Buchkritik

03. Januar 2022

Arabische Welt: Absturz mit Ansage

Krisen in Europas Nachbarschaft: Vielen Ländern der Region droht weiteres Unheil.

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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Die Warnrufe in der arabischen Welt werden lauter. Im Libanon etwa, dem Land am Mittelmeer, auf das sich Europas Augen nur selten richten, zu klein und unbedeutend scheint es zu sein. Der Libanon leidet seit mehr als zwei Jahren an einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise, die der Weltbank zufolge zu den schlimmsten weltweit seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gehört. Drei Viertel der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze, die Mittelschicht erodiert. Als wäre das nicht schlimm genug, versinkt die korrupte politische Elite in Machtkämpfen und lähmt sich bis zur völligen Handlungsunfähigkeit. Der Libanon stehe kurz davor, ein gescheiterter Staat zu werden, warnen die Vereinten Nationen. Sehenden Auges und mit Ansage stürzt ein Land in den Abgrund.


In den anderen Teilen der Region ist die Lage nur unwesentlich oder scheinbar besser. Algerien, Libyen, Ägypten, Syrien, der Irak – eine Krise reiht sich an die andere. Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Dementsprechend alarmistisch klingen auch die beiden Bücher zu den Entwicklungen in der arabischen Welt. „Die Achse des Scheiterns“ nennt der FAZ-Nahost-Experte Rainer Hermann seinen Band. Der renommierte französische Soziologe Giles Kepel macht in der Region „Covid und Chaos“ aus. In ihrer Argumentation unterscheiden sich beide, am Ende kommen sie jedoch zu sehr ähnlichen Ergebnissen, die für die Zukunft Böses erahnen lassen.


Die arabischen Aufstände im Jahr 2011 hätten sich ihnen zufolge nicht als Aufbruch in Demokratie und Freiheit erwiesen, sondern als der Beginn von Erschütterungen, die noch lange nicht vorbei sind. „Die Missstände, die das Beben ausgelöst haben, sind nicht beseitigt worden, dafür sind neue hinzugekommen“, schreibt Hermann. „Es ist noch schlechter geworden, was bereits schlecht war.“ Der Ausblick für die Zukunft sei noch nie so düster gewesen wie heute. Ähnlich klingt es bei Kepel. „Der Mittelmeerraum und die angrenzenden Gebiete haben sich im Jahr 2020 zur explosivsten Region der Erde entwickelt“, mahnt er. Pandemie und Ölpreisverfall hätten „nie dagewesene Erschütterungen“ verursacht.


Hinzu kommt die Demografie. Von 1970 bis 2050 wird die Bevölkerung in den 22 Ländern der Arabischen Liga um das Fünffache wachsen, wie Hermann schreibt. Zugleich sei in keiner anderen Region der Anteil der Jugendlichen größer, nirgendwo sonst seien so viele von ihnen ohne Arbeit. An der Macht sieht Hermann Eliten, die das Scheitern nicht aufhielten, sondern beschleunigten. Das bedeute „chronisch schlechte Regierungsführung, endemische Korruption, das Fehlen guter öffentlicher Dienstleistungen für alle, ob im Bildungssystem oder im Gesundheitswesen. Es bedeutet, dass die meisten Menschen vom politischen Prozess ausgeschlossen sind und ihnen wirtschaftliche Chancen versperrt bleiben.“ Die Eliten setzten auf „Kumpel-Kapitalismus“, der kleine Schichten privilegiere und das Geld immer ungleicher verteile. Nepotismus ziehe sich wie ein „roter Faden“ durch die Region. Doch ein Neubeginn sei mit den alten Eliten unmöglich. Für Hermann ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Druck im Kessel mit einem Knall entweiche.


Als einen Kandidaten dafür sieht Hermann Ägypten, für ihn eines der arabischen Schlüsselländer. Die Lage am Nil scheint nur bei einem flüchtigen Blick stabil zu sein. Als einen Hauptgrund für die Probleme macht Hermann die Armee aus, die Ägyptens Politik und Wirtschaft de facto und mit harter Hand regiere. Angesichts der rasch steigenden Bevölkerungszahl brauche das ressourcenarme Land dringend stabiles Wachstum. Die Streitkräfte stülpten Ägypten aber ein Wirtschaftsmodell über, das Strukturreformen und die Schaffung von Arbeitsplätzen verhindere. Die Regierung von Abdel Fattah al-Sisi setze vor allem auf Großprojekte wie die Erweiterung des Suez-Kanals oder den Bau einer neuen Hauptstadt östlich von Kairo. Das Regime Sisi sei ein „Koloss auf tönernen Füßen“, warnt Herrmann auch mit Blick auf Europas Außenpolitik, die Ägypten gerne für einen „Anker der Stabilität“ hält.


Auch um das erdölreiche Saudi-Arabien sorgt sich Hermann, nicht zuletzt weil die meisten Erdölproduzenten den Zeitpunkt verpasst hätten, ihre Volkswirtschaften rechtzeitig zu diversifizieren. Im Königreich ist es völlig unklar, wie der bisherige Wohlstand bei einer wachsenden Bevölkerung künftig bewahrt werden soll. Die Öleinnahmen reichen dafür schon heute nicht mehr aus. Innenpolitisch hat das Land zudem unter dem mittlerweile allmächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman einen Wandel unbekannten Ausmaßes erlebt. „MBS“ habe eine über Jahrzehnte gewachsene Kon­struktion zerstört, die im Herrscherhaus der Al Saud den Konsens in den Vordergrund gestellt habe, schreibt Hermann. Dazu zählen Säuberungsaktionen und andere Menschenrechtsverstöße, etwa der brutale Mord am regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi. Sollte das Haus Saud zerbrechen oder der Umbau des Landes nicht rechtzeitig gelingen, könnte auch von Saudi-Arabien Gefahr ausgehen, prophezeit Hermann.


Religion und Säkularisierung

Giles Kepel arbeitet sich in seinem Buch vor allem am türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ab, bei dem er nicht nur neoimperiale Ansprüche erkennt, die er an Ankaras Militärinterventionen in Syrien und Libyen festmacht. Der Sozialwissenschaftler sieht in Erdoğan auch den Mentor des politischen Islam, weil er die islamistischen Muslimbrüder unterstütze, die palästinensische Hamas fördere und mit dem Emirat Katar paktiere. Allerdings verwendet Kepel den Begriff Islamismus ziemlich pauschal und macht sich nicht die Mühe, zwischen den unterschiedlichen Spielarten zu differenzieren. Generell überbetont er die Rolle der Religion. Hermann hingegen erkennt bei den jungen Menschen der Region einen „tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel“: „Ihre Lebenswelten säkularisieren sich, Tabus werden aufgebrochen, Frauen emanzipieren sich, eine neue Moral entsteht.“


Kepel macht in der Golfregion ein „Great Game“ aus, ein „riesiges Monopoly“, in dem sich zwei große Achsen gegenüberstehen: auf der einen Seite die Türkei und Katar, die sich mit dem schiitischen Iran verbündet hätten; auf der anderen Seite Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain – die Unterzeichner des Abraham-Abkommens, das sich in allererster Linie gegen den Iran richte, dessen Arm weit in die arabische Welt hineinreiche. Für Kepel hat sich mit dem Abraham-Abkommen das Blatt gegen Teheran gewendet: „Nachdem sich bisher Teheran in der Position des Schützen sah, der auf den jüdischen Staat zielte, sind seit dem Abkommen zwischen Israel und den Emiraten die Waffen von Israel und der arabischen Halbinsel aus auf den Iran gerichtet.“


Insgesamt fällt Kepels Analyse nicht nur hier zu schematisch aus. Die Partnerschaft der Türkei mit dem Iran ist längst nicht so unerschütterlich, wie es bei Kepel den Eindruck macht. Stattdessen nähert sich Erdoğan derzeit in der Hoffnung auf Milliardeninvestitionen den Emiraten an. Kepel verstrickt sich oft in Details, ohne dass die großen Linien sichtbar werden. Hermanns Analyse fällt wesentlich klarer aus. Bei ihm wird deutlich, wie sehr das Versagen der Eliten für die vielen Krisen verantwortlich ist.


Das humanitäre UN-Dilemma


Das gilt auch und gerade für Syrien, wo nach mehr als zehn Jahren Bürgerkrieg kein Ende des Konflikts in Sicht ist. Der deutsche Diplomat Carsten Wieland wirft in seinem Buch „Syria and the Neutrality Trap“ einen originellen wie kritischen Blick auf die humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen für das Land. Wieland kennt Syrien wie nur wenige Fachleute im Westen. Er hat über Jahre als Berater verschiedener UN-­Syrien-Gesandter gearbeitet und die Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition in Genf aus nächster Nähe miterlebt. Das hat ihm tiefe Einblicke in die Probleme der UN-Hilfslieferungen für Syrien gewährt. Er beschreibt ein Dilemma, dem die UN kaum entgehen können: Einerseits wollen sie der notleidenden Bevölkerung helfen, andererseits unterstützen sie so ein Regime, das sich schlimmster Menschenrechtsverletzungen am eigenen Volk schuldig gemacht hat.


Seit Längerem gilt international die Praxis, dass humanitäre Hilfe nur im Konsens mit der Regierung des betroffenen Landes geleistet wird, weil deren Souveränität quasi als unantastbar gilt. So auch in Syrien, wo ein Großteil der Lieferungen über Damaskus erfolgt. Und das mit allen Konsequenzen, schließlich haben die dortigen Machthaber ihre Bedingungen durchgesetzt. So müssen etwa regimetreue Kräfte für wichtige UN-Posten am Einsatzort angeheuert werden. Als Partner im Land kommen nur Hilfsorganisationen in Betracht, bei denen es sich in Wahrheit um den verlängerten Arm von Milizen handelt. Einkäufe von Gütern sind nur bei regimetreuen Anbietern gestattet. Gleichzeitig zweigen die Herrschenden einen nicht unerheblichen Teil der Lieferungen für sich selbst ab.


Der alte Grundsatz, dass humanitäre Hilfe nicht politisiert werden sollte, hat in Syrien schon lange seine Gültigkeit verloren. Die internationale Unterstützung trägt letztlich zur Stabilisierung des syrischen Regimes bei. Wenn wie im Falle Syriens die Regierung die humanitäre Hilfe für ihre Zwecke missbraucht und schwere Menschenrechtsverletzungen begeht, dann wird das gut gemeinte „Banner der Unparteilichkeit und Neutralität“, dem sich die Helfer verpflichtet sehen, zur „Farce“, schlussfolgert Wieland. Der Krieg und das Leiden der Menschen könnten so sogar verlängert werden.


Der Diplomat hat akribisch recherchiert, er argumentiert differenziert und schlüssig. Wieland schreibt zwar kritisch, aber mit Wohlwollen über die Arbeit der UN. Ihm ist bewusst, in welcher Zwickmühle diese steckt. Alternativen seien schwierig umzusetzen und enthielten große Risiken, räumt Wieland ein. Die Hilfe einzustellen hieße, Hunderttausende Notleidende im Stich zu lassen.


Trotzdem hält Wieland Veränderungen für dringend notwendig. So fordert er mehr Transparenz bei der Beschaffung von Gütern und der Auswahl lokaler Partner. Die UN sollten in Verhandlungen mit der Regierung entschiedener auftreten. Hilfsgüter sollten zusammengelegt und als „take-it-or-leave-it“ angeboten werden. Dabei solle auch die Option auf dem Tisch bleiben, sich vorübergehend oder ganz zurückzuziehen. Leider sei die Lernkurve der UN in der Vergangenheit flach gewesen.


Hydra des Dschihadismus

Europa kann und darf vor den Krisen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft nicht die Augen verschließen. Instabilität in der arabischen Welt und ihren Nachbarländern gibt auch Terrororganisationen wie dem Islamischen Staat oder Al-Kaida Auftrieb, die zwar geschwächt, aber noch lange nicht besiegt sind. Davor warnen nicht nur unisono Hermann und Kepel, sondern auch der Journalist und Wissenschaftler Asiem El Difraoui, der in seinem Buch „Die Hydra des Dschihadismus“ die Genese des Terrors im Namen des Islam nachzeichnet.


Mit der Expertise aus rund drei Jahrzehnten gelingt ihm diese Aufgabe kundig und souverän, wenn auch ohne große Überraschungen. Für El Difraoui ist der Dschihadismus eine Sekte, eine „verlogene Heilslehre“, die es kontinuierlich zu entlarven und zu widerlegen gelte. Dschihadisten missbrauchten den Koran als Steinbruch, um mit Versatzstücken daraus Mord und Terror zu rechtfertigen.


El Difraoui schaut auch auf Etappen, die in den vergangenen Jahren aus dem Blick geraten sind. So ist oft nicht mehr präsent, dass sich Bosnien während des Bürgerkriegs in den 1990er Jahren für die Dschihad-Bewegung zum Brückenkopf nach Europa entwickelte. Dutzende ehemalige Bosnien-Kämpfer gründeten später Zellen in Europa.


Heute sei die Hydra des Dschihadismus so sehr auf dem Globus verbreitet wie noch nie. Die Terrorgruppen seien längst nicht mehr in den einstigen Kernländern Syrien oder Irak am aktivsten, sondern in der Peripherie der arabischen Welt, vor allem in der Sahelzone, wo von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt „Emirate“ oder „Islamische Staaten“ entstehen und „die ganze Region in ein Chaos stürzen“, wie er schreibt.


El Difraouis Warnung ist eindeutig: „Wird die dschihadistische Gefahr nicht gebannt, könnten Millionen von Menschen zur Flucht vor Terror und Chaos gezwungen werden“. Viele von ihnen dürften versuchen, nach Europa zu kommen. Auch wenn die größeren Anschläge hierzulande länger zurückliegen, sollten sich die europäischen Länder nach Ansicht El Difraouis auf keinen Fall in Sicherheit wähnen: „Die Hydra des Dschihadismus kam jedes Mal, wenn sie angeblich besiegt war, in noch verheerenderer Form zurück.“


Jan Kuhlmann ist Regionalbüroleiter der Deutschen Presse-Agentur dpa für die arabische Welt und Israel mit Sitz in Beirut.


Rainer Hermann: Die Achse des Scheiterns. Wie sich die arabischen Staaten zugrunde richten. Stuttgart: Klett-­Cotta 2021. 304 Seiten, 18,00 Euro

Gilles Kepel: Chaos und Covid. Wie die Pandemie Nordafrika und den Nahen Osten verändert. München: Antje Kunstmann 2021. 360 Seiten, 26,00 Euro

Carsten Wieland: Syria and the Neutrality Trap: The Dilemmas of Delivering Humanitarian Aid to Violent Regimes. London: I.B. Tauris 2021. 200 Seiten, 82,15 Euro

Asiem El Difraoui: Die Hydra des Dschihadismus. Entstehung, Ausbreitung und Abwehr einer globalen Gefahr. Berlin: Suhrkamp 2021. 443 Seiten, 24,00 Euro


 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2022, S. 128-131

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