IP Special

31. Aug. 2026

In Zivil von Kinshasa bis Chișinău

Weltweit zeigt deutsches ziviles Fachpersonal in Kriseneinsätzen Präsenz. Neben der Stabilisierung vor Ort trägt diese Arbeit auch zu mehr Sicherheit hierzulande bei. 

Astrid Irrgang
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Bild: Zwei Mitglieder der EU-Mission in Georgien
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Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, wachsende Zweifel an der Verlässlichkeit der USA als europäische Garantiemacht und die wirtschaftlichen Herausforderungen des „China-Schocks 2.0“ führen zu einem klaren Befund: Deutschlands Außen- und Sicherheitspolitik muss neu ausgerichtet werden. „Jahrzehntealte Gewissheiten haben sich aufgelöst“, formulierte es Bundesaußenminister Johann Wadephul in seiner Eröffnungsrede auf der Botschafterkonferenz 2025 im Auswärtigen Amt. Nicht ohne Weiteres auflösen werden sich hingegen Deutschlands sicherheits- und wirtschaftspolitische Abhängigkeiten, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Und so wird auch ihre Überwindung eine Aufgabe für die kommenden Dekaden sein.

Die gute Nachricht: Nur eine Minderheit der Deutschen lehnt eine mutige Neuausrichtung grundsätzlich ab. Wie aus einer Umfrage im Auftrag der Münchner Sicherheitskonferenz aus dem Herbst 2025 hervorgeht, ist eine klare Mehrheit von 71 Prozent davon überzeugt, dass es in den kommenden Jahren mehr Krisen und Konflikte geben wird und dass wir uns ein „Weiter so“ nicht leisten können. Die schlechte Nachricht: Ein großer Teil der Befragten traut der aktuellen Bundesregierung nicht zu, die sicherheitspolitischen Herausforderungen erfolgreich zu meistern. Erschwerend kommt hinzu, dass zahlreiche Akteure im In- und Ausland ein gezieltes Interesse daran haben, dieses Vertrauen in die Handlungs- und Innovationsfähigkeit unseres Landes ­weiter zu erschüttern.

Doch wer sollte in der gegenwärtig vulnerablen Situation Europas in der Lage sein, einen substanziellen Beitrag zur europäischen Selbstbehauptung zu leisten, wenn nicht Deutschland, das bevölkerungsreichste Land der Europäischen Union und die weiterhin drittstärkste Volkswirtschaft der Welt?

Der britische Historiker und Deutschland-Kenner Timothy Garton Ash hält eine „seltsame Mischung“ aus Bequemlichkeit und Ängstlichkeit für das größte mentale Hemmnis auf dem Weg zu tiefgreifenden Reformen, die unsere sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit stärken würden. ­Sicher nicht ohne Grund hat Bundeskanzler Friedrich Merz bei seinem Regierungsantritt den Anspruch formuliert, neuen Mut und Zuversicht zu vermitteln.


Der Wert des Zivilen

Schon vor der „Zeitenwende“-Rede von Olaf Scholz im Februar 2022 rückte die Bundeswehr durch PR-Maßnahmen stärker ins öffentliche Bewusstsein. Zu den bekanntesten Initiativen zählt die seit 2020 geltende Regelung, dass uniformierte Soldatinnen und Soldaten kostenlos Bahn fahren können. 

Vergleichbare Kampagnen oder Advocacy-Maßnahmen zur Bedeutung ziviler Fähigkeiten im Krisenmanagement fehlen jedoch bisher. Dabei lassen sich Konflikte nie rein militärisch bearbeiten. Zivile Expertise ist in jeder Phase gefragt: bei der Prävention, bei der Vermittlung zwischen Konfliktparteien und nach dem Ende eines Konflikts, etwa bei der Überwachung von Grenzlinien. 

Deutschland genießt hier einen guten Ruf als verlässlicher Partner. Aus dieser Reputation könnte die Bundesregierung auch Kapital für die innerdeutsche Debatte schlagen. Das enttäuschende Abstimmungsergebnis in New York gegen einen nichtständigen Sitz Deutschlands im UN-Sicherheitsrat darf die Bundesregierung nicht dazu verleiten, den deutschen Beitrag zum Multilateralismus zu reduzieren. Im Gegenteil: Diese Niederlage sollte Anlass sein, sich als guter Verlierer und weiterhin verlässlicher Mitgestalter auf multilateraler Ebene zu präsentieren.

Zu Deutschlands wichtigsten Partnern im zivilen Krisenmanagement zählen die Vereinten Nationen, die Europäische Union, die NATO, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und die Afrikanische Union, die alle auf ein berechenbares Gegenüber in Berlin vertrauen. Zugleich erfordert effektives Krisenmanagement neue internationale Partnerschaften für Frieden und Sicherheit über Europa hinaus. Dabei wird es darauf ankommen, die eigenen Werte und Normen nicht aufzugeben und zeitgleich Kooperationen bei Sachthemen mit Ländern auszuloten, mit denen es bei anderen Themen Differenzen gibt. Angesichts des Rückzugs der USA wachsen weltweit und besonders in Europa auch hier die Erwartungen an eine deutsche Führungsrolle.


Im Auftrag der Bundesregierung

Mit dem 2002 gegründeten Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) verfügt die Bundesrepublik Deutschland über ein eigenes, kostengünstiges und erprobtes Instrument, um effektiven Multilateralismus als Pfeiler einer regelbasierten Ordnung zu stärken.

Als Kompetenzzentrum und Sekundierungsorganisation leistet das ZIF konkrete Beiträge zu Friedenseinsätzen, humanitären Einsätzen und Wahlbeobachtungsmissionen. Es unterstützt das Krisenmanagement von UN, EU, NATO und OSZE und trägt damit auch zur Sicherheit Deutschlands und zum Schutz unserer Lebensweise bei. Im Auftrag der Bundesregierung, vertreten durch das Auswärtige Amt, sekundiert das ZIF zivile Expertinnen und Experten in Kriegs- und Krisengebiete, um Deutschlands Außenpolitik wirksam, nachhaltig und kosteneffizient im internationalen Kontext umzusetzen. 

Das ZIF stellt projektbasiert seit vielen Jahren auch Kompetenzaufbau im Bereich Mediation bereit. Die Rolle als Vermittler in internationalen Konflikten war einmal ein Ass im Ärmel der deutschen Außen­politik – das kann es wieder werden.

Derzeit sind rund 150 ZIF-Sekundierte in über 40 Ländern im Einsatz. Sie sind Ausdruck deutscher Verlässlichkeit im Bündnis. Es sind sorgfältig ausgesuchte Expertinnen und Experten, die für menschliche Sicherheit in unterschiedlichen Krisenkontexten einstehen.


Vielfältig im Einsatz

ZIF-Sekundierte unterstützen bei Einsätzen im Rahmen der europäischen Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) den Aufbau (rechts-)staatlicher Institutionen, beispielsweise in der Ukraine und im Irak. Sie ermöglichen die Arbeit der OSZE im Wiener Sekretariat und in den Feldbüros vom Westlichen Balkan bis Zentralasien. Sie beobachten die Sicherheitslage in Georgien und Armenien und schaffen Zugang für humanitäre Hilfslieferungen der UN in Gaza und im Sudan. 

Wie wichtig ziviles Engagement im Krisengeschehen ist, zeigt die Ebola-Epidemie in der Demokratischen Republik Kongo, die seit Mai dieses Jahres anhält. Ein deutscher Sekundierter erarbeitet dort bei den UN Leitlinien dafür, wie staatliche und nichtstaatliche Partner ihren Umgang mit der Epidemie koordinieren sollten. Dabei steht der Sekundierte nicht nur mit den UN-Kollegen im Austausch, sondern auch mit der deutschen Botschaft, kongolesischen Institutionen und zentralen NGOs wie Ärzte ohne Grenzen. Das ist besonders wertvoll, da der Ausbruch voraussichtlich noch 18 bis 24 Monate andauern wird. Deutschland verfügt damit über einen direkten Zugang zu Expertise und Lageeinschätzungen von der Arbeitsebene vor Ort.

Was für den Umgang mit einer Epidemie gilt, gilt ebenso für den Schutz demokratischer Institutionen: Entscheidend ist Expertise vor Ort. So stärkt ZIF-Auslandspersonal in Missionen von EU und OSZE demokratische Prozesse in Partnerländern. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit den Hauptquartieren internationaler Organisationen und den von ihnen mandatierten Einsätzen.

Zu diesen Expertinnen und Experten zählt auch Kirsten Joppe, die seit April dieses Jahres die EU-Partnerschaftsmission in der Republik Moldau leitet und zuvor als stellvertretende Missionschefin über das ZIF dorthin sekundiert war. Gemeinsam mit der moldauischen Regierung arbeitet sie mit ihrem Team daran, die Resilienz des Landes gegen destabilisierende hybride Aktivitäten zu stärken. Von Russland gesteuerte und finanzierte Cyberangriffe und Desinformationskampagnen gehören dort zum Alltag.

Die zivile EU-Mission in Moldau kostet die EU rund 10 Millionen Euro pro Jahr – das ist sehr gut investierte Krisenprävention für ein relativ kleines Budget

Im Vorfeld der Parlamentswahlen im September 2025 unterstützte die Mission die moldauischen Behörden dabei, illegale Finanzströme und Desinformation gezielter zu bekämpfen. Bis heute hat die EU-Mission in Moldau mehrere Tausend Personen im Krisenmanagement und in der Abwehr hybrider Angriffe geschult – und sich damit bei den moldauischen Behörden einen exzellenten Ruf erarbeitet. Gerade in hochsensiblen Bereichen ist dieses gegenseitige Vertrauen die Grundlage erfolgreicher Zusammenarbeit. Die Mission kostet die EU rund zehn Millionen Euro im Jahr – das ist sehr gut investierte Krisenprävention für ein vergleichsweise kleines Budget.

Das dort erworbene Wissen ist für ganz Europa relevant. Die Republik Moldau ist ein Testfeld für hybride Bedrohungen: Was Russland dort „erprobt“, trifft verstärkt auch Demokratien in der EU. Die zivilen Fachleute tragen daher nicht nur zur Stabilisierung und Resilienz vor Ort bei, sondern sammeln zugleich Erfahrungen für den Umgang mit vergleichbaren Bedrohungen in Deutschland und Europa. Wie dringend das ist, zeigt das Bundeslagebild Cybercrime des Bundeskriminalamts: Deutschland liegt hier auf dem dritten Platz der weltweiten Angriffsziele, direkt hinter den USA und Kanada.

Ein weiteres Beispiel ist die EU-Marine­operation EUNAVFOR MED IRINI. Es handelt sich hierbei um eine militärische Opera­tion, an der auch zivile Kräfte beteiligt sind. So ist ein ZIF-Sekundierter als politischer Berater im Hauptquartier der Mission in Rom eingesetzt. IRINI hat den Kern­auftrag, das UN-Waffenembargo gegen Libyen durchzusetzen. Außerdem leistet die Mission einen Beitrag im Kampf gegen Netzwerke des Menschenschmuggels von Libyen nach Europa und liefert wichtige Informationen für das maritime Lagebild. Damit schützt die Operation die Interessen Deutschlands und der EU im zentralen Mittelmeerraum.


Militär und Zivil enger verzahnen 

Diese vielfältigen Einsätze verdeutlichen: Deutschland kann mit seiner zivilen Expertise dazu beitragen, die multilaterale Zusammenarbeit angesichts des Rückzugs der USA zu erneuern und Europa als abschreckungsfähigen und souveränen Pol in einer multipolaren Welt zu stärken.

Die Gelegenheit ist günstig: Derzeit richtet die EU ihre Sicherheitsstrategie neu auf die massiv veränderte geopolitische Lage aus. Der übergeordnete Fahrplan, der „Strategische Kompass“, ist bis 2030 ­ausgelegt; bei den konkreten operativen Zielen soll dynamisch nachgesteuert werden, etwa bei der Revision des Cybersecurity Act, bei Wirtschaftssicherheit, technologischer Radikalisierung oder gemeinsamer Beschaffung.

Deutschland stellt seit Anfang Juli 2026 die Leitung der zivilen Mission der EU in der Ukraine

Für die zivile GSVP läuft in Brüssel derzeit ein neuer politischer Prozess an: der „Compact 3.0“, der unter Federführung des Europäischen Auswärtigen Dienstes erarbeitet wird. Auch Deutschland ist mit einer über das ZIF sekundierten Fachkraft beteiligt. Außerdem steht die zivile EU-Mission in der Ukraine seit Anfang Juli 2026 unter deutscher Leitung. Beides zusammen bietet Berlin die Chance, aus der neuen Sicherheitsstrategie Ableitungen für zivile Missionen zu treffen und diese in Ambitionen und Ziele zu übersetzen. 

Dass deutsche Sicherheitsinteressen nicht mehr streng in Innen und Außen, Militär und Zivil aufgeteilt werden können, sondern ganzheitlich gedacht werden müssen, wurde mit dem Tag des Peace­keeping am 11. Juni im Auswärtigen Amt sichtbar. Dort würdigten die drei Bundesressorts Außen, Innen und Verteidigung sowie das ZIF stellvertretend neun Persönlichkeiten, für die internationales Krisenmanagement Berufung und zivil-militärische Zusammenarbeit Alltag sind. Mit ihrem Einsatz dienen sie nationalen Interessen unter häufig gefährlichen Umständen. Sie stehen dafür, Stärke nicht erst im Umgang mit Eskalation zu zeigen, sondern auch in der Fähigkeit, Gewalt zu verhindern.     

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 5, September 2026, S. 42-45

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Dr. Astrid Irrgang ist seit 2023 Geschäftsführerin des Zentrums für Internationale Friedenseinsätze (ZIF).

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