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18. Juni 2026

Eine gemeinsame Levante-Strategie

Berlin und Paris sollten ihre Sonderbeziehungen nutzen und europäische Handlungsspielräume für eine strategische Nahost-Politik ausloten.

Alexander Karam
Elias Ricken
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Bild: Rauch steigt nach israelischem Beschuss im südlichen Libanon auf
Im Süden Libanons, wo die israelische Armee Hisbollah-Stellungen bekämpft, könnte ein sicherheitspolitisches Vakuum entstehen. Eine EU-geführte Sicherheits- und Unterstützungsmission könnte es füllen.
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Die direkten Verhandlungen zwischen Israel und Libanon, die Mitte April in Washington begannen, markieren einen historischen Moment: Erstmals seit 1983 kommen Vertreter beider Staaten zu Gesprächen zusammen. Das galt lange als undenkbar, nicht zuletzt, weil Kontakte mit Israelis im Libanon politisch tabuisiert und rechtlich geahndet werden. Auf der Agenda stehen Fragen, die unlösbar galten: eine dauerhafte Waffenruhe, ein möglicher Frieden, der israelische Rückzug aus dem Südlibanon, die Entwaffnung der Hisbollah.

Europäische Staaten oder die EU sind bei den Gesprächen nicht vertreten. Nichtsdestoweniger eröffnet die Situation für die Europäer ein strategisches Fenster. Gerade Deutschland und Frankreich verfügen über komplementäre Zugänge, um eine aktive europäische Rolle in der Levante diplomatisch, sicherheitspolitisch und operativ zu unterfüttern. Damit aus diesen Hebeln tatsächlicher Gestaltungseinfluss entsteht, müssen Berlin und Paris ihre Politik stärker bündeln. Wie groß dieses Potenzial ist, zeigt der Blick auf ihre jeweiligen Sonderbeziehungen zu ­Libanon und Israel.


Frankreich und Libanon

Als „Mandatsmacht“ prägte Frankreich – nachdem der Völkerbund Paris nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches die Verantwortung für Libanon und Syrien übertragen hatte – die Entstehung des État du Grand Liban 1920 und unterstützte später die République libanaise. Auch heute bleibt Frankreich für Libanon ein zentraler europäischer Bezugspunkt. Es ist das wichtigste europäische Aufnahmeland der libanesischen Diaspora und verfügt über ein dichtes kulturelles, bildungs- und hochschulpolitisches Netzwerk im Land. Viele Angehörige der libanesischen Eliten studieren in Frankreich. Daraus entsteht ein Einfluss, der über formale Diplomatie hinausreicht: Paris bleibt kultureller Bezugspunkt, politischer Ansprechpartner, Krisenvermittler und wirtschaftlicher Partner.

Der Besuch von Staatspräsident Emmanuel Macron in Beirut unmittelbar nach der verheerenden Hafenexplosion im August 2020 verdeutlichte, wie weit Frankreichs Libanon-Politik über klassische Regierungsdiplomatie hinausreicht. Indem Macron die zerstörten Straßen besuchte und den direkten Dialog mit der Bevölkerung suchte, positionierte er sich bewusst als Ansprechpartner einer vom eigenen System tief enttäuschten Gesellschaft. Wie drastisch diese Entfremdung war, zeigte eine Petition, die kurz nach der Katastrophe von mehr als 50 000 Bürgerinnen und Bürgern unterzeichnet wurde und eine Rückkehr zum französischen Mandat forderte. 

Tatsächlich steht Libanon seit Jahrzehnten im Zentrum französisch organisierter Hilfs- und Reformdiplomatie, allerdings mit gemischtem Erfolg. Auf den Konferenzen Paris I, Paris II und Paris III sagten Geber seit 2001 knapp zwölf Milliarden Dollar zu; tatsächlich ausgezahlt oder freigegeben wurden davon rund 6,5 Milliarden Dollar. Die 2018 bei der Pariser CEDRE-Konferenz zugesagten weiteren rund elf Milliarden Dollar wurden wegen ausbleibender Reformen weitgehend blockiert. Mit dem früheren Außenminister Jean-Yves Le Drian ernannte Macron zudem einen erfahrenen Sondergesandten, der zwischen Paris und Beirut pendelt, um politische Blockaden aufzubrechen.

Dieses Engagement folgt klaren strategischen Interessen. Frankreich nutzt seinen privilegierten Zugang, um politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Einfluss zu sichern. Die Wahl des von Frankreich unterstützten Militärchefs Joseph Aoun zum libanesischen Staatspräsidenten im Januar 2025 beförderte diesen zuletzt. Emmanuel Macron suchte früh den Kontakt und verknüpfte französische Unterstützung beim Wiederaufbau mit Forderungen nach staatlicher Souveränität und tiefgreifenden Struktur­reformen.


Deutschland und Israel

Deutschlands Verhältnis zu Israel beruht fundamental auf der historischen Verantwortung Deutschlands für die Shoah; dies bildet bis heute den normativen Kern der deutschen Nahost-Politik. Aus dieser Verantwortung ist über die Jahrzehnte mehr entstanden, als der unscharfe Begriff der „Staatsräson“ nahelegt: Berlin verfügt in Jerusalem über einen politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Zugang, den kaum ein anderer europäischer Staat besitzt.

Gerade in Sachen Sicherheit sind die Beziehungen eng. Ein Beispiel ist die langfristig angelegte deutsche Beschaffung des Raketenabwehrsystems Arrow 3. Deutschland investiert damit in seine eigene Luftverteidigung und bindet Israel auf Jahre als strategischen Verteidigungspartner ein. Wenngleich Berlin der Umgang mit der Rechtsaußen-Regierung von Benjamin Netanjahu zuletzt nicht immer leicht fiel, zeugte die große Solidarisierung mit Israel nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 von der weiterhin sehr engen Verbindung beider Staaten. Und obwohl die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz das israelische Vorgehen in Gaza später auch offen kritisierte, bleibt Deutschland einer der zurückhaltendsten Kritiker Israels in ­Europa und zögerlich, wenn es beispielsweise um Sanktionen geht.

Eine neue Dynamik entsteht derweil durch einen Wandel in den USA, Israels wichtigstem Verbündeten. Der innenpolitische Rückhalt für Israel hat in den vergangenen Jahren durch demografische, generationelle und parteipolitische Verschiebungen deutlich abgenommen; der lange, stabile proisraelische Konsens in Washington steht stärker unter Druck. Für Israel steigt damit der Wert verlässlicher Partner in Europa, das deutsch-­israelische Sonderverhältnis könnte noch wichtiger werden. 


Komplementärer Ansatz

Berlin muss israelische Sicherheitsbedürfnisse ernst nehmen, sie aber zugleich mit der Stabilisierung des Libanon und der Stärkung staatlicher Institutionen dort verknüpfen. Diesen Spagat kann Deutschland am wirkungsvollsten komplementär mit Frankreich leisten.

Wie dringend eine solche Initiative ist, zeigt der Blick auf die laufenden israelisch-libanesischen Verhandlungen. Ohne europäische Flankierung ist beispielsweise fraglich, wie eine Einigung operativ im Südlibanon abgesichert werden könnte. Das Mandat der dort eingesetzten UN-Mission UNIFIL läuft Ende 2026 aus; ohne belastbare Anschlussregelung droht ein sicherheitspolitisches Vakuum an der Grenze zu Israel. Die ­geschwächte libanesische Armee wird kurzfristig kaum in der Lage sein, diese Lücke personell, finanziell und logistisch allein zu schließen. Externes, nicht zuletzt europäisches Engagement wird gebraucht. Hinzu kommt: Eine dauerhafte Stabilisierung des Südlibanon hängt auch davon ab, ob der Libanon seine Grenze zu Syrien wirksam sichern und Waffenlieferungen des Iran an die Hisbollah unterbinden kann.

Wenn also die USA und regionale Partner den politischen Rahmen für einen israelisch-libanesischen Frieden verhandeln, sollten Deutschland und Frankreich dessen Umsetzung vor Ort absichern helfen. Dafür bietet sich eine neu konzipierte, EU-geführte Sicherheits- und Unterstützungsmission an. Berlin und Paris verfügen gemeinsam über das notwendige politische Gewicht und die ­Vertrauenskanäle, um eine solche ­Mission gegenüber beiden Konfliktparteien zu legitimieren. Zugleich könnten sie die libanesische Armee dabei unterstützen, das staatliche Gewaltmonopol schrittweise zu übernehmen.

Eine solche Mission darf jedoch nicht bei militärischer und logistischer Stabilisierung stehen bleiben. Nachhaltiger Frieden in der Levante erfordert weit mehr als militärische Stabilisierung und politischen Willen. Er setzt langfristig voraus, dass Gesellschaften kollektive Gewalterfahrungen aufarbeiten und neue Formen der Koexistenz entwickeln. Eine echte Annäherung erscheint angesichts der aktuellen Zerstörung und Polarisierung derzeit zwar kaum möglich, aber gerade deshalb muss sie als Generationenaufgabe von Beginn an mitgedacht werden.
Auch hier sind die deutsch-französischen Erfahrungen hilfreich: Die Überwindung der „Erbfeindschaft“ nach dem Zweiten Weltkrieg bietet zwar kein direkt übertragbares Modell, aber ein strukturiertes, über Jahrzehnte entwickeltes Instrumentarium: zivilgesellschaftliche Austauschprogramme an Drittorten, akademische Netzwerke, Städtepartnerschaften, Jugendwerke, Dialogplattformen und langfristig angelegte ­Vertrauensarbeit. 


Eine Unterstützungsmission

Konkret sollten Berlin und Paris also auf eine europäische Sicherheits- und Unterstützungsmission für den Libanon hinwirken. Beide Regierungen sollten die bereits bestehenden Pläne zur EU-Mission für den Libanon aktiv unterstützen und mitgestalten. Das Auslaufen von UNIFIL Ende 2026 eröffnet die Möglichkeit, ein an die neue Lage angepasstes Missionsmandat auszuhandeln. Die UN-Mission hat seit 1978 zur Deeskalation beigetragen, blieb bei Kämpfen zwischen der Hisbollah und Israel jedoch meist in einer Beobachter- und Pufferrolle. Das Gewaltmonopol des libanesischen Staates im Südlibanon wurde nicht wieder hergestellt; die libanesische Armee konnte südlich des Litani-Flusses keine dauerhafte Kontrolle ausüben.

Im Gegensatz zur oft passiven UNIFIL sollte ein neues Mandat die operative Befähigung der libanesischen Streitkräfte (LAF) in den Vordergrund stellen. Dies erfordert eine Unterstützung bei der Grenzüberwachung, der Logistik, der Ausbildung und der strategischen Kommunikation, und zwar auch nördlich des Litani sowie an der sensiblen Grenze zu Syrien, um logistische Umschlagplätze und illegale Waffenflüsse effektiv zu kontrollieren. In Beirut dürfte ein solcher Ansatz heute auf größere Bereitschaft stoßen als in der Vergangenheit. Selten waren der innenpolitische Wille zur Stärkung staatlicher Souveränität und die regionale Konstellation so günstig, um die Handlungsfähigkeit des libanesischen Staates auszubauen und den militärischen Handlungsspielraum der Hisbollah schrittweise einzuhegen.

Zu den konkreten Zielen zählten eine dauerhafte Präsenz der libanesischen Armee im Süden und ein schrittweiser Abzug ­israelischer Stellungen

Die EU verfügt über dafür geeignete Instrumente. Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik kann zivile, polizeiliche und militärische Fähigkeiten zusammenführen. Die European Peace Facility finanziert Ertüchtigung für Partnerarmeen; die jüngst bewilligten 100 Millionen Euro für die libanesischen Streitkräfte bieten einen direkten Anknüpfungspunkt.
Deutschland kann seine Erfahrung aus dem UNIFIL-Marineeinsatz, das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF), zivile Fachkräfte sowie Polizei-, Zoll- und Bundeswehrfähigkeiten einbringen. Frankreich verfügt über gewachsene Sicherheitskooperation mit libanesischen Institutionen sowie Instrumente wie die Agence française de développement und Expertise France, die Verwaltungsstrukturen und den institutionellen Aufbau unterstützen können.

Berlin und Paris sollten diese Hebel in einem mehrjährigen Unterstützungsplan zusammenführen. Dieser Plan sollte drei Arbeitslinien verbinden: Sicherheitssektorreform und Befähigung der libanesischen Armee; messbare Fortschritte bei staatlicher Kontrolle im Süden; sowie Wiederaufbau kommunaler Verwaltung und kritischer Infrastruktur. Konkrete Ziele wären eine dauerhafte Präsenz der LAF südlich des Litani, eine bessere Bekämpfung von Waffenschmuggel, funktionsfähige Grenz- und Hafenbehörden sowie ein schrittweiser Abzug israelischer Stellungen aus libanesischem Gebiet.


Eine langfristige Strategie

Langfristig sollten Deutschland und Frankreich ihre Einzelansätze zu einer gemeinsamen Levante-Strategie zusammenführen. Für Berlin bedeutet das zunächst eine bessere eigene Koordination. Die deutsche Israel-Politik, das Libanon-Engagement, die Politik gegenüber Syrien und die europäische Nachbarschaftspolitik folgen bislang zu oft unterschiedlichen Logiken. Das Auswärtige Amt verfügt über Stabilisierungsmittel, diplomatische Kanäle und kulturpolitische Instrumente. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) steuert die Entwicklungszusammenarbeit, das Verteidigungsministerium Ausbildung und sicherheitspolitische Kooperation, das Wirtschaftsministerium Handels-, Energie- und Investitionshebel. 

Alle sollten gemeinsam wenige, aber klar umrissene Ziele verfolgen: Stabilisierung der israelisch-libanesischen Grenze, Stärkung der libanesischen Staatlichkeit, Eindämmung iranischer Einflussräume, Vermeidung neuer Eskalations- und Fluchtdynamiken sowie wirtschaftliche Stabilisierung und Wiederaufbau in der Levante. Eine solche Strategie müsste politisch im Auswärtigen Amt geführt und von der Bundesregierung ressortübergreifend getragen werden. Die jüngste Strukturreform des AA kann dafür ein Ansatzpunkt sein, sofern sie Regionalexpertise, Mittelsteuerung und politische Prioritätensetzung enger zusammenführt. Entscheidend ist, dass deutsche Programme in Israel, Libanon und Syrien einer mit Frankreich abgestimmten gemeinsamen regionalen Strategie folgen. 

Der gemeinsame Besuch von Annalena Baerbock und Jean-Noël Barrot in Damaskus im Januar 2025 hat gezeigt, wie ein abgestimmtes deutsch-französisches Auftreten aussehen kann: regional gedacht, politisch konditioniert, europäisch eingebettet. Diese Logik sollte auf Israel und Libanon übertragen werden. Frankreich kann libanesische Reform- und Staatsbildungsprozesse glaubwürdiger adressieren, Deutschland israelische Sicherheitsinteressen besser einbinden. Zusammen könnten beide Staaten europäische Mittel, nationale Programme und diplomatische Zugänge so verbinden, dass Europa in der Levante die politische Ordnung strategisch mitgestaltet.    

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2026, S. 63-67

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Alexander Karam ist Libanon-Experte sowie Gründer und Direktor der friedensfördernden Organisation The What If  in München.

Elias Ricken ist Forschungsassistent im Europa-Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).