01. März 2005

Die neue Macht der Entwicklungsländer

Globale Ambitionen - regionale Verantwortung

Sich schnell entwickelnde Länder wie China, Indien oder Brasilien stellen Forderungen nach größerer Liberalisierung, pflegen globale Interessen und werden die Industriestaaten in 40 Jahren wirtschaftlich überrundet haben. Das Wachstum vor allem Chinas und Indiens verleiht der Globalisierung bald ein nichtwestliches Gesicht.

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Nach dem Scheitern der letzten Ministerkonferenz der WTO (Welthandelsorganisation) in Cancún (Mexiko) im September 2003 proklamierte der indische Minister für Wirtschaft und Industrie Arun Jaitley: „Cancún ist gescheitert, weil der Westen die Zeichen der Zeit nicht richtig gedeutet hat. Die Entwicklungsländer sind heute eine ernst zu nehmende Macht, mit der gerechnet werden muss, und Indien spielt eine zentrale Rolle, die Entwicklungsländer unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen.“1 Die indische Economic Times schrieb ähnlich: „Die beispiellose, gemeinschaftliche und beständige Position der Entwicklungsländer in Cancún demon-strierte ihren steigenden Einfluss in multilateralen Verhandlungen.“2 Ebenso betonte der brasilianische Außenminister Celso Amorim zur neuen Rolle der Entwicklungsländer: „Dies ist ein Prozess, aus dem wir stärker denn je hervor gehen, und wir sind uns sicher, dass die G-20 auch in Zukunft eine entscheidende Rolle in den Verhandlungen spielen wird.“3

Was ist geschehen? Zum ersten Mal in der Geschichte der WTO haben sich eine Reihe einflussreicher Entwicklungs- und Schwellenländer zu einer effektiven und schlagkräftigen Gruppe (G-20) zusammengeschlossen, die mit  neuem Selbstbewusstsein und klaren Forderungen einen Gegenpol zu den Industrieländern gebildet hat. Diese neue Allianz im Welthandel reicht dabei von der verarbeitenden Industrie in China über die Software-Industrie in Südindien bis hin zu den rohstoffreichen Ländern Lateinamerikas wie Brasilien. In diesem Zusammenhang betonte der ehemalige UNCTAD-Generalsekretär Rubens Ricupero: „Wir sind Zeugen der Entstehung einer neuen Geographie im internationalen Handel.“4 Zwar kann diese erfolgreiche Blockbildung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklungsländer weder in ihren Interessen, ihrem Entwicklungsgrad noch ihren Einflussmöglichkeiten eine homogene Gruppe bilden. Dennoch nimmt heute eine steigende Zahl von ihnen aktiv gestaltend an internationalen Verhandlungen teil.

Die Welt schaut dabei vor allem auf drei der G-20 Länder: China, Indien und Brasilien. Zusammen mit Russland bilden sie die so genannten BRIC-Staaten. Dem Bericht „Dreaming with BRICs: The Path to 2050“ (Oktober 2003) der Investmentbank Goldman Sachs zufolge werden die Volkswirtschaften der BRICs, deren gemeinsame Wirtschaftsleistung heute noch weniger als 15% der Volkswirtschaften der G-6 (USA, Japan, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Italien) beträgt, diese in weniger als 40 Jahren wirtschaftlich überholen. Im Jahr 2050 werden nur noch die USA und Japan zu den sechs größten Wirtschaften gehören.5 Auch der US-Nachrichtendienst „National Intelligence Council“ betonte: „Das robuste Wachstum Chinas und Indiens könnte dem Globalisierungsprozess ein neues, nichtwestliches Gesicht verleihen und die politische Landschaft nachhaltig verändern.“6

Globale Ambitionen

Die Zeiten, in denen die Entwicklungsländer die stille Mehrheit der Weltwirtschaft oder auch der WTO stellten, sind vorbei. Bereits in der Uruguay-Runde (1986 bis 1994) des GATT hatten sie sich erstmals, wenn auch noch mit schwacher Stimme, zu Wort gemeldet. Hauptmotiv für ihr steigendes Interesse war die von den Industrieländern in Aussicht gestellte Marktöffnung in den Bereichen Landwirtschaft und Textilien. Erheblich vernehmbarer war ihr Einfluss während der WTO-Ministerkonferenz 1999 in Seattle, in der sie zum ersten Mal deutliche Liberalisierungsforderungen vorbrachten.

Unüberhörbar wurden die Entwicklungsländer schließlich in der WTO-Ministerkonferenz im November 2001 in Doha (Katar). Zu ihren Forderungen gehörten vor allem die Beseitigung der inhärenten Ungleichgewichte im Welthandel und eine stärkere Öffnung der Agrar- und Textilmärkte. Wären diese Forderungen in Doha nicht berücksichtigt worden, hätten die Entwicklungsländer den Beginn der neuen Verhandlungsrunde sicherlich blockiert. So ist es auch der neuen Macht der Entwicklungsländer zuzuschreiben, dass entwicklungspolitische Themen erstmals im Zentrum einer WTO-Runde stehen, darunter der Aufbau von Kapazitäten („capacity building“). Die neue Durchsetzungskraft der Entwicklungsländer zeigte sich auch beim Kompromiss über den Zugang zu Medikamenten. Gegen den starken Widerstand einiger Industrieländer – vor allem der USA und Schweiz – wurde den Entwicklungsländern zugestanden, in Notsituationen Zwangslizenzen zur Produktion benötigter Medikamente zu vergeben bzw. billige Nachahmerprodukte (Generika) trotz Patentschutz aus einem Drittland zu importieren (Parallelimporte).

In Cancún setzten die Entwicklungsländer schließlich ein deutliches Zeichen, dass ihre Forderungen nicht länger ignoriert werden können. Dabei waren sicherlich eine Vielzahl von Faktoren für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich, allen voran die aufeinander prallenden Nord-Süd-Interessen, die sich in der Kompromisslosigkeit der EU und USA in der Landwirtschaft sowie den Maximalforderungen der G-20 über die Abschaffung aller handelsverzerrenden Subventionen widerspiegelten. Dass eine Einigung im internationalen Handelssystem ohne die Mithilfe der großen Entwicklungs- und Schwellenländer kaum noch möglich ist, zeigte sich auch beim Abschluss des WTO-Rahmenabkommens Mitte 2004: Bereits im Vorfeld der Verhandlungen in Genf hatten sich die EU, USA, Australien sowie Brasilien und Indien als Vertreter der G-20 zu einer Fünfergruppe zusammengeschlossen, die eine geeignete Grundlage für weitreichende Kompromisse schuf und so den Fortbestand der Doha-Entwicklungsrunde sicherte. Diese Dynamik setzte sich auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2005 fort: Dort hielten 25 große WTO-Staaten, einschließlich USA, EU, Indien, Brasilien und China, eine Art Mini-Ministerkonferenz ab, um der Doha-Runde neuen Schwung zu verleihen.

Neben der WTO kommen auch andere wichtige internationale Wirtschaftsgremien nicht mehr ohne die verstärkte Einbeziehung der aufstrebenden Länder aus. So wurden zum Gipfel der G-7-Finanzminister im Februar 2005 auch Vertreter Brasiliens, Chinas, Indiens und Südafrikas eingeladen. Dies führte bereits zu Spekulationen, ob die G-7 erweitert werden sollte. In diesem Zusammenhang betonte Saumitra Chaudhuri, Mitglied im Wirtschaftsrat von Indiens Premierminister Singh: „Die Realität der Nachkriegsweltordnung weicht der neuen Realität des 21. Jahrhunderts.“7 Es kursieren Vorschläge, das Gremium in eine G-5 umzuwandeln, mit den USA, China, Großbritannien, EU und Japan als Mitglieder.8 Deutlich werden die globalen Ansprüche der BRICs auch im sicherheitspolitischen Bereich der Vereinten Nationen: Nachdem China bereits Mitglied im Sicherheitsrat ist, werben nun auch Brasilien und Indien aggressiv für einen Sitz im Rahmen einer möglichen Erweiterung.

Regionale Ankerländer

Auch auf regionaler Ebene sind die BRICs unübersehbare politische und wirtschaftliche Schlüsselgrößen. Da-bei zählen sie zu den so genannten Ankerländern, die einerseits eine regionale Lokomotivfunktion einnehmen, andererseits ein Faktor für Stagnation und länderübergreifende Krisenanfälligkeit in ihrer Region sein können.9

Ein Beispiel hierfür ist Brasiliens Rolle in den Verhandlungen zur „Free Trade Area of the Americas“ (FTAA), bei denen es sich zusammen mit den USA den Vorsitz teilt. Diese Verhandlungen befinden sich zurzeit im Stillstand, da Brasilien nach dem Scheitern von Cancún nicht bereit ist, ohne grundlegende Zugeständnisse der USA im Agrarbereich weiter zu verhandeln. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt Brasiliens zurzeit auf dem Mercosur, dem neben Brasilien noch Argentinien, Uruguay und Paraguay angehören. Allerdings gehen die Verhandlungen zur Vertiefung des Regionalabkommens nur schleppend voran, da Brasilien zum Schutz der heimischen Industrie immer wieder auf protektionistische Maßnahmen zurückgreift und seiner Rolle als regionale Führungsmacht nicht nachkommt. Das Interesse Brasiliens liegt momentan eher in einer Erweiterung des Mercosur: Zunächst soll mit der Andenregion und den zentralamerikanischen Staaten verhandelt werden, später sind Handelsabkommen mit Indien und Südafrika geplant, möglicherweise auch mit China, das im Jahr 2003 zum drittwichtigsten Handelspartner Brasiliens aufstieg.

Auch China gewinnt zunehmend politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Asien. Dies zeigt sich unter anderem an seinen Bemühungen um eine Führungsrolle in den südostasiatischen Wirtschaftsbündnissen. Nicht zuletzt aufgrund der Unzufriedenheit mit dem dominanten Auftreten der USA sowie den Chancen, die China als Zukunftsmarkt bietet, sind die Länder Südostasiens näher an China herangerückt.10 Im November 2004 schloss China ein Handelsabkommen mit ASEAN (Association of South East Asian Nations) ab, dessen Ziel die Etablierung einer Freihandelszone bis 2010 ist. Mit rund zwei Milliarden Menschen wäre dies die größte Freihandelszone der Welt. Bereits heute verbinden China und die ASEAN-Staaten enge Wirtschaftsverflechtungen: Allein in den ersten neun Monaten 2004 ist der Warenhandel zwischen China und den ASEAN-Staaten um 35% gestiegen. Setzt sich diese Dynamik fort, wird China in den nächsten Jahren die USA als wichtigsten Handelspartner der ASEAN-Gruppe ablösen. Neben China beansprucht auch Indien, das sich langsam aus seiner selbstgewählten Isolation befreit, eine stärkere regionale Führungsrolle in Südostasien und plant ebenfalls ein Freihandelsabkommen mit ASEAN – unter anderem als Gegenpol zu China.

Globalisierung macht stark!

Doch woher kommt die neue Macht der Entwicklungsländer? Moderne Macht wird durch die Kontrolle und Steuerung internationaler Strukturen und Institutionen ausgeübt. Militärische Macht und Macht im weberschen Sinne spielen also eine zunehmend kleinere Rolle in internationalen Verhandlungen – gerade in der WTO. Vielmehr geht er hier um strukturelle Macht im Sinne von Susan Strange, also die Macht, bestehende Strukturen im eigenen Interesse zu verändern. Dies kann nach Joseph Nye auch als „soft power“ bezeichnet werden. Diese Macht ist in sofern weich, als dass sie sich nicht in militärischer Gewalt manifestiert. Ihr Kern sind vielmehr wirtschaftliche und kulturelle Machtmittel. Auch Marktmacht wird als weiche Macht bezeichnet, da sie zum Großteil nicht von Regierungen, sondern vom privaten Sektor kontrolliert wird. Beispielhaft kann hier die Handelsmacht genannt werden, deren Ursache sowohl in den Anteilen am Welthandel, den Exporten und der Wettbewerbsfähigkeit der Exportgüter als auch der Attraktivität des inländischen Marktes für ausländische Produzenten und Exporteure liegt. Weitere Faktoren struktureller Macht sind die wirtschaftliche Größe eines Landes, sein technologischer Wissensvorsprung oder auch sein Vorbildcharakter für andere Staaten. Macht und Einflussmöglichkeiten steigen somit parallel zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung eines Landes.11

Dementsprechend haben eine Reihe von Entwicklungs- und Schwellenländern von der wirtschaftlichen Globalisierung profitiert: Gerade diejenigen, die der Globalisierung nicht den Rücken zugewandt haben, sind auch politisch einflussreicher geworden. Viele dieser so genannten „globalisierenden“ Länder haben dabei vom Misserfolg ihrer Entwicklungsstrategie, der „Import-Substitution-Industrialization Policy“ (Abschottung von der Weltwirtschaft und dem Aufbau eigener Industrien), der Schuldenkrise der achtziger Jahre und den positiven Erfahrungen einiger asiatischer Länder mit exportorientierten Wirtschaftsstrategien (darunter Malaysia, Südkorea und Thailand) gelernt und ihre Märkte liberalisiert sowie wirtschaftliche und politische Reformen durchgeführt. Dabei verzeichneten die „globalisierenden“ Entwicklungsländer im Durchschnitt eine Wachstumsrate von 3,5% in den achtziger Jahren beziehungsweise 5% in den neunziger Jahren, die mit einer erheblichen Armutsreduktion einherging: Zwischen 1981 und 2001 sank der Anteil der Menschen, die von einen Dollar am Tag leben, von 40% auf 21%. In Ost- und Südostasien half das hohe Wirtschaftswachstum in dieser Zeit mehr als 500 Millionen Menschen aus der Armut; alleine in China sank die Zahl der in Armut lebenden Menschen von mehr als 600 Millionen auf etwa 200 Millionen Auch Indien weist beachtliche Erfolge in der Armutsbekämpfung auf: Seit 2000 sank die Armut in den Städten um 24%, in ländlichen Gegenden sogar um 30%.12

Doch nicht alle Länder und Regionen konnten eine ähnlich positive Entwicklung verzeichnen: Gerade die „nichtglobalisierenden“ Länder, die sich weiterhin von den Weltmärkten abschotteten, verzeichneten mit durchschnittlich 0,8% und 1,4% in den achtziger und neunziger Jahren vergleichsweise niedrige Wachstumsraten. So schrumpfte zum Beispiel das Pro-Kopf-Einkommen in den Ländern südlich der Sahara von 1981 bis 2001 um 15%, und die Armut nahm weiter zu.

China – die neue Supermacht?

Besonders bemerkenswert ist dabei die Entwicklung Chinas – nicht nur aufgrund seines immensen Wirtschaftswachstums: Mit einem Markt von 1,3 Milliarden Konsumenten und einem enormen Potenzial an billigen Arbeitskräften wird China die heutigen globalen Investitionen und Handelsströme grundlegend verändern. China ist in den letzten 25 Jahren um durchschnittlich 9% jährlich gewachsen. Setzt sich diese Entwicklung fort, so wird dem Goldman Sachs- Bericht zufolge Chinas Wirtschaft Deutschland in den nächsten vier Jahren, die USA im Jahr 2041 überrunden.

Getragen wird diese Entwicklung hauptsächlich durch den Handel: Von 2000 bis 2002 betrug der Handel im Verhältnis zum BIP über 50%. Allein im Jahr 2003 nahmen die Gesamtexporte Chinas um rund 23% zu, die Importe stiegen um 31%. Dies führte dazu, dass China mit einem BIP von rund 1,4 Billionen Dollar im Jahr 2003 die sechstgrößte Volkswirtschaft und mit Exporten in der Höhe von 342 Milliarden Dollar die viertgrößte Handelsnation der Welt war. Im Jahr 2003 flossen Investitionen von rund 54 Milliarden US-Dollar nach China. Mit Devisenreserven in Höhe von 400 Milliarden Dollar hält China heute die zweitgrößten Devisenreserven der Welt.13

China ist ein Markt voller Potenziale – aber auch voller Risiken: Trotz des hohen Wirtschaftswachstums ist China nach wie vor ein Entwicklungsland: Das Pro-Kopf-Einkommen liegt weiterhin bei etwa 1000 Dollar. Auch ist der Übergang Chinas zu einer Marktwirtschaft noch nicht vollständig abgeschlossen. Zwar bestätigte gerade Chinas WTO-Beitritt Ende 2001 sein Bekenntnis zu marktwirtschaftlichen Ordnungsprinzipien, doch bleibt der Weg von einer geschlossenen zu einer offenen Volkswirtschaft und von einer vornehmlich landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft zu einer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft lang und beschwerlich. Zu den noch ausstehenden Reformen gehört dabei eine weitere Restrukturierung der ca. 170 000 Staatsunternehmen Chinas, die im Jahr 2002 immer noch die Hälfte des industriellen Outputs erwirtschafteten. Ebenfalls auf dem Reformplan steht eine Sanierung des Bankensektors: So sind heute mehr als 25% des gesamten Kreditvolumens der chinesischen Banken faule Kredite („bad loans“). Ebenfalls überdacht werden muss Chinas Währungspolitik: Durch die feste Anbindung des Yuan an den Dollar stimuliert die chinesische Regierung ganz bewusst das inländische Wachstum; auf längere Sicht kann dies jedoch zu einer Überhitzung der Wirtschaft führen. Auch international ist die systematische Unterbewertung des Yuan nicht problemlos, führt es doch zu einem steigenden Wettbewerbsdruck und folglich einem wachsenden Ressentiment gegen chinesische Importe, gerade in den USA.

Demnach liegt die große Herausforderung für China vor allem darin, die Lücke zwischen wirtschaftlichen Reformen und politischer Modernisierung zu schließen, ohne dass es aufgrund der erheblichen Anpassungskosten zu großen Unruhen kommt. Gerade der starke Anstieg der Arbeitslosigkeit sowie das große wirtschaftliche Gefälle zwischen den armen Westprovinzen und den relativ reichen Ostprovinzen verschärfen die sozialen Probleme Chinas.

Indien auf der Überholspur?

Die Wirtschaftsdaten Indiens sprechen für sich: Von 1992 bis 2002 betrug die durchschnittliche Wachstumsrate 6% pro Jahr; im Jahr 2003 konnte Indien sein Wachstum aufgrund des günstigen Monsunregens um 8% auf insgesamt 599 Milliarden Dollar steigern. Im vierten Quartal 2003 wuchs Indiens BIP sogar um rund 10,4% und überrundete damit zum ersten Mal China. Einer Studie der Deutschen Bank Research zufolge wird Indien in den kommenden 15 Jahren schneller wachsen als China: Während ein deutlich niedrigeres Wachstum für die G-6 sowie Brasilien und China im nächsten halben Jahrhundert vorhersagt wird, erwartet man eine jährliche Wachstumsrate von etwa 5,5% für Indien.14 Demnach würde sich das BIP Indiens innerhalb der nächsten 13 Jahre verdoppeln; im Jahr 2020 wäre Indien dann nach den USA und China die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.15 Ursache hierfür sind vor allem demographische Faktoren: Mehr als die Hälfte der indischen Bevölkerung ist jünger als 25 Jahre, und Indien ist das einzige Land, in dem das Arbeitskräftepotenzial in den nächsten 50 Jahren weiter wachsen wird.

Nach wie vor ist Indien ein stark von landwirtschaftlichen Strukturen geprägtes Land: Der Anteil der landwirtschaftlichen Produktion am BIP beträgt rund ein Viertel. Allerdings gewinnen der Industrie- und Dienstleistungssektor zunehmend an Bedeutung: Heute macht die verarbeitende Industrie 27% des BIP aus; der Anteil der Dienstleistungen liegt sogar bei über 50%. Das verarbeitende Gewerbe – darunter Informationstechnologien und Pharmaprodukte – hat deutlich an internationaler Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Daneben ist die indische Forschung in Bereichen wie Raumfahrt oder Biotechnologie in die weltweite Spitzenklasse aufgerückt.

Trotz dieser positiven Nachrichten ist Vorsicht geboten. Wie China steht auch Indien vor einer Reihe von Herausforderungen. Dabei liegen die Risiken vor allem in der Wirtschaftspolitik und der schleppenden Umsetzung der 1991 eingeleiteten Reformen. So ist Indien nach wie vor eine vergleichsweise geschlossene Volkswirtschaft, in der Exporte von Waren und Dienstleistungen nur 15% des BIP ausmachen. Zwar stiegen die Exporte von 1995 bis 2003 um durchschnittlich 12% pro Jahr, doch liegt Indien nach wie vor nur auf Platz 31 der Rangliste der weltweit größten Güterexporteure und auf Platz 21 der Dienstleistungsexporteure. Indien macht nur 1% des Welthandels und weniger als 2% des globalen BIP aus, obwohl dort 17% der Weltbevölkerung leben. Auch schottet sich Indien weiterhin durch erhebliche Zölle von der Weltwirtschaft ab: Der indische Durchschnittszoll beträgt 29%, wobei die durchschnittlichen Zollraten bei nichtlandwirtschaftlichen Produkten bei etwa 28%, bei landwirtschaftlichen Produkten sogar bei rund 37% liegen. Gleichzeitig hält Indien den zweifelhaften Rekord, von 1995 bis 2003 die meisten Antidumpingfälle in der WTO initiiert zu haben.16

Indien ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 454 Dollar im Jahr 2003 nach wie vor ein Entwicklungsland: Im Vergleich zu China hinkt seine Wirtschaftsentwicklung sogar um 10 bis 15 Jahre hinterher. Etwa ein Viertel der indischen Bevölkerung lebt mit weniger als einem Dollar pro Tag unterhalb der absoluten Armutsgrenze. Jährlich drängen neun Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt. Um die steigende Zahl der Arbeitskräfte in die Wirtschaft zu integrieren, braucht Indien ein Wachstum von mindestens 8%. Wird dies langfristig nicht erreicht, so droht auch Indien eine weitere Steigerung der bereits sehr hohen Arbeitslosigkeit. Problematisch sind ferner eine zu schwache Binnennachfrage sowie der Mangel an inländischen und ausländischen Investitionen. Gerade im Bereich der Infrastruktur sind Investitionen nötig, wie auch im Gesundheits- und Bildungsbereich, die vor allem der ländlichen Bevölkerung zugute kommen müssen.17

Brasilien im Sambaschritt

Auch Brasilien ist eine aufstrebende Wirtschaftsmacht, sowohl regional als auch weltweit und wird zusammen mit China und Indien zu den neuen Wirtschaftsgrößen gezählt: Brasilien ist der größte Orangensafthersteller der Welt, der drittgrößte Zuckerexporteur und die zehntstärkste Wirtschaftsmacht. Gleichzeitig leben jedoch mehr als ein Drittel der rund 190 Millionen Einwohner unter der Armutsgrenze, die Arbeitslosenquote liegt bei über 10%, die Einkommen sind sehr ungleich verteilt.18

Brasilien erholte sich im Jahr 2004 von der schlechten Wirtschaftslage der vergangenen Jahre: Mit 4,6% wuchs das BIP so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr; der Export, Investitionen und die inländische Nachfrage zogen deutlich an. Zu den dynamischsten Wirtschaftzweigen Brasiliens gehört nach wie vor die Landwirtschaft: Im Jahr 2003 war dieser Bereich für 42% der brasilianischen Exporte verantwortlich. Der Sektor erwirtschaftet heute 10% des brasilianischen BIP und sichert annähernd 40% aller Arbeitsplätze. Vor allem hervorzuheben ist das hohe Produktivitätswachstum in der Landwirtschaft: Während in den vergangenen drei Jahren die Flächen um 15% wuchsen, stieg die Ernte um fast 50%. Brasiliens Interesse an einer Öffnung der weltweiten Agrarmärkte ist dementsprechend groß. Zusätzlich ist Brasilien reich an Rohstoffen und besitzt u.a. die größten Eisenerzvorkommen der Welt; aufgrund der niedrigen Lohnkosten ist es auch der global preiswerteste Anbieter von Stahl. Die steigende Nachfrage wird u.a. durch den anhaltenden Wirtschaftsboom in China getragen.19

Brasilien steht vor enormen wirtschaftlichen Risiken, die das neue wirtschaftliche Selbstbewusstsein gefährden könnten. Dazu gehört die hohe Verschuldungsquote des Staates, die mit 250 Milliarden Dollar rund 56% des brasilianischen BIP ausmacht. Weitere Probleme liegen in der ausufernden Bürokratie, einer weit verbreiteten Korruption sowie der mangelnden internationalen Wettbewerbsfähigkeit vieler Branchen. Eine Verbesserung der Infrastruktur ist dringend notwendig, da die Transportkosten in Brasilien durchschnittlich doppelt so hoch sind wie in Russland oder China. Insgesamt ist Brasilien nicht so offen wie andere Wirtschaftsregionen: So machten die ausländischen Direktinvestitionen 2004 nur 2% des BIP aus. Auch auf der Rangliste der weltweit größten Güterexporteure belegte Brasilien im Jahr 2003 nur Platz 25; bei den Dienstleistungsexporten Platz 35. Einer der Gründe hierfür ist Brasiliens relativ hohes Zollniveau, das bei landwirtschaftlichen Produkten bei rund 12%, und bei nichtlandwirtschaftlichen bei durchschnittlich 14% liegt.20 Demzufolge liegt Brasilien im „2005 Index of Economic Freedom“ auf Platz 90 (von 155 Ländern) und gilt als „mostly unfree“.21

Präsident (Lula) da Silva hat jedoch in den vergangenen Jahren einen Prozess der makroökonomischen Stabilisierung initiiert. Auf der Basis einer strikten Geld- und Haushaltspolitik konnte er Inflation und Schuldenwachstum bremsen. Wenn dieser Reformkurs beibehalten wird, wird Brasiliens BIP in den nächsten 50 Jahren durchschnittlich 3,6% wachsen. Auf dieser Basis könnte Brasiliens Wirtschaft Großbritannien und Deutschland im Jahr 2036 überrunden. Somit kann es in 50 Jahren hinter China, USA, Indien und Japan zur fünftgrößten Volkswirtschaft aufsteigen, eine wichtige Basis für Brasiliens Anspruch als regionale und weltweite Führungsmacht.22

Mehr Macht. Mehr Veranwortung!

Aufgrund ihrer ökonomischen, demographischen und geographischen Größe sind die BRICs und einige andere Ankerländer wie Indonesien, Südafrika und die Türkei unverzichtbare Partner für die Lösung aktueller globaler Probleme. Ihr Aufstieg zu politischen und wirtschaftlichen Weltmächten sollte somit auch von der Übernahme von Verantwortung – sowohl auf regionaler als auch auf internationaler Ebene – begleitet werden.

Wichtig sind hier an erster Stelle interne Reformen, denn nur ein auf nationaler Ebene wirtschaftlich und politisch stabiles Land kann auch international langfristig eine konstruktive Rolle für Stabilität spielen. Demnach müssen eine Reihe nationaler Rahmenbedingungen in den genannten Ländern geschaffen werden: neben makroökonomischer Stabilität vor allem gute Regierungsführung („good governance“), Bekämpfung der Korruption, Rechtssicherheit und Transparenz. Um eine stärkere Marktöffnung der Länder zu erlauben und die Bedeutung von Zöllen als wichtige Einnahmequelle zu reduzieren, ist ferner die Einführung eines effektiven und transparenten Steuersystems unablässig. Alle BRICs haben hier noch erheblichen Reformbedarf.

Auch auf internationaler Ebene müssen die neuen Wirtschaftsmächte Ankerländer im positiven Sinne werden, die globale Verantwortung tragen und in ihrer Region auch schwächere Länder aus der Armut herausziehen. Wichtig ist hier gerade die Öffnung ihre Märkte – auch Agrar- und Textilmärkte – für die am wenigsten entwickelten Länder. Beispielhaft hierfür kann die Initiative Indiens, Brasiliens und Südafrikas genannt werden, künftig gemeinsam als entwicklungspolitische Geber aufzutreten. Demnach soll ein gemeinsamer „IBSA-Fonds“ zur Armutsbekämpfung eingerichtet und von der UNDP treuhändlerisch verwaltet werden. Mit diesen Mitteln sollen auf Basis eigener Erfahrungen Projekte zur Armutsbekämpfung in anderen Entwicklungsländern finanziert werden. So betonte auch Brasiliens Präsident: „Wir müssen die Verantwortlichkeiten definieren, und damit einher gehen auch neue Aufgaben für die Entwicklungsländer. Diejenigen, die größere Kapazitäten haben, können und müssen eine großzügigere Politik der Solidarität gegenüber den ärmsten Ländern der Welt verfolgen. Ein weiteres Beispiel ist NEPAD (Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung), eine Gruppe afrikanischer Länder mit ähnlichen Interessen und Strukturproblemen, die in kollektiver Verantwortung wirtschaftliche und politische Reformen durchführen und die Armut reduzieren wollen. Mitglieder sind heute 20 Staaten, darunter Kenia, Algerien, Nigeria und Südafrika.

Letztlich dürfen sich die aufstrebenden Länder in internationalen Organisationen nicht auf die Rolle von Blockademächten zurückziehen, sondern müssen konstruktiv zu den Verhandlungen beitragen – auch indem sie selbst Zugeständnisse anbieten. Diese neue Rolle werden die BRICs nicht über Nacht lernen; vielmehr werden sie langsam in ihre neuen politischen Aufgaben hinein wachsen. Hierbei müssen sie aktiv – technisch wie finanziell – von den Industriestaaten unterstützt werden.

1 Industry Hails India’s Stance at Cancún, The Economic Times, 15.9.2003, http://www.ncti-india.com/TradeConnect/TrdConSep32.htm.

2 Ebenda.

3 Hans Donker: Jubilant at Cancun Flop, Radio Netherlands, 15.9.2003, http://www2.rnw. nl/rnw/en/currentaffairs/region/internationalorganisations/wto030915.html.

4 Carolyn Whelan: Developing Countries’ Economic Clout Grows, International Herald Tribune, 10.7.2004.

5 Dominic Wilson, Roopa Purushothaman, Dreaming with BRICs: The Path to 2050, Goldman Sachs, Global Economics Paper Nr. 99, Oktober 2003.

6 Asien wird auch im Zeichen des Hahns auf Wachstumskurs bleiben, FAZ, 9.2.2005.

7 G7 lädt aufstrebende Volkswirtschaften ein, Handelsblatt, 24.1.2005.

8 Selbstbewußte Gäste auf dem Treffen der G 7 in London, FAZ, 3.2.2005.

9 Andreas Stamm: Schwellen- und Ankerländer als Akteure einer globalen Partnerschaft, DIE Discussion Paper Nr. 1/2004.

10 Christoph Hein, Länderbericht China: Zum Wachstum verdammt, FAZ, 1.12.2003.

11 Reinhard Rode, Macht und Zusammenarbeit in Internationalen Institutionen, IB Papier Nr. 1/2004, Halle 2004.

12 James D. Wolfensohn, Francois Bourguignon, Development and Poverty Reduction: Looking Back, Looking Ahead, prepared for the 2004 Annual Meetings of the World Bank and IMF, Washington, D.C., Oktober 2004.

13 Behind the Mask, A Survey of Business in China, The Economist, 20.3.2004, S. 3; WTO, Statistical Database, http://www.wto.org/english/res_e/statis_e/statis_e.htm; Wilson/Purushothaman, S. 3.

14 Wilson/Purushothaman, (Anm. 5), S. 4.

15 Deutsche Bank: Indien wird schneller wachsen als China, FAZ, 10.2.2005.

16 Chinas Risiko liegt in der Politik, Indiens in der Wirtschaft, FAZ, 6.1.2005; WTO, Statistical Database, http://www.wto.org/english/res_e/statis_e/statis_e.htm.

17 India’s Shining Hopes, Survey, The Economist, 19.2.2004; Christoph Hein, Länderbericht Indien: Neues Selbstbewußtsein auf noch dünnem Acker, FAZ, 13.4.2004.

18 Volker Riehl, Thomas M. Schimmel, Brasilien: Zwischen Armut und Wirtschaftsboom, E+Z, November 2004, S. 428.

19 Carl Moses, „Länderbericht Brasilien: Revolutionen gibt es nur in der Agrartechnik“, FAZ, 10.1.2005.

20 WTO, Statistical Database, <http://www.wto.org/english/res_e/statis_e/statis_e.htm>.

21 The Heritage Foundation, 2005 Index of Economic Freedom, Brasilien, <http://www.heritage.org/research/features/index/countryFiles/Brazil.pdf>.

22 Wilson/Purushothaman, S. 10, 17..

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, März 2005, S. 17 - 25.

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