Reportage

03. Januar 2022

Erstickte Hoffnungen

Das Leben am Tschadsee, einst ein Paradies, ist heute ein ständiger Kampf: Gegen die Folgen des Klimawandels, die den Fischern ihre Arbeitsmöglichkeiten rauben. Und gegen ein dysfunktionales politisches System sowie gegen die Terrorgruppe Boko Haram. Menschen wie Sasiru Saidu wagen immer wieder den Neuanfang, um im Flüchtlingslager Dar Es Salam nicht nur von fremder Hilfe abhängig zu sein.

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Bild: Ein Mann steht am Ufer des von Gras überwachsenen Tschad-Sees
Der Tschadsee war einst eine der gewaltigsten Süßwasserquellen des Planeten. Heute ist er ein seichtes Gewässer. Nasiru Saidu wagt sich in Tagal einige Schritte auf das schwimmende Gras. Die Pflanzen haben den Zugang zum Wasser überwuchert.
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Wo einst das Ufer des Tschadsees verlief, sind nur noch Matsch und Gestrüpp zu sehen. Auf dem Wasser treibt eine Zentimeter dicke Erdschicht, sie spannt sich wie ein Teppich über den See. Aus der Erdschicht sprießen mannshohe Pflanzen. Ihre sichelartigen Spitzen reichen bis zum Horizont. Wissenschaftler ordnen die Pflanzen, die auf dem Wasser wachsen, unter anderem der Gattung „Typha“ zu.

Sie srechen von einem Naturphänomen. Die Menschen am Tschadsee nennen sie „schwimmendes Gras“ und bezeichnen sie als Plage.


„Wir haben hier früher gefischt“, sagt Nasiru Saidu. Kaum vier Jahre sei es her, dass hier, vor dem Ort Tagal im Tschad, Hunderte Männer mit ihren Pirogen in See stachen und ihre Netze und Fallen auswarfen. „Aber auch Fische brauchen Luft zum Atmen“, sagt Saidu. Das Gras habe die Tiere unter sich erstickt. Die einzigen Pirogen, die noch am Ufer zu sehen sind, vergammeln in der feuchten Erde.


Rund um den Tschadsee entspinnt sich eine der vielschichtigsten Krisen unserer Zeit: Armut und Hunger sind extrem, die Bevölkerung wächst rasant, bewaffnete Gruppen terrorisieren Menschen, korrupte Regierungen beuten sie aus. In den vergangenen Jahrzehnten wurde zudem die Natur lebensfeindlicher. Der Klimawandel verstärkt die bestehenden Probleme und schafft neue, wie Typha. „Es ist merkwürdig“, sagt der 45-jährige Saidu. „Plötzlich ist dieses Gras da, und wir können nur rätseln, wo es herkommt.“ Der Tschadsee, einst eine der gewaltigsten Süßwasserquellen des Planeten, ist heute ein seichtes Gewässer, oft nur ein paar Meter tief. Seine Wassermenge schwankt stark zwischen Trocken- und Regenzeiten. Das begünstigt das Phänomen. Steigende Temperaturen fördern es weiter. Und in der Region steigen die Temperaturen schnell – eineinhalb Mal so schnell wie im Rest der Welt.


Die Menschen am Tschadsee sind seit jeher anpassungsfähig, doch immer mehr verlieren endgültig ihre Existenzgrundlage. Viele sehen nur noch einen Ausweg: die Flucht. Seit Anfang 2020 hat sich die Zahl der Binnenvertriebenen im Tschad von knapp 200 000 auf mehr als 400 000 verdoppelt. Zudem sind mehr als 500 000 Flüchtlinge aus anderen Staaten Afrikas im Land unterwegs. Menschen aus Niger, Nigeria und Kamerun, den übrigen Anrainerstaaten des Tschadsees, suchen ein besseres Leben. Oft vergeblich. Ein besseres Leben scheint es in diesem Teil der Welt nicht mehr zu geben. Die Menschen werden zu Heimatlosen, die nie zur Ruhe kommen.


Am Tschadsee ist zu beobachten, was auf viele Regionen der Welt zukommen könnte. Gelingt es nicht, die globalen Emissionen erheblich zu senken, werden die Folgen des Klimawandels laut einem Bericht der Weltbank bis zum Jahr 2050 mehr als 200 Millionen Menschen vertreiben. Wie viele davon nach Europa kommen, ist nur schwer zu schätzen, derartige Prognosen sind komplex und unsicher.


„Man kann über das schwimmende Gras gehen“, sagt Saidu. „Niemals stehen bleiben, sonst brichst du durch.“ Zwei Jugendliche kommen vorbei. Sie ziehen ihre langen Hosen aus, dann laufen sie hinaus auf den Typha-Teppich. Bei jedem ihrer Schritte sinkt die dünne Erdschicht unter ihren Füßen einige Zentimeter ab. Sie tragen Speere, deren metallene Spitzen im Takt ihrer Schritte wie Metronome über ihren Köpfen wippen. Die Speere seien ein notwendiger Schutz, sagt Saidu und blickt den Jugendlichen lange nach. „Das ist kein Ort mehr für den Menschen. Dieser Teil des Sees gehört jetzt Alligatoren und Flusspferden.“ Tagal, sagt er, sei verloren. Und Saidu weiß, wovon er spricht. Typha ist für ihn nur die jüngste in einer Serie von Plagen.


Der Tschadsee war einst ein Paradies. Saidu stammt aus einer Fischerfamilie aus Nigeria, am westlichen Ufer des Sees. In den 1960er Jahren war er 25 000 Quadratkilometer groß. Ohne dieses gewaltige Wasservorkommen hätte sich das Leben im Sahel, dem Übergang der Sahara-Wüste im Norden Afrikas in die feuchteren Gefilde des südlicheren Afrikas, nie derart entwickelt. Doch als Saidu 1976 zur Welt kam, befand sich dieses Naturwunder bereits in einem dramatischen Wandel. Eine Jahrhundertdürre hatte den Sahel erfasst. Saidu wuchs in einem einfachen Haus im Dorf Doron Baga auf. Während der Regenzeit lag es direkt am Wasser. Die Fische, die er mit seinem Vater fing, waren so fett, dass er sie alleine nicht tragen konnte. Doch seit den 1970er Jahren zog sich das Wasser zurück. In der Trockenzeit konnte Saidu es vom Haus aus bald nicht mehr sehen. Die Fische, die mal etliche Kilo gewogen hatten, waren nun oft so klein, dass sie nicht mehr in den Maschen der Netze stecken blieben.


Alles, was lebte, drängte sich in diesen Jahren um den immer kleiner werdenden See. Und so fand sich Saidu im Kampf um Lebensraum – wie viele Jahre später die Jugendlichen von Tagal – mit Alligatoren und Flusspferden im Wettstreit. Saidu gab damals schon einmal die Fischerei auf. Er fing an, Gemüse anzubauen. Mais, Hirse, Cassava, Zwiebeln. Doch auch das ging nicht lange gut. Anfangs konnte er seine Felder noch mit Seewasser bewässern. Doch bald war das Ufer auch dafür zu weit weg. Er musste immer aufwändigere Brunnen und Bewässerungssysteme bauen.


Anfang der 1990er Jahre betrug die Fläche des Tschadsees nur noch 2000 Quadratkilometer, nicht mal ein Zehntel ­seiner ursprünglichen Größe. In der Jahrhundertdürre im Sahel starben Schätzungen zufolge eine Million Menschen. Saidu wechselte ein weiteres Mal das Metier. Er verdingte sich als Händler. Statt sie anzubauen, kaufte er fortan Zwiebeln. Er organisierte für Bauern den Verkauf auf Märkten in der Region. Reich wurde er damit nicht, doch seine Familie konnte sich ein bescheidenes, ruhiges Leben leisten. Bis zu einem Januarmorgen 2015.


Armut und Verzweiflung schaffen oft Wut. Und Wut führt zu Gewalt. Es war fünf Uhr, als Saidu Schüsse hörte. Sie hallten von einem nahen Militärcamp in sein Dorf herüber. Er ahnte, was geschah. Seit einigen Monaten machte eine islamistische Terrorgruppe in Nigeria Schlagzeilen, ihr Name: Boko Haram. An jenem Januarmorgen griffen die Kämpfer an, sie überrannten das Militär, dann machten sie sich auf den Weg nach Doron Baga. Die Dorfbewohner hatten Glück, der Angriff fiel in die Regenzeit. Das Ufer des Tschadsees war nicht so fern. Während die Schüsse näher kamen, drängten 4000 Menschen ans Wasser, quetschten sich auf viel zu kleine Boote und stachen in See. Von jenen, die nicht schnell genug waren, hörte Saidu nie wieder. Mehr als 100 Menschen blieben zurück, darunter seine schwangere Schwester. Saidu und die anderen aus Doron Baga paddelten in eine ungewisse Zukunft. Nach einer Woche kamen sie auf der anderen Seite des Tschadsees an, im Tschad. Für viele von ihnen war dies nicht das Ende, sondern der Beginn ihrer Odyssee.


Die Flüchtlinge sind abhängig von humanitärer Hilfe

Das Flüchtlingscamp Dar Es Salam liegt mitten im Nirgendwo. So weit das Auge reicht, nur loser, gelber Sand. Zäune aus vertrocknetem Schilf oder Holz markieren die einzelnen Grundstücke. In jeder dieser Parzellen befinden sich ein paar Hütten. Einige sind mit Plastikplanen bedeckt, auf denen das verwitterte Logo des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen zu erkennen ist: UNHCR. 18 000 Menschen leben in Dar Es Salam. Das Camp ist größer als die meisten Städte auf der tschadischen Seite des Sees. Hier hat Saidu nach seiner Flucht aus Nigeria Unterschlupf gefunden.


In seiner Parzelle liegen Töpfe und Sandalen im Sand, Wasserkanister und Plastiktüten, ein Solarpaneel. Es gibt keine Schränke, keinen Abstellraum, in denen er sie verstauen könnte. Saidu sitzt inmitten des Chaos und zeichnet mit seinem Finger kreisförmige Muster in den Sand. „Sie bedeuten nichts“, sagt er. Das Zeichnen beruhige ihn beim Erzählen. In Dar Es Salam schläft Saidu seit Jahren ohne Matratze auf dem Boden. Es gibt keinen Wasseranschluss in seiner Parzelle. Die einzige Stromquelle ist das Solarpaneel im Sand. Saidu teilt sich eine Hütte mit seiner Frau; für seine zehn Kinder gibt es eine zweite Hütte. Am Rande von Dar Es Salam blitzen weiße Zelte in der Sonne. Sie sind so groß wie Flugzeughangars. Auf den Zelten prangen die Insignien des Welt­ernährungsprogramms der Vereinten Nationen: WFP. Doch die Anlage wirkt eher wie eine Festung. Stacheldraht, Gatter und Schleusen umgeben sie, Männer in roten Uniformen patrouillieren dahinter.


Der Tschad, in den Saidu geflüchtet ist, zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Nach UN-Angaben sind 5,5 der rund 16 Millionen Bewohner von humanitärer Hilfe abhängig. Und es werden immer mehr. Frauen haben im Schnitt fünf bis sechs Kinder, hinzu kommen Flüchtlinge wie Saidu. Im Sommer 2021 sah sich das Welternährungsprogramm gezwungen, die Lebensmittelrationen für die Menschen im Tschad zu halbieren. Von 2100 Kalorien am Tag, dem Minimum für das Überleben, auf ungefähr 1000 Kalorien. Mehr war nicht finanzierbar.


Das WFP hat in etlichen Aufrufen an die Weltgemeinschaft appelliert zu helfen. Mit 600 Millionen Euro veranschlagte es den Bedarf. Doch selbst in der prekärsten Phase des Jahres, dem Übergang von der Trocken- zur Regenzeit, wurden die Appelle ignoriert. Die Vorräte gingen aus, die neue Ernte war noch nicht reif. Die Menschen litten, doch die UN-Staaten stellten kaum 10 Prozent der benötigten Gelder bereit. Seither ist der Anteil nur leicht gestiegen. Aktuell sind es 30 Prozent.


Saidu klagt nicht viel über seine Lage. Nur ein paar Kilometer von Dar Es Salam entfernt liegt Fourkouloum, eine Stadt aus Schilf- und Holzhütten mit 33 000 Bewohnern, das größte Camp für ­Binnenvertriebene. Die Menschen dort haben nicht genug Planen, um sich vor dem Wetter zu schützen: In der Regenzeit frieren sie im Matsch. Hilfe für Flüchtlinge ist seit der Migrationskrise 2015 Teil der europäischen Abschottungspolitik. Für Menschen dagegen, die im eigenen Land fliehen, gibt es kaum Spendenbereitschaft.


Saidu zeichnet einen weiteren Kreis in den Sand seiner Parzelle. Das Schlimmste sei die Abhängigkeit vom Wohlwollen Anderer. „Wenn Menschen immer wieder Hilfsgüter bekommen, sind sie irgendwann darauf angewiesen“, sagt er. 2017 gründete er einen Verein für ehemalige Fischer. Das Ziel: In den Gewässern nahe Dar Es Salams eine neue Existenz aufzubauen. Die Vereinten Nationen und die deutsche Regierung unterstützen die Initiative. Sie besorgten Fischereiausrüstung und Material für Boote. Einstige Fischer wie Saidu, die ihr Hab und Gut in Nigeria zurücklassen mussten, hatten plötzlich wieder eine Chance. Sie versorgten damit auch Alteingesessene – ein Versuch, Neid und Konflikte zu mildern. Im Tschad geht es schließlich fast allen schlecht.


Einen vierstündigen Marsch vom Flüchtlingslager Dar Es Salam entfernt schien es den perfekten Ort zu geben, um von vorn anzufangen. Ein Ausläufer des Tschadsees, weit weg von Boko Haram und noch voll mit Fisch: das Ufer von Tagal. Niemand ahnte, dass sich dort ein Teppich aus Gras über das Wasser spannen und Fische und Hoffnungen unter sich ersticken würde.
Die Klimakrise nimmt selbst den anpassungsfähigen Menschen am Tschadsee ihre Möglichkeiten, auf die ohnehin prekäre Lage in der Region zu reagieren. Das Typha-Phänomen hat mittlerweile gewaltige Ausmaße angenommen. Die Berliner Denkfabrik adelphi hat in einer Studie festgestellt, dass der Tschadsee nach den extremen Dürren der 1970er und 1980er Jahre wieder gewachsen ist. Grund dafür sind starke Regenfälle in der Region. Die Oberfläche des Sees nahm von 2000 auf rund 13 000 Quadratkilometer zu. Doch davon sind laut der Studie nun schon mehr als 5000 Quadratkilometer zugewuchert. Und niemand unternimmt etwas dagegen.


Das Elend am Tschadsee kann jedoch nicht allein den steigenden Temperaturen zugeschrieben werden. Auch das dysfunktionale politische System und Politiker, die die Bedürfnisse der Bevölkerung vernachlässigen, spielen dabei eine zentrale Rolle. Zu diesen Politikern gehörte Idriss Déby, der vor 30 Jahren die Macht im Tschad übernahm und nicht mehr von ihr ließ. Déby lagerte den Aufbau lebenswichtiger Infrastruktur an internationale Organisationen aus. Einen großen Teil der Staatseinnahmen investierte er in sein Militär. Die Streitkräfte unterdrückten Aufstände; zuletzt kamen sie aber auch im Ausland wie beim Kampf gegen Dschihadisten in Mali zum Einsatz. Für die ehemalige Kolonialmacht Frankreich avancierte deshalb ausgerechnet Déby zum Stabilitätsfaktor in einer instabilen Region. Auch EU und USA setzten auf den Marschall. Der militärische „Kampf gegen den Terror“ hat seit Jahren Priorität in der Region. Als Boko Haram erstarkte und sich im gesamten Tschadseebecken ausbreitete, trug das dazu bei, Débys Macht zu festigen.


In Bol, der Hauptstadt der See-Provinz, steht ein sandfarbenes Militärzelt. Darunter sitzt ein Mann – perfekt rasiert und in makellos weißem Gewand. Colonel Hissein Yusubo Tegen ist Chef der Gendarmerie am Tschadsee. Er beschreibt den Kampf gegen islamistische Gruppen als Serie von Erfolgen. Im März 2020 griffen die Kämpfer Boko Harams das Militärcamp Boma an. Dutzende Soldaten starben. Die tschadischen Streitkräfte begannen einen Rachefeldzug („Zorn von Boma“); nach Militärangaben wurden mehr als 1000 Boko-Haram-Mitglieder getötet. „Seither gab es keine Angriffe mehr auf unsere Camps“, sagt Tegen. Boko Haram zerfiel in den folgenden Monaten zusehends. Verfeindete Flügel rangen schon lange um Deutungshoheit und Führungsanspruch. „Wir können noch nicht vom Sieg über Boko Haram sprechen“, sagt Tegen, „Aber es gibt nur noch isolierte Splittergruppen.“


Für Tegen ist damit der erste Schritt auf dem Weg zu einem besseren Leben am Tschadsee getan. Sicherheit ist für ihn Voraussetzung dafür, dass auch die Entwicklung des Landes vorankommt. Und damit die Fähigkeit der Bevölkerung, auf die Klimakrise zu reagieren. Doch es gibt Sicherheitsexperten, die das anders sehen. Ihrer Meinung nach sind großangelegte Operationen wie der „Zorn von Boma“ Teil des Problems. Den tschadischen Streitkräften fällt es seit jeher schwer, Kämpfer von Zivilisten zu unterscheiden. Beim „Zorn von Boma“ kamen dann auch noch Raketen zum Einsatz. Die „Kollateralschäden“ waren hoch. Am Ende treibt wohl auch die Brutalität einer Regierung, die sich nicht um ihre Bevölkerung schert, Boko Haram neue Rekruten zu.


Großangelegte Offensiven haben zudem einen tragischen Nebeneffekt. Die Streitkräfte erklären dafür weitläufige ­Areale des Tschadsees zu „roten Zonen“. Und im militärischen Sperrgebiet ist die Fischerei untersagt. Mangelnde Bewegung auf der Wasseroberfläche begünstigt jedoch die Ausbreitung des schwimmenden Grases.


Anfang 2021 ist Marschall Déby unter dubiosen Umständen gestorben. Die Militärs installierten seinen Adoptivsohn Mahamat Idriss Déby Itno als Nachfolger. Wenn er wollte, könnte er vieles besser machen. Etwa, sich nicht nur auf die Niederschlagung von Aufständen und den Kampf gegen Boko Haram zu konzentrieren. Denn der Tschad verfügt über erstaunliche Ressourcen, um sich für die Folgen der Klimakrise zu wappnen. Tief in der Erde unter dem Tschadsee gibt es einen unberührten Süßwasserspeicher. Er wurde bisher kaum erforscht. Im See selbst gedeiht Spirulina: Die Alge ist als Nahrungsergänzungsmittel heiß begehrt und wird in Europa teuer bezahlt. Letztlich könnte Déby Junior selbst die Typha-Plage in einen Segen verwandeln. Derzeit schlagen viele Tschader Bäume, um an Feuerholz zu gelangen – dabei sind Bäume ihr bester natürlicher Schutz vor der Ausbreitung der Wüste. Die Menschen könnten das störende Typha verfeuern, es ist ein ebenso guter Brennstoff. Doch es gibt keine ernstzunehmenden Aufklärungskampagnen oder Hilfsangebote des Staates.


Es ist ein kleines Wunder: Nasiru Saidu und sein Verein geflohener Fischer haben nach Tagal einen neuen Ort gefunden, um Beute zu machen. Vor dem Dorf Bibi gibt es einen Seeausläufer, der noch nicht von Typha befallen wurde. Saidu steigt in eine Piroge und sticht in See. Die Wände des Bootes sind so dünn, jede Welle versetzt sie in Vibrationen, die bis in die Füße zu spüren sind. Saidu hat die Ausfahrt organisiert, um sein altes Handwerk zu erklären. „Am Tag verstecken sich die Fische“, sagt er. „Sie brauchen die Dunkelheit.“ Deswegen gehen die Männer nachts auf Jagd. Pro Boot kommen normalerweise sechs Fischer zum Einsatz; zwei paddeln im Bug, zwei im Heck, die anderen fangen den Fisch. Saidu und sein Verein stopfen die Boote aber mit zehn Männern voll, damit mehr Leute vom Fang profitieren. Das Leben von Saidus Männern ist durch den Umzug an den neuen Seezugang noch beschwerlicher geworden. Vom Flüchtlingscamp Dar Es Salam sind es zu Fuß acht Stunden bis nach Bibi. Die Fischer mieten sich deshalb Mopeds für die Anfahrt. Um die Kosten auszugleichen, müssen sie mindestens zwei Wochen am Stück bleiben. In dieser Zeit schlafen sie unter freiem Himmel, zwischen Echsen und Schlangen. Doch für die Fischer ist das immer noch besser, als abhängig zu sein von Lebensmittelrationen.


Wieder ein neuer Versuch: Akazien im Saharasand

Saidu selbst geht immer seltener fischen. Sein Leben hat eine weitere Wende genommen: Er hat Englisch gelernt und unterrichtet nun jeden Abend im Camp. Weil sich sein Tatendrang herumsprach, hat er sich zudem zum Ansprechpartner entwickelt – für Flüchtlinge, für Hilfsorganisationen und für die tschadische Regierung. Saidu vermittelt, berät, organisiert, ist Sprachrohr. „Ich bin Politiker geworden“, sagt er. „Gezwungenermaßen.“ Bezahlt wird er für seine Arbeit nicht. Saidu würde gern ankommen, endlich Ruhe finden. Nur geht das nicht. „Ich will, dass meine Kinder auf eine gute Schule gehen und eines Tages ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt er. Am Tschadsee kann Saidu sich das kaum noch vorstellen. Mit dem Boot über das Mittelmeer also? „Das ist eine gute Entscheidung“, sagt er über diejenigen, die diesen Weg wählen. Nur ist er den meisten Menschen in Dar Es Salam versperrt. Auch für Saidu – und das nicht nur wegen seiner großen Familie. Die Schlepper kassieren mehrere Tausend Euro. Die hat kaum jemand. Saidu hofft darauf, dass sich die Sicherheitslage in seinem nigerianischen Heimatdorf eines Tages wieder beruhigt. Noch besser wäre ein Umsiedlungsprogramm in ein europäisches Land. Die Chancen: ungewiss.


In seiner Parzelle in Dar Es Salam hat Saidu vor ein paar Monaten Bäume gepflanzt. Akazien mitten im Saharasand. Saidu verlässt sich weder auf sein Glück noch auf andere. Jeden Morgen und jeden Abend gibt er den Pflanzen ein bisschen Wasser. Sie sind nun schon einen halben Meter hoch.


Issio Ehrich ist freier Journalist und schreibt vor allem über Krisengebiete und Migration. Dieser Text ist in anderer Fassung im November 2021 bei Zeit Online erschienen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2022, S. 100-105

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