Der golfarabische Albtraum
Die iranischen Angriffe auf die arabischen Golfstaaten bedrohen deren Geschäftsmodell von Stabilität und Strahlkraft. Sie befinden sich im Auge des Sturms und müssen ihre Strategien anpassen, ohne ihre Interessen aufzugeben.
Es sind bizarre Bilder aus den Glitzermetropolen am Golf: In Dubai brennen Luxushotels, in Kuwait wird der Flughafen von Raketen getroffen, und in Saudi-Arabien wird eine Ölraffinerie attackiert. Allein die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) mussten mehr als 160 ballistische Raketen und über 500 Drohnen abwehren, um weitere Einschläge zu verhindern. Mit dem Beginn der amerikanischen und israelischen Angriffe auf Iran am Morgen des 28. Februar sind alle arabischen Golfstaaten ins Visier iranischer Vergeltungsschläge gerückt.
Dreifacher Schaden
Für sie ist das ein Horrorszenario, das sie unter allen Umständen vermeiden wollten. Denn die Eskalation schadet den Golfstaaten auf dreifache Weise: Erstens gefährdet sie ihre nationale Sicherheit. Weil sich die iranischen Attacken nicht ausschließlich auf US-Militärbasen konzentrieren, sondern auch auf zivile Ziele, steigt die Sorge bei Teilen der Bevölkerungen, von ihren Herrschern nicht umfassend beschützt werden zu können – zumindest, wenn die Angriffe länger andauern sollten und Opfer zu beklagen wären. Ein solches Szenario könnte mittelfristig die Legitimation der Herrscher in Riad, Abu Dhabi oder Doha schwächen.
Zweitens steht die „Marke Golf“, das golfarabische Geschäftsmodell, massiv unter Druck. Dubai, Doha oder Abu Dhabi definieren sich als Zentren für Innovation, Investition und Faszination. Sie gelten als attraktive Investitionsstandorte und Tourismusdestinationen, Austragungsorte für Fußball-Weltmeisterschaften und verlässliche Geschäftspartner für internationale Unternehmen.
Dubai ist mit einem Passagieraufkommen von mehr als 95 Millionen pro Jahr und etwa 8500 Flügen pro Woche der größte Flughafen der Welt – und derzeit lahmgelegt. Die „Marke Golf“ benötigt allerdings regionale Stabilität, sodass sich die derzeitige Eskalation geschäftsschädigend auswirkt – und auch die Reputation der jeweiligen Herrscher als erfolgreiche Modernisierungsmanager beschädigen könnte.
Gesellschaftliche Resilienz in Gefahr
Andauernde Unsicherheit könnte auch die gesellschaftliche Resilienz in den Golfstaaten gefährden: In Ländern wie Saudi-Arabien ist die wirtschaftliche Diversifizierung, um sich vom Erdöl zu emanzipieren, eine absolute Notwendigkeit. Dafür werden Arbeitsplätze in ölunabhängigen Sektoren geschaffen, um die recht hohe Jugendarbeitslosigkeit zu senken und die hohen Erwartungen der jungen Bevölkerung an eine sichere Zukunft zu erfüllen. Gelingt dies nicht, droht wachsende Unzufriedenheit.
Bereits in den vergangenen Monaten musste der saudische Staat die Umsetzung einiger Großprojekte aussetzen, da ihm schlichtweg die finanziellen Ressourcen fehlen. Noch immer stammen die meisten Einnahmen aus dem Ölverkauf. Die aktuelle Konfrontation gefährdet also nicht nur das Investitionsklima, sondern auch die gesellschaftliche Stabilität.
Drittens torpedieren die Angriffe der USA und Israel auf den Iran sowie die iranischen Gegenschläge das golfarabische Modell des regionalen Konfliktmanagements. Am Golf setzte man in den vergangenen Jahren verstärkt auf Diplomatie, Deeskalation und Dialog, um mit dem Iran einen Modus Operandi zu finden.
Die Grenzen der Vermittlungspolitik
Dabei verfolgten die Herrscher am Golf eine Sowohl-als-auch-Politik, die darauf beruht, sich keinem Lager zuzuordnen, sondern flexiblen Pragmatismus walten zu lassen und sich als Problemlöser zu präsentieren – auch und gerade in Bezug auf den Iran: 2023 nahmen Riad und Teheran nach sieben Jahren Eiszeit ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf, Katar und Iran nutzen ein gemeinsames Gasfeld, und Oman fungierte als wichtiger Vermittler zwischen der Islamischen Republik und den USA.
Weiterhin untersagten die Golfstaaten den USA und Israel, ihre Lufträume für die Angriffe auf den Iran zu nutzen. Ziel dieser Maßnahmen war es, das komplizierte Verhältnis mit dem Iran zu managen, weil die Golfstaaten Koexistenz als kleineres Übel zu Konfrontation einschätzten.
Nun bekommen sie brutal die Grenzen dieser Vermittlungspolitik aufgezeigt. Je größer die Gefahr für sie durch den Iran wird, desto mehr könnten sich die Golfstaaten demnach gezwungen sehen, sich dem israelisch-amerikanischen Lager zuzuwenden – ob sie wollen oder nicht. Auch deswegen reagieren die Golfstaaten mit harscher Kritik am Iran und stellen die fragile Annäherung der vergangenen Jahre infrage.
Doch trotz der zurzeit verhärteten Fronten: Zwar sind die Golfstaaten keine Freunde des Iran, dennoch fürchten alle Chaos und Anarchie im Zuge eines Umsturzes in Teheran, was dramatische Folgen für die Stabilität der Golfstaaten haben könnte. Deswegen könnten sie auf eine Doppelstrategie setzen, indem sie einerseits den Druck auf den Iran erhöhen, aber andererseits versuchen, die Situation über ihre verschiedenen Kommunikationskanäle zu managen, um eine ausufernde Eskalation zu vermeiden. Dabei müssen die Golfstaaten einen Balanceakt meistern, um ihr eigenes Erfolgsmodell nicht in Rauch aufgehen zu sehen.
Eine Krise für Europa
Für Europa könnte die Eskalation langfristig gravierende Folgen haben. Die Golfstaaten fungieren als wichtige Energielieferanten, Handelspartner und einflussreiche Strippenzieher. Eine dauerhafte Krise würde auch europäische Interessen beeinträchtigen – bei der Energiesicherheit, bei den maritimen Handelswegen und beim Tourismus. So hat sich der Benzinpreis im Zuge der iranischen Blockade der Straße von Hormus bereits deutlich erhöht, und mehr als eine halbe Million europäische Touristen sitzen an globalen Drehkreuzen wie Dubai fest – darunter rund 30 000 Deutsche.
Vor diesem Hintergrund müsste sich Europa um eine Deeskalation bemühen. Allerdings fehlen die notwendigen Hebel, um auf Israel, die USA und den Iran Einfluss zu nehmen. Somit steht Europa nur am Spielfeldrand, obwohl die Krise am Golf auch eine Krise für Europa werden könnte.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 03. März 2026
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