01. Februar 2004

Terrorismus heute

Die Asymmetrisierung des Krieges

Der Partisanenkrieg des 20. Jahrhunderts ist abgelöst worden durch den Terrorismus. Für den an
der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Politikprofessor mehren sich die Anzeichen dafür,
dass die Bedrohung durch terroristische Anschläge, die aktuelle Variante des „Verwüstungskriegs“,
das politische und wirtschaftliche Geschehen der nächsten Jahrzehnte bestimmen wird.

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Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Bedrohung durch terroristische Anschläge das politische (und wirtschaftliche) Geschehen der nächsten Jahrzehnte bestimmen wird.

Mehr als die kontinuierlich wachsenden Ungleichgewichte zwischen den reichen und den armen Weltregionen sind dafür die sich noch schneller vertiefenden Ungleichheiten in den militärischen Fähigkeiten zwischen den technologish fortgeschrittenen Staaten und dem „Rest der Welt“ verantwortlich. Terrorismus ist nicht, wie immer wieder behauptet wird, eine Waffe der Armen, sondern er ist die Kampfweise der Schwachen. Er hat darin den Partisanenkrieg abgelöst, der während des 20. Jahrhunderts lange Zeit diese Funktion innehatte.

Aber die Ablösung des Partisanenkrieges durch den Terrorismus ist mehr als eine operative Innovation auf Seiten derer, die sich keine militärische Hochtechnologie leisten und keine komplexen Militärapparate unterhalten können: Partisanenkrieg ist eine im Wesentlichen defensive, Terrorismus hingegen eine im Kern offensive Strategie. Partisanen nämlich sind auf die nachhaltige Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen, und die erhalten sie nur dort, wo sie mit dieser Bevölkerung ethnisch oder auch sozial eng verbunden sind. Che Guevaras Projekt einer offensiven Ausrichtung des Partisanenkriegs ist im bolivianischen Dschungel kläglich gescheitert.

Die jüngeren Formen des transnationalen Terrorismus dagegen haben sich von der Unterstützungsabhängigkeit durch die Bevölkerung, der auch der klassische sozialrevolutionäre wie ethnoseparatistische Terrorismus unterlag,1 in hohem Maße unabhängig gemacht, indem sie die Infrastruktur der angegriffenen Länder in Waffen verwandelten (etwa Flugzeuge zu Trägersystemen und Kerosin zu Sprengstoff) und ihre Logistik in die Ströme der Schattenglobalisierung einlagerten. Der Terrorist, der lange Zeit dem Partisanen eng verbunden gewesen war und sich selbst als eine von dessen Erscheinungsformen begriffen und dargestellt hatte,2 wurde damit zu einem strategisch selbständigen Akteur. In der medialen Karriere Osama Bin Ladens hat dies bereits seinen Niederschlag gefunden.

Im Partisanenkrieg ging (und geht) es um die Kontrolle und Beherrschung des Bodens, weswegen Carl Schmitt den „tellurischen Charakter“ als eines der wesentlichen Merkmale des Partisanen bezeichnen konnte.3 Terrorismus dagegen zielt, jedenfalls wenn er eine eigene Strategie und nicht ein untergeordnetes taktisches Element der Revolution oder Separation darstellt, auf die Unterbrechung der Ströme von Waren und Dienstleistungen, Kapital, Menschen und Informationen, die das Lebenselixier moderner Gesellschaften darstellen. Partisanen waren (und sind) auf Räume angewiesen, in denen sie ihre Logistik aufbauen und verfügbar machen, ihre Kämpfer rekrutieren und ausbilden sowie ansatzweise die von ihnen angestrebte sozio-politische Ordnung entwickeln (so genannte befreite Gebiete). Terroristen haben sich dagegen weitgehend vom Raum gelöst, indem sie Gewaltanwendung und Logistik in die letzten Endes unkontrollierbaren Ströme der modernen Gesellschaften einlagern. Das ist zugleich die Voraussetzung dafür, dass netzförmig organisierte terroristische Gruppen überhaupt operations- und überlebensfähig sind.

Damit ist aber auch klar, dass es sich bei den jüngeren Formen des Terrorismus um eine Form des Krieges handelt: Politische Akteure wollen auf diese Weise mit den Mitteln der Gewalt ihren Willen durchsetzen. Die auf Clausewitz zurückgehende Definition des Krieges als Durchsetzung eines politischen Willens mit den Mitteln der Gewalt4 ist flexibler als die empiristisch ausgerichteten Definitionen, die auf die Anzahl der Toten oder die Beteiligung eines Staates abheben, weil sie von bestimmten historischen Konstellationen unabhängig sind. Wer Krieg per definitionem auf eine bestimmte Art seiner Führung beschränkt, etwa auf staatliche Kontrahenten, die mit professionalisiertem Personal um die Kontrolle von Territorien kämpfen, wird selbstverständlich die jüngsten Formen des Terrorismus nicht als Krieg bezeichnen, sondern bestreiten, dass Terrornetzwerke, Milizenführer und Warlords Krieg führende Parteien seien. Bestenfalls seien es Agenten organisierter Gewaltanwendung.5 Aber damit gleitet ihm zugleich die Geschichte des Krieges wie Sand durch die Finger, und was hängen bleibt, sind nur die Staatenkriege der europäischen Geschichte zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert. Damit ist weder in wissenschaftlicher noch in politischer Hinsicht irgendetwas gewonnen.

Mutationen der Kriegführung

Statt dessen sind wir hier davon ausgegangen, dass der Krieg im Verlauf der Geschichte in Relation zu den sozialen und wirtschaftlichen, demographischen und politischen Konstellationen immer wieder seine Erscheinungsformen gewechselt hat und dass dies nicht als ein in eine einzige Richtung weisender Evolutionsprozess begriffen werden kann, weder als schrittweise Zivilisierung des Krieges mit der Perspektive seiner endgültigen Abschaffung noch als sicherer Weg zur Selbstauslöschung der Menschheit. Der Wandel der Kriegsformen lässt in langfristiger Perspektive keine klaren Regelmäßigkeiten erkennen, vielleicht mit Ausnahme dessen, dass die unterschiedlichen Formen des Krieges, wenn sie ihre möglichen Varianten entfaltet haben und sich die Perspektive einer Lähmung oder gar Abschaffung des Krieges entwickelt, durch neue Formen abgelöst werden, die das Entwicklungspotenzial mehrerer Varianten enthalten.

So scheint es auch bei der jüngst von zahlreichen Beobachtern konstatierten Privatisierung und Asymmetrisierung des Krieges zu sein: Sind die zahllosen Warlords an der Peripherie der Wohlstandszonen inzwischen zum Inbegriff der Privatisierung und Kommerzialisierung des Gewaltgeschehens geworden,6 so stellen die neuen Formen des transnationalen Terrorismus Strategien einer gezielten Asymmetrisierung dar, mittels derer sich technologisch wie organisatorisch unterlegene Akteure gegen unendlich überlegene Gegner kriegführungsfähig machen.7 Der klassische Staatenkrieg ist unterdessen infolge der potenzierten Vernichtungskraft von Nuklearwaffen und der hohen Zerstörungsanfälligkeit moderner Gesellschaften zu einem historischen Auslaufmodell geworden.

Terror als Vorstufe

Terroristische Kriegführung ist eine der neuen Formen, die das Kriegsgeschehen des 21. Jahrhunderts aller Wahrscheinlichkeit nach bestimmen werden, und zwar unabhängig von der engen Verbindung, die der Terrorismus gegenwärtig mit dem radikalen Islamismus eingegangen ist. Dementsprechend soll Terrorismus nachfolgend nicht als Äußerungsform einer bestimmten Ideologie, sondern als eine Strategie der Gewaltanwendung betrachtet werden, die tendenziell jedem schwachen Politikakteur zur Verfügung steht.

In seiner herkömmlichen Form, wie er sich vor allem in Russland während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat,8 war Terrorismus eine Form der Gewaltanwendung, die sich eng mit der Idee der sozialen Revolution verbunden hat und insofern eher unter der Rubrik des Bürgerkriegs als des internationalen Krieges behandelt worden ist. Die Verbindung terroristischer Praktiken mit sozial- und sehr bald auch nationalrevolutionären Praktiken hatte eine spezifische Zielauswahl und damit eine Begrenzung der Gewaltanwendung zur Folge, die in den jüngeren Formen des transnationalen Terrorismus gänzlich weggefallen sind. Angriffe wie die auf das World Trade Center vom 11. September 2001 oder auf touristische Attraktionen, Hotels und Diskotheken wie in Djerba, Mombasa und auf Bali wären für den herkömmlichen Terrorismus sozial- oder nationalrevolutionärer Prägung unvorstellbar gewesen, weil sie nicht „die Richtigen“ getroffen hätten.9

„Die Richtigen“ – das waren die Repräsentanten und Funktionsträger des staatlichen Repressionsapparats, also Monarchen und Politiker, Staatsanwälte und Polizisten, sowie Angehörige der sozial dominierenden Schicht, wie Bankiers, Fabrikanten und Großgrundbesitzer. Auf keinen Fall durften bei den Anschlägen Personen zu Schaden kommen, die dem „zu interessierenden Dritten“ der terroristischen Kampagne zuzurechnen waren. Die Gestalt des „zu interessierenden Dritten“ war nicht nur die zentrale Legitimationsfigur des herkömmlichen Terrorismus, sie war auch der wichtigste Gewaltbegrenzer und gewissermaßen der Garant dafür, dass der Einsatz von Massenvernichtungswaffen außerhalb des terroristischen Kalküls blieb.

Dabei hing es von der jeweiligen Zielsetzung und Ideologie der terroristischen Gruppen ab, wer als der „zu interessierende Dritte“ fungierte: Es konnte sich bei ihm um sozial definierte Schichten und Klassen, um die sozial abhängige Bauernschaft, um das Proletariat industrieller Gesellschaften oder um die unterdrückten Völker der Dritten Welt handeln, ebenso aber auch um Nationen innerhalb eines Vielvölkerstaats oder um ethnische Minderheiten eines Nationalstaats, um konfessionelle Gruppen oder Menschen, die aus rassistischen Gründen diskriminiert wurden – stets war er der eigentliche Adressat der mit der Gewaltanwendung verbreiteten Botschaft. Ihm sollte nicht nur die Möglichkeit des Widerstands vor Augen geführt, sondern er sollte auch zur aktiven Beteiligung an der Gewaltanwendung aufgefordert werden, damit der Kampf, der zunächst einer zwischen einer kleinen Gruppe und dem mächtigen Staatsapparat war, mit größerer Intensität und besseren Erfolgsaussichten geführt werden konnte.

Nicht selten bauten die terroristischen Gruppen auch darauf, dass der Staat sich durch ihre Anschläge dazu würde provozieren lassen, die präventiven Repressionsmaßnahmen auf den „zu interessierenden Dritten“ auszuweiten und ihm so einen zusätzlichen Motivationsschub zur Unterstützung der Terrorgruppen und zur Ausweitung des Kampfes zu geben.

Der von den Anschlägen ausgehende Schrecken (lateinisch: terror) hat im herkömmlichen Terrorismus also die Funktion, Reaktionen zu provozieren, in deren Gefolge die sich als National- oder Sozialrevolutionäre verstehenden Terroristen zu neuen Kampfformen, dem Generalstreik, dem Massenaufstand in den Städten oder dem Partisanenkrieg auf dem Lande, übergehen können. In schematischer Vereinfachung kann man von einem Dreistufenmodell des revolutionären Kampfes sprechen, in dem Terroraktionen die erste Stufe, ein sich zum Partisanenkrieg oder zum bewaffneten Aufstand in den Städten steigernder Kampf die zweite Stufe und die Herbeiführung der militärischen Entscheidung die dritte Stufe darstellen. Die Anwendung terroristischer Gewalt ist danach die möglichst zügig zu durchschreitende Anfangsphase des bewaffneten Kampfes sowie eine Rückfallposition für den Fall, dass die zum Partisanenkampf übergegangenen Akteure unter massiven Druck geraten und sich wieder in den terroristischen Untergrund zurückziehen müssen.

Durchweg ist der Terrorismus jedoch ein Durchgangsstadium, das für die Gewaltakteure relativ hohe Risiken des politischen Scheiterns enthält.10 Dementsprechend versucht die Gegenseite, sie in diesem Stadium festzuhalten und sie zu Aktionen zu zwingen, durch die sie ihren politischen Anspruch und damit die Unterstützung des „zu interessierenden Dritten“ verlieren. Das kann durch terroristische Gewaltexzesse geschehen, denen viele dem „Dritten“ zuzurechnende Personen zum Opfer fallen, ebenso aber auch durch die Zurückdrängung der Gruppen auf pure Selbsterhaltung, in deren Gefolge sie sich gewöhnlichen Gewaltkriminellen bis zur Ununterscheidbarkeit angleichen.

Terror als Kriegführung

Die jüngeren Formen des transnationalen Terrorismus unterscheiden sich in organisatorischer, logistischer und operativer Hinsicht so sehr von dem skizzierten Modell des herkömmlichen national- bzw. sozial-revolutionären Terrorismus, dass die gemeinsame Benennung als „Terrorismus“ eher irreführend als erhellend ist. Letzten Endes bezieht sie sich allein auf die unmittelbare Funktion der Anschläge, nämlich die Verbreitung von Angst und Schrecken. Zielte dieser Schrecken im herkömmlichen Terrorismus wesentlich auf den Staatsapparat und die herrschenden Kreise, die eingeschüchtert oder zu irrationalen Reaktionen verleitet werden sollten, während der „zu interessierende Dritte“ zunächst in der komfortablen Position eines unbeteiligten Zuschauers verblieb, so ist der von den neueren Formen des Terrorismus verbreitete Schrecken ein Angriff auf die psychische Infrastruktur ganzer Gesellschaften, die dadurch zu tief greifenden Verhaltensveränderungen gezwungen werden sollen. Einen „zu interessierenden Dritten“ im Sinne des herkömmlichen Terrorismus gibt es nicht mehr. Und vor allem stellt die Terrorkampagne nicht mehr nur eine transitorische Etappe im Rahmen einer umfassenden Gesamtstrategie dar, sondern ist die eigentliche Ebene der Auseinandersetzung, und es gibt keine Erfordernis, zu einer anderen Form der Gewaltanwendung, wie etwa dem Partisanenkrieg, überzugehen.

Hat der herkömmliche Terrorismus die Funktion gehabt, die Kräfte zu sammeln und aufzubauen, die erforderlich sind, um mit hinreichenden Erfolgsaussichten in die große Auseinandersetzung mit dem staatlichen Repressionsapparat einzutreten, so schenken die jüngeren Formen des Terrorismus der Armee und Polizei keine sonderliche Aufmerksamkeit, sondern suchen die entscheidende Auseinandersetzung dort, wo der angegriffene Gegner schwach bzw. relativ leicht zu verletzen ist. Das ist gerade nicht der militärische Apparat, sondern es sind die komplizierten wirtschaftlichen Strukturen, und innerhalb deren ist es vor allem die labile psychische Verfassung der Menschen in modernen Gesellschaften.

Demgemäß hat das Terrornetzwerk Al Khaïda bei seinen Anschlägen um das US-Militär einen Bogen gemacht und statt dessen direkt die psychische Infrastruktur der westlichen Gesellschaften, insbesondere der USA, angegriffen.11 Strategisches Ziel ist die Unterbrechung oder zumindest Umlenkung der Kapital- und Informationsströme sowie des Personenverkehrs und der Touristenbewegungen, die wesentliche Bestandteile moderner Gesellschaften bilden. Der professionalisierte Militärapparat, in den die modernen Gesellschaften zu ihrer Sicherheit erheblich investiert haben, wird schlichtweg umgangen, und der Angriff zielt direkt auf die leicht verletzbaren Stellen dieser Gesellschaften.12 Oder um es in einem geläufigen Bild auszudrücken: Die Konfrontation mit der gepanzerten Faust des Gegners wird gemieden und stattdessen auf den weichen Unterleib gezielt. Sind die hier zusammenlaufenden Blut- und Nervenbahnen erst einmal getroffen, wird die gepanzerte Faust von selber niedersinken.

Das lässt sich an einem Beispiel erläutern: Wenn nach dem Anschlag unweit der Synagoge auf der tunesischen Ferieninsel Djerba, bei dem 19 Menschen getötet wurden, die aus Westeuropa kommenden Touristenströme versiegen, wenn in Folge dessen die tunesische Tourismusbranche kollabiert und es zu einer schweren Wirtschaftskrise des hochgradig vom Tourismus abhängigen Landes kommt, dann gerät auch der Sturz des politischen Regimes in den Bereich des Möglichen. Sollte dies eintreten, hätte der Westen nicht nur einen wichtigen Bündnispartner verloren, sondern das Machtgefüge in der gesamten Maghreb-Region würde sich dadurch verändern.

Oder ein anderes Beispiel: Die im Gefolge des 11. September eingeführten Sicherheitsvorkehrungen haben auf bestimmten Routen zu einer Verlangsamung der Passagierbewegungen geführt, was neben den unmittelbaren Kosten für die Sicherheitsaufwendungen infolge des erhöhten Zeitaufwands zu einer erheblichen Kostenbelastung der westlichen Wirtschaften geführt hat. Da in kapitalistischen Ökonomien Zeit Geld ist, setzen die Terroristen hier den Hebel an. Und dieser Hebel greift offenbar auch unabhängig von tatsächlichen Anschlägen durch immer wieder erfolgende Warnungen sowie die permanenten präventiven Sicherheitsmaßnahmen.

Verwüstungskrieg als Modell

In diesem Sinne folgen die jüngeren Formen des Terrorismus dem Modell des klassischen Verwüstungskriegs, bei dem nomadisierende Völker in die Randgebiete imperialer Wohlstandszonen (oder Streifscharen der gegnerischen Macht in die ungeschützten Prosperitätszentren eines Staates) eingebrochen sind und hier plündernd und sengend vor allem wirtschaftlichen Schaden angerichtet haben. Dabei hatten sie keinerlei Interesse daran, eine Entscheidungsschlacht mit den Truppen des angegriffenen Gebiets zu suchen, sondern sind im Gegenteil einem Aufeinandertreffen aus dem Weg gegangen.

Das hatte seinen Grund zumeist darin, dass sie einem längeren Gefecht nicht gewachsen gewesen wären. Also entzogen sie sich durch überlegene Beweglichkeit und Schnelligkeit dieser militärischen Konfrontation.13 Nicht durch eine mit militärischen Kräften herbeigeführte Entscheidung, sondern durch die kontinuierliche Zufügung eines für den Gegner auf Dauer untragbaren wirtschaftlichen Schadens versuchten sie ihren politischen Willen durchzusetzen – was auch immer dessen Inhalt sein mochte: von der Aufnahme in die prosperierenden Siedlungsgebiete der imperialen Macht über regelmäßige Tributzahlungen als eine Form von Gewaltabkauf bis zur Erzwingung dynastischer Verbindungen.

Die Gegenwehr der so Angegriffenen umfasste eine ganze Palette von Möglichkeiten, deren Brauchbarkeit in hohem Maße von den soziopolitischen Verhältnissen des Angreifers und der Geographie der Räume abhängig war, aus denen heraus sie operierten. Handelte es sich um einen mit Streifscharen operierenden Staat, so lag es nahe, ihn ähnlichen Schädigungen auszusetzen oder mit großer Heeresmacht auf sein Zentrum vorzustoßen und dort die Entscheidungsschlacht zu suchen. Freilich handelt es sich bei den Akteuren, die Verwüstungskriege führen, selten um Territorialstaaten, die ihrerseits durch Verwüstungskrieg angreifbar sind, sondern zumeist um weder staatlich verfasste noch in einem klar umrissenen Territorium ansässige Völkerschaften, die für ihre auf Beute gerichteten Kriegszüge lose Verbindungen eingehen und danach in der Tiefe des Raumes, aus dem sie gekommen sind, wieder verschwinden. Dementsprechend sind sie für die nachsetzenden Militärverbände nur schwer zu fassen. So schnell wie die Verwüstungskrieger aufgetaucht sind, sind sie auch wieder verschwunden. Doch plötzlich sind sie wieder da, und das Spiel beginnt von neuem.

Abwehr des Verwüstungskriegs

Im Prinzip gibt es für die so Bedrohten zwei Möglichkeiten der Abwehr, die in sich jeweils eine Reihe von Varianten aufweisen: zunächst den Bau von Grenzbefestigungen, an denen dauerhaft Truppenverbände stationiert werden. Der römische Limes und die Chinesische Mauer sind dafür ebenso Beispiele wie die Errichtung von Burgen und Wehrkirchen im östlichen Grenzgebiet der ottonischen Kaiser. Aber solche Verteidigungssysteme sind mit einem permanenten Kostenaufwand verbunden und haben den Nachteil einer erheblichen Inflexibilität der Verteidigung, während der Gegner seine Kräfte nach Belieben konzentrieren kann. Er bestimmt Ort und Zeitpunkt des Angriffs, während der Verteidiger permanent auf der Hut sein muss. Deswegen hat die Verteidigung imperialer Großräume, und das ist die zweite Variante, immer auch darauf gesetzt, Grenzsicherung durch das offensive Eindringen in die vorgelagerten Räume zu betreiben, die ihrerseits verwüstet und in denen alle Ansätze zur Herausbildung militärisch aktionsfähiger Großverbände zerschlagen werden.

Die Analogien zwischen dem klassischen Verwüstungskrieg und den neueren Formen des transnationalen Terrorismus sind frappant, und zwar sowohl hinsichtlich der Angriffsformen des Terrorismus als auch mit Blick auf die Möglichkeiten zu deren Abwehr. Was im klassischen Verwüstungskrieg die Beweglichkeit und Schnelligkeit der Eindringlinge war, ist im Fall terroristischer Akteure deren Klandestinität. Sie operieren im Verborgenen und tauchen erst im Augenblick des Anschlags auf, so dass keine Zeit mehr bleibt, geeignete Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Terroristen agieren gleichsam unter der Tarnkappe, und das erst verschafft ihnen die Möglichkeit, einen in fast jedem Bereich überlegenen Gegner anzugreifen.

Nur in zweierlei Hinsicht ist dieser Gegner nicht überlegen, und das ist die Verfügung über die Ressource Zeit sowie die Möglichkeit, auf eine ausgeprägte Opferbereitschaft der Bevölkerung zurückgreifen zu können. Genau hier setzt die neuere terroristische Strategie an: Durch die Klandestinität der Akteure vermag sie zunächst die Zeitrhythmen der Auseinandersetzung zu kontrollieren, und durch Angriffe auf zivile Ziele, d.h. auf die geringe Opferbereitschaft der Menschen in postheroischen Gesellschaften, erhöht sie den Druck auf die jeweiligen Regierungen, schnelle Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus zu erzielen oder durch politische Konzessionen ein Ende der Bedrohung zu erreichen.

Vor allem demokratisch kontrollierte Regierungen haben in der Konfrontation mit dem Terrorismus einen schweren Stand. Terroristen nutzen nämlich die hohe Mediendichte moderner Gesellschaften, um die psychischen Effekte ihrer Anschläge zu verstärken,14 während gleichzeitig die demokratische Verfasstheit dieser Gesellschaften den Regierungen eine entsprechende Kontrolle der Medien als Abwehrmaßnahme untersagt. All dies ermöglicht kräftemäßig schwachen Akteuren, zu einer bedrohlichen Herausforderung starker und reicher Staaten zu werden.

Strategische Asymmetrie

Es sind also im Wesentlichen asymmetrische Konstellationen, die für die terroristische Bedrohung charakteristisch sind. Nun waren aber auch der herkömmliche Terrorismus und selbstverständlich auch die Strategie des Partisanenkriegs Formen asymmetrischer Kriegführung, jedoch fast immer mit der Einschränkung, dass die Asymmetrie Ausdruck einer anfänglichen Schwäche der Insurgenten bzw. Revolutionäre sei und in dem Maße, wie diese im Verlaufe des Krieges an Stärke gewannen, schrittweise in Symmetrie überführt werde. Die Entscheidungsschlacht als symmetrische Konfrontation war der Zielpunkt fast aller Konzeptionen des Partisanenkriegs, an erster Stelle der maoistischen Guerilladoktrin.15

Genau dies ist bei den jüngeren Formen des transnationalen Terrorismus nicht der Fall: Asymmetrische Konfrontationen werden nicht länger als Stufen zur angestrebten Symmetrie konzipiert, sondern die Perspektive einer zu erreichenden Symmetrie mit dem Gegner ist verabschiedet. Das ist eine weit reichende politisch-strategische Innovation, die zugleich eine realistische Kräfteeinschätzung seitens der strategischen Planer der jüngsten Terrorkampagnen zeigt: Konnte Mao Tse-tung noch mit Recht davon ausgehen, dass sich die chinesische Volksbefreiungsarmee im Verlaufe des Krieges zu einem gleichartigen Kontrahenten der japanischen Invasionsarmee und später der Kuomintang-Streitkräfte entwickeln werde, so wären derlei Erwartungen bei Osama Bin Laden oder Aymon al-Zawahiri völlig illusionär.

Die jüngeren Formen des Terrorismus beruhen also darauf, dass in ihnen Asymmetrie nicht als eine zeitlich begrenzte Notmaßnahme, sondern als der definitive Schlüssel des Erfolgs gedacht wird. Eine Konfrontation mit dem Militärapparat der westlichen Vormacht wird darum auch nicht für die ferne Zukunft angestrebt. Im Gegenteil: Alles kommt darauf an, sich dessen Zugriff zu entziehen, um immer wieder die zivile Infrastruktur der westlichen Gesellschaften attackieren zu können. Diesem Zweck ist die Organisationsstruktur der Gruppen in Form entterritorialisierter Netzwerke optimal angepasst.

Strategische Entgegnung

Wie lässt sich diese neuartige terroristische Herausforderung unserer Gesellschaften bekämpfen bzw. wie steht es um den von George W. Bush vor mehr als zwei Jahren ausgerufenen Krieg gegen den Terrorismus? Die immer wieder zu hörende Behauptung, terroristische Gruppen ließen sich nicht durch den Einsatz von Militär bekämpfen, ist im Lichte der hier entwickelten Überlegungen zur terroristischen Strategie zu prüfen, und dabei stellt sich heraus, dass es sich dabei eher um ein ungeprüftes Glaubensbekenntnis als eine belastbare Gegenstrategie handelt. In der Auseinandersetzung mit der terroristischen Bedrohung besteht die erste Verteidigungslinie in einer Einstellung der Bevölkerung, die man als „heroische Gelassenheit“ bezeichnen könnte.

Zielen terroristische Anschläge vor allem auf die labile psychische Infrastruktur moderner Gesellschaften, um mit relativ geringem Aufwand tief greifende Wirkungen zu erzielen, so ist diesen Anschlägen dadurch ein Großteil ihrer Wirkung zu nehmen, wenn nicht mit hysterischer Erregtheit, sondern kaltblütiger Zurückhaltung reagiert wird. Dann können weder Touristenströme unterbrochen noch Fluggesellschaften wirtschaftlich ruiniert werden, und auch die Ausschläge der Aktienkurse werden weniger stark ausfallen. Die in europäischen Augen mitunter etwas schrill anmutenden patriotischen Bekundungen in den USA nach dem 11. September haben einem ähnlichen Zweck gedient, nur dass dieser Reaktionsform die Durchhaltefähigkeit abgeht, wie sie von „heroischer Gelassenheit“ unter dem Eindruck längerfristig angelegter Anschlagsserien zu erwarten ist.

Im Unterschied hierzu hat die zweite Verteidigungsebene einen stärker offensiven Charakter; sie besteht aus einem Mix polizeilicher und geheimdienstlicher Maßnahmen mit militärischen Operationen. Ziel dessen ist, durch die Erzeugung von Verfolgungsdruck die Angriffsfähigkeit terroristischer Gruppen einzuschränken und ihnen vor allem die zunächst uneingeschränkte Verfügung über die Zeitrhythmen der Auseinandersetzung zu entreißen. Wie alle anderen Organisationen verfügen auch terroristische Netzwerke nur über begrenzte Ressourcen, und deshalb geht es darum, sie in eine Situation zu bringen, in der sie einen Großteil dieser Ressourcen – vor allem deren knappste: Aufmerksamkeit – für ihre Selbsterhaltung einsetzen müssen und dementsprechend nur noch wenig für die Durchführung von Angriffsoperationen verfügbar haben. Militärische Operationen haben dabei die Aufgabe, die Gegenseite unter Stress zu setzen, um so einen erhöhten Ressourcenverbrauch zu erzwingen oder zu Fehlern zu verleiten.

Davon, dass der Einsatz von Streitkräften wie in symmetrischen Konflikten auf eine schnelle militärische Entscheidung zielt, kann freilich keine Rede sein. Eher sind Militäraktionen im Rahmen der Terroristenbekämpfung mit jenen präventiven Offensivoperationen zu vergleichen, durch die die Wahrscheinlichkeit von Verwüstungsstreifzügen potenzieller Angreifer vermindert werden sollte. Der Terrorismus kann dadurch genauso wenig endgültig besiegt werden wie einst die Möglichkeit des Einbruchs verwüstender Streifscharen auf diese Weise ausgeschlossen werden konnte. Aber seine Angriffsfähigkeit wird vermindert, so wie früher die Einbruchswahrscheinlichkeit reduziert wurde.

Bleibt schließlich noch die dritte Verteidigungsebene zu erwähnen, die jedoch erst mittel- bis langfristig Wirkung zu entfalten vermag, wobei deren Ausmaß nicht mit Sicherheit vorhergesagt werden kann: Sie kann tief greifend sein und zur Austrocknung der Strukturen terroristischer Gruppen führen, sie kann ebenso aber auch nur marginal sein und tendenziell bedeutungslos bleiben. Es geht hierbei um die Trennung der Terrorgruppen im engeren Sinn von ihrem Unterstützerumfeld, und das heißt vom Zufluss neuer Kämpfer, von Geld und von politischer Legitimität.

Wiewohl diese Ebene die in der öffentlichen Debatte am häufigsten und intensivsten apostrophierte ist, sind hier bislang kaum überzeugende operationalisierbare Konzepte entwickelt worden. Diese Ebene ist wichtig, aber solange sie nur beschworen wird und konzeptionell unterbelichtet bleibt, wird man von ihr nicht zu viel erwarten dürfen.

Anmerkungen

1  Dazu Peter Waldmann, Terrorismus. Provokation der Macht, München 1998, S. 56 ff. und 75 ff., sowie Walter Laqueur, Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus, Berlin 1998, S. 23 ff.

2  Hierzu ausführlich Münkler, Guerillakrieg und Terrorismus; in: ders., Gewalt und Ordnung. Das Bild des Krieges im politischen Denken, Frankfurt/M. 1992, S. 142–175, 224–231, sowie Münkler, Die Gestalt des Partisanen. Herkunft und Zukunft; in: ders., Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion, Weilerswist 2002, S. 173–198.

3  Schmitt nennt vier Merkmale des Partisanen: die Irregularität der Kampfweise, das intensive politische Engagement, die gesteigerte Mobilität und schließlich den tellurischen Charakter, der die „grundsätzlich defensive Situation des Partisanen“ bezeichnet. Carl Schmitt, Theorie des Partisanen. Zwischenbemerkung zum Begriff des Politischen, Berlin 1963, S. 20–28, insbes. S. 26.

4  „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ Carl von Clausewitz, Vom Kriege. 19. Auflage, hrsg. von Werner Hahlweg, Bonn 1980, S. 191 f.

5  So etwa Erhard Eppler, Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? Die Privatisierung und Kommerzialisierung von Gewalt, Frankfurt/M. 2002. Der Verfasser hat in zahlreichen Publikationen die Gegenposition vertreten, zuletzt in Münkler, Kriege im 21. Jahrhundert; in: Erich Reiter (Hrsg.), Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2003, Hamburg/Berlin/Bonn 2003, S. 83–97.

6  Vgl. Mary Kaldor, Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeitalter der Globalisierung, Frankfurt/M. 2000, insbes. S. 144 ff., Peter Lock, Ökonomien des Krieges. Ein lange vernachlässigtes Forschungsfeld mit großer Bedeutung für die politische Praxis; in: Astrid Sahm u.a. (Hrsg.), Die Zukunft des Friedens. Eine Bilanz der Friedens- und Konfliktforschung, Wiesbaden 2002, S. 269–286, sowie Münkler, Politik und Krieg. Die neuen Herausforderungen durch Staatszerfall, Terror und Bürgerkriegsökonomien; in: Armin Nassehi und Markus Schroer (Hrsg.), Der Begriff des Politischen, Baden-Baden 2003 (Soziale Welt, Sonderheft 14), S. 471–490.

7  Dazu Münkler, Asymmetrische Gewalt. Terrorismus als politisch-militärische Strategie; in: ders., Über den Krieg (wie Anm. 2), S. 252–264. Die tief greifenden Umwälzungen, die asymmetrische Kriegführung in der internationalen Ordnung hervorruft, sind analysiert bei Christopher Daase, Kleine Kriege – große Wirkung. Wie unkonventionelle Kriegführung die internationale Politik verändert, Baden-Baden 1999.

8  Dazu Walter Laqueur, Terrorismus, Kronberg/Ts. 1977, S. 27 ff., sowie ders. (Hrsg.), Zeugnisse politischer Gewalt. Dokumente zur Geschichte des Terrorismus, Kronberg/Ts. 1978, S. 56 ff.

9  Eine gewisse Ausnahme stellt hier die anarchistische Kriegserklärung an die Bourgeoisie dar, die in Einzelfällen zu Anschlägen geführt hat, die weder Zielauswahl noch Opferbegrenzung erkennen lassen. Höhepunkt dessen war die Bombenexplosion im Pariser Café Terminus mit der anschließenden Erklärung des Attentäters Emile Henry, es gebe keine Unschuldigen. Aber das waren Ausnahmen.

10 Dazu ausführlich Peter Waldmann, Terrorismus und Bürgerkrieg. Der Staat in Bedrängnis, München 2003, S. 38 ff.

11 Eine recht zuverlässige Zusammenstellung findet sich bei Oliver Schröm, Al Qaida. Akteure, Strukturen, Attentate, Berlin 2003. Eine Ausnahme in der Auswahl nichtmilitärischer Ziele bildet der Anschlag auf den amerikanischen Zerstörer Cole am 12. Oktober 2000 im Hafen von Aden.

12 Dazu Münkler, Grammatik der Gewalt. Der jüngste Strategiewandel des Terrorismus und dessen Folgen für die Organisationsstruktur terroristischer Gruppen; in: Ronald Hitzler und Jo Reichertz (Hrsg.), Irritierte Ordnung. Die gesellschaftliche Verarbeitung von Terror, Konstanz 2003, S. 13–29.

13 Organisationsform und Kampfweise des Verwüstungskriegs finden sich in den an Schlachten bzw. der Entwicklung der Operationskunst orientierten Darstellungen der Kriegsgeschichte nur selten behandelt; eine Ausnahme: John Keegan, Die Kultur des Krieges, Berlin 1995, S. 267 ff.

14 Dazu Münkler, Terrorismus als Kommunikationsstrategie; in: Internationale Politik, 56. Jg., 2001, Heft 12, S. 11–18.

15 Vgl. Mao Tse-tung, Vom Kriege. Die kriegswissenschaftlichen Schriften, Gütersloh 1969, S. 165 ff. und 267 ff.

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