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01. Nov. 2008

„Die Dramatik wird noch nicht erkannt“

Im Kampf gegen den Hunger hilft nur die massive Förderung der Landwirtschaft

IP: 1996 vereinbarten die Staats- und Regierungschefs auf dem Welternährungsgipfel in Rom, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Stattdessen nimmt sie weiter zu. Warum wurde dieses Ziel so weit verfehlt?

Müller: Der größte Fehler war, die Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit zu vernachlässigen. Wir wissen, dass 70 Prozent der armen Menschen in ländlichen Regionen leben, trotzdem hat sich die Entwicklungshilfe für diesen Bereich seit 1984 von acht Milliarden Dollar auf 3,4 Milliarden Dollar im Jahr 2004 verringert. Dieser Trend muss dringend umgekehrt werden. Aber ich sehe erste Anzeichen für ein Umdenken.

IP: Wirklich? Auf dem letzten Welternährungsgipfel im Juni war davon nichts zu spüren. Für NGOs ist er gescheitert.

Müller: Der Welternährungsgipfel vom Juni ist nicht gescheitert, im Gegenteil. Er gab das klare Signal, dass sofort massiv in die Landwirtschaft vor allem der armen Länder investiert werden muss. Dabei geht es nicht um unmittelbare Katastrophenhilfe, die im Einzelfall natürlich wichtig ist, sondern um langfristig verlässliche Investitionen in eine nachhaltige Landwirtschaft.

IP: Belastbare Zahlen und Zusagen über die Höhe der Investitionen gab es nicht …

Müller: Dies war ja keine Geberkonferenz. Aber sie hat ein Signal gesetzt: Es gibt eine wesentliche Korrektur der bisherigen Prioritätensetzung in der Entwicklungszusammenarbeit. Das Treffen war auch ein Erfolg, weil endlich auf höchster Regierungsebene festgehalten wurde, dass das globale System der Lebensmittelproduktion durch den drohenden Klimawandel gefährdet ist. Die Forderung ist nun, dieses System durch gezielte Anpassungsmaßnahmen widerstandsfähiger zu machen.

IP: Klingt nicht gerade ermutigend.

Müller: Natürlich können all die Beschlüsse nur umgesetzt werden, wenn es internationale Vereinbarungen zu Investitionen in die Landwirtschaft gibt. Ohne konkrete Veränderung der politischen Rahmenbedingungen und ohne Finanzierung droht die Erklärung von Rom zu einem Dokument zu werden, das sich vielleicht schön liest, aber nichts an der Realität der Menschen verändert.

IP: Wenn nicht bei diesem Gipfel, wo sonst könnte so ein verbindliches Investitionspaket denn beschlossen werden?

Müller: Die Probleme lassen sich leider nicht mit einem Gipfeltreffen lösen. Wir haben es ja gleichzeitig mit drei großen Herausforderungen zu tun: dem Klimawandel, der Energiekrise und dem Hunger. Sie müssen gemeinsam angegangen und gelöst werden. Ich betrachte den Gipfel in Rom als einen wichtigen Zwischenschritt, der aber von weiteren Maßnahmen flankiert werden muss.

IP: Noch wird aber nicht klar, worin der „Zwischenschritt“ besteht. Wie soll der Hunger bekämpft werden?

Müller: Nochmals: Auf allerhöchster politischer Ebene sind die Themen Welternährung und die internationale Hungerkrise endlich wieder auf die Tagesordnung gesetzt worden. Das ist, nachdem Landwirtschaft in der Entwicklungszusammenarbeit jahrelang international vernachlässigt wurde, an sich schon bedeutsam.

IP: Aber reicht das auch aus?

Müller: Natürlich reicht es nicht aus. Leider sind wir heute weiter denn je von dem entfernt, was die Staats- und Regierungschefs vor zwölf Jahren in Rom beschlossen haben. Die Zahl der Hungernden steigt weiter – allein im Jahr 2007 gab es wegen gestiegener Lebensmittelpreise rund 75 Millionen mehr chronisch hungernde Menschen. Insgesamt sind es nun weltweit 920 Millionen. Von daher ist ein politisches Umsteuern unbedingt erforderlich.

IP: Die Politik sieht dieser Entwicklung aber weiterhin tatenlos zu.

Müller: Das Ausmaß der Dramatik, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf uns zukommt, wird von vielen immer noch nicht erkannt. Mit ein paar 100 Millionen Euro zusätzlich für Nahrungsmittelhilfe ist es nicht mehr getan. Wir brauchen ein schlüssiges Politikkonzept, das sich den drei Megatrends stellt: dem Bevölkerungswachstum von heute 6,5 Milliarden auf 9,2 Milliarden Menschen im Jahr 2050, die ernährt werden müssen. Dem Klimawandel mitsamt seinen Katastrophenszenarien wie Überschwemmungen und Dürren. Und zuletzt dem steigenden Energiebedarf, der sich bis 2050 verdoppeln wird.

IP: Was kommt auf die Staaten zu?

Müller: Das alles erfordert jährliche Investitionen in Milliardenhöhe, besonders in die Landwirtschaft und Infrastrukturen der armen Länder. Nur so kann politische Instabilität mit Migrationsströmen und größeren humanitären Katastrophen überhaupt verhindert werden – das muss den Verantwortlichen klar werden.

IP: Von wie vielen Milliarden sprechen Sie konkret?

Müller: Die FAO schätzt, dass rund 30 Milliarden Dollar jährlich benötigt werden, um den Hunger erfolgreich zu bekämpfen. Allerdings gilt auch, dass die Entwicklungsländer selbst ihren Agrarsektor stärker fördern müssen, als das bislang der Fall war. Auch hier müssen die Voraussetzungen geschaffen werden.

IP: Ist es für langfristig greifende Maßnahmen nicht schon zu spät?

Müller: Es gilt denjenigen, die am stärksten vom Hunger betroffen sind, unmittelbar zu helfen. Das kann mit Nahrungsmittelhilfe geschehen, die – wo möglich – in den Regionen selbst gekauft werden sollte. Das muss weiterhin unmittelbare Hilfe sein, um die landwirtschaftliche Produktion der Ärmsten der Armen überhaupt wieder ankurbeln zu können. Wir haben jetzt die Situation, dass sich viele Kleinbauern aufgrund der steigenden Energiepreise zum Beispiel Düngemittel nicht mehr leisten können. Gleichzeitig brauchen wir Investitionen und Pläne, wie die Landwirtschaft klimaverträglicher und nachhaltiger werden kann.

IP: Die Preise für Nahrungsmittel sind seit Anfang dieses Jahres explodiert. Haben sie an Bodenhaftung verloren?

Müller: Durch massiv steigende Energiepreise und durch steigende Nachfrage haben die Lebensmittelpreise bislang unbekannte Höhen erreicht. Seit Mitte dieses Jahres sinken die meisten Preise aber wieder – gleichwohl bleiben sie weit über dem Niveau von 2005. Sehr viel wird davon abhängen, wie sich die Energiepreise entwickeln, die den Preis für Düngemittel und den Input für landwirtschaftliche Produktion bestimmen, und wie sich das ökonomische Wachstum verändert. Sollte die jetzige Finanzkrise in eine globale Rezession münden, dann wird die Nachfrage wieder zurückgehen. Dann werden möglicherweise Energie- und Lebensmittelpreise weiter sinken.

IP: Aber regeln Angebot und Nachfrage wirklich den Nahrungsmittelmarkt? Trotz hoher Lebensmittelpreise klagen die Landwirte über niedrige Preise. Wer also profitiert von den jüngsten Preissteigerungen?

Müller: Es stimmt, hohe Preise auf den Weltmärkten übersetzen sich nicht automatisch in hohe Preise für Kleinbauern. Unsere Prognosen haben ergeben, dass die Landwirtschaft in den Industrieländern um fast zehn Prozent zugenommen hat, während sie in den Entwicklungsländern um nur ein Prozent wuchs.

IP: Wie kann die Spekulation an den Weltmärkten eingedämmt werden?

Müller: Letztlich kann man nur mit Investitionen in die Landwirtschaft Spekulation bekämpfen, denn so lange Knappheitssignale ausgesendet werden, wird die Spekulation weiter laufen. Ich warne aber davor, in sinkenden Preisen eine Lösung des Hungerproblems zu sehen. Um den Hunger zu bekämpfen, muss man in umweltfreundliche Produktion investieren. Es darf nicht vergessen werden, dass die Landwirtschaft erheblich zum Klimawandel beiträgt. Landwirtschaft und Entwaldung tragen zu 35 Prozent zu den globalen CO2-Emissionen bei. Wir müssen das Kunststück schaffen, mehr zu produzieren und gleichzeitig weniger klimaschädliche Gase freizusetzen.

IP: Nicht wenige glauben, dass dieser Spagat nur mit Hilfe der Biotechnologie zu schaffen ist. Wie sieht das die FAO?

Müller: Unsere Mitgliedsländer haben sich auch auf der Konferenz in Rom nicht auf eine einheitliche Position geeinigt. Biotechnologie wird weiterhin kontrovers diskutiert. Sie ist jedoch nicht mit gentechnisch veränderten Pflanzen oder Tieren gleichzusetzen. Die moderne Biotechnologie hat vielerlei Auswirkungen. Der Hauptstreitpunkt dreht sich aber um die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen und Tiere.

IP: Sollen sie nun zur Lösung der Lebensmittelkrise eingesetzt werden oder nicht?

Müller: Um die landwirtschaftlichen Erträge in den Entwicklungsländern zu steigern, brauchen wir ein ganzes Bündel von Maßnahmen: bessere Bewässerung, verstärkte Investition in Bildung und Erziehung für die ländliche Bevölkerung und Zugang zu natürlichen Ressourcen. In den Entwicklungsländern fehlt es vor allem an Infrastruktur und Bildung. Daran ändert auch die Gentechnik nichts.

IP: Derweil sind multinationale Gentechnik-Unternehmen schon längst vorgeprescht. Sie züchten und verkaufen im Westen entwickeltes Einweg-Saatgut, aus dem Landwirte keine weitere Saat gewinnen können. Sind diese Agrarkonzerne für die Entwicklungsländer nicht auch eine Bedrohung?

Müller: Wir legen großen Wert darauf, dass es bei unserer Soforthilfe jetzt nicht zu einem Transfer von Saatgut etwa aus den Industrieländern nach Afrika kommt. Wir wollen die Länder darin stärken, den lokalen Bedingungen angepasstes Saatgut selbst zu erzeugen. Wenn wir die Herausforderungen des Klimawandels in der Landwirtschaft bewerkstelligen wollen, brauchen wir genetische Vielfalt. Das bedeutet, lokale Sorten weiterzuentwickeln und zu erhalten. Genetische Vielfalt ist eine Voraussetzung für Lebensmittelsicherheit. Dies ist seit Jahren einer der Programmschwerpunkte der FAO, die das internationale Abkommen über genetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt hat.

Das Gespräch führte Bettina Gabbe

ALEXANDER MÜLLER  ist seit 2006 stellvertretender Generaldirektor der Hauptabteilung für natürliche Ressourcen und Umwelt bei der FAO
 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11, November 2008, S. 56 - 59

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