Die zweite Ukraine
Weiblich, vielsprachig, jung: Mit ihrer Graswurzel-Diplomatie ist die ukrainische Diaspora ein wichtiger Teil des Widerstands und ein wertvoller Trumpf im Kampf gegen Russland.
An einem eisigen Morgen verlässt ein Konvoi aus sieben Krankenwagen, mehreren LKWs, fünf Feuerwehrfahrzeugen und einem Muldenkipper das Gelände des Lagerhauses des Blau-Gelben Kreuzes (BGK) in Köln noch vor Tagesanbruch.
Am Steuer der Wagen – ausrangierte Fahrzeuge, die aus Nordrhein-Westfalen gespendet wurden – sitzen Freiwillige: ein bunt gemischtes Team, bestehend aus einem pensionierten Beamten, mehreren ukrainischen Flüchtlingen, einem deutschen Polizisten und einer Handvoll ukrainischer Deutscher. An den Fahrgestellen wehen blau-gelbe ukrainische Fahnen. Die Fahrer kennen sich, das ist zu spüren. Auch mit den Abläufen sind sie vertraut. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 haben sie die zweitägige Fahrt zur polnisch-ukrainischen Grenze schon viele Male gemacht.
„Bei einem Konvoi dieser Größe läuft es nie reibungslos“, sagt Linda Mai, Direktorin und Mitbegründerin von BGK, die in den vergangenen zehn Jahren Hunderte solcher Konvois organisiert hat. Und tatsächlich: In der Nähe von Dresden haben zwei der Gebrauchtwagen eine Panne, die den Konvoi über Stunden zum Stehen bringt. Als die Fahrer ihr Zwischenziel in Polen erreichen, ist es zwei Uhr morgens. Doch egal, am nächsten Morgen um sieben Uhr geht es weiter zur ukrainischen Grenze, wo Fahrer aus sechs Städten die Fahrzeuge abholen, inspizieren und warten lassen, um sie dann auszuliefern.
Eine von Zigtausenden Initiativen
Gegründet wurde das Blau-Gelbe Kreuz nach der Maidan-Revolution und dem Beginn der russischen Invasion 2014 von Linda Mai, einer Apothekerin aus der Westukraine, und ihrem deutschen Ehemann, einem Arzt. 2022, als sich zahlreiche Sympathisanten der ukrainischen Sache anschlossen und über eine Million ukrainische Flüchtlinge zu der bereits in Deutschland lebenden ukrainischen Gemeinschaft stießen, vervielfachten sich Größe und Reichweite der Organisation.
Das BGK ist eine von Zigtausenden Diaspora-Initiativen in ganz Europa. Am zahlreichsten sind sie in Deutschland und Polen, wo es die größten Communities gibt, jeweils etwa eine Million Menschen. Sie bringen engagierte Bürger, Unternehmen, Schulen und Städte zusammen, um Geld zu sammeln und humanitäre Hilfsgüter in die vom Krieg gepeinigte Ukraine zu leiten. Ein großer Teil der Fracht – medizinische Hilfsgüter, Babypflegeprodukte, Minigeneratoren, Schulbedarf, Kraftfahrzeuge und mehr – ist für die Brigaden an der Front ebenso nützlich wie für Städte, Schulen und Krankenhäuser.
Das BGK mit seinen sechs Niederlassungen in NRW zählt zu den leistungsstärksten Organisationen in Deutschland. Seit 2022 hat es Güter im Wert von 30 Millionen Euro ausgeliefert, vor allem Medikamente, Krankenwagen und Krankenhausausstattung. Diese Lieferungen sind nur ein Teil der Unterstützung, die das BGK und andere europäische Diaspora-Organisationen fernab der Front für die Ukraine leisten.
Dieses Engagement aus Europa ist für die Verteidigung und das Überleben der Ukraine unverzichtbar, vor allem für ihr Gesundheitssystem und die Rettungsdienste an der Front. Bei der Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine im Juni 2024 in Berlin kamen 120 Diaspora-Organisationen mit internationalen Institutionen zusammen, um den Wiederaufbau des Landes zu unterstützen – ein Beweis dafür, dass sich diese Diaspora als integraler Bestandteil der Nachkriegsukraine sieht.
Das Engagement aus Europa ist für die Verteidigung und das Überleben der Ukraine unverzichtbar
Diaspora-Gruppen wie das Zentrum für die Dokumentation von Kriegsverbrechen in Polen sammeln Beweise für mutmaßliche Kriegsverbrechen. In Berlin tritt die NGO Vitsche russischen Desinformationsnarrativen entgegen, während andere, wie das CineMova Ukrainian Empowerment Network in Berlin, Neuankömmlingen zeigen, wie sie ukrainische Vereine, Cafés und Restaurants, Kinos, Weihnachtsmärkte, Radiosender und noch viel mehr gründen können. All das zeigt, dass die Ukrainer in ihrer neuen Heimat nicht nur auf der Empfängerseite stehen, sondern sich dort auch produktiv engagieren.
Die zweite Ukraine
In ihren Gastländern schildern die ukrainischen Exilanten die Notlage ihrer Heimat und werben um weitere Hilfen für die Verteidigung ihres Landes. Das ist womöglich auch ein Grund für die anhaltend hohe Unterstützung der deutschen Bevölkerung von Waffenhilfen für die Ukraine. Die Exilprojekte arbeiten mit zivilgesellschaftlichen Partnern in der Ukraine zusammen, so wie es ausgewählte europäische Städte mit ihren Partnerstädten in der Ukraine tun. Ihr Engagement stärkt die dezentrale Regierungsführung und die bürgerliche Demokratie in der Ukraine, während sich in Russland die Autokratie seit 2022 immer tiefer und fester verankert.
Insgesamt besteht die ukrainische Diaspora aus rund sieben Millionen Kriegsflüchtlingen und über 13 Millionen Ukrainern, die schon länger über den ganzen Globus verstreut sind, darunter auch große Gemeinschaften in Nordamerika. Obwohl nur ein Bruchteil von ihnen engagierte Aktivisten sind (einer Studie zufolge 6 Prozent), bildet dieser Kern einen organisierten und hoch motivierten Aktivposten für ihr Heimatland.
Diese Exilgruppen – jung, überwiegend weiblich, technisch versiert, vielsprachig, dezentral organisiert, polyglott, und zumeist ehrenamtlich geführt – sind integraler Bestandteil der neuen Ukraine außerhalb der Ukraine, die sich seit der russischen Invasion herausgebildet hat. Sie leisten einen wichtigen Beitrag nicht nur für ihr Heimatland, sondern auch zu einem Europa, das von den Verbindungen zwischen Menschen und Orten lebt. Dank der Unterstützung aus der Diaspora konnte die Ukraine nicht nur die Widerstandsfähigkeit ihrer Einheiten im Kampf verbessern. Dank der umfangreichen Bereitstellung medizinischer Hilfsgüter sind sie auch auf einem Sektor stark, auf dem die Russen nicht viel zu bieten haben.
Die Ukraine ist in der Notfallmedizin stark – ganz im Gegensatz zu den russischen Truppen
„Die Russen, wie einst die Sowjetarmee, betreiben wenig Notfallmedizin. Sie machen Fleischangriffe“, erklärt Fedir Serdiuk, Mitbegründer von PULSE, einem in Odessa ansässigen Projekt zur medizinischen Ausbildung ukrainischer Verteidigungseinheiten. „Fleischangriffe“ bezeichnet die Wellen russischer Soldaten, die in die Schlacht geschickt werden, um zu sterben – mit wenig Respekt vor ihrem Leben. Serdiuk und zwei Kollegen gründeten PULSE im Jahr 2022, um die medizinischen Fähigkeiten der Ukraine im Kampfeinsatz zu verbessern. Dank der Aktivitäten von PULSE und anderen NGOs im gesamten Gebiet der freien Ukraine ist die Sterberate der ukrainischen Verteidiger deutlich niedriger als bei den russischen Streitkräften. Serdiuk zufolge wäre dies ohne den stetigen Zustrom nichtstaatlicher Spenden aus dem Ausland nicht möglich.
Auch die meisten Fahrzeuge des BGK-Konvois sollen die Kriegsanstrengungen unterstützen, entweder an der Front oder im Hinterland bei Angriffen russischer Drohnen und Raketen. Im Lager des BGK ist ein Krankenwagen ausgestellt, den man 2023 in die ostukrainische Frontstadt Charkiw geschickt hatte. Der Wagen kehrte als Totalschaden zurück: ein Wrack mit Einschusslöchern, zertrümmerten Windschutzscheiben und schwarzen Löchern an den Stellen, wo einst die Scheinwerfer leuchteten. „Sie sehen das rote Kreuz darauf“, sagt Mai, „für die Russen ist das ein Angriffsziel.“ Man komme bei diesen Wagen „nicht hinterher, weil sie nicht lange halten“.
BGK-Direktorin Mai und ihre aus Nova Kakhovka stammende Geschäftsführerin Julia Chenusha stehen stellvertretend für viele Menschen, die zivilgesellschaftliche Projekte in der Ukraine und im Ausland ermöglichen. In der weitläufigen Lagerhalle verhallen ihre Stimmen zwischen den riesigen vollgepackten Kartons, Krankenhausbetten und bis zur Decke gestapelten Rollstühlen. Die gespendeten und gekauften Waren werden vor der Weitergabe sorgfältig sortiert und registriert.
Über seine Internetseite erhält das BGK Anfragen von ukrainischen Organisationen und Gemeinden. Diese versucht es, bestmöglich zu erfüllen – oder leitet sie, falls das nicht gelingt, an vernetzte Partner weiter. „Wir arbeiten nachfrageorientiert und ohne Mittelsmann“, sagt Chenusha. Bevor ukrainische Lastwagen die Waren in Köln abholen, wird jeder Artikel in ein digitales Buchhaltungssystem eingegeben, das es dem BGK ermöglicht, Versand, Transportweg und die Ankunft am endgültigen Bestimmungsort zu verfolgen. „Die Spender müssen sich voll und ganz darauf verlassen können, dass ihr Geld so ausgegeben wird, wie wir es sagen“, sagt Chenusha. „Wenn es dieses Vertrauen nicht gäbe, wären wir nutzlos.”
Eines der Produkte des BGK sind selbst entworfene sperrige blaue Rettungsrucksäcke voller medizinischer Güter. Dazu gehören Aderpressen, Brustverbände, Bandagen, Notfall-Wiederbelebungssets und andere Ausrüstung sowie 200 verschiedene Medikamente. Einer dieser Rucksäcke, so das BGK, könne fünf Leben retten. Die Rucksäcke werden von Sanitätern an der Front verwendet. Das BGK hat den Rettungsrucksack in Absprache mit Experten aus dem Einsatzgebiet entwickelt und verbessert. Das ist nur ein Beispiel für die außerordentlich enge Kommunikation zwischen Diaspora und Heimatland, die für die hohe Wirksamkeit der Hilfe sorgt.
Städtische Solidaritätsnetzwerke
Die meisten Fahrzeuge im Konvoi stammen nicht aus den Lagerbeständen des BGK, sondern waren Spenden deutscher Städte in NRW mit Partnerstädten in der Ukraine. Aachen schickte über das BGK drei Krankenwagen und zwei Feuerwehrwagen nach Lviv im Westen der Ukraine. Bonn stellte drei Feuerwehrwagen für seine Partnerstadt Cherson bereit. Das Bundesland NRW schickte ein Löschfahrzeug in die Partnerstadt Dnipro im Osten der Ukraine, und Bochum spendete den einzigen Muldenkipper des Konvois für das belagerte Saporischschja. Das BGK übernahm die gesamte Logistik, einschließlich des enormen bürokratischen Aufwands, der mit den Transporten verbunden ist.
Ende 2023 gab es in der Ukraine rund 356 Gemeinden mit über 1500 Städtepartnerschaften
Städtepartnerschaften verbinden und vernetzen Orte in der EU und darüber hinaus. Dies geschieht seit den Nachkriegsjahren, als die ersten (west-)deutschen Städtepartnerschaften mit amerikanischen und britischen Städten und später mit französischen Gemeinden gegründet wurden. Ein Wissenschaftler bezeichnete diese Partnerschaften als „eines der größten Friedensprojekte des 20. Jahrhunderts“. Durch sie sind an der Basis dichte Netzwerke entstanden, die sich für die vielfältigen Bemühungen um die Mobilisierung weiterer Hilfe für die Ukraine als unverzichtbar erwiesen haben. Ein Grund dafür ist, dass sie über Strukturen verfügen, die zum Teil bereits finanziert sind und denen sich Aktivisten anschließen können. Weil sie Teilnehmer aus beiden Ländern einbeziehen – mit detaillierten Kenntnissen über ihre jeweilige Heimat –, wird so eine hocheffektive Zusammenarbeit möglich, wie sie bei staatlicher Hilfe von oben oft nicht möglich ist.
Ende 2023 gab es in der Ukraine rund 356 Gemeinden mit über 1500 Städtepartnerschaften, in erster Linie mit polnischen Städten und Gemeinden, aber auch mit deutschen, ungarischen, rumänischen und vielen anderen. Die westukrainische, aus der Habsburgerzeit stammende Stadt Lviv (Lemberg) hat 24 Partnerstädte, wie die dort ansässige Organisation Cities4Cities erklärt. Die meisten davon seien seit 2022 neu hinzugekommen. Über 200 deutsche und 500 polnische Städte unterhalten Partnerschaften in der Ukraine, die meist von hauptamtlichen Mitarbeitern in den Rathäusern geleitet werden und in kleinem, aber wichtigen Umfang von öffentlichen Geldern profitieren. Cities4Cities, das von Schweden finanziert wird, hilft, ukrainische Städte ohne Partnerschaften mit Partnerstädten im Ausland zu vernetzen. Die Organisation räumt jedoch ein, dass das Interesse an neuen Partnerschaften nach dem Boom von 2022 zurückgegangen ist. Es gebe 1000 ukrainische Städte und Dörfer, die Partner suchten und keine finden könnten, heißt es.
Ob sich eine Städtepartnerschaft dynamisch entwickelt, liegt meist an einer Handvoll Menschen. In Deutschland steht dahinter oft genug eine ukrainische Staatsbürgerin. Daryna Illienko aus dem Oblast Sumy etwa leitet die Koordinierungsstelle für die Solidaritätspartnerschaft mit Riwne im Berliner Bezirk Pankow. Illienko kam vor 13 Jahren nach Süddeutschland, um an der Universität Augsburg in Europawissenschaften zu promovieren. Während des Maidan-Aufstands 2014 engagierte sie sich in der Ukraine-Hilfe. Seit 2023 koordiniert sie als hauptamtliche Mitarbeiterin der Berliner Stadtverwaltung die Städtepartnerschaft zwischen Pankow und Riwne, allerdings ohne eigenes Budget.
Solche Partnerschaften bilden dennoch einen wichtigen Rahmen für Solidaritätsbemühungen, da sie stabile Strukturen, Rechenschaftspflichten und, falls das Projekt es erfordert, die Unterstützung oder Netzwerke lokaler Behörden bieten. Ihre Aktivitäten sind vielfältig – Sommercamps für ukrainische Waisenkinder, Wissens- und Kompetenzvermittlung, Wiederaufbauprojekte, Schüleraustausche und vieles mehr. Die Geld- und Sachspenden kommen in erster Linie aus privaten deutschen Quellen, nicht von Exil-Ukrainern oder der Kommune.
Die Büros der Partnerstädte, wie das von Illienko, fungieren als Leuchttürme für eine Vielzahl kleinerer Solidaritätsprojekte und interessierter Vereine, darunter Fußballmannschaften und Jagdvereine, die ein paar tausend Euro für ein Projekt aufbringen oder ein Dutzend Fußbälle beisteuern. Der Partnerschaftsverein Berlin Pankow-Riwne wird ehrenamtlich betrieben und führt seine Aktivitäten eigenständig durch, allerdings normalerweise in Absprache mit Illienkos Büro.
So wurden im Winter 2025 Spenden gesammelt, um 50 gebrauchte Krankenhausbetten und andere Medizintechnik, die von der Caritas-Klinik St. Marien in Brandenburg gespendet wurden, zum Krankenhaus Nr. 2 in Riwne sowie an die Medizinische Universität Luhansk zu transportieren, die wegen der russischen Besetzung von Luhansk 2014 ihren Sitz nach Riwne verlegt hat. Die Breite dieser Netzwerke ist bemerkenswert: Die Spende an das Caritas-Klinikum wurde durch einen anderen lokalen Verein ermöglicht, die Ukraine-Hilfe Lobetal, eine winzige NGO, die 2022 nahe der Stadt Brandenburg an der Havel gegründet wurde. An den Transportkosten beteiligte sich Illienkos Büro mit Mitteln, die über soziale Medien und Zuschüsse gesammelt wurden.
Ebenso wie ihre Kollegen in den fünf anderen Berliner Bezirken, die ukrainische Partnerstädte haben (und wie in der mit Kyjiw verpartnerten Stadt Berlin) steht Illienko in engem Kontakt zu NGOs wie der Ukraine-Hilfe Berlin, die von Ehrenamtlichen wie Tetyana Sell geleitet wird.
Seit Sell 2022 nach Berlin gekommen ist, hat die Ukraine-Hilfe Berlin humanitäre Hilfe im Wert von mehr als sieben Millionen Euro gesammelt, über die Hälfte allein im Jahr 2022. Das Geld wurde zum Großteil an Krankenhäuser und Kliniken weitergeleitet. Der Einfallsreichtum der Aktivisten ist erstaunlich: Mit dem Verkauf von Kunstwerken ukrainischer Kinder hat die Ukraine-Hilfe schon eine Million Euro eingenommen. Ein deutscher Freiwilliger durchquert im Lieferwagen die Ukraine und karrt ganze Armladungen von Kunstwerken nach Berlin zurück, wo sie auf Tournee gehen und verkauft werden. Der Erlös kommt verletzten ukrainischen Kindern in der Heimat zugute.
Polens Diaspora als Logistik-Hub
Die ukrainische Diaspora in Polen hat eine andere Gestalt und funktioniert auch anders als die in Deutschland. In Polen gibt es eine ethnische Minderheit von etwa 1,5 Millionen Ukrainern, die seit den 1990er Jahren von der Union der Ukrainer in Polen vertreten werden. Eine Million Ukrainer trafen zwischen 2020 und 2022 in Polen ein, gefolgt von einer weiteren Million Menschen, die nach dem russischen Großangriff nach Polen flohen und dort blieben.
Die Warschauer Zentrale der Union der Ukrainer in Polen und zehn regionale Zweigorganisationen sowie etwa 80 kleinere lokale Gruppen sind horizontal organisiert und arbeiten mit den lokalen Behörden zusammen. Die fast 100 Ortsgruppen der Union haben nur fünf hauptamtliche Mitarbeiter – alle anderen arbeiten ehrenamtlich. Die unzähligen Hilfslieferungen, die Beiträge zur medizinischen Versorgung und die Lieferung von Tausenden von Fahrzeugen ähneln der Hilfe aus Deutschland.
Doch Polens Diaspora ist der Ukraine nicht nur geografisch nahe. Statt als Multiplikatoren zu fungieren, wie es ihre Vettern in Deutschland tun, sind diese Exilanten gleichsam die rückwärtige Etappe ihres Heimatlands: Sie bilden eine logistische Drehscheibe, die die Front mit allem versorgt, was in der Ukraine nicht zu bekommen ist.
Nur etwa die Hälfte der ukrainischen Exilanten plant, in ihr Heimatland zurückzukehren
Die Gelder stammen meist aus ukrainischen Geschäften, die sich in Polen etabliert haben – oder die grenzübergreifend handeln. Die Ukrainer in Polen machen deutlich, dass sie – im Gegensatz zu den deutschen Gruppen – die ukrainischen Verteidigungskräfte auch dort
unterstützen, wo das illegal ist. Die gesamten von der Union gesammelten Spenden in Höhe von 20 Millionen Euro seien an das Militär gegangen, hauptsächlich in Form von Dual-Use-Hardware, sagt Mirosław Skórka, Präsident der Union der Ukrainer in Polen. „Das war die einzige Möglichkeit, unsere Brüder an der Front direkt zu erreichen“, erklärt Skórka. „Ihr Leben war uns wichtiger als die Einhaltung von Verwaltungsverfahren.“
„Wir erhalten sehr konkrete Anfragen“, sagt Skórka und nennt die ukrainischen Streitkräfte, die Nationalgarde, den militärischen Nachrichtendienst und die Sondereinsatzkräfte. So rüsteten die Ukrainer in Polen die 110. Separate Mechanisierte Brigade während der zwei Jahre aus, in denen sie die Stadt Awdijiwka im Gebiet Donezk verteidigte – etwa mit Drohnen, kugelsicheren Westen, Nachtsichtgeräten, Zielfernrohren und spezieller Kommunikationsausrüstung. Im Februar 2024 fiel Awdijiwka dennoch.
Wiederaufbau und Rückkehr
So beeindruckend die Aktivitäten der ukrainischen Diaspora sein mögen, so müssen sie doch im Vergleich gesehen werden: Der Umfang der Geld- und Sachspenden verblasst im Vergleich zur staatlichen Hilfe, die sich in Milliarden und nicht in Millionen misst. Zudem räumen alle im Rahmen dieser Recherche befragten NGOs – außer dem BGK – ein, dass die Mittelbeschaffung schwieriger geworden ist. „Die Leute spenden einmal für einen Krankenwagen und denken dann, das war’s. Aber der Krieg verschlingt alles“, sagt Sell. „Es ist nie genug.“
In den Medien verdrängen Themen wie der Nahost-Konflikt die vertrauten Berichte aus der Ukraine: mehr Drohnen, mehr Zerstörung, mehr Elend. Die Aktivisten berichten über Burnout. Nach drei Jahren Krieg haben sie weniger Energie als 2022.
Die Anführer der Diaspora wissen aber auch: Wenn der Krieg endlich zu Ende ist, wird die nächste Kampagne die Unterstützung beim Wiederaufbau sein – eine Aufgabe, die weitere Hunderte von Milliarden kosten wird. Beim dritten jährlichen Café Kyjiw-Festival am 11. März 2025 in Berlin wurde bei zahlreichen Veranstaltungen zum Wiederaufbau der Ukraine bekräftigt, das Thema stehe auf der Agenda der Ukrainer ganz oben.
Ein ausgesprochen heikles Thema ist die Frage der Rückkehr: Nach dem Krieg ist die Ukraine auf Rückkehr von Millionen Menschen aus der Diaspora angewiesen, die sich am Wiederaufbau des Landes beteiligen. Umfragen zeigen jedoch, dass nur etwa die Hälfte der Exilanten eine Rückkehr plant. Selbst die engagiertesten Aktivisten sind sich nicht sicher, was sie tun werden.
Das ukrainische Ministerium für Nationale Einheit richtet deshalb im Ausland bereits sogenannte „Einheitszentren“ ein. Diese dienen als Anlaufstellen für ukrainische Flüchtlinge im Ausland, helfen bei der Arbeitssuche in der Ukraine und in Deutschland und geben Ratschläge zur freiwilligen Rückkehr in die Ukraine und zum Wiederaufbau des Landes. Das erste Zentrum dieser Art befindet sich in Berlin.
Aus dem Englischen von Bettina Vestring
Transparenzhinweis: Die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit hat die Recherche zu diesem Text finanziell unterstützt.
Internationale Politik 3, Mai/Juni 2025, S. 79-85
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