Internationale Presse

01. Januar 2020

Als wär’s ein Beckett-Stück

Kein anderes Land beobachtet die Irrungen und Wirrungen des Brexit so minutiös und besorgt wie Irland – einschließlich der Briten selbst. Entgeisterung und Kopfschütteln prägen die Berichterstattung und die Kommentare auf der Nachbarinsel. Die Iren kennen die Briten gut; ihre Betrachtung des Brexit zeigt, wie sehr das irische Selbstverständnis inzwischen vom britischen abweicht.

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„Der Brexit ist ein konstitutionelles Erdbeben für die britische Union. Er ist eine beispiellose Darbietung des englischen Nationalismus; die delikaten Fundamente dieser Union unter Ungleichen sind erschüttert.“ So kommentierte die irische Sonntagszeitung Sunday Business Post Ende November in einem Leitartikel. Bedeutungsvoll ist dabei die Unterscheidung zwischen „englisch“ und „britisch“.

Die ren sind diesbezüglich weit präziser als andere.

Der Prozess der Ablösung des Vereinigten Königreichs von der Europäischen Union hat die tektonischen Platten der Inseln im Nordatlantik in Bewegung versetzt. Erstmals bilden Meinungsumfragen in Schottland konsistent eine Mehrheit für die Unabhängigkeit Schottlands ab. Das schwappt auf Irland über, weshalb der zitierte Leitartikel zum Schluss kommt: „Diese konstitutionelle Unschärfe rückt das Ideal der Wiedervereinigung Irlands in Griffweite, näher als jemals zuvor seit der Teilung.“

Am 11. November 1920 – zwei Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs – hatte das britische Unterhaus die Teilung der Insel Irland gesetzlich verabschiedet, damals noch in dem irrigen Glauben, dass beide Teile im Verbund des Vereinigten Königreichs verbleiben würden.

Es ist ein reiner Zufall, gewiss: Die kritischen Phasen des Brexit fallen zeitlich zusammen mit einer Fülle von Hundertjahrfeiern auf diesen Inseln. Das Brexit-Referendum fand 100 Jahre nach der gescheiterten irischen Osterrebellion gegen die britische Herrschaft statt, der reale Austritt der Briten aus Binnenmarkt und Zollunion fällt mit dem Jubiläum der letzten großen Umwälzung von Grenzen und Identitäten zusammen: der Herauslösung von 26 irischen Grafschaften aus dem Empire, zuerst als Freistaat, dann als Republik. Diese historischen Perspektiven nähren irische Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten.


Souveränität à la Trump

In einer Gastkolumne für die Irish Times legte der ehemalige Diplomat Bobby McDonagh (er vertrat Irland in London, Brüssel und Rom) den Finger auf den wunden Punkt: ein gänzlich unterschiedliches Verständnis von Souveränität. Den Briten unterstellt er in ihren Verhandlungen mit der EU ein museales, statisches Verständnis von Souveränität. Dabei – und das wäre die irische Sicht – handle es sich doch um ein Gut, das „mit Stolz und Zuversicht“ zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger eingesetzt werden solle. Die britische Auffassung von Souveränität sei letztlich unvereinbar mit jeglichen bi- oder gar multilateralen Vereinbarungen. „Ein faires Brexit-Abkommen abzulehnen, stellte nicht etwa nationale Kontrolle unter Beweis, sondern vielmehr nationale Impotenz“, schrieb McDonagh. Er verspottet einen „illusorischen Begriff von absoluter Autonomie“ und stellt fest: „Das neue, enge britische Verständnis von Souveränität gehört in eine verschwindende Trump-Welt.“

Das Gefühl, eine Endzeit auf der Nachbarinsel zu beobachten, durchdringt oftmals auch die gescheiten Analysen und Kommentare des wohl einflussreichsten irischen Brexit-Kommentators, Fintan O’Toole von der Irish Times. Mitte November, kurz nachdem Dominic Cummings abgetreten war, der mächtige Berater des britischen Premierministers Boris Johnson, beklagte O’Toole verpasste Chancen zur Umkehr. Er erinnerte an die Reue Kreons in der Tragödie „Antigone“ – eine Reue, die allzu spät kam. Andere erinnert der Brexit derweil an die absurden Dramen eines Samuel Beckett.

Cummings war einst die Speerspitze der Brexit-Kampagne gewesen und hatte viele seiner Mitstreiter in der „Vote Leave“-Kampagne von 2016 mit in die Regierungszentrale gebracht. Darauf bezog sich O’Toole: „Der Sturz des Vote-Leave-Regimes in London hätte die Morgenröte eines neuen Realismus bringen können. Stattdessen handelt es sich bloß um das Zwielicht eines Kultes, um die schäbigen Reste einer eigenartigen Verblendung, die bereits irreparablen Schaden angerichtet hat.“ O’Toole erinnert daran, dass der erwünschte Brexit immer radikalere Züge angenommen hatte; die Steigerung lief von David Cameron über Theresa May bis zum hybriden Duo Johnson/Cummings. „Cummings“, schrieb O’Toole, „vertrat einen extremistischen Brexit, nicht so sehr als Selbstzweck, sondern als eine zersetzende, Unruhe stiftende Kraft, die einen Totalumbau des Staatswesens auszulösen vermöchte“.

O’Toole schließt den historischen Bogen mit Anspielungen auf Robespierre: „So funktionieren Revolutionen: Sie gebären eine Abfolge von immer radikaleren Juntas, jede einer reineren Form des ideologischen Glaubens verschrieben, jede beschuldigt ihre Vorgänger der Feigheit und/oder des Verrats.“

Wenn O’Toole den Virtuosen im Orchester der irischen Berichterstattung spielt, dann besetzte Tony Connelly den Basso continuo. Der Brüsseler Korrespondent des irischen Rundfunks RTÉ war und ist eine konstante Präsenz in allen Phasen des Brexit, die Hauptnachrichten des irischen Fernsehens kaum denkbar ohne eine Schaltung zu ihm. Connellys Kontakte in Brüssel und Dublin machen ihn zu einem der bestinformierten Journalisten Europas, so dass er regelmäßig auch in der BBC auftritt und in anderen britischen Medien zitiert wird.

Zusätzlich zu seiner aktuellen Berichterstattung stellt Connelly nahezu jedes Wochenende akribisch und breit recherchierte Nachforschungen über die technischen Einzelheiten diverser Aspekte des Brexit ins Online-Portal von RTÉ. Dort erlaubt er sich gelegentlich Einschätzungen und Spott. So zitiert er Anfang Dezember aus der damals nahezu ein Jahr alten Neujahrsansprache Johnsons: „Dieses ofenfertige Abkommen, das ich im Wahlkampf so oft erwähnt hatte, hat seine Plastikfolie schon durchstochen und ist nun in der Mikrowelle.“ Trocken kommentiert der Korrespondent: „Der Brexit lebte stets von griffigen Worthülsen und kämpfte mit den Einzelheiten; jetzt geht es nur noch um die Einzelheiten.“ Sanft kritisiert Connelly so die geringe Dossier-Festigkeit des britischen Regierungschefs.


Abhängig von Importen

Als das Vereinigte Königreich und die Republik Irland 1973 endlich Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft werden durften, flossen nahezu zwei Drittel der irischen Exporte zum britischen Nachbarn. Irlands Wirtschaft war damals noch stark landwirtschaftlich geprägt. Inzwischen ist die Exportabhängigkeit Irlands von Großbritannien im Güterhandel auf rund 11 Prozent gesunken, Irland ist zum Hauptquartier digitaler multinationaler Konzerne geworden. Bei den irischen Importen bleibt die Abhängigkeit mit etwa 22 Prozent höher, nicht zuletzt aufgrund der Präsenz zahlreicher britischer Supermarktketten in Irland. Deshalb stammt rund die Hälfte aller irischen Nahrungsmittelimporte von der Nachbarinsel, namentlich verarbeitete Markenprodukte. Die enge Vernetzung wirft logistische Probleme auf.

Irische Regierungsvertreter und Amtsstellen betonen seit Monaten, dass der Austritt der Briten aus dem europäischen Binnenmarkt und der Zollunion ungeachtet künftiger Handelsvereinbarungen zu radikalen Veränderungen und Komplikationen an den Grenzen und in den Häfen führen werde. Die Medien stimmen zu. So schrieb der Wirtschaftschef der Irish Times, Cliff Taylor, Anfang Dezember unter Bezug auf einstige Versprechungen von Premierministerin Theresa May: „Die Hoffnung auf ‚reibungslosen Handel‘ ist längst verflogen.“

Neben dem direkten Handelsaustausch sorgen sich die Iren um die Transitwege für irische Güter durch England hindurch. Obwohl es sich um eine Insel handelt, spricht man von der Landbrücke für Lkws, die zuerst über die Irische See, dann auf der Straße durch England und schließlich über den Ärmelkanal zu europäischen Kunden fahren. Laut Taylor handelt es sich um 150 000 irische Laster pro Jahr, die nun riskieren, zwei Mal im bürokratischen Stau vor den Fährhäfen lahmgelegt zu werden. Gewiss, es gibt Seewege, die Großbritannien umschiffen – so eine neue Route von Rosslare im irischen Südosten direkt nach Dünkirchen –, aber die Kapazitäten dieser Alternative sind noch beschränkt, für gewisse verderbliche Güter wäre der Umweg allzu zeitraubend. Taylor schließt aus dieser Analyse, dass sich „unsere Wirtschaftsbeziehungen zu unserem nächsten Nachbarn fundamental ändern werden“ – unter jedem Szenario.


Geschickte Diplomatie

Nicht alles am Brexit ist negativ für Irland. Die Solidarität der EU während des gesamten, unendlichen Brexit-Prozesses hat die Stellung Irlands innerhalb Europas unzweifelhaft gestärkt, nicht zuletzt dank der geschickten Diplomatie und Kontaktpflege von Außenminister Simon Coveney und seiner Botschafterinnen. Groß-Banken, -Versicherungen und -Anwaltsbüros haben ihre Präsenz in Dublin ausgebaut.

Besondere Freude löste in Irland die Wahl von Joe Biden aus. Biden ist stolz auf seine irischen Vorfahren aus den Grafschaften Mayo im Westen und Louth im Osten. Zusammen mit der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, mischte sich Biden warnend in die Brexit-Verhandlungen ein: Sollte das nordirische Friedensabkommen vom Karfreitag 1998 durch die Briten unterspült werden, gäbe es gewiss keinen amerikanisch-britischen Freihandelsvertrag.

Dublin wird bei einer Biden- Regierung offene Türen vorfinden; der Kontrast zu Donald Trump könnte größer kaum sein. Der ehemalige irische Premierminister Bertie Ahern kommentierte in der Sunday Business Post: „Biden versteht Irland. Er versteht das Karfreitagsabkommen, er versteht die Bedeutung des Brexit und er ist ein guter Manager. Das ist alles ideal für uns.“ Fintan O’Toole stimmte in der Irish Times zu: „Die Ankunft der Biden-Präsidentschaft lässt jene Blase platzen, die bisher den Raum einnahm, wo das Hirn der Brexiteers sein sollte: die Anglosphäre.“ O’Toole meint damit den postkolonialen Traum gewisser prominenter Brexit-Befürworter, die europäische Bindung durch eine Kombination mit den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und möglicherweise sogar Irland zu ersetzen. Spötter sprechen von „Empire 2.0“.

Allein, die Abgrenzung von den Briten stößt in Irland auch auf Kritik. Kathy Sheridan fragt sich in der Irish Times, ob die antibritische Häme möglicherweise zu weit gehe? Die gelegentliche Ranküne steht tatsächlich im Widerspruch zum neuen Selbstverständnis der Iren als progressive, entspannte Europäer, die ihre klerikalen Altlasten entsorgt haben und in Sachen Homosexuellen-Ehe und Abtreibungsgesetzgebung heute fortschrittlicher sind als viele andere.


Mentale Abnabelung

Der erwähnte Zuammenfall der Jahrhundertjubliäen der irischen Staatsgründung mit der Brexit-Akrobatik begünstigt die Wiederbelebung alter Feindseligkeiten und befördert eine gewisse Heuchelei. Britische Übergriffe während des Unabhängigkeitskriegs (1919–1921) werden zu Massakern, irische Repressalien als heldenhaft stilisiert.

Am schärfsten warnte davor der kontroverse Veteran des irischen Journalismus, Eoghan Harris, im Sunday Independent, dem auflagenstärksten irischen Sonntagsblatt: „In meinem doch eher langen Leben habe ich nie eine derartige Anglophobie erlebt, aber ich weiß: Das wird ein übles Ende nehmen.“ Harris erklärt blumig: „Die düstere Vorahnung kommt vom Strom antibritischer Fäkalien, die unter dem Deckmantel des Brexit täglich durch die Leitmedien und die sozialen Medien spülen.“ Das scheint etwas übertrieben, aber die anglo-irische Harmonie, die mit dem historischen Besuch der Queen in Irland 2011 ihren Zenith erreichte, ist dieser Tage nur noch eine ferne Erinnerung.

Die Republik Irland und die irische Gesellschaft erschienen in den viereinhalb Jahren seit dem Brexit-Referendum oftmals wie unschuldige, ahnungslose Fußgänger, die von einem vorbeifahrenden Lastwagen pudelnass gespritzt werden. Trotz aller Befürchtungen, die unverändert vorhanden sind, blickt Irland zuversichtlich in die Zukunft nach dem Brexit. Die Nahrungs- und Genussmittelbranche, die für die Beschäftigung und die Wertschöpfung besonders wichtig ist, verfügt über derart globale Märkte für hochwertige Produkte, dass ein schrumpfender oder hindernisreicher britischer Markt wohl nur vorübergehend Rückschläge bringt.

Für das irische Selbstverständnis und die irische Identität hat der Brexit Prozesse beschleunigt, die ohnehin schon im Gange waren. Die mentale Abnabelung vom britischen Nachbarn als Bezugspunkt für Alles und Jedes war ohnehin schon fortgeschritten. Neu ist allerdings die zitierte Perspektive auf die irische Wiedervereinigung. Hier hat sich der mögliche Zeithorizont dramatisch verkürzt; erstmals gibt es zaghafte Anzeichen dafür, dass das Konzept auch in Nordirland ernsthaft erwogen wird. Allein: „Reibungslos“ wird auch dieser Prozess nicht verlaufen.


Dr. Martin Alioth arbeitet als Irland- und Großbritannien-Korrespondent u.a. für den Schweizer Rundfunk SRF und den Deutschlandfunk.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar-Februar 2021, S. 124-127

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