Erdoğan erklären
Über viele Jahre hatte das Diktum „Er mag ein Bastard sein, aber er ist unser Bastard“ im Westen keine gute Presse, heute feiert es als „neuer Transaktionalismus“ eine Renaissance. Doch enthebt uns das der Pflicht, genauer hinzuschauen? Drei Neuerscheinungen zu Recep Tayyip Erdoğans Türkei.
Es ist schon paradox: Auf der Weltbühne ist die Türkei präsent wie selten zuvor. Das Land wird gebraucht, als NATO-Staat mit guten Drähten nach Moskau und Peking, als regionaler Machtfaktor und Vermittler, als migrationspolitischer Puffer und sicherheitspolitischer Partner mit boomender Rüstungsindustrie.
Entsprechend gefragt ist Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Donald Trump nannte ihn einen „Freund“, Viktor Orbán dankte ihm für die „Rettung Europas“ – wegen der Geflüchteten, die Ankara aufhalte. Friedrich Merz versicherte, an einer „guten und vertieften Partnerschaft“ führe kein Weg vorbei. 2026 richtet die Türkei den NATO-Gipfel und die Weltklimakonferenz aus. Ach ja – und der Papst war auch noch da.
Gleichzeitig hat das Interesse an dem, was im Land selbst geschieht, merklich nachgelassen. Dabei sitzen weiter Oppositionelle in Haft, darunter Hunderte CHP-Politiker und der frühere Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu, Erdoğans gefährlichster Rivale.
Doch Repression und der autoritäre Umbau des Staates lösen in Washington, Brüssel oder Berlin kaum noch Reaktionen aus. Wo früher scharfe Kritik zu hören war, herrscht heute nüchterner Pragmatismus. In Denkfabriken ist vom „neuen Transaktionalismus“ die Rede: einer Politik, die Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen über demokratische Werte stellt. Das westliche Bündnis ist mit sich selbst beschäftigt – und die türkische Führung sieht ihre Zukunft ohnehin nicht mehr im Westen, den sie derzeit zwar noch braucht, aber letztlich für ein Auslaufmodell hält.
Abkehr vom Westen
Und damit zum Buchmarkt. Auch dort scheint nach einem Vierteljahrhundert Erdoğan eine gewisse Ermattung zu herrschen. Erdoğan-Biografien und Erklär-Bücher zum Aufstieg der AKP erscheinen nur noch selten. Noch vor wenigen Jahren dominierten sie die Türkei-Neuerscheinungen; die autoritäre Drift des Landes und die Popularität des Präsidenten galten als erklärungsbedürftig. Heute ist das Feld überschaubarer, eklektischer – was allerdings nicht heißt, dass es keine lesenswerten Neuerscheinungen mehr gäbe.
Am ehesten dem Genre zuzuordnen, das man vielleicht als „Ära-Erklär-Buch“ beschreiben könnte, ist Selim Korus „New Turkey and the Far Right“. Der Historiker und Politologe untersucht die Ideen, die dem innen- und außenpolitischen Wandel der Türkei unter Erdoğan zugrunde liegen. Koru ist ein vielseitiger Autor: Nach seiner Promotion über Nietzsche arbeitete er für Thinktanks, schrieb für verschiedene Medien, und heute gibt er den lesenswerten Newsletter „Kültürkampf“ heraus, der sich mit der politischen Kultur in der Türkei und geopolitischen Fragen beschäftigt.
Koru argumentiert, die „Neue Türkei“ lasse sich nur im Kontext eines globalen Vormarschs rechtsnationalistischer Bewegungen verstehen – vergleichbar mit Russland, Indien, den USA oder Israel. Die Türkei sei dabei ein früher Vorreiter; hier lasse sich besonders gut beobachten, wie sich ein Staat unter langfristiger reaktionärer Herrschaft verändere.
Der türkische Nationalismus habe sich von je her an europäischen Vorbildern orientiert, sei zugleich aber von einem tief sitzenden Ressentiment gegenüber dem Westen geprägt.
Die Auseinandersetzung zieht sich für Koru wie ein roter Faden durch die Geschichte, von Atatürk bis Erdoğan. Der entscheidende Unterschied zwischen „alter“ und „neuer“ Türkei liege vor allem in zwei Varianten des Okzidentalismus: einem „nacheifernden“, der den Westen als überlegen begreift und kopieren will, und einem „konkurrierenden“, der ihn moralisch ablehnt, seine machtpolitischen Erfolge jedoch anerkennt. Letzterer präge bis heute das Denken der AKP und anderer islamistischer und nationalistischer Strömungen.
Der relative Niedergang und die Spaltung des Westens widersprechen Korus Deutung dabei nicht – im Gegenteil: Sie dürften Ankaras Ambitionen als Regionalmacht und die Rivalität zum Westen sogar noch verstärken.
Koru zeigt, wie vielfältig in islamistischen Kreisen das Verhältnis von Islam und Moderne diskutiert wurde. Durchgesetzt hätten sich am Ende jedoch nicht die Theoretiker, sondern pragmatische Machtpolitiker, die wirtschaftliche und politische Modelle des europäischen 20. Jahrhunderts übernahmen und religiös aufluden, um Legitimität zu erzeugen. „Ein Teil der AKP-Führung mag es mit der liberalen Wende durchaus ernst gemeint haben“, schreibt er, „doch die dominierende Strömung schlug einen anderen Weg ein.“
Besonders aufschlussreich ist das Kapitel „Making Strategy“, in dem Koru die Entstehung der türkischen Thinktank-Landschaft schildert. Diese orientiere sich zwar an US-Vorbildern, sei aber hierarchischer strukturiert und weniger auf offene Debatten ausgerichtet.
Institute wie die Foundation for Political, Economic and Social Research (SETA) spielten demnach eine zentrale Rolle beim Aufstieg der AKP: Sie lieferten Konzepte, formten eine neue außenpolitische Elite und verschoben früh den Fokus von Europa auf den Nahen Osten – eine Weichenstellung, die ab etwa 2010 Ankaras Kurs bestimmte. Heute sei die Türkei kein „Strategie-Nehmer“ mehr, sondern ein „Strategie-Macher“: mit einer revisionistisch denkenden politischen Klasse und der Fähigkeit, ihre außenpolitischen Ziele auch praktisch durchzusetzen.
Allah versus Atatürk
Erdoğans Vision fasst Koru so zusammen: Die letzten Jahrhunderte hätten dem Westen gehört, das 21. Jahrhundert werde den Aufstieg der Türkei und der islamischen Welt markieren. Zentral seien drei Elemente. Das erste sei Expansion, womit Koru mehr Einfluss durch Handel und Soft Power, aber auch Militärpräsenz und Revisionismus in der Region meint. Zweitens eine demografische Politik, die steigende Geburtenraten zur nationalen Aufgabe erklärt; und schließlich der Anspruch auf militärische Eigenständigkeit, getragen von einer starken Rüstungsindustrie und breiteren Bündnissen, die mehr Unabhängigkeit vom Westen erlauben, ohne die NATO formell infrage zu stellen.
Lesern, die vor allem am Hier und Jetzt interessiert sind, mag Korus Buch zu detailreich erscheinen. Um die Genese bestimmter Ideen oder Begriffe nachzuzeichnen, holt er weit aus, bis tief in die osmanische Vergangenheit hinein und zu Nietzsche. Doch die eigentliche Stärke des Buches liegt ohnehin woanders – in der Perspektive des Autors.
Koru ist der Sohn eines Diplomaten aus konservativem Milieu, der als erster Absolvent einer religiösen Imam-Hatip-Schule bis zum Botschafter im kemalistischen Staatsdienst aufstieg. Koru selbst wuchs in der Türkei, den USA und Europa auf und war, wie er schreibt, „vielfältigen historischen Narrativen ausgesetzt“. In der Schule lernte er Atatürk als Helden kennen, der das Land aus der Finsternis geführt habe; im familiären Umfeld galt die Modernisierung als Niederlage und Bruch mit dem Islam. Koru kennt beide Erzählungen – die säkulare Fortschrittsgeschichte und die religiöse Kränkung – und bringt sie dem Leser nahe, ohne sich einer von beiden zu verschreiben.
Die Erlösung bleibt aus
Auch der Autor von „The Endless Country“, Sami Kent, bewegt sich zwischen Welten. Als Sohn eines türkischen Vaters und einer britischen Mutter in Großbritannien aufgewachsen, arbeitete er unter anderem für die BBC und den Guardian. Seine türkischen Wurzeln bilden den Ausgangspunkt für einen Streifzug durch die hundertjährige Geschichte der Republik. Kent entwirft das Mosaik eines Landes, das resilient und vielfältig ist, allerdings über weite Strecken rigide und gewaltvoll regiert wurde. Er bewegt sich dabei abseits bekannter Pfade und macht historische Etappen sichtbar, die außerhalb der Türkei kaum bekannt sind.
So schildert er etwa den Aufstand des Dorfes Güneysu an der Schwarzmeerküste gegen Atatürks Hutgesetz von 1925. Das Verbot des Fez und die Pflicht zum europäischen Hut wurden von vielen Gläubigen als Angriff auf die Religion empfunden, weil der Hutschirm das rituelle Gebet erschwerte. Der Protest wurde brutal niedergeschlagen: Das Kriegsschiff Hamidiye beschoss die eigene Bevölkerung, es folgten Schauprozesse und Hinrichtungen.
Ein anderes Beispiel ist das Städtchen Fatsa, wo Ende der 1970er Jahre ein Experiment linker Selbstverwaltung stattfand. Unter dem Bürgermeister Fikri Sönmez organisierten Aktivisten Gemeinschaftsküchen und den Kampf gegen die Korruption. Das Projekt erregte landesweit Aufmerksamkeit und alarmierte Ankara: Im Sommer 1980 griff das Militär ein und ließ die Beteiligten verhaften. Der Putsch am 12. September setzte linker Politik landesweit ein Ende. Heute, schreibt Kent, wählt Fatsa konservativ – das Trauma von 1980 wirkt als stille Disziplinierung fort.
Je weiter Kent sein Mosaik zusammensetzt, desto klarer treten Muster hervor: Eines davon ist die massive Urbanisierung der Türkei – mal aus ökonomischer Not, mal wie in den 1990er Jahren infolge gewaltsamer Vertreibung aus dem kurdischen Südosten –, ohne die viele politische Entwicklungen nicht zu verstehen sind. Ein zweites Muster bildet die Gnadenlosigkeit eines Staates, der aus Angst vor mündigen Bürgern und gesellschaftlicher Vielfalt immer wieder brutal durchgreift. Im letzten Kapitel („Prison Nation“) beschreibt Kent den Gefängniskomplex Silivri, einen der größten Europas, und zeichnet das Schicksal Hakan Altınays nach, der nach den Gezi-
Protesten wegen Putschvorwürfen inhaftiert wurde. Altınay wurde 2025 endgültig freigesprochen; sein Weggefährte, der Kulturmäzen Osman Kavala, sitzt bis heute in Haft.
Im Epilog schreibt Kent, er habe gehofft, eine Heilungsgeschichte erzählen zu können – eine Geschichte vom demokratischen Wandel und der Abwahl des Autokraten. Doch es kam anders. Die Wahlen von 2023 wurden zum „Wendepunkt, an dem die Wende ausblieb“. Historische Erlösung, so Kents ernüchterndes Fazit, „ist kaum absehbar“.
Lebenslang für die Wahrheit
Buch Nummer drei liest sich wie ein Krimi: „Ich traf meinen Mörder“. Um es vorwegzunehmen: Der Autor lebt noch. Doch die Geschichte, die der türkische Journalist Can Dündar erzählt, ist so haarsträubend wie aufschlussreich für die politischen Verhältnisse in der Türkei.
Dündar lebt seit 2016 im Berliner Exil, nachdem er als Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet Videos veröffentlicht hatte, die belegten, dass vom türkischen Geheimdienst begleitete Lastwagen Waffen nach Syrien transportiert hatten. Die Regierung bestritt jede Unterstützung von Dschihadisten und verhängte eine Nachrichtensperre.
Die Affäre fiel in eine hochbrisante Phase des Syrien-Kriegs, in der die Türkei eigene, den Interessen der USA zuwiderlaufende Ziele verfolgte und offenbar hinnahm, dass Waffen bei radikalislamistischen Gruppen landeten.
Die Folgen für Dündar waren drastisch: Erdoğan persönlich zeigte ihn an, es folgten Untersuchungshaft und ein Prozess, 2016 schoss ein Attentäter vor dem Istanbuler Justizpalast auf ihn; das Attentat schlug fehl, auch weil sich Dündars Frau dazwischenwarf. Kurz darauf ging Dündar ins Exil. In Abwesenheit wurde er zu 27 Jahren Haft verurteilt.
Ende 2020 erhält Dündar einen handschriftlichen Brief aus einem Gefängnis in Buenos Aires. Der Absender: ein türkischer Gangster, der 2016 ebenfalls den Auftrag erhalten haben will, Dündar zu ermorden, aber abgelehnt habe. Dündar reist nach Argentinien und trifft den Mann, der ihm Einblick in ein Geflecht aus Nationalismus, organisierter Kriminalität und Geheimdienstnähe gibt. Diese Begegnung bildet den Rahmen des Buches: die Geschichte eines Journalisten, der wegen einer Recherche alles verliert, und eines Whistleblowers, der zu viel weiß und sich Schutz davon erhofft, dieses Wissen öffentlich zu machen.
Erzählt ist das Buch im atemlosen Stil des Enthüllungsjournalismus – Geschmackssache, aber der Stoff gibt es her. Vieles ist dabei auch schlicht komisch: Etwa, wenn Dündar seinem inhaftierten Beinahe-Mörder in Buenos Aires ein Buch über die eigene Haftzeit („Lebenslang für die Wahrheit“) überreicht – eine Szene, die man sich kaum besser ausdenken könnte. Oder wenn er einem Staatsanwalt darlegt, warum alte FKK-Fotos der damaligen Kanzlerin Merkel nicht mit illegalen Waffenlieferungen an Dschihadisten gleichzusetzen seien und weshalb das eine von öffentlichem Interesse sei, das andere aber nicht.
Dündar zahlt für sein Festhalten an der Wahrheit einen hohen Preis, er steht unter Polizeischutz, kann nicht in seine Heimat reisen und hat dort alles verloren. Doch er bereut nichts: „Der journalistische Impuls in mir hat mir auch im Exil nicht gestattet, den Bericht von damals, der mich teuer zu stehen gekommen ist, ruhen zu lassen.“
„Ich traf meinen Mörder“ ist ein Polit-Thriller – und zugleich ein Plädoyer für einen investigativen Journalismus, der zurzeit überall auf der Welt unter Druck gerät. Vor allem aber ist Dündars Buch eine Erinnerung daran, dass es sich lohnt, weiter hinzusehen, wenn korrupte Strukturen, organisierte Kriminalität und geopolitische Interessen ineinandergreifen – in der Türkei wie anderswo.
Selim Koru: New Turkey and the Far Right. London: Bloomsbury Academics 2025. 251 Seiten, 31,49 Euro
Sami Kent: The Endless Country. Hampshire: Pan Macmillan, Picador 2024. 336 Seiten, 13,99 Euro
Can Dündar: Ich traf meinen Mörder. Berlin: Galiani 2025. 208 Seiten, 23,00 Euro
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 120-123
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