Internationale Presse

01. März 2020

Australiens Jahrhundert-Feuer

Internationale Presse Australien

Der fünfte Kontinent hat seine bisher schlimmsten Buschbrände erlebt, ein Minister verglich die Folgen gar mit denen einer Atombombe. Trotzdem haben die Regierung Morrison und vor allem die Murdoch-Medien die Krise lange ignoriert. Nun soll viel Geld wieder gutmachen, was in der Klimapolitik versäumt wurde.

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Dass es in den Sommermonaten auf der Südhalbkugel brennt, ist an sich nicht ungewöhnlich. Doch das Ausmaß der aktuellen Buschbrände in Australien ist bislang einmalig. Es brannte in fast jedem Bundesstaat – selbst im tropischen Queensland und auf der „grünen“ Insel Tasmanien.

„Australien steht einer landesweiten Krise mit 130 Waldbränden im Land gegenüber“, schrieb Bloomberg Anfang Januar.


„Wo zum Teufel bist du?“

Obwohl sein Land in Flammen stand, ignorierte Regierungschef Scott Morrison die Buschfeuer zunächst weitgehend. Vor Weihnachten fuhr er mit seiner Familie in den Urlaub nach Hawaii, über Neujahr empfing er Cricketspieler in Sydney und spielte die Krise mit Bemerkungen herunter wie „solche Katastrophen“ habe es „schon immer“ in Australien gegeben. „Wo zum Teufel bist du?“, nahmen etliche Medien die Frage auf, die viele Australier über soziale Medien an ihren Regierungschef stellten und dabei auf eine Werbekampagne anspielten, die er als Marketingchef für die Tourismusbehörde des Landes organisiert hatte. Eine Verbindung zum Klimawandel, der die Feuer nach Aussagen von Wissenschaftlern durch erhöhte Temperaturen und trockenere Bedingungen begünstigte, zog er lange nicht. Der Sydney Morning Herald warf Premier Morrison in einem Meinungsstück vor, „rumzuspielen, während das Land brennt“.
Als der Regierungschef mit Tagen Verspätung schließlich die ersten betroffenen Gemeinden besuchte, hatten Buschfeueropfer und Feuerwehrleute nur noch wenig freundliche Worte für ihn. Etliche weigerten sich, ihm die Hand zu schütteln, viele buhten ihn aus. „Australiens Premierminister Morrison kämpft wegen der Buschbrände um seine politische Karriere“, schrieb Esther Blank in einer Analyse in der Neuen Zürcher Zeitung. Zunächst habe er viel Sympathie gewonnen, weil er sich als durchschnittlicher australischer Dad gegeben habe, der hart arbeite und blöde Witze mache. Doch inzwischen stehe der Marketingmann politisch mit dem Rücken zur Wand.
Grünen-Chef Richard Di Natale konnte es sich nicht verkneifen, Morrison mit Neville Chamberlain zu vergleichen, der sich wegen seiner Appeasement-Politik gegenüber Hitler einst politische Naivität und strategische Blindheit vorwerfen lassen musste. „Kriegsschiffe, die Menschen von unseren eigenen Ufern evakuieren, sind nicht normal“, wurde Di Natale im Guardian zitiert; er spielte damit auf die Marine an, die Urlauber und Einheimische aus Mallacoota evakuieren musste.


Versagen der Murdoch-Medien

Zu Beginn des neuen Jahres waren die Feuer Aufmacher bei Medien in der ganzen Welt. Die meisten australischen Medien – darunter die ABC, die australische Ausgabe des Guardian oder der Sydney Morning Herald – berichteten auf ihren Webseiten in Live-Blogs und in den Printausgaben mit ausführlichen Leitartikeln. Eine Ausnahme bildeten jedoch die Titel von Rupert Murdochs News Corp. Das Flaggschiff The Australian brachte auf der Titelseite am 2. Januar einen Artikel, der die „nette Picknick-Atmosphäre“ beim Pferderennen am Hanging Rock beschrieb. Die Buschfeuer kamen erst auf Seite vier zur Sprache. Im Nachhinein entschuldigte sich die Zeitung zwar und erklärte, sie sei über den Neujahrsfeiertag „unterbesetzt“ gewesen, doch wie andere australische Medien richtig bemerkten, blieb ausreichend Zeit, die Kollegen der ABC wegen deren Silvesterkonzert zu attackieren.
Das Versagen einer Zeitung ließe sich vielleicht noch entschuldigen, doch auch andere News-Corp-Blätter versuchten über Tage, die Krise zu verschleiern. So behandelten die Herald Sun in Melbourne und die Courier-Mail in Brisbane – beides Murdoch-Blätter – die Naturkatastrophe, die Experten als den „absolut größten Notfall“ bezeichneten, den das Land je erlebt hat, in ihrer ersten Januarausgabe erst auf Seite vier. Die Courier-Mail wartete dafür mit ihrem „hauseigenen“ Orakel auf, dem 62-jährigen Halwyn Hermann, der Regen für das kommende Jahr prophezeite.
Der Australian berichtete nach der öffentlichen Rüge zwar ausführlicher über die Krise, doch Premierminister Scott Morrison, der von der Bevölkerung für sein Krisenmanagement harsch kritisiert wurde, fand weiterhin Unterstützung. Seine Politik wurde mit den Worten des beliebten ehemaligen Regierungschefs John Howard unterstützt: „Australier wollen keinen Fanatismus in der Klimadebatte.“ Wahrscheinlich stellte das Murdoch-Flaggschiff deshalb die Buschfeuerkrise in einem Artikel als eine Katastrophe dar, die sich angeblich ganz normal in die Historie anderer Buschfeuer einreihe. Die „zerstörerischen Flammen“ seien „nichts Neues“, hieß es da. „Klimawandel oder nicht“, in einer der am stärksten brandgefährdeten Regionen der Welt müsse man sich eben auf Feuer einstellen.
Um dem Klimawandel nicht zu viel Prominenz zu geben, waren schnell Brandstifter als Übeltäter gefunden. „Die australische Polizei bezichtigt fast 200 Leute der Brandstiftung“, verbreitete beispielsweise das US-amerikanische Murdoch-Medium Fox News eine Falschmeldung, die im Internet kursierte. Doch andere Medien klärten die Lügen schnell auf: „Falschnachrichten verbreiten sich über die australischen Feuer“, warnte beispielsweise der britische Telegraph. Tatsächlich spielte Brandstiftung nur eine untergeordnete Rolle. Die meisten Feuer waren auf natürliche Art und Weise entstanden: Neben normalen Gewittern verursachten die Brände selbst Stürme, die mit ihren Blitzen weitere Feuer auslösten.
Andere Medien stellten die Rolle des Klimawandels dagegen besonders heraus. So schrieb die BBC: „Während Brände ein natürlicher Bestandteil des australischen Wetterzyklus sind, warnen Wissenschaftler seit Langem davor, dass dieses heißere, trockenere Klima dazu beiträgt, dass Brände häufiger und intensiver werden.“ 2019 war das heißeste und trockenste Jahr in Australien.


Kriegsähnliche Zustände

Auch die Auswirkungen auf Mensch und Tier fanden weltweite Auseinandersetzung in den Medien. Mindestens 30 Menschen kamen ums Leben. Über zehn Millionen Hektar Busch brannten ab – eine Fläche doppelt so groß wie die Schweiz. Im Vergleich: Im Amazonas-Regenwald zerstörten Feuer im vergangenen Jahr 900 000 Hektar, während in der sibirischen Steppe 2,6 Millionen Hektar in Asche verwandelt wurden. Die knochentrockene Landschaft ermöglichte dem Feuer, sich rasant auszubreiten. Selbst die Millionenstadt Sydney war zu einem Zeitpunkt von Feuern eingekesselt. „Das Mega-Feuer vor Sydney gerät außer Kontrolle“, schrieb die BBC Anfang Dezember. Sydney sei wegen der Buschbrände eine ganze Woche lang von dichtem Rauch überzogen gewesen.
Außerdem starben bei den Bränden unzählige Tiere. Ökologen der Universität von Sydney schätzen, dass rund eine Milliarde Säugetiere, Vögel und Reptilien in den Feuern verendet sind. Im Naturparadies Kangaroo Island soll die Hälfte der 50 000 Koalas verbrannt sein. „Mehr als 100 bedrohte Arten wurden von den australischen Buschfeuern schwer getroffen“, hieß es im Guardian. Viele seien deshalb ganz besonders vom Aussterben bedroht.
Zeitweise erinnerte die Situation an eine „Kriegszone“, wie ein Geschäftsmann aus Mallacoota ABC News sagte. Neben der Armee wurden 3000 Reservisten eingezogen, die helfen sollten, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Außerdem gab Premier Morrison die Gelder für vier neue Löschflugzeuge frei. Zu wenig und zu spät, fanden viele. Ehemalige Feuerwehrchefs hatten den Premierminister bereits im April 2019 treffen wollen, um ihre Besorgnis über die anstehende Buschfeuersaison zum Ausdruck zu bringen. Damals hatte Morrison ein Treffen jedoch abgelehnt.


Politischer Sündenbock

Trotz allen Gegenwinds während der Krise änderte Premier Morrison seine Rhetorik gegenüber Kohleindustrie, Emissionen und Klimawandel nur geringfügig. So sagte er dem australischen Sender Channel Seven: „Ich werde nicht die Jobs von Tausenden von Australiern abschreiben, indem ich mich von der traditionellen Industrie entferne“; auf einer Pressekonferenz räumte er laut News.com.au dann aber doch ein, dass der Klimawandel „neben vielen anderen Faktoren“ zu den Bränden beigetragen habe. Gegenüber dem Guardian wies er jedoch den Vorwurf zurück, Australien tue nicht genug gegen den Klimawandel. Und im gleichen Zeitraum schrieb der Premierminister selbst einen Beitrag für die Herald Sun, in dem er die Rolle des Klimawandels herunterzuspielen schien.
Andere Politiker suchten dagegen einen politischen Sündenbock: Der Abgeordnete Barnaby Joyce behauptete fälschlicherweise, die Grüne Partei habe sich gegen das sogenannte „Backburning“ gesperrt, bei dem unter anderem das Unterholz im Busch reduziert wird. Der stellvertretende Premierminister Michael McCormack ging noch weiter und bezeichnete die Grünen als „innerstädtische Wahnsinnige“, weil sie den Klimawandel diskutierten, wie der Sydney Morning Herald berichtete.
Inzwischen stürzt sich Premierminister Morrison ganz auf die Schadensbekämpfung. Zwei Milliarden australische Dollar (1,2 Milliarden Euro) hat er aus seinem Budget bereitgestellt, um die Gemeinden, die vom Feuer verwüstet wurden, beim Wiederaufbau zu unterstützen. Auch Firmen soll finanziell unter die Arme gegriffen werden, damit sie schnell wieder die Arbeit aufnehmen können. Selbst an die psychische Gesundheit der Opfer wird gedacht und Geld für das gesundheitliche Wohl bereitgestellt.
„Die physischen und psychischen Narben werden uns jahrelang begleiten“, schlussfolgerte Frank Jotzo, der das Zentrum für Klima- und Energiepolitik an der Nationaluniversität in Canberra leitet, in einem Kommentar für die ABC. Jede Fahrt oder Wanderung im Wald werde eine Erinnerung sein. „Der Frühling wird Angst vor dem Sommer bringen.“


Klimapolitische Wende?

Trotzdem sieht Jotzo aber auch eine Chance in der nationalen Krise: Sie könnte zum „Wendepunkt für Australiens Klimapolitik“ werden und es den Regierungspolitikern ermöglichen, ihre „zerstörerische Haltung gegenüber dem Klimawandel zu ändern“.
„Heftige Buschbrände heizen Klimadebatte an“, titelte dann die Neue Zürcher Zeitung. Und im Guardian hieß es: „Die Regierung wurde gezwungen, über den Klimawandel zu sprechen.“
Gesprochen wurde seither tatsächlich viel: Beispielsweise meldete sich die Wissenschaftsministerin Karen Andrews mit einer Forderung zu Wort: Australien verschwende mit der Klimadebatte Zeit, wurde sie von ABC zitiert. Die ideologischen Schlachten müssten ein Ende haben. Das Land sollte seine Zeit und Energie lieber darauf verwenden, auf den Klimawandel zu reagieren.
Doch bisher wurde nicht an Australiens eher mickrigen Klimazielen gerüttelt – obwohl Morrison andeutete, dass dies durchaus möglich wäre. Um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, will man die eigenen Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 2005 um 26 bis 28 Prozent reduzieren. Erst Mitte Dezember war Australien eines der Länder gewesen, die sich bei der Klimakonferenz in Madrid gegen weitergehende Maßnahmen stellten. Zu sehr hängt der Kontinent nach wie vor an seiner Kohle- und Gasindustrie – im vergangenen Juni wurde in Zentral-Queensland eine der größten Kohleminen des Landes genehmigt.
Dass die Bevölkerung Australiens durchaus Veränderungen erzwingen kann, zeigte die Parlamentswahl 2019. Landesweit gingen zwar die Liberalkonservativen unter Scott Morrison wieder als Sieger hervor; doch ein seit Jahren erzkonservativer Wahlkreis ging symbolkräftig verloren: Eine Graswurzel-Kampagne brachte den früheren Rechtsaußen-Premier Tony Abbott hier zu Fall. An seiner Stelle zog die progressive unabhängige Kandidatin Zali Steggall ins Parlament ein und kämpft dort seitdem für eine klimafreundlichere Politik.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2020, S. 116-119

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