ist auch angesichts der vorherrschenden Wahrnehmung, derzeit „zerfalle“ die deutsche Gesellschaft ebenso wie das Parteiensystem, Vorsicht geboten. Wie in der Außenpolitik tut man gut daran, die vermeintlich „goldenen“ Zeiten der Eindeutigkeit nicht allzu sehr zu verklären. Armut gab es auch in den siebziger Jahren, und der durchschnittliche Lebensstandard der Deutschen in West und Ost war niedriger. Chancen und Teilhabe für alle sind oberstes Gebot – aber die Realisierung wird vielfältiger sein als früher. Das schließt Disparitäten nicht aus, die zum Teil jedoch der Preis für Lebensoptionen jenseits des Konformitätszwangs sind, auf die wir nicht mehr verzichten wollen.

Und in der Politik? Natürlich ist die Regierungsbildung in Fünf-Parteien-Parlamenten schwieriger. Doch diese Situation wird möglicherweise zum Katalysator eines neuen, pragmatischen Politikverständnisses, in dem eine Koalition nicht mehr ein „historisches Bündnis“ (wie 1969), ein „Lager“ (wie 1982) oder ein „Projekt“ (wie 1998) abbildet. Denn im postideologischen, postheroischen Zeitalter konkurrieren kaum noch fundamental unterschiedliche Zielvisionen. Vielmehr hat sich in weiten Bereichen so etwas wie ein Konsens der Zukunftsgestaltung abgezeichnet, bei dem ökologische Nachhaltigkeit, prosperierende Wirtschaft und Familienförderung – um nur drei charakteristische Stichworte zu nennen – keine Schützengräben mehr sind. Kräftig gestritten wird natürlich trotzdem. Die Mechanik des Multipolaren steht erst am Anfang.

Prof. Dr. PAUL NOLTE, geb. 1963, lehrt seit Juli 2005 Zeitgeschichte an der FU Berlin. Jüngste Veröffentlichung: „Riskante Moderne. Die Deutschen  und der neue Kapitalismus“ (2006).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7-8, Juli/August 2008, S. 62 - 63

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