In 80 Phrasen um die Welt: „Demokratien haben keine Vasallen“
Jeder wusste, wen Friedrich Merz im Sinn hatte, als er in Davos sagte: „Autokratien mögen Untertanen haben. Demokratien haben keine Vasallen, sie haben Partner und verlässliche Freunde.“
Wochenlang hatte Donald Trump da bereits den NATO-Partner Dänemark bedrängt, ihm gefälligst Grönland („ein Stück Eis“) abzutreten. Trumps Druck triggerte eine ganze Reihe ähnlicher Äußerungen europäischer Politiker. Der belgische Premier Bart De Wever variierte Merz’ Satz und setzte noch einen drauf: „Ein glücklicher Vasall zu sein, ist das eine. Ein elender Sklave zu sein, ist etwas anderes.“
Erstaunliche Wendung: Die NATO als einen Haufen amerikanischer Vasallen zu kritisieren, war ein Klischee der politischen Linken. Heute sind es europäische Regierungschefs der rechten Mitte, die den USA entgegnen, man werde sich nicht unterjochen lassen.
Gut gebrüllt! Allerdings ist die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands (und anderer europäischer Staaten) von den USA kein Unfall, sie war vielmehr jahrzehntelang Programm. Das Vasallentum ist selbstverschuldet. Es ist die Folge unzureichender Verteidigungsausgaben und der törichten Abwehr aller französischen Initiativen zu mehr gemeinsamer europäischer „strategischer Autonomie“.
Als Macron 2017 diesen Begriff in die Debatte warf, unter dem Schock der ersten Trump-Amtszeit, brach unter deutschen Strategen regelrecht Panik aus. Die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer distanzierte sich vom französischen Konzept größerer Selbstständigkeit. Man wollte nur ja nichts damit zu tun haben, um Trump nicht noch mehr zu reizen.
Die Angst vor Trump bestimmt die europäische Politik heute weniger als zuvor. Das ist ein paradoxer Effekt seiner überschießenden Drohungen. In der Theorie der internationalen Politik spricht man von einem „Bandwagoning“-Effekt: Schwächere Staaten schließen sich einem starken an, wenn die Kosten des Widerstands höher sind als der Nutzen.
Offenbar hat Trump dieses Kalkül mit seiner Grönland-Obsession an einen Kipppunkt geführt: Die Kosten des Nachgebens sind einfach zu hoch. Die Vasallen rotten sich zusammen, um dem Lehnsherrn Grenzen zu setzen, und mit Erfolg: Eine Eingliederung Grönlands in die USA scheint abgewehrt.
Das wäre ein Anlass, über ein außenpolitisches Klischee nachzudenken, das heute wieder gerne mit dem berühmten Aphorismus des Thukydides (aus seinem „Peloponnesischen Krieg“) belegt wird: „Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erdulden, was sie müssen.“
Der Satz verleiht dem Zeitgeist scheinbar historische Tiefe. Trumps Chefberater Stephen Miller zum Beispiel tönte in der Grönland-Krise martialisch auf CNN, die Welt werde nun einmal durch „Stärke, Gewalt und Macht“ regiert, nach einem „ehernen Gesetz der Geschichte, vom Beginn der Zeiten an“.
Das ist ein Missverständnis, und übrigens auch nicht die Pointe des Thukydides. Sein viel zitierter Spruch ist ja die Rechtfertigung der Athener, als sie darangehen, die neutrale Insel Melos brutal zu unterjochen. Diese Hybris allerdings wird bald bestraft, als Athen Sparta unterliegt. Seine Alliierten wenden sich ab, ermüdet von der athenischen Arroganz – und das Imperium zerfällt.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 15
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