01. April 2008

Russlands Energie: Europas Achillesferse?

Trotz Misstönen und gebotener kritischer Distanz: Die Kooperation ist alternativlos

Russlands neues Selbstbewusstsein als „Energie-Großmacht“ beunruhigt den Westen. Auch Deutschland, der wichtigste Handelspartner, ist auf russische Energielieferungen absolut angewiesen. Doch Angst war noch nie ein guter Ratgeber: Das Verhältnis braucht Glaubwürdigkeit, Vertrauen und neue Formen eines vertieften deutsch-russischen Dialogs.

Russland hat sich nach 1990 nicht auf einen langen Weg nach Westen aufgemacht, Russland geht seinen eigenen Weg. Die zurückliegenden Putin-Jahre dürften alle gegenteiligen Erwartungen enttäuscht haben. Das neue Russland ist sich seiner starken Position bewusst, eine Position, die sich nicht zuletzt auf den Ressourcenreichtum des Landes gründet. Kein anderer Staat verfügt über so viele Rohstoffe. Russland ist der größte Energieproduzent der Welt, das Land besitzt mehr als ein Drittel der weltweiten Erdgasreserven, ca. sechs Prozent der Weltölreserven und die zweitgrößten Kohlereserven. Das weckt Befürchtungen.

Die Versorgung mit mineralischen und energetischen Rohstoffen ist die Achillesferse der Volkswirtschaften in Europa, besonders für den Exportweltmeister Deutschland. Vor diesem Hintergrund scheint es geradezu populär zu sein, vor einer Abhängigkeit von Russland zu warnen. Konjunktur hat die These, der russische Staat benutze seine Energiekonzerne als „Waffe“. Ja, Deutschland ist abhängig von russischen Rohstofflieferungen und ja, Energiepolitik hat eine machtpolitische Dimension. Die Spannungen zwischen Russland und einigen Transitländern, wie der „Gasstreit“ mit der Ukraine, oder die Auseinandersetzungen mit Polen beim geplanten Bau der Ostsee-Pipeline, zeigten das. Doch rückblickend muss auch konstatiert werden, dass die Versorgungssicherheit Deutschlands während dieser Turbulenzen nie gefährdet war. Denn zur ganzen Wahrheit gehört auch, dass energiewirtschaftliche Beziehungen keine Einbahnstraße sind. Gerade der Bundesrepublik war Russland in der Vergangenheit immer ein verlässlicher Lieferant. Dabei trägt Russland als Produzent in zweierlei Hinsicht Verantwortung: Zum einen müssen die Rohstoffe genutzt werden, um die Entwicklung der eigenen Volkswirtschaft voranzutreiben. Das ist nicht nur legitim, sondern geradezu eine Pflicht gegenüber der eigenen Bevölkerung. Zum anderen muss aber auch eine zuverlässige Versorgung der europäischen Verbraucherländer gewährleistet werden, denn ohne die würden Russland die wichtigsten Absatzmärkte fehlen. Insofern besteht keine einseitige Abhängigkeit, sondern eine wechselseitige – mit allseitigen Vorteilen, was auch folgender Zusammenhang deutlich macht: In den meisten Verbraucherländern existiert ein hohes Potenzial an wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten zur Erhöhung der Energieeffizienz, also zur wesentlich sparsameren Nutzung der immer wertvoller werdenden Energieträger. Eine sprunghaft steigende Energieeffizienz ist auch für ein Produzentenland wie Russland unverzichtbar. Und darin besteht zugleich eine große Chance für die Wissensnation Deutschland, die in einen strategischen Vorteil im globalen Wettbewerb umgemünzt werden kann.

Die Entwicklung neuer Technologien, neuer Verfahren und Produkte ist durchaus im gemeinsamen Interesse. Zurzeit beträgt der Ausbeutungsgrad von Rohstoffen in Russland 40 Prozent; der Rest sind Abbauverluste – wirtschaftliche Nachteile und ökologische Konsequenzen sind damit massiv verbunden. Die Endlichkeit von Reserven verpflichtet Wissenschaft und Wirtschaft, die Förderung von Bodenschätzen zu optimieren und gleichzeitig neue Konzepte zu entwickeln, die vor allem den sparsamen Einsatz von Energie möglich machen. Darüber hinaus bekommt auch Deutschland den „Rohstoffhunger“ aufstrebender Mächte und Volkswirtschaften deutlich zu spüren. In einem rasanten, dynamischen Prozess schreitet die Globalisierung voran. Je stärker die Nachfrage für energetische und mineralische Rohstoffe auf den internationalen Märkten wächst, desto wichtiger werden Technologien zur Effizienz- und Produktivitätssteigerung – für alle Marktteilnehmer.

Ein transnationaler Wissensaustausch zwischen der Wirtschaft und der Wissenschaft, die an solchen Technologien arbeiten, aber auch zwischen Rohstoffimporteuren und -exporteuren wird daher immer unverzichtbarer. Trotz mancher Misstöne und gebotener kritischer Distanz im Verhältnis zu Russland ist der Weg der Kooperation alternativlos. Mit dem Petersburger Dialog gibt es seit dem Jahr 2001 eine deutsch-russische Diskussionsplattform, die immer wieder Initiativen für konkrete Projekte hervorgebracht hat.

So wurde im Rahmen des sechsten Petersburger Dialogs im Oktober 2006 das „Ständige Deutsch-Russische Forum zu Fragen der Nutzung von Rohstoffressourcen“ aus der Taufe gehoben. Das Forum thematisiert Fragen, die auf den Kern aktueller Notwendigkeiten zielen: Wie können technische und wissenschaftliche Erkenntnisse genutzt werden, um den Zugang zu Bodenschätzen und deren Gewinnung zu verbessern, neue Lagerstätten aufzuspüren und bei der Verarbeitung höchstmögliche Effizienz zu erreichen? Der asiatische Teil Russlands zum Beispiel ist erst zu einem Zehntel geologisch erforscht. Für Rohstofferzeuger und -importeure bietet sich also ein enormes Potenzial, das durch wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit nutzbar gemacht werden kann. Begleitet von deutschen und russischen Wissenschaftseinrichtungen werden beim Deutsch-Russischen Rohstoffforum zum einen die Themenkomplexe Rohstofferkundung, -gewinnung und -verarbeitung, zum anderen die Themenkomplexe Energiewandlung, -transport, -speicherung und -nutzung bearbeitet; zudem werden Strategien für die Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Probleme formuliert. Besonders die „saubere“ Nutzung fossiler Energien ist mit Blick auf eine Politik gegen den Klimawandel alternativlos. Wichtig ist den Initiatoren zudem, die Entwicklungs- und Einsatzmöglichkeiten erneuerbarer Energien und dezentraler Energieversorgungssysteme zu erforschen.

Der Bezug von Rohstoffen ist für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands von zentraler Bedeutung; ebenso zwingend geboten ist die Erhöhung der Energieeffizienz der russischen Wirtschaft. Die Sicherheit der Versorgung mit Rohstoffen und Energie zu gewährleisten ist eine Aufgabe, die künftig schwieriger und kostspieliger zu erfüllen sein wird. Die Erforschung und Anwendung aller erneuerbaren Energieträger müssen weltweit energisch vorangetrieben werden. Ebenso müssen wir realisieren, dass die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen und Energie beständig wächst und das Angebot immer knapper wird.

Die Sicherheit der Rohstoff- und Energieversorgung für Deutschland ist ohne Russland kaum denkbar. Stabile partnerschaftliche Beziehungen sind für uns daher (über)lebenswichtig. Ein stetiger, intensiver deutsch-russischer Dialog kann zur gegenseitigen Berechenbarkeit beitragen und Vertrauen in die bilateralen Beziehungen aufbauen. Jede Brücke zwischen Russland und dem Westen verbindet.


Prof. Dr. KLAUS TÖPFER, geb. 1938, (CDU), war u.a. Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (1987–1994) und von 1998–2003 Untergeneralsekretär der UN; in dieser Zeit leitete er das UN-Büro in Nairobi und war  Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP). Er ist Schirmherr des Deutsch-Russischen Rohstoff-Forums.