01. Juni 2006

Das Überleben sichern

Jordanien sucht seinen Platz zwischen Orient und Okzident

Mit der „Botschaft aus Amman“ hat die haschemitische Dynastie im Jahr 2004 ein einzigartiges Dokument vorgelegt, das sich einerseits an das islamische Umfeld, andererseits an Europa und die USA richtet. Auch in dem bisher so sicher eingeschätzten Jordanien ist der Terror angekommen, und bestimmte Gruppen, darunter die Terroristen, haben ein Interesse an Destabilisierung.

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Islam und Terrorismus wurden seit dem 11. September 2001 nicht immer gleichgesetzt, aber oft in Verbindung miteinander gebracht. Parolen wie Kampf der Kulturen hatten Konjunktur, Schlagworte wie Dschihad kamen –wieder einmal – auf, Gegensätze zwischen islamischer und westlicher Welt wurden stärker herausgearbeitet.

Schon bald setzten Dialogbemühungen ein, die sich um Schadensbegrenzung im Verhältnis zwischen dem Islam und dem Westen bemühten und durchaus Wirkung zeigten; jedoch kam es seit dem 11. September immer wieder zu spektakulären Gewalttaten, die, weil im Zeichen des Islams verübt, dem Feindbild bei uns Vorschub leisteten. Das Verhältnis zwischen Okzident und Orient blieb dauerhaft belastet, zumal die islamische Welt auf das westliche Misstrauen reagierte. Man fühlte sich missverstanden, diskriminiert, kollektiv für schuldig befunden.

In besonderem Maße ist Jordanien dem so entstandenen Spannungsfeld im Nahen Osten ausgesetzt. Aufgrund seiner Lage zwischen Saudi-Arabien, in dem terroristische Anschläge – nicht nur gegen westliche Ziele – immer häufiger stattfanden, Irak, in dem der Terrorismus alltäglich und die Sicherheitslage instabil sind, sowie Syrien, das in verkrusteten Strukturen befangen ist und mit dem Vorwurf zu kämpfen hat, terroristische Aktivitäten zu tolerieren, muss die Lage des Königreichs mit knapp 5,5 Millionen Einwohnern zumindest als prekär gelten. Die unmittelbare Nachbarschaft zum palästinensisch-israelischen Konfliktherd sowie die palästinensische Herkunft von zwei Dritteln der jordanischen Bevölkerung verstärken diese Spannungen zusätzlich. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind ebenfalls ungünstig: Jordanien leidet an Wassermangel und Ressourcenarmut sowie chronischen Handelsbilanz- und Haushaltsdefiziten.

Trotz dieser Situation war es Jordanien gelungen, sich international als Oase der Stabilität zu profilieren in einer Region, die von akuten und chronischen Krisen betroffen ist. Sein nicht zuletzt auch wirtschaftliches Überleben sicherte Jordanien, indem es sich als verlässlicher Partner der USA und berechenbare Größe im Nahen Osten eng an den Westen anlehnte. Gute Beziehungen zu den USA bringen konkrete, unmittelbare Vorteile für Jordanien mit sich, das beträchtliche finanzielle Zuwendungen erhält. Seiner offenen, prowestlichen Haltung verdankt das Königreich auch erhebliche entwicklungspolitische Leistungen der internationalen Gebergemeinschaft. Nicht zuletzt zeichnet sich Jordanien durch eine Politik des friedlichen Ausgleichs mit Israel aus. Die haschemitische Dynastie darf als Garant sicherer und stabiler Verhältnisse östlich des Jordans betrachtet werden.

Der dreifache verheerende Anschlag auf Hotels in Jordaniens Hauptstadt Amman am 9. November 2005 versetzte das Land in einen Schock und erschreckte die Weltöffentlichkeit – der Terrorismus großen Stiles hatte auch das kleine, vermeintlich ruhige Land östlich des Jordans erreicht. Der jordanische Terrorist Abu Musab az-Zarqawi, führende Gestalt des Terrors im Irak und dem Umfeld Al-Qaidas zuzurechnen, hatte einen längst befürchteten Schlag gegen das aus seiner Sicht zu amerika- und israelfreundliche Haschemitenregime geführt. Häufig war Jordaniens Nähe zum Westen von islamischer Seite kritisiert worden und hatte zum Vorwurf geführt, dass das Land es an muslimischer Solidarität mangeln lasse. Die haschemitische Dynastie sei nicht nur verwestlicht, sondern habe auch ihre Interessen mit denen der USA und Israels verflochten. Darüber habe sie das Schicksal der Palästinenser aus den Augen verloren und fühle sich der gemeinsamen arabisch-muslimischen Sache nicht mehr verpflichtet.

Das Image der Haschemiten und die „Botschaft aus Amman“

König Abdallah fand sich zum einen mit Kritik von islamischer Seite, zum anderen mit Misstrauen und Vorbehalten im Westen konfrontiert, die vor allem in den USA auf antiislamischen Tendenzen basieren. Es entstand das Bedürfnis, Jordaniens Rolle neu zu definieren beziehungsweise seine traditionelle, bewährte Rolle in einem veränderten Kontext neu zu interpretieren. Einerseits wollte man dem islamischen Umfeld die jordanische Position erläutern, andererseits wollte man dem westlichen Betrachter gegenüber Jordanien vom Rest des Orients abgrenzen, dessen Bild sich in der Öffentlichkeit zunehmend verdüsterte. Die simple Gleichung früherer Zeiten – konservative Muslime sind Freunde Amerikas – galt längst nicht mehr. Gleichermaßen wurde auch der Bedarf deutlich, die Haltung der haschemitischen Führung einer in großen Teilen noch oder wieder sehr konservativen und teilweise antiwestlichen jordanischen Öffentlichkeit verständlich zu machen. Es galt, eine „haschemitische Doktrin“ zu entwickeln, die Widersprüche auflösen und Gegensätze ausgleichen würde.

Jordanien ist mehr denn je auf die Allianz mit den USA angewiesen und muss deshalb versuchen, einem sich ständig verschlechternden Islambild entgegenzuwirken. Ein Land, das sich um mehr ausländische Investitionen bemüht und den Tourismus zu seinen Haupteinnahmequellen zählt, muss sein gutes Image pflegen. Im Nahen Osten sorgen der Terrorismus, der israelisch-palästinensische Konflikt sowie das Irak-Szenario für eine zunehmend antiwestliche Stimmung. In diesem Umfeld sieht sich die haschemitische Dynastie gezwungen, ihre entschiedene und kaum verschleierbare Westorientierung in angemessenerer Form zu erklären und zu legitimieren. Dem versuchte König Abdallah durch eine Kampagne Rechnung zu tragen, die eine liberale Islaminterpretation propagiert und Jordanien dadurch ins rechte Licht rückt. In den USA bemüht er sich, die öffentliche Meinung durch Reden und Zeitungsbeiträge positiv zu beeinflussen.

Die „Botschaft aus Amman“ formulierte Ende 2004 die haschemitische Doktrin – ein bis heute einzigartiges Dokument. Zu finden unter http://www.riifs.org/nashra/Ammanmessage_e.htm. Bemerkenswert ist, dass sie zeitgleich in arabischer und anderen Sprachen erschien, so auch in einer auffallend guten deutschen Übersetzung. Vor der eigentlichen Veröffentlichung wurde der Text ausländischen Nachrichtendiensten zugespielt. Man erhoffte sich davon eine stärkere Wirkung auf staatliche Adressaten.

In der „Botschaft aus Amman“ wird der tolerante Islam als Sinnbild der menschlichen Brüderlichkeit dargestellt. In diesem Sinn versteht die haschemitische Dynastie den Islam. Eine Führungsrolle in der islamischen Welt (somit auch die autoritative Interpretation des Islams) gebührt der Familie der Haschemiten aufgrund „ihrer legitimierten Abstammung von dem auserwählten Propheten“. In der Tat führen die Haschemiten ihre Familienwurzeln auf den Propheten und Stifter des Islams, Mohammed, zurück. Jahrhundertelang waren sie Schirmherren der Heiligen Stätten. In besonderer Weise hebt die „Botschaft aus Amman“ den toleranten Charakter des Islams hervor, denn „der Muslim glaubt an alle Propheten und macht unter ihnen keinen Unterschied“. Im Islam gilt Jesus als Prophet und Vorläufer Mohammeds. Die „Botschaft aus Amman“ nimmt das westliche Konzept vom Dialog der Kulturen auf und empfiehlt, islamische Theologen in seinem Sinne auszubilden.

 Nachdrücklich wird die Vorstellung zurückgewiesen, der Islam sei eine Religion, die Gewalt predige. Das Motto „Kein Angriff auf friedliche Zivilisten“ stehe im Geist und Sinne des Islams, eine klare Absage an islamisch motivierten und legitimierten Terrorismus. „Wir missbilligen religiös und moralisch die gegenwärtige Interpretation des Terrorismus … es ist für einen Menschen, dessen Herz von Allah erleuchtet wird, nicht möglich, ein Extremist zu werden.“ König Abdallah wird unzweideutig als ein Bannerträger des friedlichen Islams dargestellt, dessen Politik ausdrücklich gegen Extremismus und Hass gerichtet ist. Das Dokument wendet sich gegen eine Interpretation des Islams, die terroristische Methoden zulässt – etwa im Sinne eines erweiterten Dschihad-Konzepts.

Zugleich kämpft die „Botschaft aus Amman“ gegen die Verunglimpfung des Islams in der nichtislamischen Welt, die aus islamisch begründetem Terrorismus resultiert. „Gleichzeitig missbilligen wir die verunglimpfenden Kampagnen, die den Islam als eine Religion, die die Brutalität befürwortet und den Terror unterstützt, darstellen.“ Besteht doch die Gefahr, dass auch Jordanien unter einer zunehmend pauschal antiislamischen Stimmung im Westen zu leiden haben wird – und dies auch in ganz konkret materiellem Sinn.

Die „Botschaft aus Amman“ richtet sich an zwei unterschiedliche Zielgruppen. Dem islamischen Umfeld, dem Jordanien angehört, soll sie zeigen, dass Jordanien gerade durch die vielfach monierte, starke Bindung an die USA, die Ausgleichspolitik mit Israel und den westlichen Lebensstil des haschemitischen Herrscherhauses und Teile der Eliten in der Hauptstadt zum Mittler zwischen dem Islam und dem Westen prädestiniert sei.

Europa und den Vereinigten Staaten gegenüber will die jordanische Führung klarstellen, dass Islam und Terrorismus nichts miteinander zu tun haben, sogar im Widerspruch zueinander stehen. Ein Islam wird aufgezeigt, der tolerant und friedlich ist, mit dem Dialog und Ausgleich möglich sind, der Partner, nicht Gegner ist. Die Dynastie der jordanischen Haschemiten nimmt für sich eine Führerschaft dieser „guten“ islamischen Welt in Anspruch und grenzt sich scharf ab von denjenigen, die im Namen des Islams Gewaltakte begehen.

Viele im Nahen Osten haben diese Botschaft nicht für bare Münze genommen, sondern sie als Apologetik gesehen, mit der das Haus der Haschemiten seine Amerika- und Israel-Politik notdürftig legitimieren will. Und Terroristen – dies hat der 9. November 2005 bewiesen – lässt der haschemitische Diskurs völlig kalt. Man sollte die „Botschaft aus Amman“ aber nicht als Lippenbekenntnis abtun. Sie stellt mehr dar als eine opportunistische Gratwanderung, sich einerseits gegenüber der eigenen Bevölkerung und der Region als dem Islam verpflichtet und verbunden darzustellen und andererseits sich dem Westen als kooperativer Partner, als Protagonist des guten Islams, anzudienen.

Bekämpfung des Terrorismus

Jordanien ist stark daran interessiert, gegen den islamistischen Terrorismus vorzugehen. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass terroristische Aktivitäten nicht ausschließlich auf Ziele in den USA oder Westeuropa gerichtet sind beziehungsweise auf westliche Ziele im Orient. Vielmehr wird klar, dass sie sich in massiver Weise gegen „Kollaborateure“ in den nahöstlichen Gesellschaften selbst richten. Nicht nur Regierungen, politische Führer und Institutionen sind davon betroffen, sondern auch gewöhnliche Zivilisten. Dies wird am Beispiel des Iraks besonders deutlich, wo täglich Passanten, vielfach Frauen und Kinder Opfer werden.

Jordanien ist in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel terroristischer Aktivitäten geworden. Im Jahr 2002 wurde ein Angehöriger der amerikanischen Botschaft vor seinem Haus in Amman ermordet. Anschläge gegen Mitarbeiter des jordanischen Nachrichtendienstes wurden verübt, Attacken auf Hotels geplant. Immer wieder gelang es den effizienten jordanischen Sicherheitsbehörden, Pläne aufzudecken und Anschläge zu verhindern. Bei der spektakulärsten terroristischen Bedrohung, die man rechtzeitig zu verhindern wusste, handelte es sich um einen Anschlag mit Chemiewaffen auf den Amtssitz des Ministerpräsidenten und das Hauptquartier des jordanischen Geheimdienstes im Frühjahr 2004. Wäre er erfolgreich gewesen, hätte er Tausende von Menschenleben gefordert. Im August 2005 wurden die in unmittelbarer Nachbarschaft am Roten Meer gelegenen Städte Eilat (Israel) und Aqaba (Jordanien) beschossen, wobei ein amerikanisches Kriegsschiff das eigentliche Ziel gewesen sein dürfte.

Immer wieder kam der Name Abu Musab az-Zarqawi ins Spiel, bei dem es sich um den bekanntesten Terroristen aus Jordanien handelt, dem zu Hause die Todesstrafe droht. Sein eigentliches Operationsfeld ist der Irak, wo er zur Symbolfigur des Terrorismus geworden ist. Allein aufgrund dieser persönlichen Verbindung zwischen Jordanien und der irakischen Terrorszene wurde seit langem befürchtet, dass der Terror aus dem Nachbarland auf Jordanien übergreifen könnte. Entsprechend appellierte die jordanische Führung mehrfach an Syrien, das Einsickern verdächtiger Elemente vom Irak über Syrien nach Jordanien zu verhindern. Deshalb unternahm man auch energische Bemühungen, die irakisch-jordanische Grenze abzusichern. Ferner gewährte man internationalen Sicherheitsbehörden aus eben diesem Grund umfangreichen Einfluss und Spielraum in Jordanien.

Schlimmste Befürchtungen wurden am 9. November 2005 Wirklichkeit, als ein dreifacher Bombenanschlag 60 Menschenleben forderte. Er ereignete sich fast zeitgleich in drei Hotels in einem Viertel Ammans, in dem sich Regierungsstellen und Ministe-rien, Botschaften und Hotels, Firmen und Büros sowie die Villen der wohlhabenden Jordanier befinden. Damit machte Zarqawi seine Drohung, auch gegen Ziele in Jordanien vorzugehen, wahr. Zionisten und Kreuzfahrer seien Ziele der Anschläge gewesen – getroffen wurden vorwiegend arabische Muslime. Bereits im August 2003 hatte es eine unmissverständliche Warnung gegeben. Durch einen Bombenanschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad zeigte Zarkawi, dass er Jordanien und die Haschemiten zu seinen Gegnern zählte und sie damit rechnen mussten, Ziel seines Terrors zu werden.

Nach dem 11. September 2001 und im Vorfeld des Irak-Kriegs musste der jordanische Tourismus schmerzliche Einbrüche hinnehmen, waren Besuche ausländischer Geschäftspartner zurückgegangen, schien Jordaniens Image als Oase der Stabilität in einer unruhigen Weltregion gefährdet. Die Anschläge vom 9. November 2005 haben Ammans positives Image weiter beeinträchtigt. Nach den Anschlägen stand Jordanien unter Schock. Dennoch vermochten sie es nicht, Land und Regime zu destabilisieren. Im Gegenteil, die Sympathie für Zarqawi und Al-Qaida ging in Jordanien deutlich zurück – die Jordanier sahen sich als Opfer dieses undifferenzierten Terrors. Die Rechnung der Terroristen ging nicht auf: Besonders in Randgebieten Jordaniens besteht zwar ein Gewaltpotenzial, das auf wirtschaftlichen Problemen und dem Gefühl der Marginalisierung beruht. So kam es 2002 im südjordanischen Maan zu gewaltsamen Konfrontationen. Jedoch konnten die terroristischen Anschläge vom 9. November 2005 dieses Gewaltpotenzial nicht entfesseln und so weitere Unruhen auslösen.

Die Rolle des Westjordanlands

Weit problematischer als die apokalyptische Irak-Szene könnte für Jordanien das Westjordanland werden. Die Mehrheit der Jordanier hat dorthin verwandtschaftliche Beziehungen. Dort liegen die Geburtsorte der meisten älteren jordanischen Palästinenser. Nur eine Autostunde von Amman entfernt, liegt das Westjordanland, geographisch betrachtet, quasi direkt vor der Haustür. Als Jordanien im Juni-Krieg 1967 seine Territorien westlich des Jordans verlor, war dies ein herber Verlust – nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen. Seither entwickeln sich diese Gebiete in bedenklicher Weise. Palästinensische Gruppen, allen voran die Hamas, haben sich hier ein Aktionsfeld und Strukturen geschaffen. In einem Umfeld, das von politischer, sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, können sie wirksam agieren und ihren Einfluss ausweiten; der Hamas-Wahlsieg 2006 hat dies drastisch deutlich gemacht.

Jordanien ist bemüht, sich hier nicht einzumischen. Auch wenn Diskussionen über die politische Zukunft der Palästinenser immer wieder eine jordanische Option berühren, möchte die jordanische Führung eine Ausweitung der Verhältnisse westlich des Jordans auf das stabile Jordanien verhindern. Dies ist eine Gratwanderung: Ganz ohne jordanische Hilfe kann ein Palästinenserstaat nicht entstehen, trotzdem will man die strikte Trennung aufrechterhalten, der Jordan soll eine wirkliche Grenze bleiben.

1988 gab der damalige König Hussein alle Ansprüche auf Territorien westlich des Jordans auf und nahm nur noch ein weitgehend symbolisches Schutzrecht über die muslimischen Heiligen Stätten in und um Jerusalem in Anspruch. Aus ebenso nachvollziehbaren Sicherheitsbedenken verhalten sich die jordanischen Behörden äußerst restriktiv, wenn es um die Einreise von Palästinensern aus dem Westjordanland nach Jordanien geht. Hamas-Aktivitäten im eigenen Land will und wird Jordanien nicht tolerieren. Hier konvergieren jordanische und israelische Interessen: Israel kann gut mit dem berechenbaren Haschemitenstaat im Osten leben, von dem keine reelle Bedrohung ausgeht, doch ein Jordanien in der Hand radikaler Kräfte wäre eine Bedrohung. Durch die Übernahme der palästinensischen Regierung durch die Hamas hat dieses Szenario noch an Brisanz gewonnen. Dass die Haschemiten auf dem Thron bleiben und Jordaniens Geschick bestimmen, ist für Israel und die USA wesentlich. Selbst Palästinensern gelingt es, sich mit der haschemitischen Lösung in Jordanien zu arrangieren und die relative Stabilität ökonomisch zu nutzen.

Die haschemitische Dynastie will vor allem eines: das Überleben sichern

In der haschemitischen Dynastie ist die Furcht davor, auf gewaltsame Weise den Thron zu verlieren, tief verwurzelt. Traumatische Erfahrungen im letzten  Jahrhundert haben dies bewirkt. Nach fast 800-jähriger Schirmherrschaft über die Heiligen Stätten des Islams mussten die Haschemiten 1924 dem expandierenden Stamm der as-Saud weichen. Ihre Versuche, nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches in Syrien nach dem Ersten Weltkrieg einen arabischen Nationalstaat zu gründen, scheiterten ebenfalls. Die haschemitische Herrschaft im Irak fand 1958 ein gewaltsames Ende. Auch in Jordanien herrschten die Haschemiten nicht unangefochten. Nach der Gründung Israels versuchten Palästinenser, das Land nach ihrem Willen zu formen und wurden erst 1971 durch eine massive jordanische Militäraktion (Schwarzer September) als unmittelbare Bedrohung ausgeschaltet.

Die haschemitische Dynastie will vor allem eines: überleben. Dies ist nicht nur im politischen, sondern auch im unmittelbar physischen Sinn zu verstehen. Der Vater des heutigen Königs Abdallah, König Hussein, entkam zahllosen Attentaten. Terror scheint im Land am Jordan Tradition zu haben.

Zu den Leistungen der jordanischen Haschemiten gehört es, eine jordanische Identität geschaffen zu haben. Islamistische Tendenzen im Lande hat Jordanien nicht unterdrückt, sondern eingebunden: Der politische Arm der Muslimbrüder hat sich als legale Partei „Islamische Aktionsfront“ organisiert, ist im Parlament vertreten und war in der Vergangenheit an der Regierung beteiligt. Die Mehrzahl der im Land lebenden Palästinenser zu integrieren und ihnen Existenzmöglichkeiten zu schaffen, hat dafür gesorgt, dass sie sich mit dem einstigen Beduinen- und Haschemitenstaat identifizieren oder zumindest abfinden können. Es dient daher nicht nur israelischen und amerikanischen Interessen, wenn die gegenwärtige Ordnung in Jordanien Bestand hat. Es gibt noch immer Palästinenserlager im Land und es kommt vereinzelt zu Unruhen, doch eine wirkliche Bedrohung der Verhältnisse und der Dynastie besteht nicht. Völlig gebannt ist die Gefahr jedoch nicht: Ein Zusammenwirken destabilisierender Faktoren könnte auch in Jordanien zu einer Veränderung der jetzigen Verhältnisse führen, die bestenfalls denen gelegen kommt, die an einer allgemeinen Destabilisierung der Region Interesse haben. Den Menschen in Jordanien würde das sicherlich nicht gefallen.


Dr. ALFRED SCHLICHT, geb. 1955, ist Vortragender Legationsrat im Auswärtigen Amt in Berlin. Von 2001 bis 2005 war er ständiger Vertreter an der deutschen Botschaft in Amman. Der Autor gibt seine persönliche Meinung wieder.

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