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19. Febr. 2026

IMEC: Wie Europa auf seine strategische Verwundbarkeit antworten könnte

Die Debatte um die Sicherheit im Roten Meer offenbart eine zentrale Schwäche Europas: hohe ökonomische Abhängigkeit bei begrenztem sicherheitspolitischem Einfluss. Der geplante India-Middle-East-Europe Economic Corridor (IMEC) soll Lieferketten diversifizieren, geopolitische Partnerschaften stärken und eine strategische Alternative zu China schaffen – doch Europa und insbesondere Deutschland zögern noch.

Remko Leemhuis
Carla Dondera
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Bild: Karte des geplanten India-Middle-East-Europe-Corridor
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Irritation und Spott waren groß, als im März 2025 bekannt wurde, dass der US-Journalist Jeffrey Goldberg, Chefredakteur von The Atlantic, versehentlich in eine verschlüsselte Signal-Gruppe geraten war. Hier tauschten sich unter anderem der US-Verteidigungsminister, der Direktor der CIA, die Leiterin der nationalen Nachrichtendienste, der Nationale Sicherheitsberater und der Vizepräsident aus – also der engste sicherheitspolitische Führungskreis der US-Regierung. Kaum Beachtung fand dagegen, was in dieser Gruppe tatsächlich besprochen wurde, obwohl dies gerade in Europa erhebliche Relevanz hat. Vizepräsident J. D. Vance brachte es sinngemäß so auf den Punkt: Nur etwa 3 Prozent des US-Außenhandels verlaufen über Suez, für Europa sind es rund 40 Prozent – und dennoch sichert überwiegend die US-Marine die Schifffahrt im Roten Meer.

Ökonomisch ist die Situation eindeutig. Über den Korridor Rotes Meer-Suez fließen rund 12 Prozent des Welthandels und etwa 40 Prozent des Asien-Europa-Verkehrs. Unterbrechungen verlängern Laufzeiten, erhöhen Versicherungsprämien und binden Umlaufkapital. Deutschland ist in Europa so exportabhängig wie kein anderes Land und daher besonders exponiert. Die Erfahrung mit einseitigen Abhängigkeiten – zuletzt bei russischem Pipeline-Gas – zeigt die ökonomischen und politischen Folgekosten solcher Verwundbarkeiten.


Strategische Konnektivität

Hier setzt der India-Middle-East-Europe Economic Corridor (IMEC) an. Am 9. September 2023 unterzeichneten Indien, die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Frankreich, Italien und Deutschland eine Absichtserklärung zur Schaffung einer neuen Verbindungsachse: maritime Linien vom indischen Subkontinent zum Arabischen Golf und vom Nahen Osten nach Europa sowie eine Landverbindung über die VAE, Saudi-Arabien, Jordanien und Israel. Ergänzend sind leistungsfähige Datenkabel, Stromtrassen und Leitungen für grünen Wasserstoff vorgesehen, die den IMEC zu einem multimodalen und zukunftsfähigen Konnektivitätsprojekt machen sollen.

Der IMEC hat eine unmittelbare geostrategische und geoökonomische Relevanz. Er soll die USA, Europa und Indien als zentrale Anbieter globaler Infrastrukturpolitik verbinden und zugleich eine geoökonomische Alternative zur chinesischen „Belt and Road Initiative“ (BRI) schaffen. Im Gegensatz zur BRI, deren Steuerung und Finanzierung durch China Abhängigkeiten schafft, ist IMEC als dezentrales, multilaterales Vorhaben angelegt, das auf öffentliche und private Investitionen entlang der Route setzt.

Für die EU steht IMEC exemplarisch für die wachsende Bedeutung von Konnektivität und pragmatischen Partnerschaften als Instrumente europäischer Außen- und Wirtschaftspolitik. So ist der Korridor ein wichtiger Bestandteil der EU Global-Gateway-Strategie und dürfte im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen vom Jahr 2028 an weiter an Gewicht gewinnen.


Ein Weg für neue Partnerschaften

Damit steigt zum einen die Bedeutung des Nahen Ostens als ökonomisch, infrastrukturell und geopolitisch zentrale Nachbarschaft Europas. 2025 hat die Europäische Kommission IMEC in den neuen Pakt für das Mittelmeer integriert und als wichtigen Bestandteil der künftigen MENA-Strategie der EU angekündigt.

Zum anderen gewinnt insbesondere Indien als demokratischer Partner und dynamischer Wachstumsmarkt an Bedeutung für Europa, nicht zuletzt im Kontext des „De-Risking“ gegenüber China. Im September 2025 wurde IMEC in der neuen strategischen EU-Indien-Agenda verankert. Zuletzt bekräftigte Bundeskanzler Friedrich Merz im Rahmen seines Indien-Besuchs im Januar 2026 gemeinsam mit dem indischen Premierminister Narendra Modi seine Unterstützung für IMEC.

Die im Januar erreichte Einigung auf ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien könnte dem IMEC zusätzlichen politischen und wirtschaftlichen Schub verleihen. Das Handelsvolumen von Waren und Dienstleistungen zwischen der EU und Indien beträgt bereits heute rund 180 Milliarden Euro. Modellrechnungen gehen davon aus, dass es durch den Abschluss des Abkommens auf bis zu 296 Milliarden Euro steigen kann. Schon aus diesen Zahlen ergibt sich, wie wichtig IMEC als physische Route wäre.


Einsparungen in Milliardenhöhe

Der ökonomische Nutzen ist für den EU-Asien Handel über den Nahen Osten erheblich. Laut einer Studie des US-Thinktanks Atlantic Council könnten Transitzeiten durch den IMEC um etwa 40 Prozent reduziert werden, eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebene Studie rechnet mit bis zu 50 Prozent. Im Störfall (etwa bei der Blockade eines Seeweges) entfiele der wochenlange Umweg um das Kap der Guten Hoffnung, was Kosten- und Risikoaufschläge bei Versicherungen senkt und die Verlässlichkeit von Lieferketten erhöht.

Profitieren würden insbesondere Pharma, Medizintechnik, Chemie, Maschinenbau, Automobilzulieferer, Elektronik, Ernährungswirtschaft mit Kühlketten, energieintensive Grundstoffe sowie Logistik-, Hafen- und Datenwirtschaft. Insgesamt rechnet der Atlantic Council mit jährlichen Einsparungen von etwa 5,4 Milliarden US-Dollar im Handel zwischen Asien und Europa durch die neue Route. Angesichts dieser Prognosen stößt die Vision der neuen globalen Verbindung auch in der deutschen Wirtschaft auf großes Interesse.


Der Nahe Osten als Knotenpunkt

Die Ankündigung des IMEC im September 2023 war Zeichen einer sich rasch wandelnden regionalen Dynamik im Nahen Osten. Unter Vermittlung der US-Regierung hatten sich über das Jahr hinweg die Gespräche über eine Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien intensiviert. Bereits 2020 hatte Israel im Rahmen der Abraham-Abkommen diplomatische Beziehungen zu mehreren arabischen Staaten aufgenommen. Diese Öffnung ermöglichte neue Formen wirtschaftlicher Zusammenarbeit, eine engere sicherheitspolitische Abstimmung sowie einen Ausbau des Tourismus. Im Jahr 2022 beschlossen Indien, Israel, die USA und die VAE eine strategische Partnerschaft unter dem Namen I2U2 – ein Vorläufer des IMEC.

Nur einen Monat nach der Unterzeichnung des IMEC-Memorandums in Neu-Delhi verübte die palästinensische Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 einen Angriff von beispielloser Brutalität auf den Staat Israel. Der darauffolgende Krieg gegen die Hamas im Gazastreifen und gegen weitere iranische Stellvertreter brachte die Normalisierungsbemühungen zwischen Saudi-Arabien und Israel faktisch zum Stillstand – wie von der Hamas beabsichtigt.

Vor diesem Hintergrund ist IMEC für den Nahen Osten eine außen- und sicherheitspolitische Chance zugleich. Wirtschaftliche Verflechtung kann politische Stabilität fördern. Für Israel, aber auch für die arabischen Staaten eröffnet sich nach dem Gaza-Krieg die Möglichkeit, Normalisierungsbemühungen wieder aufzunehmen; dabei würde eine wirtschaftlich fundierte Kooperation mit Saudi-Arabien im Rahmen von IMEC die Perspektive neuer oder erweiterter Normalisierungsabkommen deutlich erhöhen. Ein Anreiz könnte hierbei langfristig auch sein, das Westjordanland und einen demilitarisierten Gazastreifen an den IMEC anzubinden und ökonomisch in die Region zu integrieren.


Zögerlicher Fortschritt

Auf europäischer Seite zeichnete sich 2025 erstmals sichtbar Bewegung ab. Frankreich und Italien ernannten jeweils IMEC-Sondergesandte und positionierten sich mit den Hafenstädten Marseille und Triest als mögliche europäische Endpunkte des Korridors. Frankreich richtete im Juni 2025 im kleinen Kreis das erste IMEC-Sherpa-Meeting aus; ein zweites, größeres Treffen mit europäischer Beteiligung fand im August 2025 in Neu-Delhi statt. Beim Global Gateway Forum der EU in Brüssel im Oktober 2025 wurde ein digitaler Korridor zwischen der EU, Afrika und Indien als erstes IMEC-Flagship-Projekt vorgestellt. Wie Kanzler Merz und Premierminister Modi Anfang Januar ankündigten, ist zudem ein IMEC-Ministertreffen in Planung.

Trotz dieser Fortschritte und der evidenten Vorteile spielt IMEC in der deutschen politischen Debatte bislang kaum eine Rolle. Zwar wird das Potential des Korridors für einzelne Sektoren ausgelotet, etwa für den Bereich Energie. Doch eine klare Linie fehlt, obwohl das Interesse auch aus anderen Industriebereichen erheblich ist. So haben weder die vorherige noch die amtierende Regierung einen eigenen Sonderbeauftragten ernannt oder anderweitige Bemühungen erkennen lassen, IMEC zum Erfolg zu verhelfen.

Dabei drängt die Zeit. Es existieren konkurrierende Initiativen – etwa Korridorprojekte über den Iran in Richtung Türkei –, die mit Unterstützung Pekings und Teherans vorangetrieben werden. Wer abwartet, riskiert, dass andere Standards und Wertschöpfung definieren. Aus den Erfahrungen mit Russland sollte klar sein, dass strategische Abhängigkeiten von autoritären Regimen politisch und wirtschaftlich teuer werden.

Deutschland kann handeln. Ein Sonderbeauftragter für IMEC und ein koordinierender Ressortkreis im Bundeskanzleramt würden Verfahren beschleunigen und Zuständigkeiten klären. Deutschland und die EU besitzen entscheidende Kompetenzen, um Handelsbarrieren abzubauen, interoperable Systeme zu schaffen sowie Handels- und Zollstandards zu harmonisieren – Grundlagen, die private Investitionen erleichtern können. Außerdem könnte Deutschland durch gezielte Förderinstrumente, abgestimmte Exportkreditgarantien und eine veröffentlichte Projektliste – Bahnkorridore, Wasserstoff-Drehscheiben, Umspannwerke, Landkabel, Hafen- und Terminalmodernisierungen – wesentlich dazu beitragen, wirtschaftliche Verflechtung im Nahen Osten zu vertiefen und so Konfliktrisiken zu senken.


Schwierige Sicherheitslage

Schließlich bleibt die Sicherheitslage ein Prüfstein. Seit Ende 2023 beeinträchtigen Angriffe der Huthi-Bewegung den Verkehr im Roten Meer; als Reaktion initiierten die USA die internationale Operation „Prosperity Guardian“, während die EU zeitgleich die defensive Mission EUNAVFOR ASPIDES startete. Diese Konstellation zeigt, dass Europa zwar wirtschaftlich stark betroffen ist, die Hauptlast der Sicherung aber derzeit nicht trägt. Eine aktivere Präsenz in der Straße von Bab al-Mandab würde dagegen unmissverständlich signalisieren, dass Angriffe auf Handelswege nicht unbeantwortet bleiben. Nicht zuletzt sollte Deutschland den Druck auf Teheran erhöhen: Ohne materielle Unterstützung aus dem Iran hätten die Huthi weder das notwendige Know-how noch die Mittel, um in dieser Form zu agieren.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 19. Februar 2026

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Dr. Remko Leemhuis ist Direktor des American Jewish Committee (AJC) in Berlin.
Carla Dondera arbeitet als studentische Hilfskraft beim AJC.
 

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