Europas nächster Hegemon
Jahrzehntelang fürchtete Europa ein zu starkes Deutschland – heute fürchtet es ein zu schwaches. Doch was, wenn Berlins neue militärische Macht den Kontinent nicht eint, sondern erneut ins Wanken bringt?
„Ich warne Sie eindringlich, dass unter den gegenwärtigen Umständen der nächste Weltkrieg unvermeidlich ist“, erklärte der französische Militärführer Ferdinand Foch. Man schrieb das Jahr 1921, und Foch, Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte während des Ersten Weltkriegs, schlug in einer Rede in New York Alarm. Der Grund für seine Sorge: Nach dem Sieg über Deutschland hatten die Alliierten das Land mit dem Vertrag von Versailles zur Abrüstung gezwungen. Doch nur wenige Jahre später hatten sie aufgehört, ihren Sieg abzusichern. Berlin, so warnte Foch, könne und werde sein Militär wieder aufbauen. „Wenn die Alliierten in ihrer Gleichgültigkeit verharren, wird Deutschland mit Sicherheit wieder zu den Waffen greifen.“
Fochs Voraussagen sollten sich bewahrheiten. Ende der 1930er Jahre hatte Deutschland sein Militär wieder aufgebaut. Es besetzte Österreich, dann die Tschechoslowakei und schließlich Polen, was den Zweiten Weltkrieg auslöste.
Nach dem Krieg gingen die Alliierten bei der Verwaltung des besiegten Deutschlands umsichtiger vor. Sie besetzten und teilten das Land, lösten seine Streitkräfte auf und schafften die Rüstungsindustrie weitgehend ab.
Als die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion West- und Ostdeutschland erlaubten, ihre Armeen wieder aufzubauen, geschah dies unter strenger Aufsicht. Und als die Alliierten die Vereinigung der beiden Teile zuließen, musste Deutschland die Größe seiner Streitkräfte begrenzen. Dennoch lehnte etwa die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1989 die Wiedervereinigung zunächst ab, da sie befürchtete, dass dadurch ein gefährlich mächtiges Land entstehen würde. Ein größeres Deutschland, warnte sie, „würde die Stabilität der gesamten internationalen Lage untergraben und könnte unsere Sicherheit gefährden“.
Ganz neue Sorgen
Heute scheinen die Befürchtungen von Foch und Thatcher endgültig der Vergangenheit anzugehören. Während Europa in den vergangenen Jahrzehnten eine Krise nach der anderen durchlebt hat – vor allem die Aggression Russlands gegen die Ukraine –, sorgen sich die Politiker des Kontinents nicht mehr darum, dass Berlin zu stark werden könnte, sondern eher darum, dass es viel zu schwach ist.
„Ich fürchte die Macht Deutschlands weniger als seine Untätigkeit“, hatte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski 2011 während der europäischen Finanzkrise erklärt. Angesichts der Tatsache, dass Warschau traditionell zu den Regierungen gehört, die sich am meisten Sorgen um die Macht Deutschlands machen, war das eine bemerkenswerte Aussage. Sikorski steht damit nicht allein: Das deutsche Militär müsse „mehr ausgeben und mehr produzieren“, erklärte etwa NATO-Generalsekretär Mark Rutte 2024.
Nun bekommen Europas Politiker, was sie wollten. Nach vielen Verzögerungen wird Deutschlands Zeitenwende – das Versprechen von 2022, eine der führenden europäischen Nationen in Sachen Verteidigung zu werden – endlich Realität. Im Jahr 2025 gab Deutschland in absoluten Zahlen mehr für Verteidigung aus als jedes andere europäische Land. Sein Militärbudget liegt heute weltweit an vierter Stelle, direkt hinter Russland. Die jährlichen Militärausgaben werden 2029 voraussichtlich 189 Milliarden US-Dollar erreichen, mehr als das Dreifache des Betrags von 2022. Deutschland erwägt sogar die Wiedereinführung der Wehrpflicht, falls die Bundeswehr nicht genügend freiwillige Rekruten gewinnen kann. Wenn das Land auf Kurs bleibt, wird es bis 2030 wieder eine Militärmacht sein.
Wenn Deutschland auf Kurs bleibt, wird es bis 2030 wieder eine Militärmacht sein
Die Europäer haben die Stärkung der deutschen Streitkräfte zur Verteidigung gegen Russland weitgehend begrüßt. Aber sie sollten damit vorsichtig sein, was sie sich wünschen. Deutschland hat sich verpflichtet, seine wachsende Militärmacht zum Wohle ganz Europas einzusetzen. Aber wenn diese Macht uneingeschränkt bliebe, könnte die militärische Dominanz Deutschlands letztendlich zu Spaltungen innerhalb des Kontinents führen.
Frankreich ist nach wie vor beunruhigt, dass sein Nachbar zu einer Militärmacht wird – ebenso wie viele in Polen, trotz Sikorskis Äußerungen. Mit dem Aufstieg Berlins könnten Misstrauen und Argwohn wachsen. Im schlimmsten Fall käme es wieder zu Konkurrenz in Europa.
Albtraumhafte Szenarien
Frankreich, Polen und andere Staaten könnten versuchen, ein Gegengewicht zu Deutschland zu bilden, was die Aufmerksamkeit von Russland ablenken und Europa gespalten und verwundbar machen würde. Insbesondere Frankreich könnte versuchen, sich wieder als führende Militärmacht und Grande Nation des Kontinents zu behaupten. Dies könnte zu einer offenen Rivalität mit Berlin führen.
Solche albtraumhaften Szenarien sind dann besonders wahrscheinlich, wenn Deutschland irgendwann von der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) regiert wird. Die ultranationalistische Partei steht seit Langem der Europäischen Union und der NATO kritisch gegenüber, und einige ihrer Mitglieder haben sich über Gebiete benachbarter Länder in einer Art und Weise geäußert, die sich als revanchistisch bezeichnen ließe. Ein Deutschland unter der Kontrolle der AfD könnte seine Macht nutzen, um andere Länder zu drangsalieren und zu nötigen, was zu Spannungen und Konflikten führen würde.
Eine stärkere Integration ist notwendig
Berlin muss natürlich sein Militär wiederaufbauen. Der Kontinent ist in Gefahr, und keine andere europäische Regierung verfügt über die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands. Berlin muss jedoch die mit seiner Stärke einhergehenden Risiken erkennen und die deutsche Macht quasi präventiv beschränken, indem es seine Verteidigungskraft in stärker integrierte europäische Militärstrukturen einbettet. Die europäischen Nachbarn Deutschlands sollten ihrerseits erklären, welche Art von Verteidigungsintegration sie sich wünschen. Andernfalls könnte die deutsche Wiederaufrüstung dazu beitragen, dass Europa zerstrittener, gespaltener und schwächer wird – genau das Gegenteil von dem, was Berlin derzeit erreichen möchte.
Für viele ist es schwer zu verstehen, warum die Wiederbewaffnung Deutschlands zu Konkurrenz und Instabilität in Europa führen könnte. Natürlich sind alle Europäer mit der militaristischen Geschichte des Landes vertraut. Aber in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hat Deutschland sowohl seine Wirtschaft als auch seinen Verteidigungsapparat tief in Europa integriert.
Der erste Nachkriegskanzler Westdeutschlands, Konrad Adenauer, lehnte die Idee, sein Land zu einer unabhängigen Militärmacht zu machen, entschieden ab und befürwortete die Integration der westdeutschen Streitkräfte entweder in eine europäische Armee oder in die NATO. Nach dem Ende des Kalten Krieges verfolgte Deutschland einen Ansatz der militärischen Zurückhaltung und sah sich selbst als „zivile Macht“ – eine Macht, die vertrauenswürdig und nicht bedrohlich war, auch wenn sie durch die Wiedervereinigung erheblich an Einfluss gewonnen hatte.
„Nur Frieden kann von deutschem Boden ausgehen“, erklärte Helmut Kohl, der erste Regierungschef des wiedervereinigten Deutschlands, im Jahr 1989. Die spätere wirtschaftliche und politische Integration in die EU schuf eine paneuropäische Identität und förderte die Wahrnehmung, dass Europas Länder gemeinsame strategische Interessen hätten und niemals wieder in Konkurrenz zueinander treten würden.
Und doch ist die Rivalität zwischen den europäischen Ländern nie ganz verschwunden. Sie wurde lediglich gedämpft, und zwar vor allem durch die NATO und die US-Hegemonie. Die EU war und ist in erster Linie ein Wirtschaftsverbund. Sicherheit und Verteidigung in Europa lagen größtenteils in den Händen der NATO und des amerikanischen Militärs. Mit anderen Worten: Es war die übermächtige Präsenz der USA, die Europas Sicherheitsdilemma milderte, das Deutschland aufgrund seiner Größe und Lage traditionell darstellte, nicht nur die von der EU geförderte politische und wirtschaftliche Integration.
Die Skepsis wächst
Nun, da die Vereinigten Staaten offenbar die Aufmerksamkeit und die Ressourcen, die sie früher Europa gewidmet haben, zurückfahren, könnte dieser Wettbewerb wieder aufflammen. Das könnte zunächst in überschaubarer und harmloser Form beginnen. Andere europäische Länder blicken skeptisch darauf, wie Deutschland sein Militär aufbaut und wie Berlins Verteidigungsausgaben steigen.
So plant Berlin etwa, den Löwenanteil seines Verteidigungsbudgets für deutsche Rüstungsunternehmen auszugeben. Es nutzt dabei eine Ausnahmeklausel der EU-Wettbewerbsregeln, die es den Mitgliedstaaten erlaubt, die Melde- und Genehmigungsverfahren für die öffentliche Finanzierung der nationalen Verteidigungsindustrie zu umgehen, wenn diese Ausgaben eine Frage dringender nationaler Sicherheitsinteressen sind.
Das würde die Zusammenarbeit in Europa schwächen und die Entstehung echter europäischer Champions in der Verteidigungsindustrie schwieriger machen. Und es ist wenig hilfreich, dass Deutschland die Beschaffung fest in den Händen der nationalen Regierungen belassen will und eine stärkere Koordinierungsfunktion der Europäischen Kommission ablehnt. Was die Verteidigungsindustrie des Kontinents braucht, ist eine Europäisierung und ein Binnenmarkt für Rüstungsgüter, aber die Politik Berlins treibt diese Entwicklung nicht voran.
Frankreich, Italien, Schweden und andere Länder haben dieselbe Lücke in den EU-Vorschriften genutzt, um ihren Verteidigungssektor auszubauen. Ihre Verteidigungsindustrie ist groß genug, um die deutsche Dominanz abzufedern. Aber kein europäisches Land kann mit den Ausgaben Berlins mithalten. Deutschland hat kürzlich seine Schuldenbremse gelockert, um nahezu unbegrenzte Verteidigungsausgaben zu ermöglichen – eine Option, die den meisten europäischen Ländern mit größeren Defiziten nicht zur Verfügung steht.
Selbstgerecht und kurzsichtig
Die beste Lösung für dieses Dilemma wäre es, wenn die Europäische Kommission erhebliche gemeinsame Kredite für Verteidigungszwecke aufnähme. Ein Präzedenzfall dafür existiert bereits: die Eurobonds der EU-Kommission zu Zeiten der Corona-Krise. Berlin hat sich jedoch geweigert, eine derart weitreichende Verteidigungsinitiative zuzulassen. Stattdessen hat es nur bedingte Kreditprogramme wie EU SAFE befürwortet, das bis zu 175 Milliarden Dollar an günstigen Krediten für gemeinsame Verteidigungsprojekte bietet. Solche Programme können den konstanten Finanzbedarf für kapitalintensive Verteidigungsprojekte nicht decken. Sie sind auch gering im Vergleich zu Deutschlands Plan, in den kommenden vier Jahren mehr als 750 Milliarden Dollar für Verteidigung auszugeben.
Deutsche Politiker sagen gern, sie wollten nicht für die überbordenden Ausgaben von EU-Regierungen aufkommen, wenn diese finanziell weniger verantwortungsbewusst seien; und schon gar nicht, solange das Wachstum des eigenen Landes stagniere. Dieses Argument ist jedoch selbstgerecht: Berlins ausgeglichene Haushalte und das Wirtschaftswachstum der Vergangenheit wurden über viele Jahre durch Exporte nach China und billige russische Energie angetrieben, ohne Rücksicht auf die politischen Risiken, die damit verbunden waren.
Die Position Deutschlands ist aber auch kurzsichtig. Es liegt im Interesse Berlins, wenn andere Teile Europas viel Geld für Verteidigung ausgeben dürfen, ohne dass sie dafür Sozialleistungen kürzen müssen. Solche Kürzungen führen schließlich zu populistischen Gegenreaktionen, die die Einigkeit in Sachen Ukraine und die Verteidigungsbemühungen gegen Russland untergraben – genau der Grund, warum mehr Ausgaben erforderlich sind.
Berlin argumentiert, dass es Partnerschaften mit anderen europäischen Regierungen anstrebt, damit Deutschlands Verteidigungsausgaben der gesamten Nachbarschaft zugutekommen. Auch für den Fall, dass inländische Unternehmen am meisten von den deutschen Ausgaben profitieren, sei der Kuchen groß genug, damit jeder ein Stück abbekommt.
Als ausreichende Rückversicherung dafür, dass Deutschland die Interessen Europas im Blick behält, sieht Berlin die Stationierung deutscher Truppen im Baltikum und künftig möglicherweise in weiteren Ländern. Aber den anderen Staaten des Kontinents ein Stück vom Kuchen anzubieten, wird das Unbehagen über deutsche Dominanz wahrscheinlich nicht zerstreuen, insbesondere vor dem Hintergrund des Rückzugs der Vereinigten Staaten und der Unsicherheit in Sachen NATO. Bei aller Begeisterung, die die Europäer derzeit für die deutsche Wiederaufrüstung empfinden, beginnen viele sich zu fragen, wie Berlins militärische und industrielle Dominanz in Europa eingebettet werden kann. Sie wollen, dass Deutschland seinen Beitrag leistet, ohne seine Macht auszunutzen.
Spielball der Großmächte
Deutschlands Politiker weisen solche Bedenken zurück. Sie argumentieren, dass die Nachbarn nicht gleichzeitig ein schwaches Berlin und ein starkes Berlin haben können, das Europa verteidigen kann. Ihre Haltung gegenüber den Fragezeichen in Europa scheint zu sein, dass der Kontinent, der selbst um den Aufbau gebeten hat, sich nun nicht darüber beschweren darf.
Dieses Argument wird aber im Zweifel nicht verfangen. Paris gefällt die Vorstellung nicht, dass Deutschland die militärische Großmacht Europas sein könnte, weil es glaubt, dass dies die Rolle Frankreichs sein müsse. Es wird aufmerksam alle Anzeichen beobachten, die darauf hindeuten, dass Deutschland nach Atomwaffen streben könnte – dem einzigen Bereich, in dem Frankreich noch überlegen ist.
Einige polnische Politiker befürchten, dass ein militärisch starkes Deutschland eines Tages wieder freundschaftliche Beziehungen zu Russland aufnehmen könnte. Dazu kommt die Sorge, dass ein dominantes Deutschland die Rolle kleinerer EU-Staaten marginalisieren könnte.
Wer verstehen will, warum die Europäer eine deutsche Dominanz fürchten, muss nicht einmal ein Jahrhundert zurückblicken; ein Jahrzehnt würde ausreichen. Während der Finanzkrise in Europa in den 2010er Jahren waren mehrere EU-Länder hoch verschuldet und benötigten Rettungsmaßnahmen der EU. In der Praxis bedeutete das, dass sie die Zustimmung Deutschlands, der größten und reichsten Volkswirtschaft der Eurozone, für Rettungsmaßnahmen einholen mussten.
Doch anstatt Solidarität zu zeigen und diesen Staaten mit seinem enormen Reichtum großzügig zu helfen, sorgte sich Berlin um seine finanzpolitische Verantwortung und verhängte im Rahmen der Rettungspakete harte Sparmaßnahmen, die zu einer zweistelligen Arbeitslosenquote und anhaltendem Elend in den Schuldnerländern führten.
Wenn Deutschland keine Schritte unternimmt, um Misstrauen und Unbehagen abzumildern, könnte ein Wettbewerb nach Europa zurückkehren. Um ein Gegengewicht zur militärischen Macht Berlins zu schaffen, könnte ein Land wie Polen eine engere Allianz mit den baltischen und nordischen Ländern sowie Großbritannien in der Joint Expeditionary Force anstreben. Es könnte auch einen Beitritt zur Nordisch-Baltischen Acht (NB8) in Betracht ziehen, einem regionalen Kooperationsrahmen zwischen Dänemark, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen und Schweden.
All das könnte zu einer Fragmentierung der europäischen Verteidigungsbemühungen führen. Frankreich könnte auch versucht sein, seine Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen, um trotz aller Finanzprobleme zu Deutschland aufzuschließen und es in Schach zu halten. Auch eine engere Zusammenarbeit mit London böte sich an, um ein Gegengewicht zu Berlin zu schaffen.
Wenn Europa durch interne Konkurrenz gespalten und destabilisiert wird, könnte das eine Lähmung von EU und NATO bedeuten. Russland dürfte seine Gelegenheit wittern, die Verpflichtung der NATO zur kollektiven Verteidigung gemäß Artikel 5 auf die Probe zu stellen, zusätzlich zu seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine. China könnte den Kontinent wirtschaftlich ausbeuten und Europas Industrie schwächen. Europa hätte Schwierigkeiten, sich zu verteidigen, insbesondere ohne die Unterstützung Washingtons. Und wenn die Vereinigten Staaten sich gar, wie im Falle Grönlands, feindselig gegenüber Europa verhalten, werden sie leicht den Kontinent manipulieren können. Mit anderen Worten: Ein gespaltenes Europa würde zu einem Spielball der Großmächte werden.
Was, wenn die AfD gewinnt?
Ein militärisch dominantes Deutschland könnte sich dann als gefährlich erweisen, wenn die Parteien der Mitte in Deutschland an Macht einbüßen. Das Land steht zwar erst in drei Jahren vor nationalen Wahlen, doch die AfD liegt derzeit in den nationalen Umfragen an erster Stelle. Die AfD will eine deutsche Verteidigungsindustrie, die unabhängig von den traditionellen Verbündeten Berlins agieren kann. Wenn sie die Macht auf Bundesebene gewinnt, wird die AfD das deutsche Militär so einsetzen, wie Margaret Thatcher es einst befürchtet hatte: um Druck gegenüber Deutschlands Nachbarn auszuüben.
Die Rückkehr des Revisionismus und Revanchismus unter der AfD würde schrittweise und dann plötzlich erfolgen. In einem ersten Schritt könnte die CDU, die sich derzeit noch entschieden gegen die AfD stellt, zulassen, dass die Rechtspopulisten sie indirekt als Führerin einer konservativen Minderheitsregierung stützen. Vertreter der AfD würden auf ein Ende der Hilfe für die Ukraine drängen, könnten aber auch Spannungen mit Deutschlands Nachbarn schüren, indem sie irredentistische Behauptungen über Gebiete aufstellen, die einst von Berlin kontrolliert wurden, wie beispielsweise einige der ehemaligen Ostgebiete.
Ein Deutschland unter AfD-Führung könnte sich zu einer eigenständigen, nationalistischen und militaristischen Hegemonialmacht in Europa entwickeln
Eine CDU-Minderheitsregierung würde darauf bestehen, dass sie nur in bestimmten Fragen mit der AfD zusammenarbeitet und dass die wichtigsten Grundsätze Deutschlands in der Außen- und Verteidigungspolitik unverändert bleiben. Aber die neue Machtposition der AfD würde unweigerlich zu einem Vertrauensverlust und Spannungen mit anderen europäischen Ländern führen. In einem noch gefährlicheren Szenario aber könnte die AfD offizieller Partner in einer Koalitionsregierung werden – oder sogar deren Führer. Sie würde dann darauf drängen, Deutschland formell aus den westlichen Strukturen herauszulösen oder diese von innen heraus zu schwächen.
Sie würde versuchen, die EU zu einem illiberalen „Europa der Nationen“ ohne den Euro als gemeinsame Währung umzugestalten und damit die Integration Deutschlands in den Kontinent rückgängig zu machen. Die AfD würde sich wahrscheinlich aus der NATO-Verteidigung gegen Russland zurückziehen, sich für eine Beschwichtigung des Kremls entscheiden und darauf drängen, die deutsche Brigade aus Litauen abzuziehen.
Sie könnte auch versuchen, Berlin zum vollständigen Austritt aus der NATO zu bewegen – es sei denn, die NATO würde von einem illiberalen Amerika angeführt. Sie könnte die Zusammenarbeit und Aussöhnung mit Frankreich und Großbritannien zunichte machen. Deutschland würde sich zu einer eigenständigen, nationalistischen und militaristischen Hegemonialmacht in Europa entwickeln.
Als Reaktion darauf würden Frankreich, Polen und Großbritannien mit ziemlicher Sicherheit Gegenkoalitionen bilden, um Deutschland in Schach zu halten, selbst wenn sie ebenfalls von rechten Parteien regiert würden. Andere europäische Staaten könnten dasselbe tun. Ein von der AfD geführtes Deutschland würde eigene Allianzen suchen – beispielsweise mit Österreich oder mit Ungarn. Die Fähigkeit des Kontinents, sich gegen äußere Bedrohungen zu verteidigen, würde damit zunichte gemacht. Die Europäer würden sich wieder gegenseitig beharken, genau das, was die Vereinigten Staaten seit Langem zu verhindern versuchen.
Goldene Handschellen
Es gibt einen Weg für Berlin, wieder aufzurüsten, ohne Europa in eine Ära der Konkurrenz und der Rivalität zurückzuversetzen – vielleicht sogar dann, wenn Deutschland irgendwann von der AfD regiert werden sollte. Die Lösung besteht darin, dass das Land akzeptiert, was der Historiker Timothy Garton Ash vor drei Jahrzehnten als „goldene Handschellen“ bezeichnet hat: Einschränkungen seiner Souveränität durch eine stärkere Integration mit seinen europäischen Nachbarn – siehe Konrad Adenauer, siehe Helmut Kohl.
Die heutigen Politiker sollten diesen Beispielen folgen. Sie können damit beginnen, dass sie eine groß angelegte gemeinsame europäische Verschuldung für Verteidigungszwecke akzeptieren. Im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern sind die Kreditkosten der Gesamt-EU niedrig, und als größte Volkswirtschaft der Eurozone kann es sich Deutschland leisten, als Garant der letzten Instanz zu fungieren. Dadurch würde die militärische und industrielle Macht Deutschlands in Europa noch stärker eingebettet, da Berlin die finanzielle Verantwortung für die Aufrüstung des Kontinents übernehmen würde.
Deutschland sollte sich auch für eine stärkere Integration der Verteidigungsindustrien Europas einsetzen, indem es mehr Zusammenarbeit bei seinen eigenen Projekten anstrebt, anstatt große Summen nur für inländische Unternehmen auszugeben. Ebenso sollte Deutschland echte europäische Verteidigungsunternehmen wie Airbus fördern, das als europäisches Luftfahrtkonsortium gegründet wurde, um eine Alternative zu amerikanischen Herstellern zu bieten.
All diese Maßnahmen würden nicht nur die Befürchtungen vor einer dominanten Rolle Deutschlands zerstreuen, indem sie sicherstellen, dass Berlins Verteidigungsindustrie auf andere angewiesen wäre. Sie würden auch zu einer größeren Reichweite und Effektivität in Europas Aufrüstung führen.
Schließlich sollten Deutschland und seine europäischen Verbündeten über eine tiefere militärische Integration nachdenken – zweifelsohne das ehrgeizigste Ziel. Da sich die Vereinigten Staaten zurückziehen, wird Europa außerhalb der NATO militärische Formate und Strukturen finden müssen, mit denen es sich verteidigen kann. Und obwohl eine europäische Armee auf absehbare Zeit unwahrscheinlich bleibt, werden die Länder des Kontinents größere multinationale Kontingente schaffen müssen, um Russland abzuschrecken.
Darüber hinaus wird der Kontinent europäische Kommandostrukturen schaffen müssen, die die Bundeswehr eng mit anderen Streitkräften verzahnen und in Zeiten transatlantischer Spannungen eine Alternative zu den NATO-Strukturen bieten könnten.
Eine tiefere europäische militärische Integration würde die Macht Deutschlands einschränken, indem sie das Land einer kollektiven Entscheidungsfindung unterwirft. Sie dürfte auch zur Absicherung gegen eine AfD-geführte Regierung beitragen, indem sie es ihr praktisch unmöglich machen würde, die Bundeswehr aus gemeinsamen Initiativen herauszulösen, ohne drastische und unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen – wie etwa den Austritt aus der EU oder anderen kooperativen europäischen Institutionen. Die „Koalition der Willigen“, deren Einsatz in der Ukraine verschiedene europäische Politiker vorgeschlagen haben, könnte als erster Testlauf dafür dienen.
Das Risiko einer Spaltung des Kontinents sollte Washington davon abhalten, sich zurückzuziehen – und insbesondere davon, die AfD zu unterstützen. Sollte Europa in eine Konkurrenz der Großmächte zurückfallen, müsste Washington möglicherweise mehr Ressourcen für den Kontinent bereitstellen als in den vergangenen Jahrzehnten, um zu verhindern, dass Europa in Konflikte abgleitet. Ein solches Ergebnis sollte das Weiße Haus eigentlich vermeiden wollen.
Aber es muss ja gar nicht dazu kommen, dass Europa instabil und fragmentiert ist – selbst in einer Zeit, in der sich Amerika weniger engagiert. Die europäischen Länder haben in den vergangenen acht Jahrzehnten gelernt, sich auf eine Weise zu integrieren und zusammenzuarbeiten, die frühere Beobachter als Fantasie abgetan hätten.
Tatsächlich ist seit der Invasion Russlands in der Ukraine die Eintracht auf dem Kontinent heute größer als je zuvor in der Geschichte. Europa hat viele Möglichkeiten, ein Sicherheitsdilemma zu vermeiden, in dessen Mittelpunkt ein dominantes Deutschland steht. Der brutale Druck aus Washington könnte den Kontinent sogar noch weiter vereinen und eine stärkere europäische Identität schaffen.
Um ein solch positives Ergebnis zu erreichen, braucht es Zurückhaltung, Weitsicht und Glück. Aber die Politiker des Kontinents müssen hart dafür arbeiten. Es steht zu viel auf dem Spiel – und die Alternative ist undenkbar.
Übertragen aus dem Englischen von Martin Bialecki
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 03. März 2026
Teilen
Themen und Regionen
Artikel können Sie noch kostenlos lesen.
Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.