01. Januar 2020

Alle 30 Stunden...

Brief aus ... Buenos Aires

...wird in Argentinien eine Frau ermordet. Dagegen protestieren Hunderttausende auf den Straßen.

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Als wir Raquel zum ersten Mal besuchten, hatte ihr gerade ein Nachbar geholfen, Eisenstangen in den Fensteröffnungen anzubringen. Denn dass die Polizei ihr nicht helfen würde, war klar: Zum einen, weil Gewalt gegen Frauen oft nicht ernst genommen wird (ein Beamter weigerte sich, ihre Anzeige aufzunehmen: „Dir gefällt es doch, dass er dich schlägt.“). Zum zweiten, weil es in der Polizeiwache in Raquels Viertel nicht genug Geld für Sprit gibt, um regelmäßige Patrouillen zu organisieren.

Einmal ging sie in ein Frauenhaus. Aber – an Weihnachten machte man dort zu. Also nahm Raquel die Kinder und ging zurück nach Hause. Wenig später brachte ihr Mann sie erneut fast um. Diesmal reagierte ein Richter: Ein Annäherungsverbot wurde ausgesprochen. Raquel zuckte mit den Schultern: Ein Papier würde ihn wohl kaum davon abhalten, betrunken bei ihr aufzuschlagen.

Öffentlichkeit schaffen

Normalerweise bitte ich Opfer in einem solchen Moment nicht um ein Interview oder gar Fotos – sie machen ohnehin schon genug durch. Doch Raquel versicherte: Ihre einzige Hoffnung sei es, an die Öffentlichkeit zu gehen. Deshalb hatte sie Fotos von ihren blutunterlaufenen Augen in einer Facebook-Gruppe mit 3000 Mitgliedern veröffentlicht. Dass nun einige Tage eine ausländische Journalistin bei ihr ein- und ausging, verschaffe ihr Ruhe, versicherte sie. Ihr Mann war bewaffnet. Wir gingen zusammen mit Raquel zu den zuständigen Behörden. Immerhin: In Begleitung bekam sie sofort einen Termin und man versprach ihr Polizeischutz – speziell für sie abgestellt.

Dies ist eine von vielen Geschichten, die ich in den vergangenen Jahren gehört und kennengelernt habe. Raquel lebt, auf ihren Facebook-Fotos sieht sie glücklich aus. Aber es gibt so viele Frauen, deren Leben vielleicht hätten gerettet werden können. Die wussten oder ahnten, dass die Gewalt von Seiten ihres Mannes jederzeit noch schlimmere Formen annehmen könnte. Aber, was sollten sie tun?

Den Machismus verlernen

Besonders gefährlich sei für eine Frau der Moment, nachdem sie Anzeige erstattet hat, sagt die Staatsanwältin Mónica Cuñarro. Ähnliches berichtet Marcela Morera, Mutter einer ermordeten Frau und heute eine der führenden Persönlichkeiten bei der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen: „Wenn eine Frau sechs Stunden auf einer Polizeiwache wartet, bis sie drankommt, um Anzeige zu erstatten – und dann wieder nach Hause gehen muss, weil der Staat keine andere Möglichkeit anbietet. Wie soll sie dann einem gewalttätigen Mann erklären, wo sie sechs Stunden lang war?“

Seit vier Jahren bringt die „Ni una menos“-Bewegung – auf Deutsch „nicht eine weniger“ – regelmäßig Zehntausende und oft sogar Hunderttausende auf die Straßen. Einiges ist in Bewegung gekommen. Es gibt nun eine Waisenrente für die Kinder von ermordeten Frauen – bis vor Kurzem wurde eine solche Rente, wenn der Vater der Täter war und noch lebt, nicht bewilligt. Staatsbeamte, auch Polizisten und Richter, müssen jetzt eine Gender-Schulung mitmachen. Ein Staatsanwalt sagte mir: „Ich musste auch erstmal den Machismus verlernen.“ Kaum eine Zeitung traut sich noch, einen Frauenmord als „Verbrechen aus Leidenschaft“ zu bezeichnen. Und die Politik wird sich bald erneut mit einem modernen Abtreibungsgesetz beschäftigen müssen. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, das bis heute stark katholisch geprägt und in dem Abtreibung verboten ist – es sei denn, sie wird von einem Richter genehmigt.

Auch die Justiz bewegt sich. Etwa im Fall von Maira Maidana. Sie wurde vor acht Jahren von ihrem Mann mit Alkohol übergossen und angezündet. Sie überlebte nur, weil ein Planschbecken im Hinterhof stand, ihr Mann hatte den Haupthahn zum Wassertank abgestellt. Bis heute hebt Mairas Mutter das Nachthemd auf, das ihre Tochter in jener Nacht trug – auch die Asche und die damit vermischten Hautfetzen. Sie zeigte uns diese Beweisstücke. Die Polizei interessierte sich dafür bisher nicht. Allerdings: Als Maira kürzlich ein Fernsehinterview gab, kontaktierte sie eine vor einigen Jahren neu eingerichtete, auf Gewalt gegen Frauen spezialisierte Behörde. Möglicherweise wird Mairas Fall nun doch noch verhandelt. Es wäre späte Gerechtigkeit – aber immerhin.

Die Opferzahlen bleiben hoch

Dennoch: Die Opferzahlen wollen einfach nicht sinken. Alle 30 Stunden wird in Argentinien eine Frau ermordet. Besonders viele werden verbrannt, mit Alkohol. Soziologen vermuten dahinter eine wütende Reaktion rückwärtsgewandter Machos, die nicht damit klarkommen, wenn eine Frau Rechte für sich einfordert. In den vergangenen Jahren unter Präsident Mauricio Macri wurden die Sozialausgaben zusammengestrichen. Außerdem steige in einer Wirtschaftskrise die häusliche Gewalt, erklärt Sozialwissenschaftlerin Verónica Gago, die die Proteste der „Ni una menos“-Bewegung mitorganisiert.

Absurderweise gibt es sogar Stimmen, die der Frauenbewegung eine Mitschuld an der Gewalt geben, nach dem Motto: Alles war im Lot – so lange, bis ihr die Frauen mit euren Protesten angestachelt habt, rebellisch zu werden. Gewonnen haben die Argentinierinnen also noch nicht. Aber wenn nun eine neue Regierung die Amtsgeschäfte übernimmt, wird sie die Stimme der Frauen nicht mehr ignorieren können. Und für mich als Korrespondentin ist die Frauenbewegung einer der wenigen Lichtblicke auf einem Kontinent, auf dem derzeit wenig Gutes passiert.


Karen Naundorf berichtet als Korrespondentin des weltreporter-
Netzwerks aus Südamerika.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2020, S. 114-115

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