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01. Mai 2006

Belgrader Frühling?

Es ist an der Zeit, sich ein anderes Bild von Serbien zu machen

Bei der Beerdigung von Slobodan Miloševič feierte sich noch einmal das alte Serbien mit allem Pomp des sozialistischen Totenkultes. Es war die Stunde der Radikalen und Nationalisten. Doch es war auch die Stunde der westlichen Betrachter, die noch immer an solchen Bildern festhalten, wenn von Serbien die Rede ist. Dabei gibt es längst ein anderes Serbien. In dessen Händen liegt die Zukunft einer offenen Gesellschaft in Europa.

Belgrad, 11. März 2006: Die Nachricht vom Tod Slobodan Miloševics verbreitete sich in Belgrad wie ein Lauffeuer. Dieser Tod kam unerwartet, wohl selbst für jene, die ihn schon beim Einrücken des Angeklagten ins Haager Untersuchungsgefängnis herbeiredeten. Einige sahen darin einen Verlust für Serbien und trauerten; manche gaben dem Mitgefühl für einen Gefängnistoten Raum, auch wenn sie von seiner Politik nichts hielten. Andere ahnten: Das ist ein folgenschweres Desaster des Haager Kriegsverbrechertribunals, das klägliche Ende eines Versuchs, internationales Recht auch auf Tyrannen anzuwenden, ein zivilisatorischer Rückschritt, ein schwerer Schlag für die historische Wahrheit, für die Rechte der Opfer, für die Chance auf Versöhnung, und nicht zuletzt eine Gefahr für Serbien. Im Augenblick der Nachricht wussten sie: Es folgt die Geburt des Mythos Miloševic, den seine politischen Erben wach zu halten versuchen werden. Niemanden überraschte es, dass schon wenige Stunden später vom Gifttod die Rede war und die national gesinnte Presse „Ermordet“ titelte. Jeder Gefängnistod bietet Stoff für Legenden, um wie viel mehr dieser.

Einspruch gegen die Miloševic-Verklärung, auch von außen, ist notwendig: mit klaren Worten, mit Fakten und Erklärungen. Doch in der Berichterstattung aus Serbien in der Woche nach der Haager Nachricht kursierten zugleich düstere Metaphern und Schlagworte, die wir seit den neunziger Jahren mit „Miloševic“ assoziieren und zu leicht auf „Serbien“ übertragen.

Slobodan Miloševic, Heros und Dämon. Beide Mythen wurden in dieser Woche noch einmal entfaltet. Und Serbien sucht währenddessen seinen Weg.

Die Inszenierung

Für die Inszenierung des Abschieds eines Volkes von seinem heroischen Vorkämpfer brachten Miloševics politische Erben ein eklektisches Ensemble von ready-mades in Stellung. Die Kitschpostkarte kann man rasch beiseite legen: Bestattung unter der Linde, wo sich „Sloba“ und „Mira“ zum ersten Mal küssten. Im Übrigen wirkte das Zeicheninventar so überaltert, wie das, was es repräsentiert.

Wie einst Tito wurde Miloševic zum Defilee der Bevölkerung im Museum der Revolution aufgebahrt. Vor dem Parlament in Belgrad, wo Miloševic einst die Rituale der Machtpräsenz zelebriert hatte, sollte eine Großveranstaltung den Anschein eines Staatsakts erwecken. Den Ablauf entnahm man dem Fundus des sozialistischen Totenkults, zuletzt gesehen Anfang der achtziger Jahre, als die sowjetische Gerontokratie innerhalb kurzer Zeit ausstarb. Die Präsenz russischer Parteifunktionäre und Militärs beschwor noch einmal den Geist jener Tage herauf. Für den Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“ konnte man nur noch eine drittklassige Kapelle gewinnen. Das einzig neue Element, die Aufstellung von drei Kindersoldaten in Tarnuniform, war an Geschmacklosigkeit nicht zu überbieten.

Die wendige politische Vita Miloševic fand ihre Entsprechung in einer eigentümlichen Äquilibristik zwischen Serbentum und Internationalismus. Anfang der achtziger Jahre war Miloševic vom kommunistischen Kader in die Rolle des nationalen Anführers geschlüpft und spielte so die entscheidende Karte im Kampf um den Machterhalt. Die Altsozialisten der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) nahmen nun den Kampf um soziale Gerechtigkeit für Miloševic in Anspruch, die „Serbische Radikale Partei“ (SRS) bediente die nationalen Gesinnungen.

Nach der höchsten Schätzung versammelten sich 100 000 Menschen zur Belgrader Manifestation. Die Bilder dieser Massen, dazu die der wegen Kriegsverbrechen angeklagten Ex-Generäle neben dem Sarg wirkten peinlich für die europäischen Ambitionen Serbiens.  Diese Botschaft an die Welt war der Zweck der medialen Dauerpräsenz. Nicht zufällig benötigte man drei Stunden länger für das Ritual als ursprünglich angekündigt. Allerdings: Auch nach über sechs Stunden Bestrahlung durch die elektronischen Leitmedien der nationalen Karwoche wurde die Zahl der Anhänger nicht größer. Bis zu zwei Millionen hatte man großspurig angekündigt. Die Mobilisierungskraft erwies sich als begrenzt.

Viele Belgrader trösteten sich damit, dass ein großer Teil der Gäste aus allen Ecken Serbiens zusammengekommen war, zum Teil in Busladungen. Die meisten Besucher waren ältere Leute, viele von ihnen sehen sich in der derzeitigen Transitionsphase als Verlierer. Was sie lockt, ist wohl weniger eine glaubhafte Verheißung für die Zukunft als der Wiedererkennungswert des bekannten und noch ein letztes Mal zum Leben erweckten Rituals. Als Außenstehender kann man sich des Mitgefühls mit einigen von ihnen, denen die Traurigkeit vieler Jahre ins Gesicht geschrieben steht, nicht entziehen. Belgrader Freunden, die die Dekade des Widerstands gegen Miloševic auf der Haut gespürt haben, fällt diese Regung deutlich schwerer. Dass sich jene Lands- und Landleute nie um die Unterdrückung zivilen Widerstands geschert bzw. dass sie ihn gutgeheißen haben, ist nur ein Grund dafür. Man lebt im selben Land, doch in unterschiedlichen Welten.

Blockbildung

Serbiens von den Sozialisten tolerierte Minderheitsregierung ließ sich in der Woche nach Miloševics Tod von den rückwärtsgewandten Parteien treiben. Immerhin, dass sie dem von SPS und SRS geforderten Staatsbegräbnis zustimmen würde, stand wohl nie ernsthaft zur Debatte. Der Haftbefehl gegen Miloševics Ehefrau Mirjana Markovic wurde jedoch zeitweilig ausgesetzt. Die Aufbahrung im „Museum der Revolution“ setzte die Regierung auf Druck der Sozialisten durch. Ministerpräsident Vojislav Koätunica (Demokratische Partei Serbiens/ Zentrum) verteidigte die familiären und humanitären Rechte der Familie Miloševic, wollte hingegen eine Äußerung des Vizeparteichefs der Radikalen, Tomislav NikoliC, nicht kommentieren, der Zoran Djindjic als „Kriminellen“ und Präsident Boris Tadic (Demokratische Partei Serbiens/liberal) als „Ustascha“-Faschisten verunglimpft hatte. Derzeit wird an der Bildung eines neuen demokratischen und europaorientierten Blockes gearbeitet. Dass darin Koätunicas und Tadics Parteien noch einmal zusammenfinden könnten, ist kaum vorstellbar.

Von den Sozialisten war in Serbien lange wenig zu hören, ihr derzeitiger Aufschwung dürfte sich verflüchtigen. Erfolgreich bemüht sich aber die ultranationalistische SRS, ihre Klientel aufzufangen. Vojislav Seäelj, Mitkämpfer Ende der Neunziger, Mitinsasse in Den Haag zuletzt, ließ auf der Kundgebung einen Brief verlesen, seine Statthalter standen am Grab. Die Radikalen sind durch den hoffnungslosen Zerfall des einstigen Oppositionsblocks schon 2003 zur stärksten Einzelpartei aufgestiegen. Den Kalender dieses Jahres fest im Blick, werden sie in den nächsten Wochen nationale Stimmungen am Köcheln halten. Am Dauerbrenner Den Haag, am Referendum in Montenegro und an den Kosovo-Verhandlungen werden sie sich als nationale Alternative zu allen proeuropäischen Parteien zu profilieren suchen. Das Ausland muss darauf achten, dass es ihnen nicht noch mehr unfreiwillige Hilfe leistet als schon geschehen.

Mythen

In der heißesten Phase des Wahlkampfs vor den Präsidentschaftswahlen 2004 meldete sich Chefanklägerin Carla del Ponte mit einem scharfen Appell zur Auslieferung der Angeklagten Ratko Mladic und Radovan Karadeic an die serbische Politik. Man musste sich fragen, ob die knapp drei Prozent Vorsprung, die der Kandidat der „Radikalen“ im ersten Wahlgang erreichte, diesem Einspruch zur Unzeit zu danken waren. Der Demokrat Tadic gewann die Stichwahl und bewahrte Serbien noch einmal vor dem Totalschaden auf der Fahrt nach Europa.

Miloševic ist bereits der vierte serbische Angeklagte, der nicht lebend aus dem Haager Gefängnis kommt. Die Motive des „Justizmords“ und des „Opfertods“ erscheinen wie geschaffen für die Zwecke der Nationalisten. Über das gegenwärtige Geschehen hinaus eignet sich der Stoff für die Eingliederung in die mythischen Überformungen der serbischen Geschichte und Politik, die Miloševic selbst in den neunziger Jahren zum Instrument seiner Herrschaft gemacht hatte.

Mythos und Nation sind vielleicht nirgends auf der Welt auf die gleiche Weise verknüpft wie in Serbien. Das Besondere des serbischen Mythos besteht darin, dass er auf dem Narrativ einer Niederlage basiert, jedoch einer tapferen, standhaften, heroischen Niederlage. Die Niederlage der Serben im Kampf gegen die Türken, der Blutzoll für das christliche Europa im späten Mittelalter, eignete sich zum Ausgangspunkt der nationalen (wenngleich zunächst ganzheitlich-jugoslawisch verbrämten) Agenda Miloševics. Es ist die Geschichte des einsamen, aber ehrenhaften, aufrechten Kampfes für den eigenen Glauben, umstellt von übermächtigen Feinden.

In seiner Amselfeld-Rede von 1989 gerierte sich Miloševic, durchaus mit verführerischem rhetorischem Geschick, als Sachwalter der Eintracht zwischen den Völkern Jugoslawiens, während er tatsächlich die ethnische und nationale Grenzziehung zwischen ihnen beschwor. Die Serben, so die Grundfigur, seien in Jugoslawien zu kurz gekommen, dieses historische Unrecht bedürfe der Korrektur. Das Motiv der Erniedrigung eines Volkes unter den ihm gebührenden geschichtlichen Rang und die Schuldzuweisung an äußere, feindliche Mächte eigneten sich während der neunziger Jahre, um für die Erhaltung und Schaffung serbischen Raumes in Jugoslawien zu mobilisieren.

 Der verlogenen nationalen Aufrüstung setzten sich über Jahre mutige Bürger entgegen, die mitten in der Kriegshysterie insistierten, dass Serbien nicht von außen zerstört wird, sondern den Ruin von innen erlebt: durch das System Miloševic-Markovic, das vier Kriege führte, Tausenden Bosniaken, Kroaten, Albanern und Serben den Tod brachte; das wirtschaftlichen Niedergang und eine nie gekannte Verarmung der Bevölkerung verursachte; das die Opposition mundtot machte und wenn nötig physisch liquidierte (Expräsident Ivan Stambolic, der Journalist Slavko Curuvija, die Parteifreunde Vuk Draskovics; auch Djindjics Tod geht noch auf diese Rechnung). Die subversiven zivilen Proteste gegen Miloševic sahen sich stets dem Vorwurf der ferngesteuerten Infiltration ausgesetzt – nicht anders als alle Bürgerbewegungen der östlichen Blockstaaten zuvor.

Blinde Flecken

Um einem verspäteten Triumph des alten Systems entgegenzutreten, wird es dennoch Zeit, sich auch in der Öffentlichkeit des „Westens“ der Komplexität von Ursachen, widerstreitenden Interessen und schuldhafter Verstrickung auf allen beteiligten Seiten zu erinnern. In Serbien ist die Wahrnehmung weit verbreitet, man sei als bad boy in ein simples Täter-Opfer-Schema eingeordnet worden. Neben Mythen, Lügen und Verzerrungen gibt es auch begründete Anlässe für diese Empfindlichkeiten.

Dass zu den Auslösern der jugoslawischen Kriege in der Tat auch die Sezession Sloweniens und vor allem der Aufschwung ethnisch bzw. religiös definierter Parteien in Kroatien und Bosnien gehörte, ist bestens bekannt, findet aber in der westlichen Öffentlichkeit nur noch selten Erwähnung. Zumindest in den elektronischen (deutschen und englischsprachigen) Medien tauchten die Namen Franjo Tudjman und Alija Izetbegovic im Schuldregister des verstorbenen Miloševic nicht einmal in einem Nebensatz auf.

Wir haben Anlass, unsere eigenen Vorstellungen und Komplexe gegen-über Serbien zu prüfen. Heute 20-Jährige berichten, dass sie zu Kriegszeiten als Flüchtlinge in deutschen Schulklassen geächtet wurden, sobald ihre serbische Herkunft bekannt war. Jenseits unseres öffentlichen Interesses klagten serbische Rückkehrer in das Kosovo – wenn sie die Rückkehr wagten – jahrelang über mangelnde Sicherheit. Doch manche deutschen Gesprächspartner in Belgrad zeigten sich unfähig, sich serbische Opfer vorzustellen, ohne dahinter reflexartig eine Propagandalüge zu mutmaßen.  Wir hatten uns während der jugoslawischen Kriege daran gewöhnt, Erklärungen in der Psychopathologie des Machthabers in Belgrad (und seiner Vollzugsgehilfen in Pale und Banja Luka) zu finden. Ein bequemeres Erklärungs- und Begründungsmuster für politische Entscheidungen war damals nicht zu haben. Vor allem am Ende des jugoslawischen Taumels, mit Blick auf die Intervention im Kosovo-Krieg, ermöglichte es Übersichtlichkeit und Einfachheit in einer Problemlage, die eigentlich ähnlich komplex war und ist wie der Nahost-Konflikt.

Als sich die NATO 1999 entschloss, einzugreifen und Miloševic in den Arm zu fallen, gab es im Westen nicht nur völkerrechtliche, sondern auch politische Bedenken, die nichts mit einer Verteidigung seines Regimes zu tun hatten. Es sei dahingestellt, ob den Befürwortern der Luftschläge die eigenen Appelle an die serbische Bevölkerung glaubhaft erschienen, diese seien nicht gegen sie, sondern nur gegen ihren Tyrannen gerichtet. Man zeigte sich überrascht, als sich vormalige Teilnehmer der Straßenproteste als „targets“ darboten und als selbst die Gegner Miloševics nach 70 Tagen Bombardierung nicht aus den Kellern kamen, um sich bei ihren Befreiern zu bedanken. Das war mit wenig Phantasie vorauszusehen, ebenso wie drei Jahre später im Irak. Selbst wenn man von den zivilen Opfern der Luftschläge absieht, für die das zynische Wort „Kollateralschaden“ erfunden wurde, haben diese Angriffe Miloševic mehr genützt als geschadet. Die gewaltsame Konfliktlösung des Westens bot dem Regime die beste Handhabe, die friedliche bürgerrechtliche Opposition als fünfte Kolonne zu denunzieren. Heute gehört es zu den Trivialmythen des Westens, dass Miloševic ohne die Bombardierung noch immer an der Macht wäre. Doch es waren die Bürger Belgrads, die ihn am 5. Oktober 2000 aus dem Amt gejagt haben, in einem verelendeten, von Kriegen ausgezehrten Land, zuletzt nach der Leugnung seiner Wahlniederlage. Sie siegten nach jahrelangem zivilem Protest, trotz und nicht wegen der Bomben.

Welches Serbien sehen wir?

Etwa zwei Wochen vor dem Tod Miloševics veranstaltete die Radikale Partei eine Seäelj-Kundgebung auf dem Belgrader Platz der Republik, zu der etwa 8000 Anhänger kamen. Veranstaltungen anderer Parteien am selben Ort waren den ausländischen Medien nicht einmal eine Meldung wert. Gewiss, sie waren kleiner und brachten weniger Getöse hervor. Dennoch: Als CNN die radikale Demonstration in sein Live-Programm aufnahm, stellte sich die Frage: wozu? Eine bessere Plattform konnte man diesen Leuten nicht bieten. Nach dem Tode Miloševics stellte sich ebenfalls die Frage, was gezeigt wird und mit welchen Zeichen die Nachrichten aus Den Haag und Belgrad vermittelt werden. Brauchen wir das böse Serbien? Die alte Bedrohung, den Balkan als das politische Unbewusste Europas, nun im Konzentrat des „Serbentums“?

In vielen Kommentaren und Berichten angelsächsischer und deutscher Medien war der Reflex nach der Todesnachricht aus Den Haag: Miloševic, die Inkarnation des Bösen. Belgrad zwischen Trauer und Wut, ein Klischee von Gefolgschaft, das ungeprüft vervielfältigt wurde. Dass am Tag nach Miloševics Tod mehr Blumen auf das Grab Zoran DjindjiCs – zum dritten Jahrestag des Mordes an Serbiens Premier – gelegt wurden als vor die Weihestatt der Sozialisten, war zu unspektakulär und blieb unerwähnt. Die Zahl von bis zu zwei Millionen Besuchern, die zum Abschied von Miloševic erwartet würden, ging ohne Quellenangabe in den „Tagesthemen“ durch den Äther. Die Strategen der Radikalen Partei hatten sie in Umlauf gebracht.

Wie um die böse Nachricht aus Den Haag aus dem Weg zu räumen, wurde die rhetorische Keule geschwungen: „der Mann, dessen Name für die größten Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg steht“ (ZDF), „der Schlächter von Belgrad“ (ARD-Kommentar) usw.

 Aber Srebrenica! Vukovar! Dubrovnik! Dass Miloševic politische und moralische Verantwortung für diese Verbrechen trägt, wird hier mit keiner Silbe geleugnet oder auch nur verharmlost: Ein kluger Prozess und ein angemessenes Urteil sollten seine juristische Schuld beweisen; nun bleibt nur die historische Aufarbeitung. Die Metaphern des Monströsen, die die Schuld des Kriegstreibers Miloševic mit der der berüchtigtsten Mörder der Vernichtungsmaschinerie der Nazis gleichsetzt, dienen aber weder der Aufarbeitung von außen noch dem Beginn eines historischen Verantwortungsdiskurses in Serbien. Simplifizierende Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster bringen vielmehr gerade jene in Serbien in Erklärungsnöte, die in Serbien gegen heftige Widerstände versuchen, einen wahrhaften, auf Fakten basierenden Diskurs über die eigene jüngere Geschichte, über Schuld und Verantwortung an und in diesen Kriegen zu führen und ihn in die Gesellschaft zu tragen.

Sicherlich sind Miloševics Parteigänger ohnehin nicht diejenigen, die westliche Kommentare aus erster Hand wahrnehmen. Unter denen, die es tun, mag mancher gern die wuchtige Metaphorik übernehmen. Außenminister Vuk DraskoviC dachte bei der Nachricht von Miloševics Tod an die Attentate gegen Parteifreunde und gegen ihn selbst und wünschte den Verstorbenen öffentlich zur Hölle. Was aus der Innenperspektive Serbiens noch verständlich sein mag, taugt nicht für die Bewertung von außen. Mit der Person Miloševics müssen wir auch unseren Mythos Miloševic, den dämonischen, begraben, der den heroischen Miloševic-Mythos mitproduziert hat.

In Serbien kommt die Verarbeitung von Verantwortung und Schuld nur langsam in Gang. Weder im öffentlichen Diskurs noch im Sinne eines juristischen Vorgehens gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher sind diese Themen prominent. Aus westlicher, namentlich aus deutscher Sicht lohnt aber auch ein Vergleich mit der eigenen Geschichte. Zu einer Aufarbeitung des Nationalsozialismus kam es erst mit dem Nachrücken der nächsten Generation. Und erst nach zwei Generationen kann man wieder darüber sprechen, dass es auch deutsche Opfer von Vertreibung und Verfolgung gab. Diese Debatte hat erst kürzlich begonnen; noch immer wird ihre Legitimität bisweilen in Frage gestellt, und noch immer muss, wer sie führt, darauf achten, dass sie nicht von Geschichtsfälschern missbraucht wird. Die Serben werden nicht so viel Zeit haben, denn sie leben mit der Gunst, dass sich längst eine normative Vorstellung europäischer Identität jenseits ethnisch oder territorial definierter Staatlichkeit etabliert hat. Das ist insofern zugleich eine Last, als man sich auf Bedingungen einlassen muss, die von außen, von den Rechtsnormen des bereits bestehenden Europas definiert werden – zu Recht. Dennoch gehört zu einer Annäherung auch, dass man die Zeit, die für die Entwicklung eines Geschichtsdiskurses von innen vonnöten ist, gewährt, und dass man ihn differenziert und vorurteilsfrei begleitet.

Das europäische Serbien

Die Partei Miloševics schien längst beerdigt; dass es der alten Garde aus der Gruft noch einmal gelänge, Massen zu rufen, konnten sich viele Belgrader nicht mehr vorstellen. Angesichts des Zulaufs zu den Trauerinszenierungen in Belgrad und Pozarevac sprachen sie von tiefer Enttäuschung und von Scham über das Bild, das ihr Land vor aller Welt abgebe.

Dass es auch das andere Serbien gibt, in dessen Händen die Zukunft einer offenen Gesellschaft in Europa liegt, ist nicht neu. Auch nach dem Mord an Zoran Djindjic, der es als Person in unersetzlicher Weise verkörperte, existiert es. Aber sehen und hören wir noch davon?

Am Tag nach der Preisverleihung der Berlinale nahm die Programmdirektion des Belgrader Filmfestivals „FEST“ den bosnischen Film „Grbavica“ spontan ins Repertoire auf. Er musste am Tag nach dem offiziellen Abschluss des Festivals laufen, weil sich staatliche Förderer weigerten, ihn als offiziellen Programmteil zu unterstützen. Aber er lief! Zehn Nationalisten störten den Beginn, wurden ausgebuht und mussten den Saal verlassen. 2000 Belgrader, die gekommen waren, feierten den Film mit Standing Ovations.

Die Leiterin der „Historischen Museen Jugoslawiens“ protestierte gegen die Aufbahrung des Leichnams und gegen die Verletzung der Autonomie kultureller Einrichtungen. Sie erhielt in den folgenden Tagen Drohbriefe, aber auch öffentliche Unterstützung von den Leitern aller relevanten Kulturstätten Belgrads.

In der Woche nach Miloševics Tod wurde Tag für Tag auch seriös über sein politisches Erbe berichtet. Mindestens die Hälfte der hiesigen Presseprodukte ist ungenießbar, aber es gibt auch hier guten, freien und kritischen Print-Journalismus. Und es gibt den Radio- und Fernsehsender B92, der, allen verbalen und physischen Angriffen zum Trotz, jedes heiße Eisen anfasst. Neben der minutiösen Aufbereitung der politischen Biographie Miloševics zeigt er zurzeit, parallel zur Kinoaufführung, die serbisch-kroatische Dokumentarfilmproduktion „Vukovar“.

Es dauerte einige Zeit, bis auch diese Seite in der Berichterstattung aus Deutschland nach dem Tod Miloševics zur Sprache kam: Das Monster hatte die Bürgergesellschaft noch einmal verschluckt. Ein Beitrag der „Tagesthemen“ stellte dann endlich die Arbeit von B92 vor, und am Tag des Begräbnisses wurde von den internationalen Stationen auch der Belgrader Frühlingsspaziergang ins Bild gesetzt. Etwa 1500 Belgrader zogen mit bunten Luftballons durch die Innenstadt. Der Altersdurchschnitt war hier weit geringer als bei der Totenwache, vertreten waren aber alle Generationen. Per SMS hatten die Organisatoren dazu aufgerufen, den „Frühling, drei Tage vorab“ zu begrüßen. Gegen die verschlissene Ästhetik der national gewendeten Altkommunisten und Radikalen setzten sie Farbe, Lebensfreude, Leichtigkeit. Die Tradition der Contra-Meetings, mit denen die Opposition der neunziger Jahre die Starrheit der Macht durch phantasievolle Aktionen unterwanderte und letztlich zu Fall brachte, klang an.

Dieses bunte, frische, kreative Serbien gehört nach Europa, und wir dürfen es nicht vergessen. Das Land erlebt seit Jahren einen Richtungskampf, der grundsätzlich über seine Zukunft und die seiner jungen Generation entscheiden wird. In den nächsten Wochen und Monaten können, mal wieder, Weichen gestellt werden: Stagnation in einer Vergangenheit der Isolation oder Öffnung und Zukunft. Forderungen allein werden nicht genügen, um Serbiens Weg nach vorn zu unterstützen. Europa muss für die große Mehrheit der Serben als Gewinn, als Chance, als Hoffnung erfahrbar werden.

Belgrad, 19. März 2006: Der Winter hat in diesem Jahr ungewöhnlich lange angedauert. Heute ist es deutlich wärmer. Es ist Sonntag, die Straßen sind frei, die Atmung funktioniert. Belgrader Frühling?

Dr. RALF HERMANN, geb. 1968, ist Literaturwissenschaftler und Dozent des DAAD für Deutsch als Fremdsprache in Belgrad.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, Mai 2005, S. 87 - 93

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