„Europäische Verteidigungsunion“
Gemessen an der stetig wachsenden Zahl von Instrumenten und Initiativen geht es in der europäischen Sicherheitspolitik mit großen Schritten voran. Beim Erfinden immer neuer Akronyme ist Europa heute schon Großmacht: PESCO, CARD, GASP, EDIRPA, EDIS, EDIP, EDF und SAFE – alles für sich genommen sinnvolle Instrumente. Mit jedem neuen Kürzel wird allerdings auch klar, was in Europa fehlt: politische Autorität, zentrale Steuerung und ein gemeinsames Ziel.
Dafür steht der Begriff, in dem alle Anstrengungen zusammenlaufen sollen: „Europäische Verteidigungsunion“ (EVU). Das ist der Name für den seit 2017 bestehenden Konsens, mehr Gemeinsamkeit in Sicherheit und Verteidigung herzustellen.
Im Mai 2026 warben Abgeordnete des Europaparlaments in einem Offenen Brief für eine „European Defence Union“. Kein Ersatz für die NATO, aber doch ein Backup für den Fall, dass die Allianz nicht handlungsfähig ist. Sich auf den Schutz der USA zu verlassen, wäre ein „riskantes Spiel“.
Bislang ist die EVU kaum mehr als der Name für eine große Ambition. Europäische Autonomie wird nicht naturwüchsig aus einzelnen Initiativen entstehen.
Der Begriff erinnert nicht von ungefähr an Konrad Adenauers Projekt der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Diese Idee stößt heute wieder auf Interesse, bemerkenswerterweise vor allem bei prominenten Grünen. Joschka Fischer, der erste grüne Außenminister und seit Jahren bekennender Adenauer-Fan, lässt sein neues Buch („Wer sind wir?“) auf die Pointe hinauslaufen, die EU müsse ihre Verteidigung unabhängig von den USA organisieren – und dabei solle man sich die Konzepte des ersten Bundeskanzlers noch einmal gründlich ansehen.
Auch die Idee der grünen Parteivorsitzenden Franziska Brantner, die sie kürzlich in Oxford vorgestellt hat, läuft auf Adenauer 2.0 hinaus. Sie skizziert ein „Souveränitäts-Projekt“ mit Truppen unter einem europäischen Kommando, mit eigenen Entscheidungsstrukturen, gemeinsamer Beschaffung, einer europäischen Rüstungsbehörde und einem integrierten Verteidigungsbinnenmarkt.
Adenauers EVG ist 1954 an einem Veto der französischen Nationalversammlung gescheitert. Ausschlaggebend war das Motiv der Souveränität, das auch heute wieder viele Debatten in Europa antreibt. Deutschland und Frankreich liegen dabei über Kreuz. Deutschland konnte nur (wieder) souverän werden, indem es sich einbinden ließ („nie wieder allein“). Frankreich hat einen anderen Schluss aus den Weltkriegen gezogen: Nationale Entscheidungsfreiheit geht im Zweifelsfall über Bündnisse („nie wieder abhängig“).
Weithin vergessen ist heute, dass die EVG, nicht die NATO, Adenauers Präferenz für die Westbindung Deutschlands war. Die Gründung der Bundeswehr und die Aufnahme in die NATO folgten aus dem Scheitern der EVG.
Wachsende Zweifel an der Verlässlichkeit der NATO unter US-Führung lenken heute den Blick zurück. Die Präsenz der USA als Schutzmacht hat lange die innereuropäischen Debatten darüber ruhig gestellt, wie die Europäer ihre eigene Sicherheit garantieren können. Das ist vorbei. Nun liegt die alte Frage wieder auf dem Tisch, ob die Nationen des Kontinents Souveränität in Gemeinschaft finden können.
Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 15