Perspektiven

29. Juni 2026

Von alten Abhängigkeiten und neuen Technologien

Europa bleibt militärisch angewiesen auf Trumps Amerika, und das könnte Rüstungsexporte als politisches Druckmittel einsetzen. Was tun?

Dominik Tolksdorf
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Bild: Ukrainische „Vampir“-Drohne vor blauem Himmel
Gamechanger im Gefecht: Mit der Entscheidung für Kamikazedrohnen hat Berlin seine Zögerlichkeit bei der Einführung neuer Schlüsseltechnologien überwunden. Im Bild: ukrainische „Vampir“-Drohne.
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Es war der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran, durch den zuletzt deutlich wurde, wie riskant die europäische Abhängigkeit von den USA bei einer ganzen Reihe von Waffensystemen ist. Nachdem US-Partner in der Golfregion erhebliche Mengen an Abfangraketen zur Verteidigung eingesetzt hatten, informierte die amerikanische Regierung mehrere NATO-Partner darüber, dass es bei der Auslieferung bestellter Verteidigungsgüter zu Verzögerungen kommen könne.


Unentbehrlich und unberechenbar

Die engen Rüstungsbeziehungen mit den USA sind seit Langem ein Kernelement der Zusammenarbeit in der NATO; nach der russischen Vollinvasion der Ukraine wurden sie noch vertieft. Da die europäische Rüstungsindustrie kurzfristig nicht über ausreichende Kapazitäten verfügte, um gleichzeitig genügend Waffen und Munition für die Unterstützung der Ukraine und die Stärkung der nationalen Streitkräfte sicherzustellen, griffen viele Länder auf US-Rüstungsgüter zurück. 

Laut einer Studie des International Institute for Strategic Studies entfielen zwischen Februar 2022 und September 2024 rund 61 Milliarden US-Dollar der Beschaffungsvolumina europäischer NATO-Staaten auf US-Rüstungsgüter – ein Drittel des Einkaufsbudgets. Die Abhängigkeit ist besonders in der Luft- und Raumfahrt groß. 

Aufgrund der guten Beziehungen zur US-Regierung unter Joe Biden schien diese Entwicklung zunächst nicht weiter riskant; außerdem war klar, dass es Zeit brauchen würde, um die europäische Verteidigungsbasis auszubauen. 

Doch wurde diese Zeit gut genutzt? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Viele europäische Rüstungsunternehmen haben die Produktion deutlich erhöht, bleiben aber auf staatliche Aufträge angewiesen.

Dennoch ist absehbar, dass von den massiven Rüstungsinvestitionen in Europa, die bis 2035 zu erwarten sind, nicht nur europäische, sondern auch Anbieter aus Drittstaaten wie den USA profitieren werden – sowohl durch Verkäufe als auch durch industrielle Partnerschaften. Dass die Trump-Regierung das begrüßt und im Grunde auch erwartet, versteht sich fast von selbst. Kein Wunder, dass im Handelsrahmenabkommen zwischen den USA und der EU vom Sommer 2025 vorgesehen ist, Europas Beschaffung von amerikanischen Verteidigungsgütern in erheblichem Maße auszuweiten. 

Vor dem Hintergrund der Unberechenbarkeit und der konfrontativen Haltung der Trump-Regierung gegenüber Europa rücken allerdings die Risiken der Abhängigkeit von US-Anbietern immer stärker in den Vordergrund. Ein Beispiel dafür, wie sich die Debatte seit Trumps Amtsantritt zugespitzt hat, sind Warnungen, dass die US-Regierung den Betrieb der F-35-Kampfjets, die mehrere europäische NATO-Staaten nutzen, blockieren könnte. Zwar existiert ein solcher „Ausschaltknopf“ nicht; wie andere Waffensysteme benötigen die Kampfjets aber regelmäßige Software-Updates und Wartungsleistungen der Hersteller, die theoretisch auch verzögert werden können.


Auf der Suche nach Alternativen 

Dabei geraten die US-Exportkontrollen in den Fokus: Da Washington den Export von Rüstungsprodukten genehmigen muss, kann es ihn mit Verweis auf die nationale Sicherheit ausbremsen oder gar verhindern. Davon wurde gegenüber den europäischen Verbündeten bislang nur in Ausnahmefällen Gebrauch gemacht. 

Allerdings kann die Regierung darüber hinaus die Weitergabe von Systemen mit US-Produktionsanteilen sowie deren operativen Einsatz einschränken und die Lieferung von Rüstungsgütern an andere Verbündete priorisieren.

Von letzterer Möglichkeit könnte die Trump-Regierung künftig mehr Gebrauch machen: Laut der „America First Arms Transfer Strategy“ vom Februar 2026 sollen die USA ihre Vormachtstellung bei internationalen Rüstungsexporten stärker als Instrument der Außenpolitik sowie zur Ausweitung der heimischen Produk­tion nutzen. In Bezug auf Rüstungsexporte sollen künftig Länder, die in ihre eigene Verteidigung investieren und „eine wichtige Rolle in den Plänen und Operationen der USA spielen“, priorisiert werden. Wie sich zuletzt gezeigt hat, kann das NATO-Verbündete oder auch die Ukraine betreffen – im Positiven wie im Negativen.

Wer für Amerika nützlich ist, könnte künftig bei  Exporten bevorzugt behandelt werden

Derweil bestehen in den USA industrielle Engpässe, die sich auch im Fall eines massiven Anstiegs des US-Verteidigungsbudgets nicht so schnell schließen lassen. Während die Produktionskapazitäten begrenzt sind, steigt die Nachfrage nach amerikanischen Produkten. So hat die US-Regierung im Mai per Notfallbeschluss Waffenlieferungen in Milliardenhöhe an die Golfstaaten genehmigt. Europas Regierungen sollten diese Risiken vor neuen Beschaffungsentscheidungen berücksichtigen und einkalkulieren, welche Auswirkungen Lieferverzögerungen von US-Gütern auf die Verteidigungsfähigkeit hätten und welche Alternativen es bei der Beschaffung gibt.

Dass man die Abhängigkeiten von Drittstaaten abbauen muss, wenn man Europas technologische und industrielle Verteidigungsbasis stärken will, weiß man hier. Doch in der Frage, welche Rolle die USA dabei spielen sollen, ist man gespalten. Viele Regierungen wollen die sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht gefährden und sehen in den Rüstungsbeziehungen ein zentrales Element. Hinzu kommt, dass einige Rüstungsgüter – etwa Kampfjets der fünften Generation wie die F-35 – in Europa nicht hergestellt werden.


Das Ringen um „Buy European“

Im Rahmen der EU-Rüstungsprogramme, mithilfe derer man die Zusammenarbeit europäischer Unternehmen bei Forschung und Entwicklung stärken, Mengenvorteile bei der Produktion nutzen und die gemeinsame Beschaffung fördern will, versucht die EU, „Buy European“-Klauseln zu verankern. 

Wie konsequent man dabei vorgehen sollte, bleibt umstritten. Das zeigt sich an den Verhandlungen um das „Security ­Action for Europe“ (SAFE)-Instrument, auf das sich die EU-Mitglieder im Mai 2025 geeinigt hatten. 

Die Idee: Die Europäische Kommission nimmt Kredite auf, die sie als Darlehen an Mitgliedstaaten für gemeinsame Rüstungs- und Beschaffungsprojekte vergeben kann. Gemäß der Kompromissformel einer „europäischen Präferenz“ bei der Beschaffung mithilfe von SAFE müssen mindestens 65 Prozent des Wertes von Rüstungsgütern auf Produktkomponenten entfallen, die in der EU, der Ukraine oder den EWR-EFTA-Staaten (Island, Liechtenstein und Norwegen) hergestellt werden. Die US-Regierung begrüßt die Stärkung der europäischen Rüstungsindustrie, warnt aber vor einer Benachteiligung amerikanischer Unternehmen durch europäische Präferenzregeln und droht mit ähnlichen Maßnahmen gegenüber europäischen Rüstungsanbietern in den USA. Sie verweist zudem auf das Handelsrahmenabkommen mit der EU. Der Streit mit Washington um Europas Präferenzregeln könnte also hitziger werden.


Europa bleibt uneinig


Die Bundesregierung, die für Verteidigungsausgaben über einen weit größeren finanzpolitischen Spielraum als andere EU-Staaten verfügt, wird bei einigen zen­tralen Waffensystemen auf absehbare Zeit auf US-Anbieter angewiesen bleiben. So hat bereits die Scholz-Regierung neben Chinook-Transporthubschraubern und Patriot-Flugabwehrsystemen einige F-35A Lightning II-Kampfjets bestellt, die künftig für die Beteiligung an der nuklearen Teilhabe genutzt werden. 

In diesem Zusammenhang wurden auch Vereinbarungen geschlossen, wonach eine Reihe von Systemkomponenten künftig in Deutschland hergestellt werden – etwa Rumpfteile der F-35 oder Lenkflugkörper des Patriot-Systems. Ein Teil der Wertschöpfung bleibt so in Europa – die Pfadabhängigkeit von US-Systemen besteht allerdings fort.

Das wird am Beispiel des Patriot-Systems deutlich, das als zentraler Bestandteil der European Sky Shield Initiative (ESSI) vorgesehen ist, die die Bundesregierung zum Aufbau eines gemeinsamen Luft- und Raketenabwehrschilds initiiert hat. Die französische Regierung, aus deren Sicht ESSI dem Ziel europäischer Souveränität entgegenläuft, verweist darauf, dass mit dem französisch-italienischen Flugabwehrsystem SAMP/T ein dem Patriot-System funktional vergleichbares System in Europa verfügbar sei. Und dass die angespannten Beziehungen zur US-Regierung nicht automatisch zu stärkerer deutsch-französischer Einigkeit bei gemeinsamen Rüstungsprojekten führen, hat sich erst jüngst im Streit um das Luftkampfsystem FCAS gezeigt.
Noch bleibt die Beschaffungspolitik der Bundesregierung stark auf nationale Wertschöpfung ausgerichtet. Im Jahr 2025 hat sie mit Ausnahme der Beschaffung von Patriot-Lenkflugkörpern sowie Torpedos für Seefernaufklärer, beide von US-Herstellern, die meisten Rüstungsaufträge an deutsche oder multinationale Unternehmen mit Produktion in Deutschland vergeben. 

Und so löblich es ist, dass Berlin gemeinsame europäische Rüstungsprojekte wie das Common Armoured Vehicle System (CAVS) und die Entwicklung einer luftgestützten Abstandswaffe („Taurus Neo“) unterstützt – wenn Deutschland mehr Geld für Rüstung ausgibt, muss es doch noch stärker mit anderen Europäern zusammenarbeiten.


Not macht erfinderisch

Damit rückt die Beschaffung „neuer“ Verteidigungstechnologien in den Vordergrund. Dazu zählen bewaffnete Drohnen (Luft, Land und See) und Abwehrsysteme, die derzeit im Krieg in der Ukraine von großer Bedeutung sind. Auch die Bundeswehr plant eine deutliche Aufstockung ihrer Fähigkeiten. Die Beschaffung neuer Verteidigungstechnologien bietet für Europa die Möglichkeit, das Risiko einer hohen Abhängigkeit von Drittstaaten zu reduzieren.

Seit 2022 ist der internationale Wettbewerb in der Branche intensiver geworden. Die Ukraine, deren Know-how gerade in Sachen Drohnen für viele ausländische Unternehmen von großem Interesse ist, könnte immer stärker zum Exporteur werden. Die Bundesregierung hat mit Kyjiw eine verstärkte Rüstungskooperation vereinbart. Auch in den USA haben einige Start-ups rasante Wertzuwächse verzeichnet und erhalten immer wieder Aufträge aus dem Pentagon. 

Amerikanische Start-ups arbeiten gemeinsam mit etablierten Rüstungs- und Technologieunternehmen sowie dem US-Militär an der Entwicklung KI-gestützter und autonomer Waffensysteme. Einige Firmen wie Anduril Industries und Shield AI etablieren sich auch in Europa und suchen nach Partnerschaften mit europäischen Unternehmen. 

So entwickeln Anduril und Rheinmetall derzeit gemeinsam eine Kampfdrohne. Auch US-Unternehmen, die auf Datenanalyse und KI spezialisiert sind, expandieren nach Europa. Im März 2025 hat die Kommunikations- und Informationsagentur der NATO einen Vertrag mit dem umstrittenen US-Unternehmen Palantir Technologies über die Einführung des KI-gestützten „Maven Smart System“ abgeschlossen. Das Unternehmen könnte damit zum zentralen Partner europäischer Streitkräfte werden.


Kamikazedrohnen als Signal

Anders als ihre amerikanischen Pendants konnten deutsche Start-ups der Verteidigungstechnologiebranche lange nicht von größeren staatlichen Aufträgen profitieren. Sie waren auf Risikokapital angewiesen, unter anderem aus den USA. Die Bundesregierung zeigte sich angesichts der rasanten Innovationszyklen bei der Beschaffung lange zögerlich, entschied sich jetzt aber doch für die Einführung von sogenannten „Kamikazedrohnen“ (Loitering Munition Systems). Diese Drohnen sollen unter anderem von der Litauen-Brigade eingesetzt werden – der Handlungsdruck, die Fähigkeitslücken der Bundeswehr so schnell wie möglich zu schließen, war groß. 

Zumindest bei der Verteidigungstechnologie sollte Europa seine Abhängigkeiten im Rahmen halten

Gleichzeitig kann die Entscheidung als Signal der Regierung an die Branche gewertet werden, nicht erneut eine Schlüsseltechnologie zu vernachlässigen. Denn es wäre nicht nur zu befürchten, dass die Branche aus Mangel an staatlichen Aufträgen an Wettbewerbsfähigkeit verliert, sondern auch, dass erfolgreiche Start-ups ins Ausland abwandern, wodurch Know-how verloren ginge. Schließlich gilt das Innovations- und Investitionsumfeld in den USA nach wie vor als deutlich vorteilhafter für Start-ups als das in Europa.

Vor dem Hintergrund, dass bei neuen Verteidigungstechnologien häufig Software ein zentrales Element ist („Soft­ware-defined defense“), spielt für die Politik auch das Thema Datensouveränität eine wichtige Rolle – ein weiterer Grund für Forderungen, bei der Beschaffung von Verteidigungstechnologien europäische Produkte zu bevorzugen. 

Indem der Staat stärker als bisher als „Ankerkunde“ auftritt, könnte er Europas technologische Souveränität stärken und Skaleneffekte ermöglichen – also sinkende Stückkosten dank größerer Produktionsmenge. Gleichzeitig sollten von vornherein Monopolstellungen verhindert werden, um Innovation in der Branche nicht zu gefährden. So ließe sich in Europa das Risiko verringern, dass sich bei den neuen Verteidigungstechnologien eine ähnliche Abhängigkeit von Drittstaaten entwickelt, wie sie in Bezug auf eine Reihe von zentralen Waffensystemen bereits besteht.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 68-72

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Dr. Dominik Tolksdorf ist Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).