„Schreib’s auf und erzähl’s außerhalb Israels“
Drei Begegnungen in einem Land des Obwohl und Trotzdem
Der Schriftsteller Etgar Keret wurde jahrzehntelang im In- und Ausland als „Wunderkind der hebräischen Literatur“ gefeiert. Inzwischen ist Keret 58 Jahre alt und grauhaarig. Seine Augen sind noch voll wieselflinker Freundlichkeit, doch in der Stimme klingt eine gewisse Ermüdung mit. Wie ist es, frage ich ihn bei einem Besuch an einem sommerlichen Vormittag, in einem Land zu leben, in dem nahezu ohne Unterlass das herrscht, was sich alle angewöhnt haben ha-matzav zu nennen, „die Lage“, eigentlich ein Synonym für „permanenten Ausnahmezustand“?
„Die Traumata und nicht bewältigten Konflikte der Vergangenheit“, sagt Keret, „verquirlen sich mit der Gegenwart, was wiederum – und das nicht erst seit dem Hamas-Überfall vom 7.Oktober 2023 und dem darauffolgenden Gazakrieg – neue Traumata produziert.“
Wie viele israelische Intellektuelle zählt Etgar Keret zu den schärfsten Kritikern der gegenwärtigen Regierung; einer Regierung, die versucht, die Gewaltenteilung im Land zu schleifen, die Arbeit von Generalstaatsanwaltschaft und Oberstem Gericht zu paralysieren und damit Kern-Israel zu einer „illiberalen Demokratie“ à la Viktor Orbán zu machen. „Wir nähern uns damit“, sagt Keret, „der Situation im besetzten Westjordanland an, denn der dort mangelnde Rechtsschutz für die palästinensische Mehrheitsbevölkerung könnte bald auch unsere Zukunft sein, als Israelis.“
Laut Umfragen ist entweder die Mehrheit im Land oder knapp darunter davon überzeugt, dass Premier Benjamin Netanjahu durchaus Interesse an permanent vor sich hin köchelnden militärischen Konflikten hat, um die Korruptionsermittlungen gegen sich zu torpedieren und das Land in Atem zu halten; auch Keret glaubt das.
Gleichzeitig ist Keret keiner jener „post-zionistischen“ Linken, die in ihren oftmals übersteigerten Anklagen so gern ignorieren, was das genozidale Hamas-Massaker auch mental ausgelöst hat und weshalb die Skepsis vor einer vagen „Zweitstaatenlösung“ durchaus begründet sein kann. Und dass Israels Todfeinde in Gaza, im Libanon und im Iran weiter danach trachten, so viel Leid wie möglich anzurichten.
„Wie gesagt, ich bin ein Erzähler und kein Herold für einfache Lösungen“, sagt Etgar Keret und blickt auf die glitzernden Staubkörnchen, die über unseren Köpfen tänzeln. Wie still es auf einmal ist. So still wie das Telefon, so ruhig wie Etgars E-Mail-Posteingang.
„Ich will nicht jammern, aber es zumindest ansprechen: Seit dem 7.Oktober und den weltweiten Boykottbewegungen gegen Israel werde ich kaum noch zu Veranstaltungen im Ausland eingeladen“, trotz seiner klaren Worte zur israelischen Kriegsführung in Gaza. Keret beobachtet eine Tendenz, „alle und alles aus Israel zu canceln“ und eine „geradezu rituelle Abwehr jeglicher Erfahrung von Widersprüchlichkeit, von Ambivalenz und immanenter Ambiguität – und in diesem Ausschlag der Kompassnadel dann eben sehr wohl ein Zeichen für Antisemitismus.“
Was den Erklärrahmen sprengt
Dann, in einer bewussten Parodie eines Kneipengespräch-Therapie-Sounds: „Und bei Dir so?“ Es ließe sich sagen: Auch dieses Mal ein Übermaß an Begegnungen, die nicht ins Raster medialer Großerzählungen passen. Beweisen oder widerlegen sie etwas, zeugen sie womöglich von „falscher Unmittelbarkeit“ und sind lediglich „Nebenwidersprüche“ – falls sich noch jemand an jene altlinke Rhetorik erinnert, mit der einst alles abgebügelt wurde, was den ideologischen Erklärrahmen zu sprengen drohte. Oder handelt es sich um ein „Pinkwashing“, mit dem die „Queers for Palestine“ und das Heer anderer Israel-Boykotteure jeden Faktenhinweis denunzieren, der auf die regionsweit einmalige Freiheit sexueller Minderheiten in Israel rekurriert? „Erzähl“, sagt Etgar Keret.
Nun, es wäre dann also zu sprechen von jenem Freund, der in einem Städtchen außerhalb Tel Avivs lebt, zusammen mit seinem Partner aus den palästinensischen Autonomiegebieten. Dessen Aufenthaltsstatus war nach dem 7. Oktober von dauerhaft auf temporär zurückgestuft worden – eine durchaus diskutable Vorsichtsmaßnahme, die viele Palästinenser betrifft, die aber gleichzeitig vom rechtsextremen Sicherheitsminister Ben-Gvir für eigene Zwecke willkürlich ausgelegt wird. Was wiederum die Eltern des Freundes auf den Plan gerufen hat, Erzkonservative eigentlich, ihrem Schwiegersohn in spe beizustehen – einen Anwalt zu bezahlen und sich in Dokumente einzuarbeiten, die dieser Handwerkerfamilie ziemlich fremd sein müssen.
Oder es wäre von A. zu sprechen, der mir in diesem Sommer zum ersten Mal erzählt, dass er am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 einer der Teilnehmer jenes Nova-Festivals Trance-Techno tanzender Peaceniks war, das die Hamas in ein Schlachtfeld verwandelt hatte. Überlebt hatte er dank seines Aussehens; seine Vorfahren waren orientalische Juden, die man nach der Staatsgründung Israels aus ihren bisherigen Heimatländern Libyen, Syrien und dem Irak vertrieben hatte. „Sie hielten mich für einen Araber, das hat mir das Leben gerettet.“ Im apokalyptischen Durcheinander sei es ihm schließlich gelungen, sich unbemerkt wegzuschleichen, „in ein Erdloch, in dem mich schließlich am Ende dieses grauenhaften Tages Soldaten der IDF fanden, zitternd und stotternd“.
Und er fügte das hinzu, mit einem schmerzlichen Lächeln, was mit nahezu gleichen Worten nun auch Etgar Keret sagt: „Schreib’s auf und erzähl’s außerhalb Israels. Einen Versuch dürfte es wert sein, obwohl ...“
Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 114-115
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