01. Juli 2015

Smarte Gründer

Eine selbstbewusste, erfolgshungrige und global orientierte Start-up-Generation wurde bislang durch staatliche IT-Politik gehemmt, die auf Abschottung und Machtzentralisierung setzt. Damit die neuen Start-up-Förderpläne erfolgreich umgesetzt werden können, braucht es jedoch ein unternehmerisches Miteinander lokaler Kader und engagierter Gründer.

Wie ein Tiger läuft Zhang Peng, Gründer der chinesischen Start-up-Plattform Geek Park, vor den rund 100 Zuhörern der Berliner Digital-Konferenz re:publica im Mai 2015 auf und ab. Das schwarze T-Shirt des Mittdreißigers ziert die Ikone der Paradoxie und der Superdenker: die Katze des österreichischen Physikers Erwin Schrödinger. „Folgen Sie mir“, sagt er in fließendem Englisch und schaut beschwörend in die Menge, „in den nächsten 30 Minuten zeige ich Ihnen ein China, das Sie noch nie gesehen haben.“

Das China, das Zhang mit gut gewählten Bildern an die Wand zaubert, zeigt futuristische Wolkenkratzer und Menschen, die gerne und viel shoppen. Seine Ikonen sind ein smartes Handy des weltweit höchstbewerteten Start-ups ­Xiaomi und eine kleine Drohne des globalen Marktführers Da-Jiang Innovations. Zu den wichtigsten Persönlichkeiten, die er aufzählt, gehören die sechs erfolgreichsten IT-Unternehmer der Volksrepublik. Zhangs China ist das Land einer selbstbewussten, erfolgshungrigen und global orientierten Start-up-Generation. Wie das mit einer auf Abschottung und Machtzentralisierung zielenden IT-Politik der Regierung zusammenpassen soll, ist kaum vorstellbar. Damit Pekings groß angelegten Förderpläne für die Start-up-Industrie als Innovationsmotor erfolgreich sein können, braucht es ein unternehmerisches Miteinander lokaler Kader und engagierter Start-up-Gründer.

China ist vom Gründungsfieber gepackt. Mit einem eigenen Produkt Erfolg zu haben, ist für viele junge Chinesen attraktiver als für andere zu arbeiten oder gar ein Leben lang Beamter zu sein. Viele wagen den Schritt in die Selbständigkeit und bringen dabei einige Jahre Erfahrung und Netzwerke aus der IT-Branche mit. Sie tummeln sich am liebsten im Bereich der so genannten Online-to-Offline (O2O)-Dienste, wie beispielsweise Taxidienst-Apps, oder im E-Commerce. Trendsetter wollen neue Produkte in den Sektoren Smart Home und Gesundheitsdienstleistungen auf den Markt bringen. Die Zielgruppe sind Smartphone-Surfer: Mehr als 85 Prozent der rund 650 Millionen Internetnutzer in der Volksrepublik gehen vorwiegend über das eigene Handy ins Netz. Es sind Konsumenten, die neue Programme, IT-Produkte und Gadgets neugierig und schnell aufnehmen. Im Massenmarkt China können Apps innerhalb weniger Tage Millionen von Downloads erzielen – und ihr Erfinder ist reich.

In großen Städten können angehende Gründer dabei in Hightech- und Kreativ-Parks Fuß fassen, die von lokalen Regierungen initiiert und bezuschusst werden. In Metropolen wie der südchinesischen Stadt Shenzhen finden Start-ups mit Hardware-Ambitionen zudem eine hohe Fabrikdichte und gut ausgebaute Logistiknetzwerke; Prototypen können entsprechend günstig produziert und an den Kunden oder den Investor gebracht werden. Nationale und internationale Wagniskapital-Investoren befeuerten Chinas Start-up-Boom. Nachdem Peking Regularien für nationale Börsengänge 2013 wieder gelockert hatte und Fusionen in der IT-Branche üblicher wurden, will jeder mitverdienen am Gründungsfieber: Wagniskapital-Investitionen in chinesische Unternehmen haben sich 2014 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 15,5 Milliarden Dollar verdreifacht. Europäische Unternehmen konnten dagegen „nur“ rund 8,8 Milliarden Dollar Kapitel anziehen, US-Firmen blieben mit rund 52,1 Milliarden Dollar Spitzenreiter.


Von Copy-Cats zu Innovationstreibern

Chinesische Start-ups haben es bereits auf die Top-Plätze globaler Rankings geschafft: Laut der amerikanischen Finanzplattform Dow Jones waren Anfang 2015 unter den 15 höchstdotierten Unternehmen drei chinesische. Auf Platz eins lag die für ihre Handys bekannt gewordene Firma Xiaomi mit 46 Milliarden Dollar, auf Platz zehn folgte Meituan, eine Gruppenrabattplattform mit rund sieben Milliarden Dollar; der 2012 initiierte Taxivermittlungsdienst „Hup-hup, nimm ein Taxi“ (Dididache) landete mit 3,5 Milliarden Dollar auf Platz 14. Wer bei letzterem Unternehmer an das amerikanische Start-up Uber denkt oder Meituan als das chinesische Groupon bezeichnet, liegt damit nicht völlig falsch. Ideen und Geschäftsmodelle chinesischer IT-Gründer beruhen oftmals auf amerikanischen Vorbildern. Diese werden dann sprachlich, aber auch ästhetisch an den chinesischen Geschmack und Bedarf angepasst. Beispielsweise lieben viele chinesische Netizens bunte, grelle Farben und Avatare (virtuelle Profilbilder), die sich ausschmücken lassen. Aber aus diesen „Copy-to-China“-Ideen werden durch ständige Anpassung und Weiterentwicklung auch ab und zu ganz eigene innovative Produkte. Die Kommunikationsplattform WeChat (Weixin) hat als WhatsApp-Verschnitt angefangen, dann aber früh weitere Kommunikationskanäle hinzugefügt. Nach und nach öffnete WeChat, das aktuell rund 500 Millionen aktive monatliche Nutzer verzeichnet, seine Plattform für andere Programme: So können seine Nutzer nicht nur chatten, sondern auch Reisen buchen, Restaurants bewerten, Geräte per Bluetooth nutzen oder Geld in einem unternehmenseigenen Fonds anlegen – mit höheren Zinsen, als staatliche Finanzanlagen sie bieten.

Für solch ein eigenes Finanzprodukt setzte das amerikanische IT-Magazin Fast Company das Unternehmen Alibaba auf Platz drei der 50 innovativsten IT-Unternehmen 2014. Auf Platz 22 liegt das Hardware-Start-up Da-Jiang Innovations, das rund 70 Prozent des zivilen Drohnenmarkts beherrscht und Anfang Mai rund 75 Millionen Dollar Wagniskapital einwarb. Drei Plätze weiter, genau in der Mitte des Rankings, findet sich das Start-up-Unternehmen Apricot Forest, das eine umfangreiche und systematische Diagnose- und Verwaltungssoftware für Mediziner entwickelt hat. Diese ist auch mit WeChat nutzbar: Ärzte können Patienten direkt neue Termine oder Materialien zuschicken.

Solche globalen Flaggschiffe der Start-up-Branche sind ganz im Sinne der chinesischen Regierung. Peking sieht die Gründer als Treiber der Innovation und des so genannten „industrial upgrading“ – Chinas Transformation von einem Lowtech- zu einem Hightech-Land. Zudem hofft die Führung, dass Start-ups Entlastung für den städtischen Arbeitsmarkt bringen: Laut einer Studie der staatsnahen Akademie für Sozialwissenschaften lag die durchschnittliche Arbeitslosigkeit unter Universitätsabsolventen bei 17,6 Prozent. Studentische Unzufriedenheit gilt seit der großen, hauptsächlich von Akademikern initiierten städtischen Protestbewegung 1989 als Politikum.


Staatliche Förderung mit Hindernissen

Chinas Regierung hat insbesondere seit Anfang 2015 eine Reihe von Maßnahmen zur Förderung der Start-up-Industrie angekündigt. Peking will einen eigenen, 6,5 Milliarden Dollar umfassenden Wagniskapital-Fonds einrichten. Damit sollen in erster Linie Start-ups im Hardware-Bereich unterstützt werden. Indem die Führung zukünftig verstärkt Börsengänge von IT-Start-ups im ­Inland unterstützt und die Restriktionen für ausländische Investitionen im ­IT-Bereich lockert, soll noch mehr Geld in den Sektor fließen. Insbesondere ­E-Commerce-Unternehmen werden von vereinfachten Registrierungsvorschriften und Steuererleichterungen profitieren können, so lauten weitere Maßnahmen auf Pekings langer Liste der Ankündigungen.  

Chinesische Beobachter bezweifeln jedoch, ob lokale Kader im Zuge einer Re-Ideologisierung und unter dem Damokles-Schwert eines jederzeit drohenden Korruptionsverfahrens unternehmerische Dynamiken ankurbeln wollen. Manche Funktionäre zweckentfremden das Geld für Start-up-Förderung lieber und investieren es in den immer noch profitträchtigen Immobiliensektor. Dass boomende Online-Dienste auch mangelnde Rechtsdurchsetzung in Offline-Märkten offenlegen, hat das Beispiel der Taxiruf-Apps gezeigt: Schienen Chinas Taxifahrer erst durchaus angetan von dem neuen Geschäftsmodell, gingen sie Anfang des Jahres in mehreren Städten wütend auf die Straße. Der Grund: Die Online-Rufdienste vermittelten auch so genannte „graue Taxen“ von nicht staatlich lizensierten Fahrern. Lokale Regierungen sollen dem nun einen Riegel vorschieben.

Fragt man Start-up-Unternehmer nach der größten Herausforderung, antworten sie mehrheitlich: fehlendes Startkapital, vor allem aber mangelnde, gut qualifizierte Mitarbeiter. Im Bereich private und staatliche Seed-Finanzierung kann China schnell Fortschritte erzielen. Das Problem der mangelnden Talente wiegt schwerer: Es geht nicht – so jüngste Umfragen der chinesischen IT-Plattformen iResearch und Changyebang – um fehlendes Fachwissen, sondern vor allem um „Out of the box“-Denken und die Entwicklung von kreativen Marketingstrategien. Dazu bräuchte China nicht nur mehr Start-up-bezogene Kurse, sondern ein offenes, pluralistisches Bildungssystem, das auch abweichende Meinungen fördert. Die Vorstöße der Regierung, westliche Lehrbücher an Universitäten zu verbieten und Forscher durch das Verbot ausländischer VPN-Verbindungen von wichtigem globalem Wissensaustausch abzuschneiden, sprechen derzeit jedoch eine andere Sprache.

Unternehmer wie Zhang Peng stört dies alles wenig, solange er zwischen seinen Niederlassungen in Silicon Valley, Europa und China frei hin- und herreisen, sein iPhone überall benutzen und Daten bei Amazon Cloud lagern kann. Nur selten kritisieren IT-Unternehmer die Abschottungspolitik Pekings. Sie arrangieren sich, wo es notwendig und gewinnfördernd ist. Ansonsten ziehen es viele von ihnen vor, die Politik einfach zu ignorieren und sich ihre eigene Welt aufzu­bauen. Das ist vielleicht die größte Herausforderung für die chinesische Regierung: Sie erreicht die smarten Gründer mit ihren kollektivistischen Beschwörungen von nationaler Cyber-Sicherheit und „westlicher Infiltration“ kaum noch. Was die Start-up-Unternehmer mit dem Traum Internet verbinden, ist vor allem, genauso reich zu werden wie der Alibaba-Gründer Jack Ma.


Dr. Kristin Shi-Kupfer ist Leiterin des Forschungsbereichs Politik, Gesellschaft, Medien am MERICS.
 

Bibliografische Angaben

IP Länderpoträt 2, Juli-Oktober 2015, S. 32-35

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