Buchkritik

01. März 2020

Die unsterbliche Software 
des Westens

Mit seinem vierbändigen Opus Magnum hat Heinrich August Winkler den Herodot für unsere Zeit geschrieben. Jetzt hat er versucht, die enorme Stofffülle in ein handlicheres Format zu bändigen.

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Es ist 440 vor Christus, und den Griechen, den überaus selbstbewussten Trägern der dominanten Hochkultur dieser Zeit, wird es nun doch ein bisschen mulmig. Das Perserreich im Osten wird immer mächtiger und einflussreicher, und schon scheint big power competition unausweichlich.


Doch nicht nur die Perserkriege bahnen sich an, auch in anderen Teilen der griechischen Nachbarschaft rumort es In Kleinasien und im südlichen Mittelmeerraum, Griechenlands kulturellem, wirtschaftlichem und militärischem Einflussbereich, stoßen die Kulturen zusammen, und der Hegemon muss befürchten, dass sein Einfluss dort schwächer wird.
Da setzt sich Herodot von Halikarnassos hin und schreibt auf, was er auf seinen Reisen beobachtet und in seinen Gesprächen gehört hat, um sich ein Bild zu machen von der Zeit des Umbruchs – und auch, um eine Streitschrift zu verfassen, die den Griechen im Kampf mit den Persern den Rücken stärkt und vor aller Welt ihr Anliegen ins rechte Licht rückt.
Herodot erfindet mit seinen „Historien“ nach gängiger Lesart nicht nur die Geschichtsschreibung, wie wir sie heute kennen, er erschafft auch das Urmodell der kulturellen Selbstvergewisserungsliteratur, also des Genres, das am Eigenen Maß nimmt, dessen Gültigkeit überprüft, es dem Anderen entgegenhält und dann klar Stellung bezieht.


Der Westen als Idee und Entität

Kann Heinrich August Winkler sich wie Herodot gefühlt haben, als er antrat, die „Geschichte des Westens“ aufzuschreiben, ein Unterfangen, das nach vier umfangreichen Bänden nun mit diesem fünften, zusammenfassenden Band unter dem Titel „Werte und Mächte“ seinen Abschluss findet? Vermutlich nicht, denn Winkler ist zwar ambitioniert und selbstbewusst, aber nicht der Hybris verfallen.
Umso dankbarer darf der heutige und zukünftige Leser dem Winkler’schen Opus Magnum sein. Ihm steht mit dieser historischen Großuntersuchung das Referenzwerk zur Verfügung, das in Breite und Tiefe Wesen und Entwicklung der weltweit prägenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kraft des vergangenen Vierteljahrtausends ausleuchtet: des „Westens“ als Idee und Entität. Winkler hat nichts anderes als den Herodot für unsere Zeit geschrieben. Ob er, wie die „Historien“, auch zweieinhalbtausend Jahre nach seinem Entstehen seine Leser finden wird, weiß niemand, aber dass man ihn noch auf lange Zeit lesen dürfte, und zwar mit Gewinn, steht außer Frage.
Der fünfte Band ist der Versuch, die enorme Stofffülle der ersten vier Teile, die zusammen mehr als 4500 Seiten umfassen, in ein handlicheres Format hineinzubändigen. Dieser Versuch ist zugleich gelungen und gescheitert, denn zwar schafft es der Autor tatsächlich, den Kern seiner Großerzählung zu bewahren, doch ist der fünfte Band mit rund 900 Textseiten immer noch deutlich zu lang geraten. Wer mit dem expliziten Ziel antritt, ein Großwerk zu verdichten, sollte vielleicht nicht noch ein weiteres Großwerk oben drauflegen.
Gerade für jene Leser, die sich neben der Chronologie auch für eine auf Wesensmerkmale und Hauptdenkmuster des Westens fokussierte Darstellung interessieren, hätte sich für den fünften Band durchaus eine andere Machart angeboten. Wie verhält sich das normative Projekt zum Nationalstaat, wie zum Kapitalismus, wie zur Religion? Was macht die westliche Art, zwischen Macht und Recht zu vermitteln, so einzigartig? Wie bedeutsam ist es, dass es neben der universellen (Winkler’schen) auch eine kulturalistische und eine rassistische Definition des Westens gibt? In den vier Vorbänden finden sich zahllose solcher Grundsatzabschnitte. Hätte man sie gesammelt, etwas erweitert und thematisch statt chronologisch sortiert, wäre statt einer weiteren Biografie des Westens gewissermaßen dessen Röntgenbild entstanden. Vielleicht darf man auf diese andere Form der Verdichtung in Band sechs hoffen?
Winkler aber hat sich anders entschieden und zum Kürzen zwei Hauptkniffe angewendet: Er hat die Erzählung auf die fünf Länder konzentriert, die seines Erachtens die Hauptträger westlicher Geschichte sind, nämlich Italien, Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Deutschland. Die zum Teil sehr erhellenden Nebenschauplätze des Ringens der Westler mit ihren eigenen Ideen, zum Beispiel in Spanien oder in Mittel- und Osteuropa, sind größtenteils der Schere zum Opfer gefallen.
Zweitens hat er die Darstellung der Zeit vor den beiden „atlantischen Revolutionen“, also der amerikanischen von 1776 und der französischen von 1789, extrem verkürzt. Auf nur 26 (!) Seiten sprintet die Erzählung von der griechischen Polis im 5. Jahrhundert vor Christus (also zu Herodots Zeit) bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Die DNA des Westens, seine unabdingbaren Grundzutaten aus der Tiefe der Antike Athens und Roms, des Mittelalters, des Heiligen Römischen Reiches, des Papsttums und der Reformation, der Aufklärung, des Feudalismus und des Frühkapitalismus, der Nationalstaatenbildung und der industriellen Revolution werden höchstens angerissen.
Mit dieser beinahe fahrlässig anmutenden Reduktion aber hat es eine gewichtige konzeptionelle Bewandtnis, die für das Verständnis von Winklers Ansatz und des Gesamtwerks zentral ist. Der Autor ist der Auffassung, dass die wesentliche Wende in der Geschichte des Westens erst mit diesen beiden atlantischen Revolutionen eintrat. Erst durch die „Virginia Declaration of Rights“ (1776), die amerikanische Unabhängigkeitserklärung (ebenfalls 1776) sowie die französische „Déclaration des droits de l’homme et du citoyen“ (1789) wurde aus einer zivilisatorischen Entwicklung unter mehreren das historisch einzigartige „normative Projekt“ des Westens.


Konstruktives Scheitern

Klarer als in den Vorgängerbänden tritt dieser Bruch in diesem Band hervor. Winkler will eines verdeutlichen: Das zentrale Drama des Westens, nämlich einerseits das Aufstellen höchster Werteansprüche an die Gemeinschaft und andererseits das beständige konstruktive Scheitern an diesen Ansprüchen, habe erst vor rund 250 Jahren begonnen; ein stetes Scheitern, das durch immerwährende Selbstkorrektur zur hart erstrittenen Erfolgsgeschichte geworden sei.
Die eigentliche Wirkgeschichte des Westens ist also, historisch betrachtet, sehr kurz. Ihr Wunder ist, dass bei allem Scheitern an den hohen Maßstäben diese selbst nie aufgegeben wurden. Das ist der wesentliche Unterschied zu anderen Ordnungsmodellen an anderen Orten zu anderen Zeiten: Der Westen ist bei aller Fehlbarkeit nie hinter das einmal formulierte Ziel zurückgefallen. Jeder Bruch wurde immer auch als solcher wahrgenommen, als Abweichung, nicht aber als Infragestellung des Zieles.
Im Gegenteil, die westlichen Gesellschaften haben sich ihrem Anspruch in zähem Ringen und mit vielen Rückfällen schrittweise angenähert, ohne ihn je ganz zu erreichen. Selbst wenn der Westen scheitert oder gar verschwindet, so könnte man schlussfolgern, sind die Ziele der drei genannten Kerndokumente nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Der Westen mag vergehen, seine philosophisch-ethische Software ist unsterblich.
Man muss über die Qualität der Winkler’schen Geschichtsschreibung nach den vier Vorbänden nicht mehr allzu viel sagen. Fast universell ist die Güte der Darstellung gelobt worden, die elegante Sprache, die aus der gelehrten Tiefe und der langen Lebenserfahrung schöpfende Urteilskraft, die zum tiefen Staunen anregende Beherrschung sowohl der universalgeschichtlichen Anteile als auch der vielen Dutzend Spezialabhandlungen einzelner Themen und Regionen, die in Tiefe und Kenntnis fast gleichbleibend hochwertig sind. Auch im fünften Band glänzt all dies, und es ist unmöglich, im Buch eine Seite willkürlich aufzuschlagen, ohne gleich wieder in den Bann der Erzählung gezogen zu werden.


Projekt versus Praxis

Angesichts des Wiederholungscharakters, den jedes zusammenfassende Werk zwangsläufig hat, kommt der für diesen Band original verfassten, 15 Seiten starken Schlussbetrachtung unter dem Titel „Projekt versus Praxis“ ein hoher Stellenwert zu. Hier geht Winkler intellektuell noch einmal aufs Ganze. Nicht nur verteidigt er den Wert des „Westens“ als notwendige und historisch fruchtbare Analysekategorie, er schreibt den Kritikern auch in dankenswerter Klarheit ein paar harte Wahrheiten ins Stammbuch: „Das Projekt des Westens zu widerlegen hat die Praxis des Westens bis heute nicht vermocht.“
Sicher, für die „korrigierende Kraft dieses Projekts“ gibt es noch sehr viel zu tun, aber dass es diese Kraft überhaupt freisetzt, ist seine vorbildlose Qualität. Gerade jene Europäer, die in den Zeiten Donald Trumps zur alten kulturellen Borniertheit gegenüber Amerika zurückgefunden haben, erinnert Winkler daran: „Was in der Rhetorik der EU wie im politischen Alltag gern ‚europäische Werte‘ genannt wird, sind in Wahrheit westliche, historisch maßgeblich von den Vereinigten Staaten geprägte Werte.“
Hier outet sich der Sozialdemokrat Winkler als Atlantiker (nicht dass man es nicht schon geahnt hätte), und er fügt hinzu: „Auch machtpolitisch bleibt das Europa der Europäischen Union auf die Vereinigten Staaten angewiesen.“ Dass gerade das Abarbeiten an Donald Trump und die Zweifel an Amerikas Bekenntnis zu den eigenen Werten ein Teil eben jener Korrekturarbeit sind, die Winkler als den operativen Kern des westlichen Projekts beschreibt, muss er dann nicht noch eigens betonen.
Kaum ein Leser wird sich alle fünf Bände der „Geschichte des Westens“ beschaffen. Für jene, die das Gesamtwerk in nicht gar so kompakter Kompaktform nach Hause tragen wollen, ist der neue Band unbedingt empfehlenswert. Für jene, die mehr Wert auf eine ausführlichere Herleitung des normativen Projekts aus der Zeit vor 1776 legen und die dafür bereit sind, auf die Darstellung der Zeitgeschichte, also der vergangenen rund 100 Jahre zu verzichten, ist der erste Band, der bis zum Ersten Weltkrieg reicht, die richtige Wahl. Dieser erste Band bleibt auch nach Erscheinen des fünften Teiles die eigentliche Hochleistung innerhalb dieses nicht ausgiebig genug zu lobenden Projekts großer Geschichtsschreibung.

Jan Techau ist Senior Fellow und Direktor des Europaprogramms des German Marshall Fund of the United States (GMF) in Berlin.

 

Heinrich August Winkler: Werte und Mächte. Eine Geschichte der westlichen Welt. München: C.H. Beck 2019. 968 Seiten, 38,00 Euro

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2020, S. 124-126

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