Perspektiven

08. Dez. 2025

Wer Trump umarmt, braucht ein starkes Rückgrat

Die Europäer haben im vergangenen Jahr den Fokus darauf gelegt, dem US-Präsidenten zu schmeicheln. Es ist an der Zeit, mehr auf sich selbst zu schauen. 

Sophia Besch
Liana Fix
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Bild: NATO-Generalsekretär Mark Rutte grinsend neben Donald Trump
Gute Miene zum bösen Spiel: Europäische Staats- und Regierungschefs sowie NATO-Generalsekretär Mark Rutte setzen gegenüber Trumps USA bisher zu stark auf „Hugging“ und zu wenig auf „Hedging“.
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Im September 2024 argumentierten wir in dieser Zeitschrift, dass Deutschland und Europa sich weder von Alarmismus noch Spekulationen über eine mögliche Wiederwahl Donald Trumps leiten lassen sollten (siehe: „Ein Plan für Trump“ in IP 5/2024). Stattdessen brauche es neue, flexible Formate, um sich taktisch klug auf den Politikstil des damaligen Ex-Präsidenten einzustellen. Tatsächlich hat das von uns vorgeschlagene „Sept“-Format (in dieser oder ähnlicher Zusammensetzung) als europäischer Koordinationsmechanismus maßgeblich dazu beigetragen, die gravierendsten Krisen abzuwenden, sowohl in den zähen Ukraine-Verhandlungen als auch mit Blick auf den Erhalt der NATO.

Heute zeigt sich: Europas Staats- und Regierungschefs priorisieren „gute Treffen“ mit Trump. Das ist in der Praxis zwar erniedrigend, aber nicht besonders schwierig. Denn Schmeicheleien wirken, während Sachpolitik den US-Präsidenten nur begrenzt interessiert. Doch nach einem Jahr Trump II ist klar, dass Trump-Management allein nicht ausreicht. In der Realität handelt es sich um reines Krisenmanagement – wirksam für vielleicht 24 Stunden, bevor Präsident oder Administration wieder die Richtung ändern. Die endlosen Schleifen der Ukraine-Verhandlungen belegen dies eindrücklich.

Kein europäischer Staat, kein „Trump-Flüsterer“ hat es bislang geschafft, den Präsidenten oder seine Regierung nachhaltig zu beeinflussen. Die Illusion, Europa könne die transatlantische Beziehung – und vor allem die US-Sicherheitsgarantien – unter Kontrolle halten, ist gefährlich. Trump ist nicht dauerhaft managebar; disruptive Schocks können jederzeit eintreten. Wer ihm Schwäche signalisiert, motiviert ihn lediglich, weitere Zugeständnisse zu erzwingen. Europäische Entscheidungsträger wissen das, doch sie sehen bislang kaum Alternativen.

Krisenmanagement bleibt notwendig, um Schaden zu begrenzen. Doch im ersten Jahr von Trump II lag der europäische Fokus zu stark darauf, Trump bei der Stange zu halten und Zeit zu gewinnen – und zu wenig auf mittel- und langfristiger strategischer Planung. Europa sollte daher ab sofort den Aufbau eigener wirtschaftlicher und militärischer Stärke priorisieren, um künftige disruptive Schocks aus Washington abzufedern – erst recht nach der Vorlage der Nationalen Sicherheitsstrategie.

Der Politikwissenschaftler Richard J. Samuels beschreibt Japans Ansatz gegenüber den USA als „Hugging and Hedging“ – demonstrative Nähe zu Donald Trump bei gleichzeitiger Absicherung gegen Risiken. Europa hat sich bisher fast ausschließlich auf das „Hugging“, also das Umarmen Trumps konzentriert. Jetzt braucht es endlich das „Hedging“.


Ein improvisiertes Playbook

Das erste Jahr von Trump II war im Stil und in der Substanz disruptiver, als viele Beobachter erwartet hatten, die sich in vermeintlicher Vertrautheit mit Trump I wähnten. Und doch blieb der große Schock bislang aus: Die NATO existiert weiter und die Mitgliedstaaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben signifikant oder versprechen dies zumindest. Die EU zahlt zwar 15 Prozent Zölle, aber eine schwere Wirtschaftskrise blieb aus. Die Ukraine hat bislang alle Versuche abgewehrt, sie in einen nachteiligen Deal mit Russland zu zwingen.

Dass das Resultat weniger negativ ist als befürchtet, liegt maßgeblich an Europas Krisenmanagement. Die Europäer haben gelernt, „Trump zu sprechen“. Sie haben Koordinationsmechanismen geschaffen und ein improvisiertes Playbook aus Schmeichelei, Shuttle-Diplomatie, Ablenkung, finanziellen Anreizen und Verzögerungstaktiken angewandt. Bisweilen funktioniert dieses Instrumentarium. Im Zweifel waren die Europäer bereit, schmerzhafte Kompromisse einzugehen, die mitunter an politische Schutzgelderpressung erinnerten.

Doch diese vermeintlichen Erfolge könnten Europa verleiten, den Einfluss auf Trump zu überschätzen und zu glauben, Krisenmanagement allein werde ausreichen, um die nächsten drei Jahre zu überstehen. Das wäre eine Illusion. Trump und seine Regierung können die transatlantischen Beziehungen jederzeit und immer wieder zerrütten. 


Der nächste Schock kommt garantiert

Nur weil der NATO-Gipfel im Juni 2025 in Den Haag erfolgreich verlief und Trump sich mit höheren Verteidigungsausgaben zufriedengab, heißt das nicht, dass das Bündnis nicht jederzeit wieder ins Wanken geraten kann. Auch die Zusicherung des US-Vertreters bei der NATO, Matthew Whitaker, die Force Posture Review (die Neubewertung der weltweiten US-Truppenstationierungen) werde keine „strategischen Lücken“ hinterlassen und ein möglicher Truppenabzug würde koordiniert erfolgen, ist wenig verlässlich. Die USA können immer Truppen aus Europa abziehen – mit Signalwirkung nach Moskau.

Ein weiteres Beispiel ist das Handelsabkommen zwischen den USA und der EU. Es wurde politisch von vielen als entwürdigend wahrgenommen, auch wenn der ökonomische Schaden begrenzt bleibt. Das Ergebnis spiegelt weder das tatsächliche wirtschaftliche Gewicht der EU wider noch die Hebel, über die sie bei den Verhandlungen verfügte. Europa wirkt schwach – und Trump verbucht die Einigung als Sieg. Gleichzeitig kündigt sich bereits der nächste Konflikt an: in der Technologie- und Digitalregulierung. US-Tech-Konzerne lobbyieren aggressiv in Washington; das europäische Entgegenkommen ermutigt das Weiße Haus, noch entschiedener im Sinne des Silicon Valley Druck auszuüben.

Anstatt darauf zu hoffen, Trump beeinflussen zu können, sollten die Europäer sicherheits- und wirtschaftspolitisch ­eigenständiger werden. Nur wenn hinter den unvermeidlichen Demütigungen eine glaubhafte Strategie zur Stärkung europäischer Autonomie steht, lässt sich das aktuelle „Trump-Hugging“ rechtfertigen. Europa braucht einen belastbaren Plan B für den Aufbau eigener militärischer Stärke für den Fall, dass die USA nicht zu Hilfe kommen. Strategische Planung für die Sicherheit Deutschlands und Europas – im schlimmsten Fall auch ohne die USA – darf auf der Prioritätenliste nicht nach unten rutschen, nur weil das tägliche Krisenmanagement so viel Zeit bindet. Genau dafür versuchen die Europäer schließlich, mit Schmeicheleien Zeit zu kaufen.

Zudem wird reines Trump-Management immer schwieriger durch ein Legitima­tionsproblem in der europäischen Öffentlichkeit. Mit jedem neuen Konflikt wächst die Wahrnehmung, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs mit ihrem Anbiedern an Trump eine Politik der Beschwichtigung betreiben. Vielen Bürge­­-
r­innen und Bürgern ist nicht bewusst, wie existenziell abhängig Europa von den USA für seine eigene Verteidigung ist und wie überwältigend die amerikanische Eskalationsdominanz bleibt. Das verstärkt die Illusion, Europa müsse nur „mutig genug“ sein, um Trump die Stirn zu bieten. 

Um diesem Dilemma zu entkommen, müssen europäische Regierungen deutlicher machen, dass ihre Strategie nicht nur aus Hugging, sondern ebenso aus Hedging besteht: der systematischen wirtschaftlichen und militärischen Absicherung Europas. Kurzum: Wer Trump umarmt, braucht ein starkes Rückgrat – militärisch und ­wirtschaftlich.


Europa braucht einen echten Plan B

Doch fragt man europäische Diplomatinnen und Diplomaten nach einem Plan B für die europäische Selbstbehauptung ohne oder mit weniger USA, wird es schnell still. Die Sorge vor einer selbsterfüllenden Prophezeiung blockiert ehrliche Debatten. Sie verhinderte schon 2016 eine ernsthafte Vorbereitung auf Trump I, und erneut 2024, als viele in Berlin schlicht nicht glauben wollten, dass Trump zurückkehren könnte. Selbst wenn, dann seien es „ja nur vier Jahre“, wie ein hochrangiges deutsches Regierungsmitglied sagte. 

Mit der Trump-Regierung lässt sich kaum ein gemeinsamer Fahrplan entwickeln – weder für eine koordinierte Reduzierung der US-Militärpräsenz in Europa noch für den parallelen Ausbau europäischer Fähigkeiten. Für solche strukturellen Planungen ist diese US-Regierung mit ihrer Ad-hoc-Mentalität nicht zu haben. Und selbst ein formaler Plan wäre wenig wert, da die Europäer nicht darauf vertrauen könnten, dass die USA ihn einhalten. Stattdessen muss Europa in sich selbst investieren – und das schneller und entschlossener als bisher.

Unter Trump ist die Skepsis gegenüber Europa immerhin transaktional, nicht wie bei J. D. Vance ideologisch

Eine reine Erhöhung der Verteidigungsausgaben reicht nicht aus. Europa muss seine strategischen Fähigkeits- und Planungslücken schließen, belastbare Koordinations- und Kommandostrukturen aufbauen, eine ernsthafte Debatte über konventionelle und nukleare Abschreckung führen, gemeinsame Finanzierungsinstrumente wie europäische Schulden oder das SAFE-Programm nutzen und insgesamt eine koordinierte Rüstungsplanung vorantreiben, insbesondere in regionalen Formaten wie den „Nordic Baltic 8“. Parallel dazu muss Europa wirtschaftlich und industriell entlang der Linien gestärkt werden, die im Draghi-Bericht skizziert werden: Industriepolitik, Binnenmarktintegration, Handelsreformen sowie Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. Während in Berlin und anderen Hauptstädten Defätismus herrscht, kommen aus Brüssel derzeit die meisten kreativen Ideen.

„Nicht auf Trump schauen, sondern auf Europa“ sollte die Leitlinie für das zweite Amtsjahr von Trump II sein. Die Hoffnung auf die Midterms ist kein Ersatz für strategisches Handeln. Der wichtigste Grund, warum Europa Trump nicht einfach aussitzen kann, ist sein möglicher Nachfolger: Ein isolationistischer Präsident wie J. D. Vance wäre für Europa die deutlich schlechtere Option. In einem solchen Szenario würden sich viele europäische Hauptstädte noch sehnsüchtig an Trump zurückerinnern. Denn unter Trump ist die Skepsis gegenüber Europa immerhin transaktional, nicht ideologisch.

Europa darf die verbleibende Vorbereitungszeit nicht verspielen, schon gar nicht aus Angst vor einer imaginären selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Erfahrung der vergangenen Dekade zeigt, wie teuer Versäumnisse werden: Hätten die Europäer vor zehn Jahren begonnen, konsequent in ihre sicherheitspolitische und industrielle Handlungsfähigkeit zu investieren, stünde der Kontinent heute sehr viel besser da. Diesen Fehler darf Europa unter Trump II – und erst recht mit Blick auf eine ungewisse Zukunft nach dieser Präsidentschaft – kein weiteres Mal wiederholen.    
 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 56-59

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Sophia Besch
Liana Fix

Ein Plan für Trump: Europa vor den US-Wahlen

Schluss mit Alarmismus und Spekulation: Um sich taktisch klug für den Trumpschen Politikstil aufzustellen, müssen Deutschland und Europa neue und innovative Formate entwickeln.

Dr. Sophia Besch ist Senior Fellow im Europa-Programm der Carnegie Endowment for International Peace in Washington, D.C.

Dr. Liana Fix ist Senior Fellow für Europa am Council on Foreign Relations (CFR) in Washington, D.C.

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