01. Februar 2005

»Robuste Ökosysteme sind kein Luxus«

Der UN-Umweltchef über Tsunamis, Grünhelmeinsätze und den Wert von Korallenriffen

UNEP-Direktor Klaus Töpfer über umweltpolitische Konsequenzen der Flutkatastrophe

IP: Herr Töpfer, waren Sie vom Ausmaß der Tsunami-Katastrophe geschockt oder war Ihnen durch Ihre Arbeit bewusst, dass früher oder später ein solches Desaster irgendwo auf der Welt eintreten würde?

Töpfer: Nein, das war eine schockierende Neuheit. Die Katastrophe hat ja ein geradezu biblisches Ausmaß. In die-ser Dimension ist eine solche Flut bisher nie aufgetreten. Und sie passiertein einem stark besiedelten Gebiet, in dem viele arme Menschen leben, so dass die Auswirkungen noch schlim-mer sind. Die Ärmsten der Armen leiden immer besonders unter Naturkatastrophen.

IP: Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten umweltpolitischen Konsequenzen, die aus der Tsunami-Katastrophe gezogen werden müssen?

Töpfer:Der Tsunami hat deutlich gemacht, wie wichtig Ökosysteme für die Menschheit sind und dass es in unserer Verantwortung gegenüber der Schöpfung liegt, sie zu schützen, auch mit Blick auf die Sicherheit der Menschen. Ihre Artenvielfalt bedeutet einen unglaublichen Reichtum an genetischer Vielfalt. Darüber hinaus bringen intakte Ökosysteme auch unmittelbare ökonomische Vorteile mit sich – sie sind die ersten und wichtigsten Abwehrsysteme der Natur gegen Katastrophen.

IP: Können Sie ein Beispiel nennen?

Töpfer: Korallenriffe sind lange unterschätzt worden. Wegen ihrer Artenvielfalt sind sie so etwas wie die Regenwälder der Meere. Ein intaktes Riff ist die erste Abwehrbarriere gegen die Kräfte des Meeres. Dasselbe gilt für Mangrovensümpfe und Seegrasbestände. In anderen Regionen sind Feuchtgebiete wichtig, um Hochwasser zu vermeiden. All dieses sind Ökosysteme, die deutlich zurückgehen in ihren Beständen. Sie werden in die Landnutzung zu wenig mit eingebunden. Das muss beim Wiederaufbau beachtet werden. Wir müssen die Landnutzung resistenter machen für alle Arten von Naturkatastrophen. Der ökologische Wert muss immer mitgedacht werden. Man glaubt immer, dort, wo die Ärmsten leben, könne man sich so etwas nicht leisten. Aber gerade dort muss man sich so etwas leisten – robuste Ökosysteme sind kein Luxus. Es ist sicher dringend notwendig, jetzt ein Frühwarnsystem für Tsunamis im Indischen Ozean aufzubauen. Aber man muss es global angehen und es in ein umfassendes Warnsystem vor Naturkatastrophen einbetten.

IP: War der Tsunami ein notwendiges Alarmsignal?

Töpfer: Der Tsunami war zunächst mal eine Katastrophe für Millionen von Menschen. Den vielen Opfern ist nur gerecht zu werden, wenn wir hinterher nicht zur Tagesordnung übergehen. Es waren Augen öffnende, schockierende Momente, die uns herausfordern, den Schutz der Umwelt stärker zu beachten und Vorsorge gegen Naturkatastrophen in alle Entwicklungsstrategien einzuarbeiten. Es ist ja typisch menschlich, dass wir viele Dinge erst nach einer Katastrophe ändern. Zunächst muss man den dramatischen Weckruf der Natur jetzt natürlich unmittelbar in der Region beantworten. Aber man muss auch weiterdenken und sich stärker mit der Verhinderung von Naturkatastrophen befassen.

IP: Wie sieht die Antwort von UNEP auf den Tsunami in der Praxis aus?

Töpfer: Die Ereignisse von Ende Dezember werden großen Einfluss auf unsere Arbeit haben. Wir sind ja schon vorher wie Wanderprediger durch die Welt gezogen und haben die unglaublich bedeutsamen Funktionen von Ökosystemen gepredigt. Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir eine intakte Umwelt brauchen, um Entwicklung zu gestalten. Derzeit arbeiten wir mit Hochdruck am Aufbau eines Frühwarnsystems mit. Außerdem sind wir in den Wiederaufbauprozess eingebunden. In allen betroffenen Ländern werden wir massiv von den Ministerien gefragt. Der Präsident der Malediven hat uns gebeten, dass wir den Zustand der Korallenriffe schnellstmöglich analysieren. Indonesien möchte, dass wir dort eine Notfallzentrale für Naturkatastrophen aufbauen. Ich denke, dass die Mitgliedsstaaten diese Arbeit von uns verlangen.

IP: Als Sie Ihr Amt angetreten haben, stand UNEP im Ruf, zu bürokratisch und zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Hat sich das geändert?

Töpfer:Man sollte selbst am wenigsten versuchen, seine Arbeit als Erfolg darzustellen. Aber fest steht, dass wir ein akzeptierter und erforderlicher Partner im UN-System sind. Das hat sich auch bei der Tsunami-Katastrophe gezeigt. Ich glaube, dass wir inzwischen besser gegen Krisen gewappnet sind. Wir haben eine Einheit aufgebaut, die sich mit Umweltschäden in Folge von Konflikten beschäftigt, beispielsweise auf dem Balkan, in Afghanistan, den palästinensischen Gebieten, im Irak und in Liberia. Derzeit befasst sie sich mit der Region der Großen Seen in Zentralafrika. Wir haben auch viel dazugelernt bei Katastrophen, die von Menschen ausgelöst werden, also Ölkatastrophen oder Chemieunfällen. Aber es bleibt weiter viel zu tun. Wir müssen die Chance nutzen, die uns die anstehende Reform der Vereinten Nationen bietet. Wir wollen den Sanierungs- und Stabilisierungsprozess globaler Umweltpolitik noch weiter voranbringen, damit wir eine proaktive Organisation werden.

IP: Was halten Sie von dem Vorschlag des französischen Präsidenten Jacques Chirac, das UN-Umwelt-„Programm“ in eine UN-Umwelt-„Organisation“ umzuwandeln?

Töpfer: Die Mitgliedsstaaten haben darüber zu entscheiden, in welcher Organisationsform welche Dinge gemacht werden sollen. Das ist ohne Zweifel gut so. Wir haben beispielsweise auch keine UN-Entwicklungsorganisation, sondern ein UN-Entwicklungsprogramm. Viele sagen, es wäre sinnvoller, eine Organisation zu haben. Auch Deutschland arbeitet intensiv daran, diese Frage in diesem Jahr der UN-Reform voranzubringen, wenn nicht zu entscheiden.

IP: Worin bestehen die Vorteile?

Töpfer: Die Vorteile einer Organisa-tion bestehen in der gesicherten Finanzierung und den größeren Handlungsmöglichkeiten, vor allem auch in einer umfassenden Koordination der globalen Umweltpolitik. Wir bemühen uns in UNEP aber, nicht auf die große Reform zu warten, sondern von unten zu verändern. Derzeit bekommen wir Bei-träge von mehr als 130 Staaten, das ist noch nie dagewesen. Wir waren vorher bei etwa 70 Staaten. Es bleibt aber die wichtige Frage: Wie können wir die Zersplitterung der Umweltpolitik beenden? Wir haben so viele Konventionen, die an sich gut sind. Aber sie sind alle voneinander unabhängig. Jede hat ihr eigenes Kontrollgremium. Unsere Vision ist es, dies wieder zusammenzuführen und Umweltpolitik aus einem Guss zu machen.

IP: Warum halten Sie es für sinnvoll, dass die UN eine Führungsrolle in der Umweltpolitik übernehmen?

Töpfer: Wir brauchen eine immer stärkere Antwort auf die Globalisierung unserer Welt. Viele denken dabei nur an die wirtschaftliche Globalisierung. Doch die ersten Folgen der Globalisierung betrafen die Umwelt. Alle unsere Themen sind globale Themen: Klimawandel, Artenverluste, Wüstenbildung etc. Deswegen haben die Vereinten Nationen gerade im Bereich der Umwelt extrem wichtige Aufgaben zu erfüllen. Und dafür müssen sie ein handlungsfähiges, durchsetzungsfähiges Instrument haben. Ich habe mich bemüht, das Umweltprogramm entsprechend voranzubringen.

IP: Sie haben schon vor der Tsunami-Katastrophe die Idee von UN-Grünhelmen in die Welt gesetzt. Was könnten die leisten?

Töpfer: Wir brauchen nicht nur UN-Blauhelme, die eingreifen, wenn Konflikte vorhanden sind. Sondern wir brauchen UN-Grünhelme, um Konflikte zu vermeiden, die aus der Nutzung, ja der Übernutzung der Umwelt, etwa von Wasser und Böden, entstehen können. So etwas wird jetzt auch intensiv in der EU diskutiert. Die Grünhelme sollten eine Art internationales Technisches Hilfswerk  sein, eine ständig verfügbare Gruppe von Menschen mit technischem Wissen und entsprechenden Geräten. Aber sie sollten nicht nur als Eingreiftruppe im Katastrophenfall reagieren, sondern schon vorher, um Katastrophen zu verhindern.

IP: Welchen Vorteil hätte eine weitere UN-Organisation gegenüber den zahlreichen und zum Teil sehr effizien-ten  NGOs?

Töpfer: NGOs haben eine große Bedeutung und werden sie auch weiter haben. Sie sind flexibler als eine UN-Organisation, aber eben auch konzentrierter und begrenzter. Unsere Aufgabe als Vereinte Nationen ist es, zu koordinieren und nationale Aktivitäten zusammenzufügen. Nach der Tsunami-Katastrophe haben viele Länder ihre Hilfsorganisationen nach Asien geschickt. Das war auch sinnvoll. Aber es wäre ein Vorteil gewesen, wenn man auf eine vorhergehende Koordination hätte aufbauen können.

IP: Viele sind überzeugt, dass Kriege um Wasser künftig wahrscheinlicher sind als ideologische Kriege. Was kann UNEP tun, um diese Konflikte zu verhindern?

Töpfer: Zunächst hat die gemeinsame Nutzung von Wasserressourcen nicht zu Kriegen, sondern zu unterschiedlichen Arten der Zusammenarbeit geführt. So wird der Rhein von der Schweiz, von Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden benutzt, und was oben am Fluss falsch gemacht wird, hat am Unterlauf erhebliche Konsequenzen. Deswegen haben wir in Europa jedoch keine Wasserkriege geführt, sondern eine Konvention beschlossen. Darin ist festgeschrieben, was jeder darf und was er verhindern muss, damit das Recht des anderen nicht eingeschränkt wird. Ähnliche Abkommen gibt es für die Donau und viele andere Flussgebiete. UNEP hat einen Atlas der Wasserverträge veröffentlicht. Wir müssen aber künftig sehr viel dafür tun, dass die Abhängigkeit vom Wasser frühzeitig erkannt wird  und rechtsbindende Lösungen gefunden werden. Die Gefahr ist schon jetzt latent, und sie wird mit einem Anstieg der Wassernachfrage in Folge der Industrialisierung und Urbanisierung und vor allem des Bevölkerungswachstums weiter steigen. Wir müssen die einzelnen Fälle analytisch aufarbeiten: Was wird aus der Region des Tschad-Sees, wenn das Wasser weiter abnimmt? Wie können wir vorsorgen? Wie können wir die Zusammenarbeit am Nil oder am Mekong verbessern? Abrüstungspolitik besteht heute aus Investitionen in Wasserrecycling und Wassersparmaßnahmen. Alles, was dazu beiträgt, dass mit Wasser besser umgegangen wird, ist zugleich friedens-schaffend.

IP: Russland hat das Kyoto-Protokoll ratifiziert, aber für 2005 ist keine weiterführende Konferenz geplant. Enttäuscht Sie das?

Töpfer: Viele hatten das Kyoto-Protokoll schon totgesagt. Aber es ist jetzt ratifiziert und rechtswirksam. Damit sind auch die Instrumente rechtswirksam, die von der Minderung des Anstiegs der Emissionen („mitigation“) bis zur Anpassung an nicht vermeidbare Klimaänderungen („adap-tation“) reichen. Diese Zielsetzungen und Instrumente sind extrem wichtig. Aber es ist klar, dass Kyoto nur ein erster Schritt sein kann. Der Klimawandel bleibt auf der Agenda, er ist die zentrale Herausforderung für die Zukunft unserer Welt. Im Januar war ich auf der Konferenz der kleinen Inselstaaten wie Tuvalu und die Malediven. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels – der keine Kinoutopie darstellt, sondern eine wissenschaftlich berechnete Entwicklung – werden sie einfach untergehen. Dies allein macht deutlich, dass eine Änderung unserer Energiestruktur auch aus ökonomischen Gründen dringend nötig ist.

IP: Wie schätzen Sie die Haltung der USA ein, die noch immer keine Anstalten machen, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen?

Töpfer: Es gibt eine breite Palette von Signalen aus den USA. Viele Bundesstaaten und viele  Großunternehmen betreiben längst engagierte Klimapolitik. In dem Energie-programm, das jetzt in den USA vorgelegt wurde, geht es um ganz neue Dimensionen des Energiesparens und auch um die Veränderung der Energieversorgungsstruktur. Dahinter stecken auch ökonomische Überlegungen. So führt der Wachstumsprozess in Indien und China zu einem massiven Anstieg der Nachfrage nach Energie. Da unsere Versorgungsmöglichkeiten begrenzt sind, beeinflusst dies wiederum die Kostenentwicklung. Insgesamt gesehen, bieten die USA ein sehr breitgefächertes Bild. Man sollte nicht nur eine kritische Position gegenüber der Regierung in Washington einnehmen, sondern die vielfältigen Aktivitäten auf allen Ebenen fördern und daraus lernen.

Das Gespräch führte Dr. Ulrike Koltermann, Korrespondentin der Deutschen Presse-Agentur für West- und Ostafrika in Nairobi.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, Februar 2005, S. 88 - 91.

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