In 80 Phrasen um die Welt

31. Aug. 2026

In 80 Phrasen um die Welt: „Die NATO ist stärker 
als je zuvor“

Jörg Lau
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Bild: Illustration eines Spruckbandes das die Erde umkreist
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Außenminister, Generäle, Generalsekretäre und Präsidenten behaupten seit Jahren wider alle Evidenz, dem westlichen Bündnis gehe es glänzend. Den Ton setzte schon Joe Biden bei seinem Besuch in Warschau, ein Jahr nach der russischen Invasion der Ukraine: „NATO is stronger than ever.“ Biden, einer der letzten Transatlantiker alter Schule, sah sich als Mutmacher („America is back“).

Erstaunlicherweise hat das Reden über die angebliche Stärke der NATO nach seinem Abgang noch zugenommen, obwohl Donald Trump das Bündnis nun regelmäßig fundamental infrage stellt. Trump hatte schon im Wahlkampf gedroht, er werde Putin mit den Europäern machen lassen, „was immer zur Hölle er will“. 

Als Präsident rüttelt Trump nicht nur am Beistandsversprechen des Bündnisses, er drohte in der Grönland-Krise sogar mit militärischen Schritten gegen den Verbündeten Dänemark. Dänische und französische Spezialkräfte hielten sich bereit, um eine US-Invasion Grönlands notfalls militärisch abzuwehren. Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen beschwor für diesen Fall warnend das Ende der NATO. Die Allianz entging im Januar 2026 nur knapp einer Katastrophe. 

Und doch sagte ihr Generalsekretär Mark Rutte am 21. Januar 2026 in Davos in Trumps Anwesenheit: „Unter Ihrer Führung ist dieses Bündnis stärker denn je.“ Dabei war zu diesem Zeitpunkt weder die Grönland-Frage beigelegt, noch gab es Klarheit über Trumps Haltung zum ­berühmten Artikel 5 des NATO-Vertrags, in dem die Allianz-Mitglieder sich wechselseitig rückversichern. 
Im Gegenteil: Trump nutzte die Abhängigkeit der Europäer von der amerikanischen Rückversicherung immer wieder als Hebel, um Druck auszuüben. Für Trump ist die NATO kein Bündnis gegen äußere Feinde, sondern ein probates Werkzeug, seine Alliierten zum Quietschen zu bringen. Dass er die USA tatsächlich aus dem Bündnis abziehen wird, ist so lange unwahrscheinlich, wie er sie als Druckmittel nutzen kann. 

Daraus Stärke abzuleiten, wie es Außenminister Johann Wadephul tut, ist einigermaßen bizarr. Im März hatte Trump die NATO einen „Papiertiger“ genannt und wieder einmal gedroht, das Bündnis zu verlassen, wenn die Alliierten nicht beim Iran-Krieg zu Diensten seien. Wadephul kommentierte: „Wir sind stärker als je zuvor. Wir sollten all das nicht infrage stellen, sondern auf unseren Erfolgen aufbauen.“ Auch der finnische Präsident Alexander Stubb, sonst ein nüchterner Stratege, ließ sich von Politico ähnlich zitieren: „Europäer, beruhigt euch, die NATO ist stärker denn je.“ 

Das merkwürdigste Beispiel lieferte General Christopher Donahue, der Befehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa und Afrika, nach seinem von Pete Hegseth erzwungenen Rückzug. Auch Donahue behauptete, die NATO sei „heute stärker als je zuvor“. Dabei hatte Hegseth den General – einen Soldaten von legendärem Ruf, der 2021 als letzter US-Soldat Afghanistan verlassen hatte – gerade deshalb zur vorzeitigen Demission gedrängt, weil dieser so ein entschiedener Unterstützer der Ukraine und der NATO war.

Die grassierende Rede von der Stärke der NATO ist also in Wahrheit keine Tatsachenbehauptung, sondern der trotzige Versuch, eine Realität durch Beschwörung zu erschaffen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 15

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Jörg Lau ist außenpolitischer Korrespondent der ZEIT in Berlin und Kolumnist der „80 Phrasen“. Sein Buch „Der Westen sind jetzt wir. Von unzuverlässigen Freunden und entschlossenen Gegnern“ ist im März bei Droemer erschienen.

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