Die letzte Linie der Vernunft
Lehren aus der Geschichte ziehen oder Horrorszenarien für die Zukunft zeichnen? Zwei völlig unterschiedliche Bücher flehen um klügere Außenpolitik. Nur eins ist dabei erfolgreich.
Ob sich die vielen Touristen, die in diesem Sommer Wien besucht haben, das ausmalen konnten? Flammen schlagen aus dem Turm des Stephansdoms, entzündet durch russischen Raketenbeschuss!
„Zum zweiten Mal in seiner Geschichte brennt der Steffl“, schreibt der österreichische Militäranalyst Franz-Stefan Gady auf Seite 137 seines Buches „Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt“.
Doch da hat sich die Beklemmung beim Leser bereits tief eingegraben angesichts des Verhängnisses, das der Autor im kühlen Ton eines militärischen Lagebriefings, mit penibler Präzision und gnadenloser Folgerichtigkeit vor dem Leser ausbreitet: die Geschichte davon, wie Österreich durch die Zwänge seiner Geografie zum Teilhaber eines von Russland ausgelösten europäischen Krieges wird – und wie seine eigene, fahrlässig herbeigeführte Unvorbereitetheit dem Angreifer in die Hände spielt.
Keine Chance, zu entkommen
Das Genre des Kriegsszenario-Buches ist im Zuge von Wladimir Putins Ukraine-Krieg und der Zeitenwende so populär wie seit Mitte der achtziger Jahre nicht mehr. Das liegt nicht nur am wohligen Grusel, den diese Werke auslösen, sondern auch daran, dass sie in Wirklichkeit Porträtbände wohlstandsgesättigter Borniertheit sind, in denen nicht die Untaten des Feldherrn im Kreml am meisten schockieren, sondern die jahrzehntelange aggressive Realitätsverweigerung und politische Bequemlichkeit europäischer Gesellschaften in Sachen militärischer Sicherheitsvorsorge.
Gadys Buch hat den zusätzlichen Reiz, dass es sich zum Schauplatz nicht die üblichen Hotspots an der Ostflanke der NATO wählt, sondern das sich sicher und fernab aller Grenzrisiken wähnende Österreich. Das hat den großen therapeutischen Wert, dass der Mythos des „wir wollen doch nichts Böses, also sind wir sicher“ gründlich zerstört wird.
Wie Gady mehrfach nachdrücklich klarmacht, hat Österreich keine Chance, seinem Schicksal zu entkommen. Nicht mit Appeasement, nicht mit Heraushalten, und erst recht nicht aufgrund seiner Neutralität, von der tatsächlich immer noch viele glauben, dass sie Österreich eine entkoppelte Sondersicherheit garantiert.
Für einen entschlossenen Aggressor, der den Angriffskrieg nicht scheut, ist eine solche rechtliche Statusfrage irrelevant. Ist der Krieg erst einmal gewollt und losgetreten, gilt naturgemäß nurmehr seine inhärente räumlich-strategische Logik, und die würde nach einem Angriff Moskaus auf die NATO den Krieg auch in die Alpenrepublik tragen, ganz gleich, wie neutral man sich dort fühlt. Denn durch Österreich laufen entscheidende NATO-Nachschubstränge, die bei einer Störung der Versorgung über die Nordseehäfen und der Bahn- und Straßenverbindungen durch die norddeutsche Tiefebene strategische Bedeutung gewinnen.
Statt über Rotterdam und Bremerhaven würden die NATO-Truppen an der Ostflanke ihren Nachschub über die Adriahäfen Koper und Triest beziehen. Drei der vier von dort kommenden Nord-Süd-Verbindungen laufen durch Österreich, die Allianz wäre existenziell auf diese Nadelöhre angewiesen. Weswegen Russland in seinen Szenarioplänen längst genau ausgeplant hat, wo in Wien, Graz und Innsbruck die Raketen und Drohnen einzuschlagen und wo die vorab ins Land geschmuggelten Schläfertrupps Schienenstränge, Umspannwerke, Tunnel, und Kasernen zu sabotieren haben.
Entzauberung der Neutralität
Gady beschreibt diese Vorgänge, die er ins Jahr 2029 vorverlegt, in zwei Szenarioschritten, denen jeweils ein Analysekapitel folgt. Er schöpft dabei aus einer in dieser Form in Europa sehr seltenen Mischung aus strategischer Kompetenz, taktischem Detailwissen, technischer Expertise und politischer Klarsicht. Dabei kommt es nicht auf die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ablaufs an, sondern auf seine Plausibilität.
Das Ganze ist zwar nicht elegant, aber weitgehend fettfrei geschrieben, sodass Gady die ganze Malaise auf knapp 160 Seiten unterbringt. Der Autor ist sich dabei nicht zu schade, einige Erkenntnisse, die er für zentral hält, gleich mehrfach zu erwähnen. Das wirkt hier und da etwas pädagogisch, aber angesichts der Dickfelligkeit, mit der sich große Teile der Öffentlichkeit und der politischen Klasse weiterhin den sicherheitspolitischen Realitäten verweigern, ist es nützlich. Manche Dinge kann man nicht oft genug sagen.
Denn dass der Krieg überhaupt stattfindet, und dass er dann schlimmere Folgen hat, als er haben müsste, ist nur in zweiter Linie eine militärische Angelegenheit. Es ist zuallererst das Resultat jahrzehntelanger Versäumnisse und Illusionen, denen in Gadys Szenario die österreichische Bundeskanzlerin, ihre Ministerkollegen und die üblichen Verdächtigen in der Fundamentalopposition bis zum Schluss anhängen.
Eine konsequentere Entzauberung der Neutralität und ihrer Nebenwirkungen hat es wohl noch nicht gegeben. Sie ist deswegen so effektiv, weil sie nicht vielfach ausgetauschte politische oder moralische Argumente verwendet (die eigentlich ausreichen sollten), sondern die nüchterne letzte Linie der Vernunft, nämlich die physischen Konsequenzen der Ignoranz.
Zwischendurch bekommt sogar der ehemalige Bundeskanzler Bruno Kreisky, der wichtigste Säulenheilige der österreichischen Nachkriegsmythologie, einen Tritt ans Schienbein, und zwar zu Recht.
Von Österreichern lernen
Für das deutsche Publikum ist Gadys Buch in hohem Maße nützlich, weil es neben dem speziellen österreichischen Szenario einen erstklassigen Primer zur Sicherheitspolitik und der ihr inhärenten Logik liefert.
In den vergangenen Jahren waren es oft Österreicher, die den Deutschen sicherheitspolitische Vernunft nahegebracht haben. Neben Gady muss der schon beinahe berühmte Oberst Markus Reisner von der Theresianischen Militärakademie in Wien genannt werden und natürlich Gustav Gressel, der zu Beginn des Ukraine-Krieges Olaf Scholz und seine Truppe im Kanzleramt in Rage versetzte, indem er ihre verzagte und unkluge Politik kompetent sezierte.
Gadys Buch ist ein neuer, anderer Versuch, ähnliche Fehler beim nächsten Mal zu verhindern. Es ist dringend lesenswert.
Gebrochene Erinnerung
Auch Francis J. Gavin, Professor an der Kaderschmiede SAIS der Johns Hopkins University in Washington, treibt die Frage um, wie politische Entscheidungsträger zu klügeren, weitsichtigeren und tragfähigeren Entscheidungen kommen können – und wie die akademische Ausbildung dazu beitragen kann.
Für Gavin liegt ein wesentlicher Schlüssel darin, einen Sinn für Geschichte, ein historisches Bewusstsein zu entwickeln. Sein Essay „Thinking Historically: A Guide to Statecraft and Strategy“ ist der ambitionierte Versuch, ein solch butterweiches Konzept nicht nur zu definieren, sondern auch konkret und praktisch anwendbar zu machen.
Der Versuch gelingt nur halb, und beim Lesen der ersten beiden von fünf Kapiteln beschleicht einen der starke Verdacht, dass hier der Stoff für einen schönen und pointierten Artikel über das hilfreiche Lernen aus der Geschichte auf Buchlänge gestreckt wurde. Gavins Kernthese, dass derjenige, der ein solides historisches Bewusstsein hat, nicht nur mehr über seine eigenen Voreingenommenheiten weiß, sondern auch besser gegen ungewollte Nebenfolgen seines Handelns gefeit ist und der missbräuchlichen Instrumentalisierung von Geschichte besser begegnen kann, ist nicht neu. Manche seiner Einsichten sind Allgemeinplätze.
Richtig greifbar wird sein Ansatz erst, wenn er an einem praktischen Beispiel systematisch aufzeigt, was er mit historischem Bewusstsein überhaupt meint: Im dritten Kapitel demonstriert er clever, wie unterschiedliche Sichtweisen auf den Kalten Krieg, seinen Auslöser, sein Ende, seine Bedeutung und seine Folgen unterschiedliche Weltsichten sichtbar machen und zu unterschiedlichen außenpolitischen Programmen führen.
Erst das Bewusstsein, dass die historische Deutung eines Phänomens, zu dem alle eine feste Meinung haben, mindestens vierfach gebrochen und völlig anders bewertet werden kann, gibt einem Entscheider ein Bild davon, auf welch dünnem Eis er wandelt – aber auch, dass er Optionen hat, von denen er vielleicht gar nichts wusste. Das lohnt die Lektüre, und sei es nur, um diesen Lackmustest direkt an sich selbst durchzuführen.
Checkliste für Außenpolitiker
Praktischerweise liefert Gavin im letzten Kapitel eine Zwölf-Punkte-Checkliste, mit der außenpolitische Praktiker anhand historisch grundierter Fragen ihr Denken und ihre Entscheidungen überprüfen können.
Sie erinnert entfernt an die Chilcot-Checklist des britischen Verteidigungsministeriums, die strategische Entscheidungen verbessern soll, aber viel stärker operativ geprägt ist als Gavins Fragen zu den Grundlagen.
Das ist Stärke und Schwäche des Buches zugleich: Es verweist auf tiefere Fragen, ist aber letztlich ganz unpolitisch. Es unterscheidet nicht zwischen policy und politics, und es hat zur eigentlichen Rohmasse der Außenpolitik, der Macht, nicht viel zu sagen. Es gibt nützliche Anregungen, kann aber die ewige Frage danach, was man eigentlich studieren sollte, um Außenpolitik wirklich begreifen und betreiben zu können, nicht schlüssig beantworten.
Titel und prominente Lobpreisungen verheißen hier mehr, als das Buch liefern kann.
Franz-Stefan Gady: Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt: Eine militärstrategische Analyse im Falle eines NATO-Russland-Konflikts. Wien: Molden Verlag 2026. 160 Seiten, 24,00 Euro
Francis J. Gavin: Thinking Historically: A Guide to Statecraft and Strategy. New Haven: Yale University Press 2025. 245 Seiten, 35,00 US-Dollar
Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 124-126
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