Titelthema

26. Febr. 2024

Strategische Partnerschaften

Im Wettlauf um kritische Rohstoffe braucht Europa weltweit Verbündete. Erste Abkommen sind geschlossen, weitere sollen folgen: ein Überblick. 

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Australiens neuer Rohstoffboom

Die Bodenschätze des fünften Kontinents gehen weit über fossile Energieträger hinaus. Ob die EU davon profitieren kann, ist derzeit allerdings noch unklar.

Von Barbara Barkhausen 

Europas Pläne, Australiens Vorräte an kritischen Rohstoffen anzuzapfen, stehen aktuell vor einigen größeren Hürden. Das Scheitern der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen im Oktober 2023 hat auch eine mögliche Rohstoffkooperation zumindest vorübergehend ausgebremst: Denn nur wenn die EU ihre hohen Zölle auf Agrarimporte beseitigt hätte, hätte Europa im Gegenzug einen erleichterten Zugang zu den australischen Vorkommen an kritischen Rohstoffen erhalten. Doch die starken Agrarlobbys auf beiden Seiten machten eine Einigung allem Anschein nach unmöglich. 

Dabei wollen sowohl die EU als auch Australien ihre Abhängigkeiten von China eigentlich verringern: Australien hat die Dominanz seines wichtigsten Handelspartners in den vergangenen Jahren schmerzhaft zu spüren bekommen, nachdem Peking als Reaktion auf diplomatische Verstimmungen hohe Strafzölle gegen einige wichtige australische Importe verhängte. Und auch für die EU gehört China neben den USA und Großbritannien zu den drei wichtigsten Handelspartnern.

Einzelne Länder wie Frankreich oder Deutschland preschen bereits im Alleingang vor. Deutschland und Australien sind beispielsweise schon 2017 eine Kooperation in den Bereichen Energie und Rohstoffe eingegangen. 

Australien ist für die Energiewende und die damit verbundene Elektrifizierung gut aufgestellt. Der fünfte Kontinent ist ein ­Powerhouse der regenerativen Energiequellen: Neben Wind-, Gezeiten-, Wellen- und geothermischer Energie ist vor allem das Potenzial für Solarenergie groß. Auch für die Produktion von grünem Wasserstoff hat das Land beste Bedingungen. 

Zudem ist Australien einer der größten Rohstoffproduzenten der Welt. Neben den bekannten Vorkommen an Eisenerz und Kohle verfügt das Land auch über die Rohstoffe, die für die Produktion von Batterien für Elektroautos unverzichtbar sind. So ist Australien weltweit der führende Produzent von unverarbeitetem Lithium, der drittgrößte Kobaltexporteur und der viertgrößte Lieferant von Seltenen Erden. Außerdem ist es der viertgrößte Exporteur von gefördertem Kupfer und Nickel sowie ein relevanter Aluminiumproduzent. 

Eine einmalige Gelegenheit

In Europa sind all diese Rohstoffe gefragt. Vor allem bei Lithium besteht laut der Unternehmensberatung McKinsey „eine doppelte Chance“ für Australien: zum einen durch die steigende Lithiumnachfrage, zum andern durch die Kapazität des Landes zur Produktion von Lithiumhydroxid. Letzteres ist ein wichtiger Bestandteil für die Batterien von Elektroautos; in Europa sind mehrere neue Fabriken geplant. 

„Australien hat hier die einmalige Gelegenheit, tiefer an der Wertschöpfungskette zu partizipieren und nicht – wie bislang üblich – nur Rohstoffe zu fördern und unverarbeitet zu exportieren“, sagt Jürgen Wallstabe, Rohstoffexperte der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer in Sydney, die die deutsche Industrie bei ihren Aktivitäten im Bereich der kritischen Rohstoffe unterstützt. Wie auch andere Experten hält Wallstabe einen neuen Rohstoffboom abseits der traditionellen australischen Rohstoffe wie Eisenerz deswegen für realistisch.

Einige deutsche Firmen haben bereits Kooperationen mit australischen Unternehmen geschlossen, darunter Siemens Gamesa. So wird die australische Firma Arafura Seltene Erden für die Windkraftanlagen der Siemens-Tochter liefern. Im Gegenzug kaufen viele australische Unternehmen bereits einen Großteil ihrer Bergbaumaschinen, die für den Abbau der Rohstoffe zum Einsatz kommen, in Europa ein – vor allem bei deutschen Firmen. 

Dass Australien grundsätzlich offen für Kooperationen ist, hat die ­australische ­M­inisterin für Ressourcen, Madeleine King, im September vergangenen Jahres deutlich gemacht.

Damals reiste die Ministerin nach Europa, um ihr Land als zuverlässigen Lieferanten kritischer Rohstoffe zu bewerben. „Australien verfügt über die entscheidenden Minerale, die die Welt zur Reduzierung der Emissionen benötigt“, sagte sie damals vor Journalisten in Brüssel und wies darauf hin, dass Australien dank der Eisenerz- und Gasindustrie über gut etablierte Exportlieferketten verfüge.

Gleichzeitig warnte sie, dass europäische Unternehmen schon jetzt im Hintertreffen seien, da die USA und Japan angesichts der chinesischen Dominanz ihre Investitionen in den australischen Rohstoffsektor bereits erhöht hätten. „Ich bin nur hier, um Ihnen zu sagen: Machen Sie sich auf den Weg, sonst verpassen Sie den Anschluss.“ 

 

Chile exportiert, Europa profitiert

Der Norden Chiles ist reich an Lithium und Kupfer. Brüssel will sich den Zugang sichern und die Wertschöpfung vor Ort stärken – ein Versprechen auf tönernen Füßen.

Von Sophia Boddenberg

Die europäische Industrie braucht Chiles Rohstoffe. Das schmale und lange Land zwischen Pazifik und Andengebirge ist weltweit führender Produzent von Kupfer und zweitwichtigstes Förderland von Lithium, gleich hinter Australien. Beide Metalle gelten als Schlüsselrohstoffe für die Energiewende, sie werden insbesondere für die Elektrifizierung benötigt. Nach Angaben der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) könnte der Kupferbedarf bis 2040 um über 40 Prozent steigen, der Lithiumbedarf sogar um über 500 Prozent. Derzeit exportiert Chile größtenteils nach China. Deshalb will sich die EU durch eine strategische Partnerschaft den Zugang zu Chiles Rohstoffen sichern.

„Wir werden dafür Formen der Gewinnung und Beschaffung fördern, die umweltverträglich sind und die Lebensgrundlagen Ihrer Gemeinschaften sichern“, sagte die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem chilenischen Präsidenten, Gabriel Boric, im Juni 2023. Man wolle „zusammenarbeiten, um die gesamte Wertschöpfungskette hier in Chile auszubauen“. Im Juli 2023 unterzeichneten Vertreterinnen und Vertreter beider Seiten in Brüssel eine Absichtserklärung über eine strategische Partnerschaft zu nachhaltigen Rohstofflieferketten. Die EU-Mitglied­staaten erhoffen sich den Zugang zu chilenischen Lithium- und Kupfervorkommen, Chile möchte seine Wertschöpfungskette ausbauen.


Wenig Wertschöpfung, viel Kritik

Derzeit findet kaum Wertschöpfung in Chile statt. Obwohl das Land laut Daten der US Geological Survey etwa 24 Prozent des Kupfers weltweit fördert, finden nur 8 Prozent der Raffination vor Ort statt. 42 Prozent des weltweit geförderten Kupfers werden hingegen in China raffiniert. Bei Lithium sieht es ähnlich aus: Chile fördert ein Drittel der weltweiten Abbaumenge, stellt aber selbst keine Batterien her. China ist derzeit führender Hersteller von Lithium-Ionen-Batterien.

In Chile sprechen Kritikerinnen und Kritiker deshalb von „Extraktivismus“, also einem Wirtschaftsmodell, das auf dem Abbau von Rohstoffen basiert, ohne dass eine Wertschöpfung vor Ort stattfindet. Da europäische Unternehmen bisher kaum eine Rolle in der Wertschöpfungskette der Rohstoffverarbeitung in Chile spielen, ist es fraglich, ob die Rohstoffpartnerschaft daran etwas ändern wird. Ein chinesisches Unternehmen hat hin­gegen den Bau einer Batteriefabrik in Chile angekündigt. 

Die Förderung von Rohstoffen verursacht in Chile schon jetzt soziale und ökologische Schäden. Der Kupferbergbau verbraucht große Mengen an Wasser und Energie und ist mit hoher Luft- und Wasserverschmutzung verbunden: Der Wind trägt Schadstoffe des Tagebaus in die Umwelt, die Atemwegserkrankungen und Allergien verursachen. Und die Verunreinigung des Wassers durch Schwermetalle ruft ebenfalls Krankheiten hervor.

Im Norden Chiles, wo sich der Bergbau konzentriert, sterben überdurchschnittlich viele Menschen an Krebs. In der Atacamawüste, dem trockensten Ort der Erde, pumpen Bergbauunternehmen für die Lithiumförderung Salzwasser aus der Wüstenerde und bringen damit das sensible Ökosystem aus dem Gleichgewicht. In unmittelbarer Nähe leben außerdem die indigenen Lickan Antay, deren Lebensgrundlage durch den Bergbau gefährdet wird. Auch die Weiterverarbeitung von Rohstoffen, zum Beispiel die Kupferverhüttung, ist mit starken Umwelt- und ­Gesundheitsrisiken verbunden.


Ein neokoloniales Verhältnis

Die Rohstoffpartnerschaft zwischen Chile und der EU sieht zwar vor, nachhaltige Lieferketten zu fördern und die Umwelt­auswirkungen des Rohstoffabbaus zu minimieren. Doch es bleibt offen, wie diese Vorhaben umgesetzt werden sollen. Die Beteiligung und Zusammenarbeit mit den betroffenen – häufig indigenen – Gemeinden findet keine Erwähnung.

Während aus chilenischer Sicht der Anteil der EU bei den Rohstoffexporten im Vergleich zu China gering ist, ist umgekehrt die Abhängigkeit der EU von Chiles Rohstoffen sehr hoch. Von der Rohstoffpartnerschaft wird wohl hauptsächlich die europäische Industrie profitieren. Gleichzeitig verfestigt sich ein neokoloniales Verhältnis zu Chile, das in der Rolle des Rohstoffexporteurs verharrt. 

 

Grönlands unerschlossene Schätze

Das Rohstoffpotenzial der Arktisinsel ist riesig. Während der Abbau von Seltenen Erden stockt, könnte schon bald grönländisches Molybdän nach Europa geliefert werden.

Von Gerd Braune

Die Europäische Union und Grönland, die überwiegend von Eis bedeckte Insel im Nordatlantik zwischen Nordeuropa und Kanada, stärken ihre Zusammenarbeit. Sie vereinbarten im November 2023 eine strategische Partnerschaft zur Versorgung mit Rohstoffen, die für den Umbau der Wirtschaft zur Klimaneutralität wichtig sind. „Grönland verfügt über viele Rohstoffe, die für die Energiewende benötigt werden“, sagte Grönlands Ministerin Naaja Nathanielsen bei der Unterzeichnung der Grundsatz­vereinbarung in Brüssel.  

Grönland, das die einheimische Bevölkerung „Kalaalit Nunaat“ (Land der Grönländer) nennt, ist mit einer Fläche von 2,1 Millionen Quadratkilometern die größte Insel der Welt, die nicht als Kontinent gilt. Auf den schmalen, eisfreien Küstenstreifen leben etwa 56 000 Menschen; 80 Prozent des Landes liegen unter einer Eisschicht. Die Insel gehört zum Königreich Dänemark, hat aber weitreichende Autonomie. Nach einem Referendum im Jahr 1982 trat Grönland aus der EU aus. Von Brüssel wird es als eines der assoziierten Überseeländer und -territorien anerkannt und finanziell unterstützt.

Von der strategischen Partnerschaft für nachhaltige Rohstoffwertschöpfungsketten versprechen sich beide Seiten sehr viel. Grönland bemüht sich, seine Wirtschaft zu diversifizieren, deren Säulen bisher Fischfang und Tourismus sind. Außerdem ist der grönländische Staatshaushalt immer noch abhängig von finanziellen Zuwendungen der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark.

„Der Übergang zu sauberer Energie ist eine politische Priorität der Regierung Grönlands“, teilt das Ministerium für Wirtschaft, Handel und mineralische Ressourcen auf Anfrage mit. Grönland hat 2021 die Offshore-Suche nach Öl eingestellt und richtet seitdem den Blick auf die Bereitstellung von Mineralien für den Übergang zu sauberer Energie. Nach Angaben der EU finden sich 25 der 34 kritischen Rohstoffe, die von der Kommission als strategisch wichtig für die europäische Industrie und den ökologischen Wandel eingestuft werden, in Grönland. Um ihren Green Deal umzusetzen, muss die EU eine gesicherte Versorgung mit kritischen Rohstoffen gewährleisten und sich so weit wie möglich aus der Abhängigkeit von Lieferländern wie China lösen. 


Lukrative Projekte liegen auf Eis

Entlang der grönländischen Küste liegen zahlreiche ermittelte oder vermutete Rohstoffvorkommen. Die Deutsche Rohstoffagentur (DERA) bescheinigte Grönland in einer Studie von 2010 ein mineralisches Rohstoffpotenzial, das von Gold, Silber und Platinmetallen, Blei und Zink, Molybdän, Chrom und Grafit bis zu Sel­tenen Erden reicht.

Dennoch ist Grönland bisher noch kein bedeutender Akteur auf dem Rohstoffmarkt. Fluktuierende Weltmarktpreise für Metalle und Mineralien beeinflussen das Engagement von Konzernen und Finanzinstituten bei der Erschließung von Rohstoffvorkommen in der ökologisch sensiblen Arktisregion.

Große und vielversprechende Projekte wurden bisher nicht zur Produktionsreife gebracht, auch wenn Genehmigungsverfahren weit fortgeschritten sind oder gar Abbaurechte erteilt wurden. Im Norden liegt im Citronen-Fjord ein gewaltiges Zinkvorkommen, im Süden ist mit „Kringlerne“ eines der reichsten Vorkommen an Seltenen Erden dokumentiert. In beiden Fällen haben sich australische Unternehmen die Abbaurechte gesichert. Das Projekt „Kvane­fjeld“ wurde nach dem Regierungswechsel in Nuuk 2021 und einer Gesetzesänderung gestoppt, weil der Urangehalt der Seltenen Erden offenbar den festgelegten Grenzwert überschreitet.


Molybdän für die EU

Ein von der EU unterstütztes Vorhaben ist das „Malmbjerg Molybdän-Projekt“ des kanadischen Unternehmens Greenland Resources an der Nordostküste Grönlands. Molybdän wird bei der Stahlerzeugung und der Herstellung von Energietechnologien wie Wind- und Wasserturbinen oder Fotovoltaik eingesetzt. Die EU ist der zweitgrößte Stahlerzeuger der Welt und benötigte 2021 etwa 24 Prozent des weltweiten Molybdän-Angebots, hat aber keine eigene Molybdän-Produktion. „Greenland Resources kann 25 Prozent des Molybdän-Bedarfs Europas decken, und das aus einem EU-assoziierten Land“, sagt Ruben Shiffman, Vorstandsvorsitzender von Greenland Resources. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben Abnahmevereinbarungen mit sechs führenden Stahl- und Chemieunternehmen Europas geschlossen und diverse Finanzierungszusagen erhalten.

Grönland setzt darauf, mit der Entwicklung seiner Bergbauindustrie Arbeitsplätze zu schaffen, Aufträge für lokale Unternehmen zu gewinnen und die eigenen Steuer­einnahmen zu verbessern. Für die EU ist Grönland ein gleichgesinnter Partner – ein zentrales Kriterium für Kooperationen in Zeiten geopolitischer Spannungen und protektionistischer Tendenzen.

 

Schlüsselstaat in Zentralasien

Kasachstan ist für die EU ein geostrategisch wichtiger Rohstoffpartner. Auch bei Fragen des nachhaltigen Bergbaus könnte die Partnerschaft Früchte tragen.

Von Aliya Mussina

Bei der Förderung von kritischen Rohstoffen besitzt die Ex-Sowjetrepublik enormes Potenzial. Laut der US Geological Survey befinden sich auf dem Gebiet des größten Binnenstaats der Welt allein 160 Vorkommen an Seltenen Erden. Derzeit kann das Land bereits mehr als die Hälfte der von der EU benötigten kritischen Rohstoffe liefern, darunter Kobalt, Nickel und Lithium. Künftig wäre es auch bei weiteren möglich.

Vor diesem Hintergrund vereinbarten die EU und Kasachstan im November 2022 eine neue strategische Partnerschaft. Analog zum deutsch-kasachischen Rohstoffabkommen von 2012 soll damit eine sichere und nachhaltige Versorgung mit Rohstoffen auf EU-Ebene gewährleistet werden. Im Fokus stehen die Stärkung der Resilienz von Lieferketten, die Entwicklung und Integration von Wertschöpfungsketten, die Unterstützung der Kreislaufwirtschaft sowie Forschung und Innovation, etwa bei Fragen der geologischen Digitalisierung.

Kasachstan könnte insbesondere von einer engen Zusammenarbeit im Bereich der nachhaltigen Entwicklung profitieren. Das Land ist von erheblichen negativen Umweltauswirkungen des Bergbaus betroffen. Die Weiterentwicklung eigener Forschung mithilfe von Technologietransfers aus Europa und die Angleichung an europäische Umwelt- und Sozialstandards stehen daher im Vordergrund.

Dank seiner geografischen Lage profitiert Kasachstan außerdem von der wachsenden Bedeutung alternativer Transportrouten infolge der verhängten Sanktionen gegen Russland, wie dem „Mittleren Korridor“, der von Asien über das Kaspische und Schwarze Meer nach Europa führt und Russland umgeht. Dieser geopolitische Umstand könnte dem zentralasiatischen Land dabei helfen, Wertschöpfungsketten vor Ort zu schaffen und somit das wirtschaftliche Wachstum sowie die industrielle Entwicklung voranzutreiben.


Forschen und fördern 

Veraltete geologische Daten könnten die Suche nach weiteren Vorkommen jedoch erschweren. Eine zusätzliche Herausforderung für beide Seiten sind ökologische und soziale Bedenken im Zusammenhang mit der Förderung und dem Transport von Rohstoffen. Diese könnten künftig zu Spannungen hinsichtlich der Einhaltung von Umweltstandards und Arbeitsrechten führen. Gemeinsame Forschungsprojekte, die auf eine nachhaltige Rohstoffgewinnung abzielen, sind daher besonders wichtig. Mehr Aufmerksamkeit sollte Innovationen wie dem Einsatz von additiven Fertigungsverfahren im Bergbau gelten. 

Der 2023 vom EU-Parlament verabschiedete Critical Raw Materials Act (CRMA) ermöglicht eine intensivere Zusammenarbeit mit Kasachstan. Laut CRMA dürfen Drittstaaten zwar nicht mehr als 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs liefern. Allerdings sollen Länder bevorzugt werden, mit denen die EU Rohstoffpartnerschaften pflegt. Für deutsche Unternehmen bieten die Garantien für ungebundene Finanzkredite (UFK-Garantien) der Bundesregierung zusätzliche Sicherheiten. 

Erste Erfolge konnten bereits verbucht werden. Unter Beteiligung der EU-Kommission unterzeichneten das kasachische Bergbauunternehmen Tau-Ken Samruk und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung im vergangenen Jahr eine Absichtserklärung für die weitere Umsetzung der Rohstoffpartnerschaft. Und auch bilateral stehen die Zeichen auf mehr Kooperation.

Am Rande des Staatsbesuchs von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Kasachstan im Juni 2023 wurde eine Reihe von Rahmenabkommen zur gemeinsamen Erschließung, Produktion und Verarbeitung von Seltenen Erden unterzeichnet. Darüber hinaus haben die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und der kasachische geologische Dienst eine Zusammenarbeit bei den Themen Rohstoffwirtschaft und Rohstoffgeologie vereinbart. 

Die europäisch-kasachische Partnerschaft kann beiden Seiten dabei helfen, ihre digitalen und grünen Transformationen voranzutreiben. Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen der Europäischen Union mit Russland und China, beide direkte Nachbarn Kasachstans, erweist sich die Partnerschaft ebenfalls als wertvoll. Sie verringert offensichtliche strategische Abhängigkeiten.

Der langfristige Erfolg hängt jedoch von einer aus­gewogenen und nachhaltigen Herangehensweise ab, die die Interessen beider Seiten berücksichtigt. 

 

Fernduell mit China im Kongo 

Die EU will sich in Afrika als verlässlicher Rohstoffpartner etablieren – und Peking den Rang ablaufen. Kann Brüssel seine Versprechen halten?

Von Jonas Gerding

Mehr als zwei Drittel des für Akkus so wichtigen Kobalts werden in der Demokratischen Republik Kongo gefördert – und vor allem in China weiterverarbeitet. Mit Investitionen in Infrastruktur, lokale Weiterverarbeitung und Sozialstandards könnte Europas Rohstoffpartnerschaft dem etwas entgegensetzen. 

Die DR Kongo und Sambia teilen sich eine Gesteinsformation, die häufig als „geologischer Skandal“ bezeichnet wird: den afrikanischen Kupfergürtel. Neben Kupfer enthält er die weltweit größten Kobaltvorkommen – ein Rohstoff, den es für Lithium-Ionen-Batterien braucht, die in Speicherlösungen der Energiewende verbaut sind. Im Jahr 2020 stemmte der Kongo 69 Prozent der Weltproduktion. 

Ende Oktober 2023 unterzeichnete die EU mit beiden Ländern eine Rohstoffpartnerschaft. Ein Vertrag, von dem „alle Seiten profitieren“ sollen. Präsentiert wird die Partnerschaft im Rahmen der EU-Initiative Global Gateway, die ein „positives Angebot“ machen soll, „um die globale Investitionsungleichheit zu mindern“. 

Es ist klar, wem hier etwas entgegengesetzt werden soll: China, das sich zuletzt die Lieferketten kritischer Rohstoffe erschlossen und Europa in eine heikle Abhängigkeit geführt hat.

Im Jahr 2008 unterzeichneten die DR Kongo und China den sogenannten „Vertrag des Jahrhunderts“: Ein Joint Venture soll eine Mine ausheben, die jährlich 400 000 Tonnen an Kupfer und Kobalt für den Export nach Fernost produziert. Im Gegenzug hat sich China dazu verpflichtet, Straßen, Eisenbahntrassen und Krankenhäuser im Wert von drei Milliarden US-Dollar zu bauen. 

Bis heute wurde davon wenig umgesetzt. Zwar wurde der Minenvertrag Anfang des Jahres nachverhandelt, wie es Kongos Präsident Félix Tshisekedi gefordert hatte. Es bleibt jedoch fraglich, ob China seine Versprechen hält.
 

Infrastruktur als Game Changer 

Mit der Rohstoffpartnerschaft läuft Europa daher offene Türen in den Ländern ein. Auf den Schreibtischen der Ministerien liegen bereits Projekte, die auf eine Umsetzung warten. 

Am Tage der Partnerschaftsverkündung verwiesen die Parteien auf eine gemeinsame Absichtserklärung zum Ausbau des Lobito-Korridors. Von der gleichnamigen Hafenstadt in Angola aus soll eine Eisenbahnlinie die Minenstädte entlang des Kupfergürtels verbinden. 

Als „Game Changer“ bezeichnet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Infrastrukturprojekt, das den Export der Rohstoffe über die afrikanische Westküste ermöglicht. Bisher transportieren LKWs Kupfer und Kobalt zu Häfen nach Ost- und Südafrika, von wo aus es nach Asien verschifft wird. 

Noch gibt es dafür kaum Abnehmer in Europa. 76 Prozent des weltweit geförderten Kobalts werden in China weiterverarbeitet – dort, wo CATL, BYD und andere Hersteller von Batterien sitzen. 

Die Rohstoffpartnerschaft will deshalb auch Innovation und Forschung entlang der Wertschöpfungskette vor Ort stärken und ist damit anknüpfungsfähig an ein weiteres Kooperationsvorhaben zwischen dem Kongo und Sambia: den Bau einer ­Pilotfabrik für Batterievorprodukte. Ob sich das rechnet, müssen Machbarkeitsstudien klären. Zweifel sind angebracht angesichts mangelnder Stromversorgung, fehlender Expertise und der Entfernung zur Batteriezellfertigung. 
 

Komplizierter Kleinbergbau

Zudem ist fraglich, ob sich Europa auf so risikoreiche Lieferketten einlassen möchte. Arbeitsunfälle sind gängig im informellen Kleinbergbau, der etwa 10 bis 20 Prozent der Kobaltproduktion im Kongo ausmacht. Im Umfeld mancher Stollen arbeiten Kinder. Bisher ließ sich auf ein verzweigtes Netz aus Zulieferern in Asien verweisen, das verantwortlich sei. 

Bei der Rohstoffpartnerschaft ist von der „Stärkung der Unternehmensführung, der Sorgfaltspflichten und Rückverfolgbarkeit“ die Rede. Der Kongo hat Reformbereitschaft signalisiert und das Staatsunternehmen EGC geschaffen, das für Standards in den Minen sorgen und den Aufkauf zentralisieren soll. Starthilfe könnte es gut gebrauchen. Um erfolgreich zu sein, müssten die Profiteure des Kleinbergbaus jedoch bereit sein, auf Gewinne zu verzichten. 

Es sind vor allem Chinesen, die heute als Zwischenhändler der Erze auftreten. Sollten sie aus dem Markt gedrängt werden, dann würde Europa auch hier dem unausgesprochenen Ziel der Partnerschaft ein Stück näher kommen: weniger ­Ab­hängigkeit von China. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2024, S. 31-39


 

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Mehr von den Autoren

Barbara Barkhausen ist Journalistin sowie Fernseh- und Radioproduzentin. Sie arbeitet als Auslandskorrespondentin in Sydney und schreibt Bücher über Australien

Sophia Boddenberg ist freie Journalistin und berichtet für deutschsprachige Print- und Onlinemedien sowie für den Hörfunk aus Chile und anderen Ländern Lateinamerikas.

Gerd Braune arbeitet als Journalist in der kanadischen Hauptstadt Ottawa und schreibt seit vielen Jahren über die Arktis.

Aliya Mussina ist Senior Advisor für Kasachstan bei der Strategic Minds Company (SMC) in Berlin. Zuvor arbeitete sie im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Astana.

Jonas Gerding berichtet seit 2021 als Korrespondent des Weltreporter-Netzwerks aus Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. 

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