Botanische Kriegsführung
Hat die CIA in Afghanistan versucht, mit speziell gezüchteten Mohnsamen die Drogenproduktion zu sabotieren? Ein entsprechender Bericht führt auch zu der Frage des Einsatzes von Biowaffen und bisher fehlender Verifikation.
Ende 2025 erschien in der Washington Post ein Bericht, der klang, als stamme er aus der Feder eines Thrillerautors. Zwischen 2004 und 2015 soll der US-Geheimdienst CIA in zahlreichen Nacht-und-Nebel-Aktionen aus großer Höhe von Flugzeugen aus erhebliche Mengen speziell gezüchteter Mohn-
samen über Afghanistan abgeworfen haben. Das Ziel: den dortigen Anbau von Schlafmohn für die Opiumproduktion zu sabotieren und damit eine wichtige Einnahmequelle afghanischer Warlords zu schmälern.
Die Mohnpflanzen des CIA-Programms, hieß es in dem Bericht, seien so gezüchtet worden, dass sie kaum Morphin enthielten, den Ausgangsstoff nicht nur für pharmazeutische Schmerzmittel, sondern auch für Heroin. In der fraglichen Zeit war Afghanistan zum weltweit wichtigsten Produzenten des Rohstoffs für die illegale Droge aufgestiegen. „Sobald die Samen ausgebracht waren, bestand das Ziel darin, dass die keimenden Pflanzen sich mit den einheimischen Pflanzen kreuzen und im Laufe der Zeit zur dominierenden Sorte werden“, hieß es in der Washington Post. Das sollte die Menge an erzeugtem Opium reduzieren.
Offen blieb, auf welchem Weg die Mohnsamen so verändert worden sein sollen, dass sie kaum Opium enthielten. Dafür kommen klassische Zuchtmethoden der Kreuzung ebenso infrage wie biotechnische Verfahren, bei denen gezielt Gene verändert werden. Die Zeitung berief sich auf 14 interviewte Insider, die Kenntnis von dem als streng geheim eingestuften Programm gehabt haben sollen, nannte aber keine Namen. Eine Stellungnahme der CIA blieb aus. Das Auswärtige Amt erklärte auf Anfrage, über keine eigenen Erkenntnisse zu dem Fall zu verfügen.
Auch wenn nicht offiziell bestätigt ist, dass das Mohnprojekt so stattgefunden hat, wirft allein schon das Szenario wichtige Fragen auf: In einer Zeit, in der hybride und asymmetrische Kriegsführung zur neuen Normalität werden, sind nicht nur Desinformation, digitale Angriffe und die Sabotage kritischer Infrastruktur Optionen. Konfliktparteien könnten auch Potenziale der Pflanzenzucht ausnutzen – und nicht nur dafür, illegale Drogen zu bekämpfen, sondern auch, um unbemerkt die Nahrungsversorgung eines Gegners zu attackieren.
Das Spektrum der Möglichkeiten botanischer Kriegsführung ist breit: Staaten, Terrorgruppen und andere Akteure könnten manipuliertes Saatgut ausbringen, das Ernten auf unauffällige Weise reduziert oder ungenießbar macht. Sie könnten schädliche Pilze oder Insekten freisetzen, die sich von selbst vermehren. Auch die Produktion von pflanzlichen Giften, die Menschen oder etwa der Bodenfruchtbarkeit schaden, ist denkbar.
Die Möglichkeiten, Organismen gezielt genetisch zu verändern, werden immer größer. Eine wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Gen-Scheren, für deren Entwicklung die in Berlin forschende Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier 2020 mit einer Kollegin den Nobelpreis für Chemie bekommen hat. Erbanlagen und Bauanleitungen für Eiweiße lassen sich damit präzise und weitgehend spurlos ergänzen, verändern oder stilllegen. Das hat ein großes positives Potenzial, Medizin und Landwirtschaft zu revolutionieren. Es hat aber auch Schattenseiten.
„Die moderne Biotechnologie mit den Möglichkeiten der Genom-Editierung vergrößert den Werkzeugkasten für gezielte Eingriffe nicht nur, um Ernten zu steigern und Nutzpflanzen widerstandsfähiger zu machen, sondern eventuell auch für das exakte Gegenteil“, warnt Una Jakob, Leiterin der Arbeitsgruppe „Biologische und chemische Abrüstung und Sicherheit“ am Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt. Auch das Auswärtige Amt sieht in der Konvergenz von Technologien wie Biotechnologie und Künstlicher Intelligenz – die es erlauben könnte, erwünschte genetische Codes zu errechnen – neue Risiken aufziehen.
Bricht in einer Region oder in einem Land mitten in einem Konflikt die Agrarproduktion für den eigenen Konsum oder den Export als wichtige Einnahmequelle zusammen, könnte dies weitreichende Folgen haben. Sicherheitsforscherin Jakob warnt, dass Drohnen gerade im Agrarbereich ein geeignetes Transportmittel sein könnten, um etwa manipuliertes Saatgut oder Schädlinge unauffällig auszubringen.
Definition von Biowaffen
Der Bericht des angeblichen Mohnprogramms wirft selbst dann, wenn es um die Bekämpfung des Anbaus illegaler Drogen gegangen ist, noch eine weitere Frage auf: Ab wann gelten solche Aktivitäten als Einsatz von Biowaffen, wie er seit 1975 international verboten ist?
Das UN-Übereinkommen definiert Biowaffen nämlich breit: Herkunft oder Herstellungsweise spielen keine Rolle. „Jedes potenzielle biologische Agens könnte unter diese Definition fallen, wenn es für nichtfriedliche Zwecke eingesetzt wird“, sagt Barry de Vries von der Universität Gießen. Entscheidend seien die Absicht und die Frage, ob die Regierung des betroffenen Landes zugestimmt habe. Gunnar Jeremias vom Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung der Uni Hamburg, geht noch weiter: „Ob sich das jetzt gegen Rauschgiftanbau oder gegen Maisanbau richtet, ist eigentlich egal – sobald man veränderte biologische Agenzien in feindseliger Absicht ausbringt, ist es eine Biowaffe.“
2018 hatten deutsche und französische Wissenschaftler aus demselben Grund vor dem Forschungsprogramm „Insect Allies“ der US-Agentur DARPA gewarnt. Dabei sollten Methoden entwickelt werden, wie Insekten genetisch veränderte Viren in Nutzpflanzen übertragen können. Die Viren sollten in der Lage sein, Bedrohungen jedweder Art für die Ernährung der US-Bevölkerung abzuwenden – auch für den Fall, dass ein Gegner genmanipulierte Pflanzen zu feindlichen Zwecken in den USA ausbringt. Die Viren sollten genetisch so programmiert werden können, dass sie die zum Angriff benutzten Pflanzen unschädlich machen. Insekten sollten als Vektoren dienen, um die Abwehr-DNA in die Pflanzen zu schleusen.
Eine solche virale Allzwecktechnologie könnte leicht aber auch als Biowaffe eingesetzt werden, warnten Forscher im Wissenschaftsjournal Science. Es werde möglich, mittels Insekten vererbliche Eigenschaften von Pflanzen im Freiland zu verändern – also genetische Eingriffe nicht im Labor, sondern auf dem Feld vorzunehmen.
Von klassischer Pflanzenzucht bis zu hochmodernen Gen-Scheren – Möglichkeiten, botanisches Wissen und Biotechnologie zu kriegerischen Zwecken zu missbrauchen, gibt es viele. Deshalb fordern Experten, das Biowaffen-Übereinkommen der UN mit einem Mechanismus zur Verifikation – also für Kontrollen vor Ort – auszustatten. Im Gegensatz zu Abkommen über atomare und chemische Waffen fehlt so etwas bisher für Biowaffen.
Effektivere Werkzeuge
Ob die USA in Afghanistan manipuliertes Saatgut für Mohn ausgebracht haben, bleibt offen. Botanikerinnen halten eine solche Operation zwar für grundsätzlich möglich, bezweifeln aber, dass die CIA über genügend biologisches Wissen verfügt hat. So wiegen Mohnsamen extrem wenig und können leicht vom Wind verweht werden; es wären also sehr viele Abwürfe während der kurzen Zeit der Aussaat im Herbst nötig gewesen, bei denen die Flugzeuge sehr tief hätten fliegen müssen. Das wäre bei den Opiumbauern sicher nicht unbemerkt geblieben.
Selbst wenn die Samen an den richtigen Stellen gelandet wären, hätten sie sich beim Keimen und Anwachsen gegen das heimische, an die örtlichen Bedingungen besser angepasste Saatgut durchsetzen müssen. Morphinfreie Sorten seien den üblichen Mohnvarianten unterlegen, sagt Katharina Luhmer von der Uni Bonn. Zudem wird die Eigenschaft, morphinarm zu sein, nicht dominant vererbt; nach kurzer Zeit würden sich morphinreiche Pflanzen wieder durchsetzen.
Der Aufwand hätte sich damals in jedem Fall nicht gelohnt. Denn dem „Afghanistan Opium Survey 2025“ der Vereinten Nationen zufolge hat sich die in dem Land produzierte Opiummenge von jährlich rund 2500 Tonnen zu Beginn der 2000er Jahre bis 2015 verdoppelt, um dann 2017 und 2018 sogar auf über 7000 Tonnen zu steigen. Erst die Machtübernahme der Taliban Mitte 2021 leitete den UN zufolge einen drastischen Rückgang der produzierten Mengen auf zuletzt wenige 100 Tonnen ein.
Angesichts rascher Fortschritte, die Werkzeuge der Biotechnologie immer effektiver machen, könnten künftig die Erfolgsaussichten deutlich besser ausfallen.Hinzu kommt, dass die schnelle Entwicklung bei Drohnen Missbrauch erleichtern und den Abwurf aus Flugzeugen ersetzen könnte. „Drohnen machen es leichter, gut getarnt und schwer rückverfolgbar manipuliertes Saatgut oder Schädlinge am richtigen Ort auszubringen, ohne dass es dafür eigene Soldaten am Boden braucht“, sagt Una Jakob.
Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 12-15
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