01. November 2015

Schräg und verkabelt

Das texanische Austin gehört zu Amerikas erfolgreichsten Metropolen

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Hauptstadt des US-Bundesstaats Texas eher ärmlich – bis es ihr gelang, die Pflege von Musik- und Hippiekultur sowie der sprichwörtlichen Abgedrehtheit mit innovativem Unternehmertum und der Ansiedelung von Hightech-Firmen zu vereinen. Seitdem wächst das auch „Silicon Hills“ genannte Austin rasant.

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Die Geschichte spielt in Austin, und sie ist so schräg, wie sich die Hauptstadt von Texas ihr Image wünscht. Im Juli stieß Tim Hill, ein für die Recyclingabteilung tätiger junger Mitarbeiter der Stadtverwaltung, auf dem morgendlichen Heimweg vom Fitnesstraining auf ein Auto, das wegen einer Panne liegen geblieben war. Der Fahrer auf der Gabriel Collins Road, die südlich der Stadtgrenze nahe einer stillgelegten Mülldeponie entlang führt, war sehr aufgeregt. Kein Wunder: Bei seiner Beifahrerin setzten gerade die Geburtswehen ein. Hill rief den medizinischen Notdienst an und ließ sich erklären, was er zu tun habe. Minuten später holte der Afroamerikaner ein kleines Mädchen zur Welt; mit einem Schnürsenkel klemmte er die Nabelschnur ab. Mutter und Kind sind wohlauf.

„Schräg“ oder „weird“ ist es, wenn ein Recyclingexperte zur Hebamme wird; und als „schräg“ oder „weird“ bezeichnet sich Austin, die Boomtown im Süden der USA. „Es ist kein Geheimnis, dass die schrägsten Typen von Texas in Austin leben, selbst wenn man den Regierungsapparat her-ausrechnet“, witzelt der Reiseschriftsteller Jerome Pohlen, der den „Sonderlingen von Texas“ ein kurzweiliges Traktat gewidmet hat. 

Was ist so schräg an Austin? Da ist der „Hippie Hollow Park“ am Strand des Lake Travis im Nordwesten der Stadt. Er bietet seit den sechziger Jahren die einzige offizielle FKK-Möglichkeit in Texas. Oder die „Cathe-dral of Junk“ in 4422 Lareina Drive im Süden, drei Stockwerke hoch, errichtet aus Schrott und von Ingenieuren als stabil zertifiziert. Der Künstler Vince Hannemann hat die etwas andere Touristenattraktion aus mehreren Tonnen Müll erbaut, darunter alte Fahrräder, Möbelteile, Kühlschranktüren, Surfbretter und Heizungsrohre. Und schließlich Austins Original Crazy Carl Hickerson: ein bärtiger Hippie und leicht exhibitionistischer Schauspieler, dessen Bühne die Straße ist. Der BH-tragende Crazy Carl ist stolz auf seine Männerbrüste und tritt in Austin seit Dekaden bei Kommunalwahlen an. Mit Forderungen wie „Nacktbaden statt Wachstum“ hat er zwar nie genügend Stimmen bekommen, aber immer hohe Sympathiewerte. Über Crazy Carl, dessen Führerschein tatsächlich diesen Vornamen trägt, wurden bereits Dokumentarfilme gedreht und Songs -geschrieben. 
 

„Weird“ in jedem Sinne

„Weird“ im Sinne von „einzigartig“ wollen auch die gesellschaftlichen Eliten von Austin sein. Als „Weird“ im Sinne von „innovativ“ empfinden sich die Studenten der dortigen Texas University und die vornehmlich jungen Mitarbeiter aufstrebender Hightech-Firmen in der gern „Silicon Hills“ genannten Stadt. Und als „weird“ im Sinne von „außergewöhnlich“ sehen sich Künstler und Musiker in der „Welthauptstadt der Live-Musik“. 

Und dann gibt es noch die Autoaufkleber und T-Shirts mit der Forderung „Keep Austin Weird“. Der Slo-gan wird von linken Gruppen verbreitet, die den Kapitalismus bedrohlich finden und zurück wollen zu Austins Hippie-Gemütlichkeit der sechziger Jahre. Er wird von Umweltschützern hochgehalten, die Angst haben vor dem Wachstum der Stadt und ihrer Wirtschaft. „Keep Austin Weird“ ist aber auch ein geniales PR-Motto geworden für alteingesessene Firmen, Restaurants oder Musik-Clubs, die sich gegen große Konzerne, expandierende Kaffeehaus-Ketten oder Junk-Food-Shops wehren. 

Die Angst vor dem Neuen ist erstaunlich, weil das dynamische Austin erst durch ständige Veränderung zu dem geworden ist, was es heute darstellt. Fast zwei Millionen Menschen leben in der Stadt und ihren Vororten. Der Süden der USA insgesamt gewinnt an Einwohnern, und Texas, die Nummer zwei hinter -Kalifornien, weist das stärkste Bevölkerungswachstum aller Bundesstaaten auf. Die unternehmerfreundliche Steuerpolitik lockt Firmen, Arbeitsplätze und Arbeitswillige in den Lone-Star-Staat. 

Austin ist einer der größten Gewinner dieses Trends. Die Arbeitslosigkeit liegt weit unter dem texanischen Durchschnitt und dem des Bundes, das wirtschaftliche Wachstum deutlich darüber. Von 250 000 Einwohnern im Jahr 1970 hat sich die Bevölkerung der Stadt bis heute nahezu vervierfacht auf 912 000. Allein 2014 zogen 66 000 Menschen nach Austin, und 39 100 neue Jobs entstanden. Mitsamt seinen Vororten zählt Austin gar über 1,9 Millionen Einwohner. Bis 2020 wächst „Greater Austin“ nach aktuellen Prognosen auf 2,3 Millionen, was ein Plus von 18,7 Prozent bedeuten würde. Texas mit derzeit 27 Millionen Einwohnern soll in der gleichen Zeit nur um 13,3 Prozent zulegen.
 

Ärmliche Anfänge

Dabei war Austin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher ärmlich. Die Stadt verdiente nicht mit am Ölboom, und ein anderer wichtiger texanischer Wohlstandsfaktor, die Landwirtschaft, warf in der ziemlich unfruchtbaren Gegend wenig ab. 

In den sechziger und siebziger Jahren erkannten die Kommunalpolitiker die Bedeutung neuer Hochtechnologien. Sie warben Firmen wie IBM, Motorola und Texas Instruments an, die in Austin große Niederlassungen gründeten. Damit stieg die Zahl der Einwohner rasch. Es wurde auch interessanter, in der Stadt zu studieren. Der Austin-Boom begann. 

Vom Platzen der Internetblase im Jahr 2000 erholte sich die Stadt erstaunlich schnell. Seit 2002 ist die Wirtschaft von Austin im Durchschnitt jährlich um 5,7 Prozent gewachsen. Für 2015 wird ein etwas moderaterer Wert erwartet. „Aber Sie müssen daran denken, dass das, was für uns ‚moderat‘ heißt, für den Rest des Landes explosives Wachstum bedeuten würde“, sagt Brian Kelsey von dem auf Datenanalyse spezialisierten Austiner Beratungsunternehmen CivicAnalytics. 

Es ist ein Dreiklang aus Bildung, Entertainment und Jobs, der die Stadt zu einem amerikanischen Powerhouse macht. Die University of Texas mit fast 52 000, die Texas State University mit 36 800 Studierenden und das Austin Community College mit knapp 39 000 Hochschülern stellen Austin ständig gut ausgebildete Arbeitskräfte zur Verfügung. In der Metro-Region kommen noch die St. Edwards University, die Concordia University und die Southwestern University hinzu. 

Junge Leute werden zugleich von einer hippen Kultur- und Musikszene angezogen. Umgekehrt erneuern die Zugezogenen diese Szene immer wieder. Die Gegenkultur hat die Serie „Austin City Limits“ im öffentlichen Fernsehen etabliert, die seit 1974 ausgestrahlt wird und Künstler aus der Region und inzwischen weit darüber hinaus promotet. Möglicherweise weltweit kann keine andere Live-Musik-Serie auf eine so lange Ausstrahlungszeit zurückblicken.

Dieses vibrierende Milieu zieht Firmen an, die junge, innovative Mitarbeiter suchen. Neben der Hightech- und IT-Sparte hat Greater Austin weitere Wachstumsbranchen zu bieten. Dazu gehören Luft- und Raumfahrt, Energie, der Mediensektor und Unternehmen aus der Petro- und Chemie-Sparte. 

General Motors unterhält seit 2013 dort eines von vier IT-Innovationszentren in den USA (die anderen drei sind in Michigan, Georgia und Arizona angesiedelt). Im Sommer kaufte der Autokonzern ein Gebäude mit 28 000 Quadratmetern Bürofläche im Norden der Stadt hinzu. Das Innovationszentrum soll ausgebaut werden. Vor zwei Jahren hatte GM erklärt, in Austin würden 500 neue Arbeitsplätze geschaffen. Die zusätzliche Immobilie deutet darauf hin, dass diese Zahl bald überschritten wird. 
 

Die Antwort auf Silicon Valley

Manche sprechen nicht von „Silicon Hills“, sondern eine Spur spöttischer von der „Silicon Prairie“. So oder so kommt die Ansicht, dass Austin Texas’ Antwort auf das Silicon Valley in Kalifornien ist, nicht von ungefähr. 

Der Computerhersteller Dell in Round Rock, einem nördlich an Austin grenzenden Vorort, gehört zu den wichtigsten Jobmotoren. Michael Dell, der Firmengründer, hatte in den siebziger Jahren an der University of Texas ein medizinisches Vorstudium begonnen. Doch seine Passion, Personalcomputer von Kommilitonen aufzurüsten, lenkte ihn zu sehr ab. Dell beantragte einen Gewerbeschein und bot aus seinem Zimmer 2713 im Studentenwohnheim Dobie Center mit bei Ausschreibungen des Staates von Texas für die IT-Ausstattung von Behörden. Weil er dabei große Konkurrenten aus dem Rennen schlug, schmiss Dell schließlich das Medizinstudium und stieg ganz ins Computergeschäft ein.

Mit 24 Jahren wurde der Spross deutsch-jüdischer Einwanderer, dessen Familienname sich vom deutschen Wort „Tal“ ableitet, vom Magazin Forbes zum „Unternehmer des Jahres“ ausgerufen. Heute beschäftigt Dell weltweit über 100 000 Mitarbeiter und ist der größte Produzent von Bildschirmen und einer der größten Hersteller von PCs. 

Michael Dell, der sein Computerimperium also nicht, wie in Kalifornien üblich, in einer Garage begann, wohl aber zwischen Bett und Schreibtisch in seiner Studentenbude, wird in der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner auf Platz 23 geführt. Aktuell verzeichnet sein Unternehmen einen Nettowert von 19,1 Milliarden Dollar und fädelte im Oktober mit der 63-Milliarden-Dollar schweren Übernahme des Speicher-Herstellers EMC den größten IT-Deal der Geschichte ein. 

Ein anderer Studienabbrecher aus Austin hat ähnliches unternehmerisches Genie bewiesen. John Mackey studierte an derselben Universität Philosophie und Religion und arbeitete nebenbei als Freiwilliger für eine Vegetarier-Kooperative. Zusammen mit seiner Freundin Renee Lawson eröffnete er 1978 in Austin einen Bio-Laden namens „Saferway“ – eine verhöhnende Kriegserklärung mit offenem Visier an die Kette „Safeway“ aus Kalifornien, deren Lebensmitteln Mackey die Qualität absprach.

Das Geschäft wurde buchstäblich zum Lebensmittelpunkt der beiden Jungunternehmer: Weil sie große Mengen von Lebensmitteln in ihrem Ein-Zimmer-Apartment lagerten, kündigte ihnen der erboste Vermieter. Das Paar zog notgedrungen für einige Zeit in den „Saferway“-Laden. Weil es darin keine Dusche gab, mussten Mackey und seine Partnerin improvisieren. Ein Schlauch, der an die Spülmaschine angeschlossen wurde, erfüllte den Zweck. 

1980 schloss sich „Saferway“ mit einem anderen Bioladen, „Clarksville Natural Grocery“, zusammen. Der Merger erhielt den Namen „Whole Foods Market“, expandierte rasch in andere Bundesstaaten und später nach Großbritannien und Kanada. Heute gehört das Unternehmen mit 91 000 Mitarbeitern zu den 30 größten Supermarktketten der USA und gilt mit 427 Filialen als größter Biowarenanbieter der Welt. Doch längst hat die Kette ihr zum Teil ausgesprochen hochpreisiges Angebot weit über dieses Segment hinaus erweitert. 
 

Sozialismus und Libertarismus

Die Zentrale sitzt bis heute in Austin. Mackey, der vom Vegetarier zum Veganer wurde, war von 1978 bis 2009 Vorstandsvorsitzender, seit 2007 für ein symbolisches Monatsgehalt von einem Dollar. 

Heute wohnt der Gründer, der in seiner Weltanschauung Positionen des demokratischen Sozialismus mit denen des radikalen Libertarismus verbindet, mit seiner Frau Deborah Morin auf einer Ranch 60 Kilometer westlich von Austin. Er sitzt weiterhin im Vorstand von Whole Foods Market, das heute mit Verschlankung und ab 2016 mit der Billig-Biomarktkette „365“ im härter werdenden Konkurrenzkampf Mitbewerber wie „Trader Joe’s“, das zur deutschen Aldi-Gruppe gehört, auf Distanz halten will.

Und dann sind da noch Silicon-Valley-Ableger von Unternehmen wie Hewlett Packard, Cisco, Xerox, Apple, eBay, Facebook oder Google, die in Austin wichtige Arbeitgeber sind und der Stadt Anziehungskraft verleihen.
 

Harmonie der Gegensätze

Austin ist eine liberale Hochburg inmitten des zutiefst republikanisch geprägten Texas. Gleichwohl kommt sie in vielen Facetten des Lebens wohltuend traditionell daher. Sonntags sind nicht nur viele Geschäfte, sondern auch Restaurants und Bars in Downtown geschlossen, was Besucher von der liberalen Ostküste oder aus dem progressiven Kalifornien staunen lässt. Selbst in der zumeist sehr trendigen Musikszene trifft man immer wieder auf das „alte Texas“, auf Country-Weisen und Cowboy-Songs. Es ist eine Harmonie der Gegensätze, die im toleranten Austin funktioniert.

Zumeist wird hier demokratisch gewählt, und das begann nicht erst mit dem späteren Präsidenten Lyndon B. Johnson, der aus Austin stammt und sich für die bürgerrechtliche Gleichstellung von Schwarzen stark machte. Johnson war Gouverneur von Texas und dann Vizepräsident, bevor er nach der Ermordung John F. Kennedys zum neuen Commander-in-Chief ernannt wurde. Musikikone Janis Joplin, Schauspieler Ethan Hawke und der Modedesigner und Gucci-Sanierer Tom Ford wurden ebenfalls in dieser Stadt geboren.

Licht gibt es gleichwohl nicht ohne Schatten: Eine Stadt im Boom ist immer auch eine Stadt mit Problemen. Die Immobilien- und Mietpreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen – gegenüber den frühen neunziger Jahren um 187 Prozent. „Austin ist nicht überteuert, aber Austin verlangt hohe Preise“, sagte Angelos Angelou, Experte für Wirtschaftsentwicklung, im Januar bei der von ihm alljährlich veranstalteten Konferenz zu den wirtschaftlichen Perspektiven der Stadt. „Unsere Wohnkosten sind viel zu schnell gestiegen. Wir brauchen ein größeres Angebot an Wohnungen, um das zu bewältigen.“
 

Teures Pflaster

Tatsächlich sind nach einer Studie von Fitch Rating vom August 2015 Immobilien in Austin im Durchschnitt um satte 20,6 Prozent überbewertet. In Texas insgesamt liegt die Überbewertung bei 11 Prozent. Über 40 Prozent der Einwohner wenden mehr als 35 Prozent ihres Einkommens für Wohnung oder Haus auf. „Das ist ein hoher Prozentsatz. Ich hoffe, das hält nicht an“, sagt Angelou. Häuser unter 150 000 Dollar gebe es auf dem Markt praktisch nicht. Da in den USA die Eigenheimquote deutlich höher ist als in Deutschland, kann dies qualifizierte Jobsuchende daran hindern, nach Austin zu ziehen. Weiteres Bauland im nahen Umland muss darum erschlossen werden, um Austin attraktiv zu halten. Selbst im Osten und im Süden der Stadt, wo noch vor 15 Jahren fast ausschließlich einkommensschwache schwarze oder hispanische Familien lebten, sind allein zwischen 1999 und 2006 die Preise für Einfamilienhäuser um 106 Prozent gestiegen, schreibt Joshua Long in seinem kenntnisreichen Austin-Buch „Weird City“. Parolen wie „Yuppies Go Home“ und „Stop Gentrifying East Austin“ tauchten als Graffiti in der Stadt auf.

Doch ist die Gentrifizierung kein böser Schicksalsschlag, sondern der Lohn für anhaltende Erfolge der örtlichen Unternehmer und Stadtplaner. Je schneller die Weichen dafür gestellt werden, dass in der wachsenden Stadtregion zusätzlicher Wohnraum gebaut werden kann, desto eher werden auch die Einkommensschwachen mit dieser Entwicklung Schritt halten oder gar von ihr profitieren.

Ein anderes Problem für Austin ist der politische Stillstand in Wa-shington. Etliche Konzerne in der texanischen Hauptstadt setzen auf die Anwerbung talentierter und ehrgeiziger Arbeitssuchender aus dem Ausland. Eine Reform des Einwanderungssystems wäre dafür eine Voraussetzung. Doch Republikaner und Demokraten sind – auch in dieser Frage – tief zerstritten, eine Gesetzesnovelle ist nicht in Sicht.

Dennoch: Das nonkonformistische Austin wird sich seinen eigenen Rhythmus von Musik und Business weiter bewahren. Die Stadt mag „weird“ sein, aber sie ist auch „wired“: Austin ist verkabelt mit den neuesten Entwicklungen des digitalen Zeitalters. Investoren, Unternehmensgründer, Jobsuchende und Studenten dürften daher auch in Zukunft viele gute Gründe sehen, auf Austin zu setzen.

Ansgar Graw ist USA-Korrespondent von Welt und Welt am Sonntag mit Sitz in Washington, DC. 

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2015, S. 106-111

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