25. Juni 2018
Buchkritik

Die Macht der Narrative

Drei Neuerscheinungen zur Frage, was in der arabischen Welt schiefläuft

Falsche Weichenstellungen in der Vergangenheit, gemixt mit schlechter Regierung und verhängnisvollen Eingriffen von außen: Die Gründe für die verfahrene Lage im Nahen und Mittleren Osten sind vielfältig. Im Kampf um die Deutungshoheit wird jedoch vereinfacht und zugespitzt. Wer die Konflikte verstehen und lösen will, muss diese Lesarten dekonstruieren.

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Im Mai gab Syriens Staatschef Baschar al-Assad wieder eines seiner Interviews, die er seit einiger Zeit regelmäßig ausländischen Journalisten gewährt. Nach außen gewohnt selbstsicher, saß der Machthaber aus Damaskus diesmal einem Reporter des Putin-treuen russischen Senders RT gegenüber. Wie so oft in der Vergangenheit hatte Assad wenig Mühe, sein Narrativ zu verbreiten, zu dessen Kern gehört: Der blutige Bürgerkrieg in Syrien ist das Werk einer ausländischen Verschwörung, an deren Spitze die USA stehen. Auch in Deutschland ist eine derartige Sichtweise populär geworden, das zeigen die Verkaufszahlen der Bücher des Publizisten Michael Lüders, der mit dem Finger – durchaus zu Recht – auf jahrzehntelange Verfehlungen amerikanischer Nahost-Politik zeigt, dabei aber gegenüber dem grausamen Werk des syrischen Regimes weitestgehend blind bleibt.

William Harris, Politikprofessor aus Neuseeland, schaut aus der exakten Gegenperspektive auf die Krisen in Syrien und im Irak. In seinem knapp 230 Seiten dicken Buch „Quicksilver War“ sieht er die beiden Länder als miteinander verbundene Kriegszone, in der sich die beiden Konflikte gegenseitig befeuern und so nicht nur einer Regionalisierung und Internationalisierung, sondern auch dem so genannten Kalifat der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit all seinen Gräueltaten den Weg bereiteten.

Als „Impressario des Feuersturms“ bezeichnet Harris Baschar al-Assad, der für den Politikprofessor die wesentliche Verantwortung dafür trägt, dass sich Straßenproteste für Reformen und mehr Freiheit in einen Bürgerkrieg verwandelten. Schließlich waren es Assads Sicherheitskräfte, die gegen die Demonstranten – sogar gegen Kinder – mit rücksichtsloser Gewalt vorgingen.

Im Laufe des Konflikts ließ das Regime reihenweise Dschihadisten aus den berüchtigten syrischen Gefängnissen frei, um das Narrativ zu untermauern, bei den Assad-Gegnern handele es sich um islamistische Terroristen, denen Damaskus nun die Stirn biete. Assad inszenierte sich erfolgreich als Schutzherr des Säkularismus; dabei war es sein Regime, das entscheidend zur Konfessionalisierung des Konflikts beitrug, indem es etwa schiitische Milizen aus dem Irak zur Unterstützung ins Land ließ.

In dieser Gemengelage gelang es dem IS, in einer Art Ping-Pong-Bewegung so stark zu werden, dass er ein umfangreiches Territorium einnehmen konnte. Die Terrormiliz stammt aus dem Irak, fand aber im Osten Syriens aufgrund des Bürgerkriegs die geografische Tiefe, um ungehindert wachsen zu können. Im Sommer 2014 überrannte sie schließlich überfallartig große Teile des Irak. Assads Regime, so Harris, sei sogar ein Bündnis mit den „apokalyptischen Dschihadisten“ eingegangen. Den IS in dieser Form hätte es ohne Assads „militärischen Feuersturm“ nie gegeben.

Harris schärft in seiner prägnanten Analyse den Blick dafür, dass die Krise des eines Landes ohne Lösung des Konflikts im anderen kein Ende finden wird. Das Buch lässt sich auch als Warnung an alle diejenigen verstehen, die angesichts der militärischen Erfolge der regierungstreuen syrischen Truppen meinen, mit Assad dauerhafte Stabilität erreichen zu können. Schließlich habe das Regime der Baath-Partei in Syrien einen „paranoiden mafiösen Sicherheitsapparat“ geschaffen, von dem keine Besserung zu erwarten sei. Sollte es beispielsweise eine von Russland und dem Iran diktierte Abmachung geben, werde Assad einfach weitermachen wie bisher.

Allzu einfach macht es sich Harris mit den fatalen Folgen der britischen und französischen Kolonialpolitik nach dem Ersten Weltkrieg, wenn er behauptet, von den dort geschaffenen „künstlichen“ Grenzen sei zu viel Aufhebens gemacht worden. Andererseits hat er recht, wenn er schreibt, dass für die schlechte Regierung arabischer Autokraten in den späteren Jahrzehnten nicht allein Europa verantwortlich gemacht werden könne.

Düstere Prognose

Dieser Ansicht dürfte auch Rainer Hermann zustimmen, dem es in seinem Buch „Arabisches Beben“ darum geht, die Komplexität der verfahrenen Lage in der Region darzustellen, was ihm erfolgreich gelingt. Der FAZ-Redakteur und langjährige Korrespondent der Zeitung im Nahen Osten nimmt dabei die Mittelposition zwischen Lüders und Harris ein. Er spricht weder die USA und Europa von ihren Verfehlungen frei, legt aber auch das Versagen der lokalen Eliten dar, die Fehlentwicklungen unter den Kolonialherren nicht korrigiert, sondern verstärkt hätten.

Hermanns Prognose fällt düster aus. Er sieht die Region am Beginn einer Zeitwende zu weiteren, lang anhaltenden Konflikten. Einen besonderen Schwerpunkt legt er auf die regionalen Dynamiken, die sich gegenseitig befeuern. Über allem schwebe der „große Konflikt“ zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, der Auswirkungen auf Syrien, den Irak, den Jemen und Bahrain hat. „Die Schutzmächte lösen keine Probleme, sie gießen Öl ins Feuer“, schreibt Hermann.

Zudem zerrieben sich die sunnitischen Länder wie im Katar-Konflikt selbst. Gleichzeitig gefährde der dschihadistische Salafismus die arabischen Länder. Und schlussendlich laste der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern „wie ein Damoklesschwert“ über der Region. Hermanns Warnung lautet: „Eine regionale Ordnung kann nur dann geschaffen und stabil gehalten werden, wenn alle vier (Konflikte) gelöst werden.“

Große Hoffnung, dass das gelingen könnte, lässt sich aus seinem Buch nicht herauslesen. Das liegt vor allem an den unversöhnlichen Positionen Saudi-Arabiens und des Iran. Letztlich gehe es darum, „ob im arabischen Osten und auf der Arabischen Halbinsel eine ‚Pax Saudica‘ herrscht oder aber eine ‚Pax Iranica‘.“ Indem die regionalen Akteure die Konflikte konfessionalistisch aufheizten, rücke ein Kompromiss in weite Ferne.

Hermann sieht in Saudi-Arabien die letzte Ordnungsmacht in der Region und damit Riad als Teil der Lösung. Das lässt sich nicht bestreiten – doch auch ohne Einbindung des Iran dürften die Konflikte kein Ende finden. US-Präsident Donald Trump hat sich einseitig auf die Seite der Saudis geschlagen – das verheißt wenig Gutes für die Zukunft der Region.

Bei der Bewertung der Ursachen für den Aufstieg des IS liegen Harris und Hermann auf einer Linie: Die Terrormiliz sei das „Krebsgeschwür“, aber nicht die Krankheit selbst, schreibt der FAZ-Redakteur: „Die eigentliche Krankheit liegt tiefer: im Versagen der arabischen Moderne. Ausgelöst wird das Krebsgeschwür durch die autoritären Diktaturen.“

Vor diesem Hintergrund erscheine gerade die Entwicklung in Ägypten besorgniserregend. Die demografische Zeitbombe ticke, die ungezügelte Urbanisierung treibe die Städte in den Kollaps, warnt Hermann – was jeder erleben kann, der in diesen Tagen Kairo besucht. Unter Führung des früheren Generals Abdel Fattah as-Sisi und des Militärs habe sich über Ägypten eine „bleierne Ruhe“ gelegt, doch tatsächlich regierten „Staatsterror und Repression“. Menschenrechtler schätzen die Zahl der politischen Gefangenen auf 60 000. Das stellt selbst die autoritäre Herrschaft Hosni Mubaraks in den Schatten.

Zugleich haben die Regime in der Region die Probleme, die die Menschen 2011 zu Protesten trieben, nicht einmal ansatzweise gelöst. Der nächste große Knall dürfte nur eine Frage der Zeit sein, so Hermann. Vorboten könnten die Demonstrationen gegen die schlechte wirtschaftliche Lage sein, die zuletzt die Menschen in mehreren arabischen Ländern auf die Straße brachten.

In seiner schlüssigen und präzisen Analyse sieht Hermann im Westfälischen Frieden ein mögliches Vorbild für die Konfliktlösung im Nahen Osten. Als Denkmodell ist dieser Ansatz interessant, doch er birgt Gefahren. Etwa die, dass sich Europa als Modell für den Nahen Osten aufschwingt und seinen eigenen Weg, der über die Aufklärung in die Moderne führte, als den einzig wahren für die Nachbarregion sieht. Dieses Narrativ schwingt bei Hermann mit, wenn er schreibt, dass die arabische Welt heute mehrere historische Prozesse nachhole, die Europa nacheinander erschüttert hätten.

Wider die „Ideologie des Westens“

Es sind Narrative wie dieses, an denen sich der Islamwissenschaftler, Übersetzer und Autor Stefan Weidner in seinem Buch „Jenseits des Westens“ abarbeitet. Er hält Europa und den USA in einem stark philosophisch geprägten Essay radikal den Spiegel vor. Ausgangspunkt sind Francis Fukuyamas Theorie vom „Ende der Geschichte“ und Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“. In ihnen sieht Weidner Ausformulierungen der „Ideologie des Westens“, in der sich die kapitalistischen liberalen Demokratien zum Maß aller Dinge erklärten, dem sich der Rest der Welt anschließe. Das führe etwa dazu, dass in kolonialistischer Tradition eine „Dialektik von Herr und Knecht“ auf den Islam und die Muslime projiziert werde.

Banal gesagt laute die Ansage an die Muslime: Ihr seid nur dann gut, wenn ihr so werdet wie wir. Der Westen nehme für sich eine hegemoniale Diskursmacht in Anspruch: „Die Verwestlichung ist selten bis nie eine Frage der Wahl (…) In der realen Welt lautet der Spruch: Westernize or perish!“ Diese Überheblichkeit spiegelt sich laut Weidner in der Behauptung wider, der Islam habe „noch“ keine Aufklärung erlebt.

Der Autor hält die „Ideologie des Westens“ angesichts der Weltlage für „apokalyptisch“ und will sie abwickeln. Dabei geht es ihm nicht darum, die „Errungenschaften“ oder „Werte“ der Aufklärung abzuschaffen, sondern die „selbstgefällige Annahme“ zu überwinden, diese gehörten dem Westen wie ein Eigentum. Er will heraussuchen, was „nützlich und zukunftsfähig scheint“, und das „entsorgen, was offensichtlich problematisch geworden ist“. Sein Buch ist ein dringender Appell, den Blick „jenseits des Westens“ zu richten und einen neuen Kosmopolitismus zu schaffen, der „‚Kulturen‘ osmotischer, durchlässiger, weniger abgegrenzt“ definiere und sich von Huntingtons „latenter Aggressivität“ unterscheide.

Weidner will das denken, „was im Westen ungedacht geblieben ist“, das eigene Narrativ aufreißen, Wahrheitsansprüchen und Wahrheitszwängen entkommen, und zwar im „Bewusstsein von der Relativität, Beschränktheit und geschichtlichen Konstruiertheit jedes Narrativs“. Sein Ziel ist „Freiheit von diesen Einrahmungen“. Als Ansatzpunkt sieht er Gan­dhis Askese, die für ihn den Verzicht darauf bedeutet, „den Besitz absoluter Wahrheit für sich zu beanspruchen“.

Weidners Essay liest sich wie eine lange Diskussion mit sich selbst. Er zitiert, argumentiert, räsoniert, schweift ab, kommt aber immer wieder zum Kern zurück. Am Ende steht kein fertiges Denkmodell, aber ein aufwühlendes und inspirierendes Buch, eine Pflichtlektüre für jeden, der sich tiefergehend mit den Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest der Welt, insbesondere der muslimischen, auseinandersetzen möchte.

Im Internetzeitalter manifestieren sich die Konflikte im Nahen Osten auch in einem in dieser Weise bisher nie gekannten „Kampf der Narrative“, die in einer solchen Fülle verbreitet werden, dass sich Wahrheit und Lüge kaum noch voneinander unterscheiden lassen. Diese Narrative zu entschlüsseln und letztlich zu dekonstruieren, ist entscheidend nicht nur, um die Krisen zu verstehen, sondern auch, um sie langfristig zu lösen.

Jan Kuhlmann ist Regionalbüroleiter der dpa für die Arabische Welt und Israel mit Sitz in Istanbul.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli-August 2018, S. 134 - 137

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