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01. Apr. 2009

Ruheloses Riesenreich

Buchkritik

Als das Imperium der UdSSR zerfiel, kehrten die interethnischen Zwistigkeiten zurück. Im Machtvakuum versuchten Nationalisten und Abenteurer die Gunst der Stunde zu nutzen. Besonders im Kaukasus wurden Konflikte zu Kriegen. Drei Neuerscheinungen über Unruhen, Untertanen und die Apokalypse als Normalzustand im postsowjetischen Russland.

Nicht nur Reportage, sondern auch Erklärung und Analyse will Manfred Quirings Buch über die Kaukasus-Kriege der Gegenwart sein. Daran aber ist der Autor gescheitert. Wo er vom Alltag im Krieg erzählt, gelingen ihm manche klugen Beobachtungen und witzige Pointen. Seine Erklärungs- und Einordnungsversuche aber erschöpfen sich in peinlichen Hinweisen auf die Frühgeschichte des Kaukasus und die kulturellen Besonderheiten der Region. Man erfährt, dass die Sängerin Katie Melua aus Georgien stammt, dass das Königreich Georgien zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert in einer „Blüte“ gestanden habe, danach aber im Verfall gewesen sei, dass die Armenier den „ältesten christlichen Staat der Welt“ begründet hätten und dass die Osseten Nachfahren der Skythen seien, die sich im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt im Kaukasus angesiedelt hätten.

Was soll mit diesen Hinweisen auf die Geschichte erklärt werden? Käme jemand auf die Idee, die gegenwärtigen politischen Ereignisse in Deutschland mit dem Hinweis zu erklären, die Deutschen stammten von den Cheruskern ab, man würde ihn auslachen. Historiker erzählen stets Geschichten, die den Lesern zeigen sollen, dass Ereignisse einen Ursprung haben. Aber die ethnischen Konflikte im Kaukasus und der Umgang mit ihnen haben ihren Ursprung nicht im Mittelalter oder im 19. Jahrhundert, sondern in der Nationalitätenpolitik des sowjetischen Imperiums. Die graue Vorzeit wird von den Nationalisten aller Parteien nur angerufen, um Ansprüche zu begründen und das hohe Alter der Nation nachzuweisen.

Davon scheint Quiring nichts zu wissen. Geradezu unangenehm sind die ethnischen Stereotypen, mit denen Quiring seinen Text ausgestattet hat. Die Menschen des Kaukasus hätten ein „irrationales Verhältnis zu exakten Zahlen“ (S. 12), seien aber herzlich und gastfreundlich. Am Ende des Buches steht dieser Satz: „Der Kaukasier, abhängig von der jeweiligen Region graduell unterschiedlich, ist nach europäischem Verständnis ein übler Macho.“ (S. 184) Wie ist eigentlich der Europäer? Wir wissen es nicht. Aber man weiß nach der Lektüre dieses Buches, dass Quiring alles andere als ein begabter Autor ist.

Von ähnlicher Qualität ist leider auch der von Erich Reiter herausgegebene Sammelband über die Sezessionskonflikte in Georgien. Er besteht aus Beiträgen, die aus einem vom österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung ausgerichteten Workshop über das Konfliktmanagement in Georgien hervorgegangen sind. Es geht in ihnen um die Frage, wie die gegenwärtigen Konflikte ausgelöst wurden und wie sie beigelegt werden können. Die Autoren fragen nach den Ursprüngen der russischen Kaukasus-Strategie, den amerikanischen und europäischen Interessen in der Region, nach dem Zusammenhang von ökonomischen und militärisch-strategischen Entscheidungen und der Zukunft der Nationalitätenkonflikte im Kaukasus. Alle Autoren bemühen sich um Ausgewogenheit und halten sich mit Schuldzuweisungen an die georgische oder russische Seite zurück. Konsens scheint allerdings in der Einschätzung zu bestehen, dass die aggressive Strategie des geor-gischen Präsidenten Michail Saakaschwili die Position der Kaukasusrepublik im Konflikt mit Russland auf Dauer geschwächt hat. Russland, auch darin sind sich die meisten Autoren einig, hat sich von der Strategie des liberalen Außenministers Andrei Kosyrew abgewandt, die alle Republiken der ehemaligen Sowjetunion als eigenständige Staaten anerkannte. Man ist zur imperialen Außenpolitik zurückgekehrt, die den Kaukasus und die Ukraine als Einflussbereich betrachtet und ethnische Konflikte für eigene Machtinteressen missbraucht. Die USA, so der Tenor, seien am Energietransit, an der Stabilität der Länder des Mittleren Ostens und am Prinzip der freien Bündniswahl interessiert. In diesem Spanungsfeld hat Georgien noch keinen geeigneten Platz gefunden.

Nun, das alles konnte man bereits in der überregionalen Tagespresse lesen, bisweilen sogar klüger und eleganter. Manche Artikel in diesem Buch verzichten ganz auf Analyse und konfrontieren ihre Leser stattdessen mit einer öden Chronologie der Ereignisse. In einigen Beiträgen wird wiederholt, was in anderen Beiträgen schon gesagt wurde, vieles, was in diesem Buch auftaucht, gehört überhaupt nicht zum Thema. Wer eine historisch oder soziologisch fundierte Analyse des Sezessionskonflikts und seiner Ursachen erwartet, wird von diesem lieblos zusammengeflickten Buch enttäuscht werden.

„Russlands größter Feind ist die eigene Bevölkerung“, schreibt Viktor Jerofejew im Vorwort seines Essaybandes, der Beiträge enthält, die der Schriftsteller in den letzten Jahren in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht hat. „Folter ist ein Schlüsselwort im Leben der Russen. Russland hat immer, durch seine ganze Geschichte hindurch, sein Volk tyrannisiert, gequält und verhöhnt. Bemäntelt von den ideologischen Doktrinen des Zarismus oder Kommunismus, vernichtete es absichtlich das Volk in apokalyptischen Dimensionen – durch Kriege, Hunger, Epidemien, Säuberungen oder Repressionen. Dabei zwang es die Bevölkerung, den russischen Staat zu lieben und ewig ‚Hurra!‘ zu schreien. Darin besteht das Wesen der russischen Apokalypse.“

Jerofejew erzählt mit bitterem Witz und beißendem Sarkasmus vom Leben im postsowjetischen Russland, dessen Menschen von der neuen Welt bereits gekostet, die alte aber noch nicht hinter sich gelassen haben. Sie fluchen und schimpfen, rufen einander Obszönitäten zu und werden auf diese Weise freie Menschen, die ungestraft Autorität und Konventionen verhöhnen. Der „Mat“ – das russische Fluchen – gilt Jerofejew als bedeutendster Seismograph der gesellschaftlichen Realität. Die Gleichgültigkeit der Russen gegenüber der sexuellen Versklavung russischer Frauen im Westen, gegenüber den Opfern des Stalinismus und dem Schicksal kranker und hilfsbedürftiger Menschen, die sklavische Anbetung der Unterdrücker: alles ein Erbe des sowjetischen Imperiums. Was in Polen als moralische Katastrophe empfunden worden sei, interessiere in Russland nur wenige Menschen. Der russische Patriotismus, so Jerofejew, sei nicht auf moralischen Traditionen gewachsen.

Russland: Das ist die Sekretärin auf der Meldestelle, die dem Bittsteller die Ausstellung von Bescheinigungen verweigert, die Krankenschwester, die mit Verachtung und angewidert am Patienten vorbeischaut, der korrupte Staatsbeamte, dem das Wohlergehen der Bevölkerung einerlei ist und der sich nur für seine eigenen Vorteile interessiert. Russland ist aber auch, so Jerofejew, die Liebe der Bevölkerung zu jenen, die sie unterdrücken und entrechten. Russland habe unmenschliche Utopien hervorgebracht, aber keine Gesellschaft geschaffen. Chruschtschow habe Stalin für Lenin geopfert. Und heute „opfert der Kreml Lenin zugunsten von Stalin“ (S. 229). Niemand habe je verstanden, dass die Niederlage des sowjetischen Imperiums eine Wohltat war, über die man froh sein müsse. Stattdessen beklagten die Russen das Ende des Imperiums und des Machtstaats und freuten sich darüber, wenn ihre Regierung den Nachbarstaaten Angst mache. Deshalb sei die Apokalypse für Russland der „Normalzustand“. Wie lange wird es diesen Zustand noch geben? Müssen wir uns damit abfinden, dass Russland ein hoffnungsloser Fall ist?

Jerofejew preist das Privatleben. Nur im Privaten könne sich der Mensch aus der Bevormundung des Staates befreien, dürfe er sein, was er sein wolle. Seit dem Ende der Sowjet-union sei es vielen Bürgern gelungen, sich durch den Rückzug ins Private Freiheiten zu erstreiten, die das Regime nicht in Frage stellen konnte. Jerofejew ist ein ätzender Kritiker des russischen Lebens. Aber er ist auch ein Optimist, der daran glaubt, dass eines Tages in Russland alles besser werden wird.

Prof. Dr. JÖRG BABEROWSKI lehrt Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2009, S. 105 - 107.

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