Titelthema

18. Aug. 2025

Der neue Nahe Osten

Auch wenn Israel als Sieger aus der jüng­sten Auseinandersetzung mit dem Iran hervorgegangen ist, herrscht langfristig ein Patt im Kräftemessen der vier großen Regionalmächte. Das ist gefährlich.

Guido Steinberg
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Bild: Eine unscharfe israelische Flagge weht neben Soldaten. Im Hintergrund das zerstörte Gaza. Gegen das Abendlicht fotografiert.
Auf Israels militärischen Erfolgen der Jahre 2023 bis 2025 liegt vor allem aufgrund des andauernden Krieges in Gaza ein dunkler Schatten.
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Der Nahe Osten befindet sich seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 in einem epochalen Umbruch. Bei der Phase zwischen dieser Attacke und dem Zwölftagekrieg zwischen Israel und dem Iran im Juni 2025 handelt es sich um eine Schwellenzeit, in der eine neue Ordnung im Nahen Osten entsteht, deren Umrisse langsam zu erkennen sind. Die wichtigsten Ereignisse dieser knapp zwei Jahre waren die Niederlage des Iran im direkten Konflikt mit Israel und das vorläufige Ende der Expansion der Islamischen Republik. Hinzu kam der Fall des Assad-Regimes in Syrien, der nicht nur den Iran schwächte, sondern auch ein großer Erfolg für die Türkei war. 

Die Konflikte der Jahre 2023 bis 2025 wurden zwar in erster Linie zwischen den Regionalmächten Israel und dem Iran (und den Verbündeten des Iran wie der Hamas, der Hisbollah und den Huthis) geführt; die USA griffen nur entscheidend ein, als die israelische Feuerkraft nicht ausreichte, die iranischen Atomanlagen zu zerstören. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Zeitalter der amerikanischen Hegemonie im Nahen Osten zu Ende geht und durch eine multipolare Ordnung ersetzt wird, in der die USA zwar immer noch maßgeblich auf die Ereignisse einwirken, sich gleichzeitig jedoch um immer mehr Distanz bemühen.

Die Initiative geht stattdessen auf re­gionale Großmächte über, die sich an­schicken, die nächste Phase der Geschichte des Nahen Ostens zu ihren Gunsten zu prägen – die alle für sich genommen jedoch zu schwach sind, um anderen ihre Visionen von Ordnung aufzuzwingen.


Verlierer Iran 

In den Jahren nach dem Arabischen Frühling von 2011 erstarkte der Iran zusehends. In ihrem Bestreben, eine regionale Vormachtstellung einzunehmen, setzte die Islamische Republik auf ein militärisches Nuklearprogramm, auf den massenhaften Bau von Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen und den Ausbau eines Netzwerks von Verbündeten, das von Teheran „die Achse des Widerstands“ genannt wurde.

Als 2015 das Atomabkommen zwischen den USA und Iran geschlossen und die nukleare Aufrüstung des Iran zumindest zeitweise gestoppt wurde, setzte Teheran in erster Linie auf die Achse des Widerstands, um seine Hegemonialpolitik fortzuführen. Die wichtigsten Verbündeten waren die libanesische Hisbollah, die jemenitische Ansarallah (auch „Huthis“ genannt), schiitische Milizen im Irak und die Hamas und der Islamische Dschihad in den palästinensischen Gebieten. Zusammengehalten wurde die Allianz durch Geld und Waffen aus dem Iran, aber auch durch eine gemeinsame Ideologie, die teils auf schiitischen Islamismus, vor allem aber auf einen linksextremistisch anmutenden Antiimperialismus als gemeinsamen Nenner setzte, mit dem auch Sunniten wie die Hamas gewonnen werden konnten. Ein besonders wichtiger Baustein in dieser Allianz war Syrien, denn es war der einzige staatliche Verbündete des Iran, mit dem die Islamische Republik schon seit 1980 eng zusammenarbeitete.

Die Achse des Widerstands ist massiv geschwächt, doch über Israels Erfolgen liegt ein dunkler Schatten

Mit Beginn der Proteste in Syrien 2011 und dem folgenden Bürgerkrieg wurde das Assad-Regime aber zu einer Belastung für Teheran. Im Sommer 2015 mussten der Iran und Russland Truppen schicken, um einen Sturz des syrischen Präsidenten zu verhindern. Doch die Islamische Republik nutzte die Schwäche des Assad-Regimes auch, um eigene Ziele zu verfolgen. Ab 2017 begannen iranische und iranloyale Truppen und Milizen, in weiten Teilen Syriens eine „Landbrücke“ zu sichern, über die Personal, Waffen und Ausrüstung vom Iran über den Irak und Syrien bis in den Libanon transportiert werden konnten – wo sie der Hisbollah zur Verfügung gestellt wurden. Außerdem bemühte sich der Iran gemeinsam mit der Hisbollah im Süden Syriens um den Aufbau einer „zweiten Front“, von der es Israel wie vom Südlibanon (der „ersten Front“) aus mit Flugkörpern aller Art bedrohen konnte. Teheran wollte den jüdischen Staat im Konfliktfall mit Raketen aus dem Libanon, Syrien und dem Gazastreifen beschießen und durch die schiere Masse der Projektile die israelische Luftabwehr überwinden. Schon ab 2017 flog Israels Luftwaffe weit mehr als tausend Luftangriffe auf die iranischen und iranloyalen Einheiten in Syrien und verhinderte so, dass die zweite Front ­Wirklichkeit wurde.

Diese Attacken hielten nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober an und fügten den Iranern schwere Verluste zu. Im Laufe des Jahres 2024 musste Teheran eine Niederlage nach der anderen einstecken. Zunächst wurde die Hamas im Gazastreifen fast vollständig aufgerieben und ihr Politbürochef Ismail Haniya im Juli in Teheran gezielt getötet. Dann schaltete Israel die Führungsspitze der Hisbollah im September und Oktober aus und zerstörte weite Teile der militärischen Infrastruktur der Organisation. Direkte Angriffe des Iran auf Israel im April und Oktober zeigten, wie wenig sie Israel in Gefahr bringen konnten, während die Gegenangriffe zu Demonstrationen der israelischen Überlegenheit wurden. 

Dass das Assad-Regime im Dezember 2024 unter dem Ansturm der Dschihadistengruppe „Befreiungskomitee Syriens“ (HTS) fast kampflos zusammenbrach, war ein weiterer schwerer Rückschlag für den Iran, denn die Achse des Widerstands verlor ihr zentrales Bindeglied, ohne das an eine Unterstützung der Hisbollah mit größeren Waffensystemen kaum mehr zu denken war. Es war fast folgerichtig, dass Israel den nunmehr fast wehrlosen Iran im Juni 2025 mit dem Ziel angriff, das Atomprogramm zu zerstören, um auch diese Gefahr möglichst langfristig zu beseitigen.

 
Sieger Israel

Mit dem Erfolg im Zwölftagekrieg vom Juni ging Israel zumindest scheinbar als strahlender Sieger aus dem Konflikt mit dem Iran hervor. In Politik und Öffentlichkeit wurde dieser Erfolg häufig mit dem der Nahost-Kriege von 1967 und 1973 verglichen. In den Jahren 2023 bis 2025 kam zum Sieg über den Iran hinzu, dass Israel Verbündete Teherans wie die Hamas und die Hisbollah massiv schwächen konnte. Auch der Sturz des Assad-Regimes hatte viel mit den israelischen Angriffen auf Milizen der Achse des Widerstands in Syrien seit 2017 zu tun, die 2024 noch einmal verstärkt wurden. Die Luftkampagne trug maßgeblich (aber unbeabsichtigt) dazu bei, dass der Iran, die Hisbollah und iran­treue Milizen Ende 2024 nicht mehr ihren syrischen Waffenbrüdern gegen den Angriff der HTS beistehen konnten.

Nach dem Zwölftagekrieg war Israel die Militärmacht Nummer eins in der Region und nahm eine Position ein, die es zuletzt in den 1970er Jahren innehatte, als Ägypten, damals stärkster Widersacher in der Region, den Frieden mit ihm suchte. Trotzdem gab es Entwicklungen, die die israelischen Erfolge in einem weniger strahlenden Licht zeigten.

Der Regimewechsel in ­Syrien war ein regionalpolitisches Erdbeben: Der Iran verlor einen wichtigen Verbündeten, die Türkei gewann einen neuen hinzu

Die wichtigste war der Krieg in Gaza, der mit dem Angriff der Hamas begann und bis Mitte 2025 nicht beendet war (Stand 5. August). Es war erklärtes Ziel der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, die Hamas zu zerschlagen und die israelischen Geiseln zu befreien. Zwar gelang es dem israelischen Militär, die wichtigsten Führer der Hamas und (nach Angaben aus Tel Aviv) rund 20 000 Kämpfer zu töten, doch schien die Regierung kein Konzept für eine Nachkriegsordnung zu haben – und keine Antwort auf die Frage, wer denn die Hamas als Herrscherin in Gaza ablösen solle. Ergebnis war, dass die Terrorgruppe weiterhin Tausende Kämpfer ins Feld führen konnte und überall dort die Kontrolle hatte, wo kein israelisches Militär vor Ort war. 

Während Israel diesen Krieg ohne Ende führte, starben im Gazastreifen Zehntausende Zivilisten an seinen Folgen. Der jüdische Staat lief aufgrund der großen Empörung in der arabischen Welt Gefahr, sich regionalpolitisch ins Abseits zu manövrieren. Dies war besonders dramatisch, weil er in den Vorjahren einige spektakuläre diplomatische Erfolge erzielen konnte. Hierzu gehörten vor allem die Verträge mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Bahrain und Marokko aus dem Jahr 2020, die als „Abraham-Abkommen“ ­bekannt wurden, eine Normalisierung der Beziehungen beinhalteten und ein Ende der regionalpolitischen Isolation Israels einzuleiten schienen. Ein Grund dafür war die gemeinsame Feindschaft der prowestlichen arabischen Staaten und ­Israels gegenüber dem Iran. 

Der logische nächste Schritt wäre ein Frieden mit Saudi-Arabien gewesen, doch endeten Verhandlungen zwischen dem Königreich, den USA und Israel mit dem 7. Oktober. Stattdessen sprach der saudische Kronprinz Monate später von einem „Völkermord“ der Israelis an den Palästinensern und forderte einen palästinensischen Staat als Vorbedingung für einen Friedensschluss – wohlwissend, dass Netanjahu einen solchen Staat schon seit Beginn seiner Karriere in den 1990er Jahren zu verhindern sucht. 


Nutznießer Türkei

Die Türkei hielt sich während des Konflikts zwischen Israel und dem Iran im Hintergrund, profitierte aber massiv von der Schwächung der Islamischen Repu­blik. Dies zeigte sich vor allem in Syrien, wo der Iran im Dezember 2024 mit dem Assad-Regime seinen einzigen staatlichen Verbündeten verlor, während die Türkei mit dem neuen Syrien von Präsident Ahmed al-Scharaa einen hinzugewann. Der Regimewechsel kam einem regionalpolitischen Erdbeben gleich, denn er schwächte das iranische Lager massiv und war ein Erfolg für Teherans Gegner. 

Seit 2015 hatte der Konflikt zwischen diesen beiden Staatengruppen und ihren Verbündeten die Regionalpolitik dominiert und wurde in erster Linie in den Bürgerkriegen im Jemen und in Syrien ausgefochten. Doch es gab auch noch ein drittes, deutlich kleineres Lager, das aus der Türkei und dem Emirat Katar bestand. Gemeinsam hatten Ankara und Doha seit den Wirren des Arabischen Frühlings von 2011 und 2012 Islamisten unterschiedlicher Couleur in ihren Kämpfen um die Macht in Syrien, Libyen, Ägypten, Tunesien und anderswo unterstützt. Die Türkei und Ka­tar hofften offenbar, dass ihre Verbündeten die Macht übernehmen und anschließend auf enge Beziehungen zu ihren vormaligen Unterstützern setzen würden. Auf diese Weise wollten die Türkei und Katar zu Vormächten im Nahen Osten werden. 

Ab 2013 schien es so, als würden die beiden Staaten scheitern, denn in Ägypten putschte das Militär gegen die von Ankara und Doha unterstützten Muslimbrüder, und auch in Syrien und Libyen konnten sich die Islamisten nicht durchsetzen. Für Katar kam es danach besonders schlimm, weil Saudi-Arabien, VAE, Bahrain und Ägypten 2017 eine Land-, Luft- und See­blockade gegen das Emirat verhängten. Ein Grund war die Förderung der Muslimbruderschaft durch Katar, die von den vier Staaten als existenzielle Bedrohung für ihre Regime gesehen wurde. Unter anderem mit türkischer Hilfe konnte sich Doha behaupten, woraufhin die Nachbarn die Blockade Anfang 2021 aufgaben. 

Währenddessen baute die Türkei ihre regionale Position zielstrebig aus. Nach dem gescheiterten Putschversuch von 2016 erlebte Ankara eine kurze Schwächephase, konnte sich aber rasch wieder fangen und konzentrierte sich auf Schauplätze und Konflikte wie das östliche Mittelmeer, wo es um die reichen Offshore-Gasvorkommen konkurrierte, Libyen, wo es 2020 direkt intervenierte und zur Schutzmacht der westlibyschen Regierung in Tripolis wurde, und den Kaukasus, wo es 2020 und 2023 Aserbaidschan im Krieg gegen Armenien entscheidend stärkte. In Syrien besetzte die Türkei zwischen 2016 und 2019 drei größere Gebiete im Norden des Landes, um die syrischen Kurden daran zu hindern, die von ihnen beherrschte Autonomiezone auszuweiten.

Ab 2017 unterstützte die Türkei auch die HTS, die sich in dem letzten von den syrischen Rebellen gehaltenen Gebiet in der Provinz Idlib im syrischen Nordwesten durchsetzte. Ab spätestens 2020 wurde Idlib zu einem türkischen Protektorat und der mächtige türkische Geheimdienst MIT zum wichtigsten Verbündeten von HTS. Dass es der Organisation und ihren syrischen Verbündeten im Dezember 2024 gelang, das Assad-Regime zu stürzen, ist deshalb auch und vor allem ein Erfolg türkischer Regionalpolitik. Es sind die Türkei und Katar, die davon profitieren, dass sunnitische Islamisten eines der Kernländer der arabischen Welt erobert haben. 


Saudi-Arabien in Wartestellung

Auch Saudi-Arabien zählt zu den Gewinnern des Konflikts zwischen Israel und dem Iran, weil sich die Niederlagen Teherans zu seinen Gunsten auswirken. Das Königreich befindet sich seit der Revolution 1979 im Konflikt mit der Islamischen Republik und wird durch den Expansionsdrang Teherans bedroht. Als die Achse des Widerstands ihre Positionen nach 2011 schrittweise ausbaute, entwickelte sich ein regelrechter kalter Krieg zwischen den beiden Regionalmächten. 

Die Führung in Riad sah schon den Vormarsch Teherans im Irak und in Syrien kritisch, doch nahm sie in erster Linie die Huthi-Rebellen im Jemen als Gefahr wahr, die sich ab 2014 immer enger an den Iran banden. Die Huthis nahmen im September 2014 die jemenitische Hauptstadt ein, woraufhin Saudi-Arabien und die VAE auf Seiten der international anerkannten Regierung Jemens in den Bürgerkrieg eintraten. Diese Intervention erwies sich als folgenschwerer Fehlschlag, denn die Huthis begannen ab 2017 sogar, mit iranischen Flugkörpern Ziele weit im Innern Saudi-Arabiens anzugreifen. 

Als auch der Iran im September 2019 saudische Ölanlagen im Osten des Königreichs zerstörte, sandte die saudische Führung Signale, dass sie an einem Ende des Konflikts interessiert sei. Zwar dauerte es noch bis 2022, bis auch Teheran und die jemenitischen Rebellen einlenkten und der Konflikt sich nachhaltig beruhigte. Doch hatte da schon ein grundlegender Wandel in der saudischen Politik stattgefunden: Saudi-Arabien setzte nicht nur auf Entspannung im Verhältnis zum Iran, sondern ging auch auf Distanz zu den USA und suchte die Nähe Russlands und Chinas.

China konnte 2023 eine Normalisierung der Be­ziehungen zwischen Riad und Teheran vermitteln

Seit 2019 hieß es aus Riad häufig, dass das Königreich auf friedliche Lösungen in den Konflikten der Region setze und in einer neuen Blockkonfrontation zwischen den USA und China keine Partei ergreifen werde. Eine Folge war ein Abkommen mit dem Iran vom März 2023, in dem die beiden Konkurrenten eine Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und eine Normalisierung der Beziehungen verabredeten – und das von China vermittelt wurde. Auch nach dem Angriff der Hamas auf Israel bezog Saudi-Arabien oft Position gegen Israel und die USA. Dies wirkte sich beispielsweise im Roten Meer aus, wo die Huthis ab Ende 2023 den internationalen Schiffsverkehr angriffen und das Königreich – obwohl es ein existenzielles Interesse an der Sicherheit der Seewege hat – sich nicht an den Marinemissionen der USA oder der EU beteiligen wollte. Auch den israelischen Angriff auf den Iran und die Intervention der USA lehnte Riad ab. 

Dass sich Saudi-Arabien trotz seiner neuen Null-Probleme-Politik auf künftige Konflikte mit seinen Nachbarn vorbereitet, zeigten die Verhandlungen mit den USA über einen Frieden mit Israel. Diese waren von der Regierung Biden begonnen worden und sollen im September 2023 kurz vor dem Abschluss gestanden haben. Für die Zustimmung zu einem Friedensschluss hatte Riad eine formale Sicherheitsgarantie der USA, die Lieferung von modernen Waffensystemen und den Zugang zu Nukleartechnologie gefordert. Dies zeigt, dass es der saudischen Führung trotz aller Entspannungs- und Blockfreienrhetorik darum ging, die eigene Schwäche im Verhältnis zum Iran mithilfe der USA zu beheben und auch militärisch konkurrenzfähig zu werden. Nicht zuletzt plant Riad offenbar, für den Fall nachzuziehen, dass sich der Iran doch nuklear bewaffnet.


USA auf dem Rückzug

Es ist vor allem der Rückzug der USA, der es den vier Regionalmächten ermöglicht, die Geschichte des Nahen Ostens so sehr zu prägen. Diese Abkehr begann vor fast zwei Jahrzehnten, als viele Amerikaner der Kriege in Afghanistan und im Irak müde wurden. Es ist ein wichtiger Hinweis auf die Wucht dieses innenpolitischen Wandels, dass so unterschiedliche Präsidenten wie Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden der Meinung waren, dass die Zukunft amerikanischer Weltpolitik im Pazifik und in der Konkurrenz mit China liegt. Alle drei kamen zu dem Schluss, dass die Kriege im Nahen Osten möglichst rasch beendet werden müssten, um freiwerdende Ressourcen für die Auseinandersetzung weiter im Osten zu nutzen. Der Abzug aus dem Irak 2011 war eine Folge, der aus Afghanistan 2021 eine weitere, und Präsident Trump macht keinen Hehl daraus, dass er noch viel mehr Militär aus dem Nahen Osten zurückrufen will.

Ein US-Abzug aus ­Syrien oder dem Irak könnte zu neuen Konflikten und zum Erstarken des IS führen

Dass die USA entgegen diesem Trend in den Zwölftagekrieg eingriffen, indem sie die iranischen Atomanlagen in Fordo, Natanz und Isfahan bombardierten, zeigt, wie schwierig es für die USA ist, den Nahen Osten hinter sich zu lassen. Doch es war eine innenpolitisch sehr schwere Entscheidung für Trump, der schnell versicherte, dass es sich um eine einmalige Aktion handele, auf die neue diplomatische Initiativen folgen würden. Dieser Wunsch der Amerikaner zum Rückzug wurde in der Region selbst schon früh wahrgenommen, woraufhin Staaten wie Saudi-Arabien, VAE, der Iran, Israel, die Türkei und sogar das kleine Katar versuchten, die Lücken zu füllen, die die Amerikaner hinterließen. 

Besonders deutlich waren die Auswirkungen des amerikanischen „Schwenks nach Asien“ im saudischen Fall. Die dortige Herrscherfamilie hatte seit 1945 darauf gebaut, dass die USA im Konfliktfall bereitstehen würden, um das Königreich vor seinen Feinden zu schützen. Doch nach dem iranischen Angriff auf das Herz der saudischen Ölindustrie im September 2019 blieb eine militärische Reaktion der Regierung Trump aus. Dies war der Anlass, der die saudische Führung bewog, auf mehr Distanz zu den USA und eine ganz eigene Regionalpolitik zu setzen. 

Der Trend zu mehr Eigenständigkeit der lokalen Mächte wird sich im Nahen Osten verstärken, wenn die USA sich entscheiden sollten, weitere Truppen zurückzuziehen. So könnte etwa ein Abzug aus Syrien oder dem Irak zu neuen Konflikten in diesen Ländern und einem Wiedererstarken des „Islamischen Staates“ (IS) führen. Sollten sich die USA eines Tages auch aus den großen Basen in Bahrain oder Katar entfernen, wird dies noch dramatischere Auswirkungen auf das regionale Machtgefüge haben. 


Neue und alte Konflikte

Die vier großen Regionalmächte haben alle gemein, dass keine von ihnen stark genug ist, der Region oder auch nur einem Teil davon ihren Willen aufzuzwingen. Dies spricht für fortgesetzte Konflikte in einem zunehmend multipolaren Nahen Osten, die – je nach Art und Ausmaß – auch wieder die USA und eines Tages auch China in die Region hineinziehen könnten.

Die vielleicht folgenreichste dieser Auseinandersetzungen dürfte die zwischen der Türkei und Israel werden. Das Verhältnis zwischen beiden Staaten hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Ein wichtiger Grund dafür war Ankaras Förderung der Islamisten in der Region. Außerdem machen türkische Politiker, angeführt von Präsident Erdoğan, immer wieder durch israelfeindliche und antisemitische Ausfälle von sich reden. Da die Türkei die HTS bereits seit 2017 massiv unterstützt und die Gruppe ihren Erfolg vor allem der türkischen Hilfe verdankt, ist damit zu rechnen, dass das neue Syrien sich eng mit der Türkei verbündet. Eine islamistische und türkeifreundliche Regierung in Damaskus gilt Israel aber als Gefahr, sodass es schon jetzt versucht, die Truppen der neuen Herrscher von der israelischen Grenze fernzuhalten.

Keine der vier großen Mächte ist kraftvoll genug, um der Region ihren Willen aufzwingen zu können

Der zweite und vielleicht näherliegende, weil bereits lange andauernde Konflikt ist der zwischen Israel und dem Iran, der trotz des israelischen Sieges vom Juni 2025 weit von seinem Ende entfernt ist. Der Iran bleibt eine wichtige Regionalmacht, und da die Achse des Widerstands stark geschwächt ist und auch die iranische Raketenrüstung nicht zur Abschreckung Israels ausreichte, stellt sich für Teheran die Frage, ob es nicht trotz aller Widrigkeiten geboten ist, sich nuklear zu bewaffnen.

Zwar dürfte ein solcher Versuch erneute israelische Angriffe provozieren, doch ist vollkommen unklar, ob die USA auch künftig bereitstehen, um gut geschützte und demnächst dezentrale iranische Anlagen zu zerstören. Vielmehr ist zu befürchten, dass es der Islamischen Republik eines Tages gelingen wird, eine Atombombe zu bauen und sich auf diese Weise vor ihren Gegnern zu schützen. Damit wird ein ganz neues Zeitalter im Nahen Osten beginnen, in dem mehrere Regionalstaaten sich nuklear bewaffnen dürften.

Dies gilt in erster Linie für Saudi-Arabien, das bereits heute Interesse an einem Atomprogramm zeigt, das stark dem des Iran ähnelt und ebenfalls militärischen Zwecken dienen dürfte. Trotz der Entspannung der letzten Jahre besteht der Konflikt zwischen dem revolutionären, republikanischen und schiitischen Iran und dem konservativen, monarchischen und sunnitischen Saudi-Arabien fort. Schon in den 1980er Jahren gab es eine längere Entspannungsphase zwischen beiden Rivalen, die aber 2002 in neue Spannungen mündete, weil der Iran auf Atomwaffen abzielte. So oder ähnlich dürfte auch die aktuelle Entspannungsphase wieder enden, denn solange die Islamische Republik im Iran und die Monarchie in Saudi-Arabien fortbestehen, wird die Systemkonkurrenz der beiden Mächte auch immer wieder zu Interessenkollisionen führen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 18-25

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Dr. Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin.

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