Buchkritik

01. Mai 2010

Das große Versprechen

Buchkritik

Europa, ein politischer Zwerg mit schwächlicher Wirtschaft und freizeitsüchtigen Halbtagswerktätigen? Ganz falsch, sagt der Politologe Steven Hill. Und präsentiert seinen staunenden Lesern den alten Kontinent im Widerspruch zur herrschenden US-Lehre als veritables Übervorbild für Amerika und den Rest der Welt.

Es gibt Bücher zur internationalen Politik, die sollten nicht rechteckig sein, mit einem Einband aus Pappe und vielen, vielen Seiten aus Papier, sondern sie sollten aussehen wie Patronen für ein Sturmgewehr: spitzes Projektil mit Stahlmantel und einer kräftigen Ladung Pulver in der Hülse. „Europe’s Promise“ von Steven Hill, Programmdirektor bei der Washingtoner New America Foundation, ist so ein Buch. Sprengkraft, wohin man schaut.

Europäer finden in ihm an gänzlich unerwarteter Stelle einen Berg Munition für ihre eigene Integrationsdebatte und die Abwehr ungerechtfertigter Pauschalvorwürfe gegen den kranken Mann Europa. Die amerikanische Linke findet Geschosse für die innenpolitischen Gefechte um die Neuausrichtung Amerikas nach der Ära von George W. Bush, und die amerikanische Rechte kann hier ebenfalls kräftig nachladen für das Duell mit Obama und den für sie naiv-weichgespülten „Liberals“.

Das Buch steht in der großen Tradition der amerikanischen Analyse-Manifest-Hybride, also der auf den grundsätzlichen Diskurs zielenden Streitschriften mit einer Mischung aus Faktenschau und meinungsfreudiger Interpretation, einer Gattung also, die es in Deutschland kaum gibt, und um die wir den angelsächsischen (und auch den französischen) Markt nach Kräften beneiden sollten.

Steven Hill legt mit „Europe’s Promise“ sein viertes Buch seit 2001 vor, und trotz des Titels geht es ihm auch hier vor allem um die USA und deren aus seiner Sicht arg reparaturbedürftiges politisches System. Neu ist hier, dass er sich als Kontrastfolie für seine unermüdliche Mission ausgerechnet Europa ausgesucht hat, das er seit 1999 mehrere Male bereist und durchleuchtet hat. Ganz im Gegensatz zum Mainstream der veröffentlichten US-Meinung und der an Colleges und Universitäten gängigen Lehre betrachtet er Europa nicht als politischen Zwerg mit schwächlicher Wirtschaft und freizeitsüchtigen Halbtagswerktätigen, sondern als veritables Übervorbild für Amerika und die ganze Welt.

In den vier dicht argumentierten Hauptteilen seines Buches zeichnet Hill das Bild von Europa als einer wirtschaftlichen und außenpolitischen Supermacht, die dem Kapitalismus ein humanes Antlitz gegeben hat, ohne auf Reichtum und Lebensstandard zu verzichten. Einer Supermacht, die die demokratische Teilhabe besser organisiert, die Umwelt weniger belastet, eine pluralistische Medienlandschaft bewahrt, effizientere Gesundheitssysteme betreibt, Familien besser fördert und eine auf Ausgleich und Kompromiss angelegte Außenpolitik verfolgt.

Einer Supermacht schließlich, die einen höheren gesellschaftlichen Mehrwert produziert als das viel robustere Auftreten der USA in der Welt. All dies als Ausfluss eines multilateralen, multinationalen Integrationsprojekts, das auf Inklusion und Konsensbildung, auf Smart Power statt Hard Power setze und damit genau jene Fähigkeiten entwickelt habe, welche die von der Globalisierung gebeutelte Welt so dringend benötigt.

Jedem so identifizierten Pluspunkt Europas stellt er die aus seiner Sicht heruntergewirtschaftete amerikanische Realität zur Seite. Oft ist das durchaus überzeugend gemacht, und der europäische Leser reibt sich die Augen, denn er erkennt seinen eigenen Kontinent, den er als bestenfalls mittelmäßig einzuschätzen gelernt hat, kaum wieder. Dann aber geht es gelegentlich mit Hill durch, und seine romantische Überhöhung vorgeblich unverfälschter europäischer Lebensqualität produziert unfreiwillig komischen Eurokitsch, wie man ihn von beflissenen amerikanischen Liebhabern des alten Kontinents nur zu gut kennt.

Hill beklagt zu Recht, dass in den USA zumeist entweder völlige Unkenntnis oder massive Fehleinschätzungen die Wahrnehmung Europas dominieren. Statt sich das Wunder des Nachkriegseuropa genau anzusehen und Elemente dieses so deutlich überlegenen Systems zu übernehmen, wie es Emissäre aus Afrika, Asien und Lateinamerika auf ihren Europa-Reisen täten, herrsche in Amerika eine arrogante Selbstzufriedenheit und die Gewissheit, dass Europa ein hoffnungslos rückständiger Kontinent sei. Dabei produziere der europäische Weg vergleichbaren Wohlstand bei geringeren Kosten und geringeren gesellschaftlichen Konflikten, während er gleichzeitig eine massiv unterschätzte, aber erfolgreiche Außenpolitik betreibe, die mittels Beitrittspolitik, Entwicklungshilfe und Handelsbeziehungen bereits 80 weitere Länder in den unmittelbaren Einflussbereich der EU (die „Euro-Sphäre“) gesogen habe.

Hill sieht eine Weltordnung entstehen, in der mehrere weitgehend nach dem Vorbild der EU geschaffene regionale Zusammenschlüsse die derzeitige wildwüchsige Multipolarität ersetzen. Im Unterschied zu anderen proeuropäischen Manifesten wie Mark Leonards „Why Europe Will Run the 21st Century“ (2005) oder Charles Kupchans „Die europäische Herausforderung“ (2003) billigt er der EU nicht zwingend selbst eine zukünftige Führungsrolle zu (er analysiert die durchaus bedrohlichen Probleme Europas in zwei eigenen Kapiteln), sondern erklärt die von Europa entwickelten Mechanismen der Konfliktlösung und der Wohlstandsmehrung für vorbildlich. Nicht Europa ist die im Titel erwähnte Verheißung, sondern Europas Weg.

Dass es Hill aber in Wirklichkeit gar nicht zuvorderst um die alte Welt, sondern um die Abrechnung mit einem Amerika geht, das seine eigenen Ideale verraten hat und mit einem im 17. Jahrhundert steckengebliebenen Regierungssystem die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen will, das wird spätestens dann klar, wenn der Autor den kunstvoll aufgeschichteten Argumenten eine ideengeschichtlich-philosophische Betrachtung nachstellt, die allein die Lektüre des Buches wert ist.

Unter dem Titel „The Concept of ‚Europe‘“ versucht er den tieferen Gründen für das amerikanische Scheitern und den europäischen Erfolg auf die Spur zu kommen. Er sieht in einem übersteigerten, von seiner segensreichen Uridee zu purem Egoismus pervertierten amerikanischen Individualismus-Ideal den Hauptgrund für Amerikas Abstieg. Demgegenüber steht das europäische Prinzip der Rückbindung individuellen Erfolgs an das Gemeinwohl, idealtypisch verkörpert in der Sozialen Marktwirtschaft der Freiburger Schule, welche sich in der einen oder anderen Variation in ganz Europa durchgesetzt habe.

Hill bohrt sein Skalpell tief ins Zentrum des amerikanischen Selbstverständnisses, wenn er amerikanische Säulenheilige wie Jefferson, Adams und Hamilton zu seinen Zeugen macht, deren Idee von freien Bürgern, die ihr eigenes Schicksal bestimmen, von einer Ideologie der „Ownership Society“ (George W. Bush) ersetzt worden sei, die letztlich nichts anderes bedeute als: Everybody is on his own.

Was aber ist von diesem schillernden Opus zu halten? Der Analyseteil bietet manch frische Perspektive auf die europäischen und amerikanischen Systeme, wenngleich er auch manche Ungenauigkeit und Einseitigkeit enthält. Das Buch entwirft Europa als erfolgreicheres Gegenamerika und wird schon deswegen auf erbitterten Widerstand in den USA stoßen. Es leistet sich manchen idealistischen Überschwang und ist darin auf faszinierende und manchmal anrührende Weise amerikanisch. Das Buch soll Informationslücken über Europa schließen und gleichzeitig ein Manifest für ein fundamental anderes Amerika sein.

Womöglich ist das ein bisschen zu viel auf einmal, denn gerade bei jenen Amerikanern, die es am ehesten zum Umdenken bewegen möchte, wird das Buch schwerste kognitive Dissonanzen auslösen. Auch Europäer könnten skeptisch sein, denn so gut wegzukommen sind sie nicht gewohnt. Aber auch nur ein Hauch der guten Laune, die Hill erfasst, wenn er an Europa denkt, könnte wie ein Gegengift sein für die schleichende, missmutige und selbstmitleidige Euroskepsis, die die Europäer zurzeit so chic finden. Nur mit einer kräftigen Dosis dieses Trunks wird Europa das Versprechen halten können, das Steven Hill in ihm zu erkennen glaubt.

Steven Hill: Europe’s Promise – Why the European Way is the best Hope in an insecure World. University of California Press 2010, 488 Seiten, 41,95 £

JAN TECHAU ist Research Advisor am NATO Defense College in Rom.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2010, S. 132 - 134

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