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01. Dez. 2005

Weder Seifenblase noch „gelbe Gefahr“

Ökonomie

China wird weiter boomen. Es gibt aber keinen Grund, sich davor zu fürchten

Chinas wirtschaftlicher Aufstieg hat für viele Schlagzeilen gesorgt. Die Einschätzungen schwanken zwischen übertriebenem Pessimismus und überschwänglicher Euphorie. Die, die eine Überhitzung in China konstatieren, neigen dazu, eine harte Landung vorauszusehen, d.h. einen abrupten und dramatischen Rückgang der Wachstumsraten. Aber auch die eher Zuversichtlichen nehmen an, dass die derzeit hohen Wachstumsraten nicht zu halten sind und eine weiche Landung bevorsteht. Momentan scheint aber keine Landung in Sicht. Warum? Die jüngsten Wachstumszahlen aus dem Reich der Mitte zeigen für die erste Hälfte des Jahres 2005 ungeminderte 9,5 Prozent Anstieg gegenüber dem Vorjahr an. Doch wie lange wird dieser Trend anhalten, wird sich Chinas Wirtschaftsdynamik als nachhaltig erweisen? Ist die Situation etwa mit einer riesigen Seifenblase vergleichbar, die mit einem großen Knall zerplatzen wird? Ich meine, dass die Theorie von einer Seifenblase verfehlt ist. Chinas Wirtschaftsmodell ist zwar nicht perfekt, aber trotz bedeutender Defizite tragfähig. Mit dem sichtbaren Veränderungswillen scheinen diese Hürden überwindbar. Um nachhaltiges Wachstum zu garantieren, muss der Reformprozess allerdings weiter vorangetrieben werden.

Die bisherigen Ergebnisse der chinesischen Wirtschaftsstrategie können sich durchaus sehen lassen. In Kaufkraftparitäten gemessen ist China heute die zweitgrößte Volkswirtschaft hinter den USA. Sein Anteil am Welthandel ist von unter einem Prozent vor 20 Jahren heute auf fünf bis sechs Prozent angestiegen; angesichts zweistelliger Exportwachstumsraten ist die Tendenz weiter steigend. Das Reich der Mitte ist mittlerweile wichtigster Handelspartner Japans, Südkoreas und Taiwans, und außerdem der drittgrößte der USA. Es gehört zu den zehn wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Verglichen mit anderen EU-Ländern floriert der deutsch-chinesische Handel am stärksten, und Deutschland ist auch der größte EU-Investor in China. Ausländische Direktinvestitionen strömen weiterhin aus allen Teilen der Welt ins Land, allein für dieses Jahr dürften es rund 60 Milliarden Dollar werden. Die chinesischen Firmen steigen in die Weltliga auf. 1994 war noch nicht eine einzige chinesische Firma in der Fortune Global 500- Liste. Im letzten Jahr waren es schon 14! Das ist ein gigantischer Sprung in zehn Jahren. Dies erklärt auch einige Unternehmenskäufe seitens der Chinesen, die in der letzten Zeit Furore machten. So wurde die PC-Sparte von IBM von Levono gekauft und CNOOC, der große chinesische Ölkonzern, versuchte Unocal, einen kleinen amerikanischen Rivalen, zu kaufen. Dies aber führte zu einer Eskalation politischer Polemik: Die USA bekleckerten sich hier nicht mit Ruhm, sie verhielten sich nicht wie der Gralshüter des freien Kapitalismus.

Die Panikmache über die „neue gelbe Gefahr“ ist unangebracht. Stattdessen ist es möglich, dass der Aufstieg Chinas ähnlich überbewertet wird wie die Position Japans in den achtziger Jahren. Unternehmenskäufe chinesischer Firmen sind oft getrieben durch die Notwendigkeit, Know-how bzw. Technologie und/ oder internationale Markennamenfür die Erschließung neuer Absatzmärkte kaufen zu müssen. Die Hochglanzbilder der Skylines von Schanghai oder Peking spiegeln auch nur eine Seite Chinas wider. China ist immer noch ein vergleichsweise armes Entwicklungsland. So hat das nominale Pro-Kopf-Einkommen erst im Jahr 2002 die Grenze von 1000 Dollar überschritten und wird dieses Jahr rund 1400 Dollar erreichen. Weiterhin hohes Wachstum ist notwendig, um den Anteil der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze kontinuierlich zu senken. China hat 150 Millionen Arbeitslose und Unterbeschäftigte. Diesen muss die Regierung eine Möglichkeit bieten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zwei Drittel der chinesischen Bevölkerung lebt noch auf dem Land, mit deutlich niedrigerem Lebensstandard als in den Städten. Regionale Einkommensunterschiede weiten sich aus. Pro Kopf verdient man in Schanghai durchschnittlich 2800 Dollar, in der südlichen Binnenprovinz Guizhou nur 1100 Dollar. Innerhalb der Provinzen müssen noch viele Menschen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Die rasanten Wachstumsraten von durchschnittlich neun Prozent sind daher dringend notwendig, um weite Teile der Bevölkerung auf einen akzeptablen Lebensstandard zu heben.

Und ein weiteres Problem macht kontinuierliches Wachstum notwendig: Die demographische Zeitbombe tickt! Bald werden die Folgen der seit Ende der siebziger Jahre betriebenen Ein-Kind-Politik sichtbar werden. Schon in 15 Jahren wird bei zunehmender Vergreisung der chinesischen Gesellschaft der Nachschub an jungen Arbeitskräften abnehmen. Dann wird es schwer werden, die Wirtschaftsdynamik aufrechtzuerhalten: Alterung der Gesellschaft im chinesischen Ausmaß gibt es sonst nirgendwo auf der Welt! Nach Prognosen der UN wird das durchschnittliche Alter der Bevölkerung im Reich der Mitte von 32,5 Jahren in 2005 auf 45 Jahre im Jahr 2050 ansteigen. Hiermit nähert es sich den 47 Jahren, die 2050 für Deutschland prognostiziert sind. Die Deutschen allerdings sind in diesen 45 Jahren „nur“ um 5,3 Jahre gealtert, die Chinesen aber um 12,5. Verglichen mit dem Anstieg des Einkommens ist der Alterungsprozess rasant: Als Japan Chinas heutiges Durchschnittsalter im Jahr 1960 erreichte, war sein reales Pro-Kopf-Einkommen mit 4800 Dollar in Kaufkraftparitäten schon dreimal größer als das von China heute. Auch in China wird es durch den Geburtenrückgang zu einer kräftigen Verminderung des Anteils der arbeitsfähigen Bevölkerung kommen.

Doch der demographische Wandel ist nicht das einzige Problem, das China angehen muss, um ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu sichern. So müssen auch große Summen staatlicher Gelder in ländlichen Gebieten aufgebracht werden, um die unzureichende Infrastruktur aufzubauen. Die Industrialisierung Chinas hat Umweltverschmutzung und Wasserknappheit zu vordringlichen Problemen werden lassen. Auch bebaubares bzw. fruchtbares Land wird immer knapper. Hier wie in vielen anderen Bereichen muss die chinesische Führung handeln, bevor die Verhältnisse unzumutbar werden.

Es ist erfreulich, dass viele Reformschritte eingeleitet wurden. Das gilt für Bildung und Infrastruktur, das gilt auch für Regulierung und Aufsicht, etwa auf dem Finanzmarkt. Der erste Schritt zur Überwindung der Hindernisse für zukünftige Wirtschaftsdynamik ist getan. Die Regierung sollte schnell weitere Zeichen auf Grün stellen und diesen Reformeifer erhalten. China kann dann die Dynamik seines Wirtschaftsmodells auch mittelfristig garantieren. Die Zuwachsraten werden jedoch in zehn Jahren nur noch etwa halb so hoch wie heute sein.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 12, Dezember 2005, S. 82 - 83.

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