Von altem und neuem Leid
Die größten Herausforderungen für ein friedliches Miteinander in Nahost liegen nicht in den Beziehungen der Staaten, sondern auf der Ebene der gesellschaftlichen Versöhnung. Vier Neuerscheinungen vermitteln ein Gefühl für eine mögliche Zukunft der Region.
Und nun? Im Nahen Osten schweigen die Waffen derzeit weitgehend – zumindest im Vergleich zur Eskalation im vergangenen Sommer. Nicht nur der Gazastreifen, Libanon und Jemen standen damals in Flammen, sondern zum Teil auch Israel und der Iran; Amerika ging an der Seite Jerusalems gegen Teheran vor, um dessen Atomprogramm zu zerstören.
Von einer Zeitenwende im Nahen Osten war rasch die Rede, die Situation schien der Entwicklung in Europa zu ähneln. In der Tat dürfte es hier Ähnlichkeiten geben, allerdings anders als bislang allgemein wahrgenommen. Die Fehlwahrnehmung, das Ende des Kalten Krieges mit einem Ende der Ost-West-Konfrontation gleichgesetzt zu haben, scheint sich mit Blick auf die Entwicklung im Nahen Osten zu wiederholen. Dort werden zwar immer mal wieder für einen kürzeren oder längeren Zeitraum die Waffen leiser. Aber ein Ende der vielschichtigen Konfrontationen dürfte damit nicht verbunden sein, zumindest vorerst nicht.
Kein Konsens in Sicht
Wer ein Gefühl für die mögliche künftige Entwicklung der Region erhalten möchte, kann inzwischen zahlreiche Analysen zu Rate ziehen, die sich mit dem Hamas-Angriff auf Israel vor über zwei Jahren und dem Krieg in Gaza beschäftigen. Muriel Asseburgs Analyse sticht hier hervor; bietet sie doch eine grundlegende Untersuchung nicht nur der Ereignisse und Folgen des 7. Oktobers 2023, sondern auch seiner Hintergründe.
Die Nahost-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin macht auf zwei grundsätzliche Probleme aufmerksam, die der Umsetzung von Konzepten für den „Tag danach“, dem ersten Tag eines dauerhaften Waffenstillstands, im Wege stehen – Hindernisse, die bereits in der Diskussion über den Friedensplan von US-Präsident Donald Trump sichtbar wurden.
Zum einen kann Asseburg keinen Minimalkonsens zwischen den wichtigsten lokalen, regionalen und internationalen Beteiligten über eine Nachkriegsordnung erkennen. Zum anderen sieht sie den Weg aus der Gewalt dadurch erschwert, dass sowohl die israelische als auch die palästinensische Gesellschaft schwer traumatisiert seien. Die kollektiven Traumata von Verfolgung und Vernichtung, Shoa, auf israelischer und die von Flucht und Vertreibung, Nakba, auf palästinensischer Seite verstärkten die aktuellen Leiderfahrungen und ließen kaum Raum für Empathie mit der anderen Seite. Beide Gesellschaften sähen sich als alleinige Opfer. Sie unterstellten der anderen Konfliktpartei maximalistische Ziele bis hin zu genozidalen Absichten und weigerten sich, die historische Verbundenheit der anderen Seite mit dem Land anzuerkennen.
In dieser Situation stünden, wie könnte es anders sein, nicht die Suche nach Friedensregelungen im Vordergrund, sondern der Ruf nach Vergeltung; es herrsche die Sprache der Gewalt und der Entmenschlichung. Nur vereinzelt würden sich noch Israelis und Palästinenser für einen friedlichen Ausgleich einsetzen. Asseburg befürchtet, dass die Leiderfahrungen über Generationen nachwirken und zu noch mehr Nullsummendenken führen werden statt zu größerer Kompromissbereitschaft.
Zwar sieht Asseburg Hamas und Hisbollah deutlich geschwächt, weist aber realistischerweise darauf hin, dass beide keineswegs komplett zerstört seien. Sie blieben Vetomächte, die zumindest teilweise verhindern könnten, was gegen ihre Interessen verstoße.
Unheilvolle Allianz
Welche Ziele verfolgt Israel neben denen in Gaza? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigt sich Sabine Adler. Die Reporterin des Deutschlandfunks beschreibt das heutige Israel als ein Land, das den entscheidenden Kampf um seine Existenz ausfechte.
Dass die Regierung trotz allem von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werde, habe viel damit zu tun, dass es der israelischen Armee in einem Mehrfrontenkrieg gelungen sei, wichtige Feinde zumindest temporär auszuschalten, die das Land seit Jahrzehnten bedrohten – vom Libanon über Syrien bis hin zum Iran. Letzterer sei durch die gezielte Tötung führender Köpfe der Armee, des Geheimdiensts und der Revolutionsgarden in seinen Möglichkeiten als wichtiger Sponsor des internationalen Terrors in erheblichem Maße eingeschränkt.
Vor diesem Hintergrund geht Adler davon aus, dass es dem Iran künftig schwerer fallen werde, Milizen in Israel und dessen Nachbarländern mit Kämpfern, Geld und Waffen auszustatten, die dann stellvertretend für das Mullah-Regime den Judenstaat attackierten. Dank der israelischen und amerikanischen Bombenangriffe auf iranische Atomanlagen sei die Regierung in Teheran in ihren Ambitionen zurückgeworfen worden, Nuklearwaffen herzustellen und damit letztlich an der Auslöschung Israels zu arbeiten.
Ein haltbarer Frieden ist nach Sabine Adlers Einschätzung nur dann möglich, wenn neben israelischen und palästinensischen Vertretern auch Gesandte der Staaten und Organisationen einbezogen würden, die das Existenzrecht Israels bis heute infrage stellten. Dass diese davon ablassen, ist für die Autorin nicht in Sicht.
Darüber hinaus bemerkt sie, dass die Regierung von Benjamin Netanjahu nicht definiert habe, wann ihr Kriegsziel erreicht sei. Die Hamas zu zerstören, ist nach Adlers Analyse keine rein physische Angelegenheit, weil mit ihr nicht zugleich die Ideologie verschwinde. Hinzu komme, dass Jerusalem im Windschatten des Gazakriegs Absichten verfolgt habe, die weit über den Kampf gegen die Hamas hinausgingen. Radikal-nationalistische Zionisten hätten den Moment genutzt, die israelische Vorherrschaft zu zementieren.
In diesem Kampf gibt es nach Sabine Adlers Beobachtung nur noch wenig Platz für Verständnis und Mitgefühl. Einige ihrer israelischen Gesprächspartner seien an dem Punkt angelangt, an dem sie nur noch in Kategorien von „wir“ oder „sie“ dächten. Für diese Menschen grenze es an Verrat, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen, seine Positionen zu verstehen. Einige von ihnen zählt Sabine Adler zu einer „unheilvollen Allianz“ von Strenggläubigen, die humanistische Ideale und internationales Recht verteufeln würden, weil sie sich von ihnen im Kampf gegen den Feind behindert fühlten.
Nach Adlers Erfahrung handelt es sich hier keineswegs um Einzelmeinungen. Allerdings hätten sich einige ihren differenzierten, kritischen Blick bewahrt. Ihnen sei bewusst, dass für das Leben in diesem kleinen Land ein neues Miteinander nach dem Krieg dringend ausgehandelt werden müsse. Ihnen bescheinigt Adler – anders als den „Lautsprechern“ – das Wissen, dass das Recht des Stärkeren keinen Frieden schaffe. Diese Gruppe sei kleiner, leiser, im Moment politisch schwächer, und doch ruhten auf ihr große Hoffnungen: „Diese Menschen warten das Kriegsende nicht ab, sondern überlegen bereits, wie sie ihre israelische Gesellschaft verändern müssen, damit sie außer jüdisch auch demokratisch bleiben kann.“
Brüchiger Waffenstillstand
Wie der Krieg den israelischen Regierungschef Benjamin Netanjahu verändert hat, zeigt eine zentrale Passage im neuen Buch von Natalie Amiri. Die ARD-Moderatorin und Korrespondentin fragt Raviv Drucker, einen der besten Journalisten Israels, ob Netanjahu bei seinem Kampf gegen die Mullahs im Iran nicht eigentlich nur eine Verzögerung um ein paar Monate bewirkt habe, bis das Regime in Teheran wieder an der Bombe baue.
Die Antwort Druckers: „Exakt: Wie konnte ein so dermaßen strategisch magerer Krieg von Israel als solcher Triumph dargestellt werden? Typisch Netanjahu, was die Propaganda betrifft. Untypisch für Netanjahu aber war es, so einen Krieg zu wagen. In einem Gespräch mit Trump sagte dieser zu ihm: ,Sei besser erfolgreich, denn wenn nicht, werde ich nicht ans Telefon gehen, wenn du anrufst.‘“
Netanjahu sei zuvor extrem vorsichtig bei kriegerischen Abenteuern gewesen. Dass er diesen Krieg begonnen habe, zeigt Drucker: Netanjahu hat sich verändert – und zwar wegen des 7. Oktober: „Er geht all in.“ Netanjahu agiere wie ein Spieler, der kurz davor sei, alles zu verlieren, und nun alles auf eine Karte setze – auch im Hinblick auf das Urteil der Welt über Israel. Als Erfolg Netanjahus wertet Drucker, dass die Kritik an ihm verstummt sei: „Sogar Kanzler Merz sagte, wir würden die ,Drecksarbeit‘ für alle erledigen.“
Für Drucker hat dieser Krieg die Schwäche des israelischen Regierungschefs gezeigt: Er denke nicht strategisch. Er hasse schon das Wort. Einmal habe Netanjahu aus dem Buch eines Harvard-Professors zitiert, das er im Alter von 17 Jahren von seinem Vater geschenkt bekommen habe: „Lege dein Endziel zu Beginn eines Krieges nicht fest.“ Daraus habe er seine Philosophie gemacht: „Versuche nicht, die Realität zu kontrollieren oder einen strategischen Plan zu verfolgen, sondern nutze Gelegenheiten, wenn sie sich ergeben, und schaue dann, wohin es führt“ – genauso handele Netanjahu jetzt.
Auch nach Amiris Schilderung hat der Zwölf-Tage-Krieg zwischen Israel und Iran lediglich in einem brüchigen Waffenstillstand geendet – einem kurzen Moment des Innehaltens. Während Jerusalem militärische Erfolge und gestärkte Abschreckung für sich reklamiere, bleibe die Islamische Republik trotz Rückschlägen handlungsfähig. Beide Länder verharrten in konfrontativer Haltung, und die Lage in der Region sei angespannter denn je. Der Konflikt möge vorerst zum Stillstand gekommen sein, gelöst sei er nicht, so Amiri: „Gerade bekomme ich von einem Informanten in Israel die Nachricht, dass es bald in die nächste Runde gehen könnte.“
Nicht-so-geheime Gespräche
Wie könnte eine solche Runde aussehen? Vielleicht, wieder einmal, ganz anders als erwartet. Daniel Gerlach erzählt die Geschichte des Nahen Ostens als eine von Geheimdiplomatie, Friedensverhandlungen und Deals. Der Chefredakteur des Nahost-Fachmagazins Zenith führt Beispiele der jüngeren Vergangenheit an, um zu zeigen, dass auch Staaten der Region die Aufgabe eines Mediators übernehmen können, um Kriege zu beenden. So habe unter anderem der Irak – nach jahrelangem Schattenkrieg – die Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Iran vermittelt, die 2023 mit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen besiegelt wurde.
Auch das Sultanat Oman habe die Rolle eines Mediators übernommen: für die amerikanisch-iranischen Gespräche über Teherans Atomprogramm, wenngleich diese am 13. Juni 2025 jäh durch die israelischen Luftangriffe auf Iran und den darauffolgenden zwölftägigen Krieg unterbrochen worden seien.
Für Gerlach demonstriert die militärische Eskalation zwischen Israel und dem Iran nicht nur die israelische Überlegenheit in der Region, sondern zeigt zugleich die Grenzen beider Mächte auf: Letztlich seien es das Eingreifen der USA und die diplomatischen Bemühungen der Golfstaaten gewesen, die auch Israel zugutegekommen seien und es vor einer Fortsetzung des iranischen Raketenbeschusses bewahrt hätten. Gerlach erkennt hier ein Problem militärischer Abschreckung: Sie habe irgendwann keine Wirkung mehr, und zwar dann, wenn man seine Drohungen in die Tat umsetze und tatsächlich zum Angriff übergehe.
Ein Stück weit, schreibt Gerlach, haben die dramatischen Ereignisse der Jahre seit dem 7. Oktober 2023 nicht nur eine neue Stufe militärischer Gewalt, sondern auch eine Enttabuisierung der Beziehungen in Gang gesetzt: „Man schießt aufeinander und redet dennoch miteinander.“
Nachdem Syriens Machthaber seit den 1950er Jahren im Geheimen mit Israel verhandelt hätten, so Gerlach, führe das neue syrische Regime unter Ahmad al-Sharaa ungeniert und offen diplomatische „Geheimgespräche“ – von denen jeder wisse – mit Israel. Man treffe sich in Abu Dhabi oder der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, anderntags bombardiere Israel, wie am 20. Juli 2025, das syrische Verteidigungsministerium – zuvor seien Al-Sharaas Sicherheitskräfte auf die drusische Stadt Suwaida im Süden zumarschiert, deren Bewohner Israels Regierung als ihre Schutzbefohlenen betrachte.
Gerlach ergänzt, dass Al-Sharaa gegenüber den USA sogar in Aussicht gestellt habe, sich den Abraham-Abkommen mit Israel anzuschließen, wenn die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaftssanktionen gegen Syrien aufheben würden – gelockert sind sie bereits. Am Beispiel Syriens nach dem Sturz des Assad-Regimes zeigt Gerlach dann aber auch, dass die größten Herausforderungen der Staaten im Nahen Osten nicht in ihren wechselseitigen Beziehungen liegen dürften, sondern im gesellschaftlichen Frieden. Und nun?
Muriel Asseburg: Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza. Hintergrund, Eskalation, Folgen. München: C. H. Beck 2025. 286 Seiten, 20,00 Euro
Sabine Adler: Israel. Fragen an ein Land. Berlin: Ch. Links 2025. 270 Seiten, 24,00 Euro
Natalie Amiri: Der Nahost-Komplex. Von Menschen, Träumen und Zerstörung. München: Penguin 2025. 416 Seiten, 25,00 Euro
Daniel Gerlach: Die Kunst des Friedens. Eine andere Geschichte des Nahen Ostens – Deals, Friedensverhandlungen & Geheimdiplomatie. München: C. Bertelsmann 2025. 351 Seiten, 25,00 Euro
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 120-123
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