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01. Juli 2006

Professoren, Publizisten, Patrioten

In der jüngsten Nationaldebatte scheint so etwas wie ein globalisierter Patriotismus auf

Wird es diesmal ernst mit dem neuen deutschen Patriotismus? Seit zwei Jahrzehnten, seit den Anfängen der Regierung Kohl, wird er gefordert, den Deutschen auf verschiedensten Wegen nahe gebracht, doch der Funke wollte bisher nicht recht zünden. In diesen Wochen bespricht die deutsche Öffentlichkeit die Fertigstellung der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM), sie pilgert ins Germanische Nationalmuseum nach Nürnberg in die Ausstellung „Was ist deutsch?“, und in Marbach wurde ein deutsches „Literaturmuseum der Moderne“ eröffnet – mit einer feierlichen Rede des Bundespräsidenten. Nach der Eröffnung des Holocaust-Mahnmals vor einem Jahr ist, so könnte man meinen, die Inneneinrichtung der Berliner Republik komplett: Die Regierungsbauten stehen, Nationaldenkmäler und Nationalmuseum sind eröffnet, und vom widerständischen Geist bis zu den grausamen Tätern ist alles berücksichtigt.

In diesen Wochen erinnerte man auch an den zwanzigsten Jahrestag des Historikerstreits um Einmaligkeit und Historisierung der nationalsozialistischen Verbrechen. Geisterhaft weht einen die Erinnerung an – auch weil deutlich wurde, wie wenig von der realen Judenvernichtung und ihren Abläufen im Jahr 1986 schon bekannt war; der Streit drehte sich um Fragen, die sich heute in präzise Kenntnis aufgelöst haben. Gleichzeitig orakelten damals Professoren vom „geschichtslosen Land“ – nicht zuletzt in Sorge um die Bündnistreue der Bundesrepublik im Nachrüstungsstreit. Auch diese hat sich erledigt, durch die Wiedervereinigung und die Ausdehnung der EU und der NATO bis nach Osteuropa. Aber eine Welle ehrgeiziger historischer Darstellungen – bei Siedler und Propyläen von einzelnen Autoren wie Wehler und Nipperdey – begleitete die damaligen Erregungen und sollte den Deutschen ihre „Identität“ (ein Lieblingswort der achtziger Jahre) bewusst machen.

Was ist von all dem geblieben? Neben den genannten Büchern unter anderem das DHM, dessen Gründung damals beschlossen wurde. Und ja: In gewisser Weise wurde der Nationalsozialismus historisiert, dabei aber auch durch neue Fragestellungen näher herangerückt, in säkulare Trends wie sozialstaatliche Egalisierung und ethnische Säuberung eingefügt und zugleich doch in seiner Unverrechenbarkeit präsent gehalten, beispielsweise durch das moralisch skrupulöse und ästhetisch hintergründige Mahnmal Peter Eisenmans. Es erwies sich: Deutschland konnte beides schaffen, die Heilung seiner nationalen Strukturen und die dauerhafte Vergegenwärtigung seiner geschichtlichen Schuld. Die Dichotomien der achtziger Jahre haben sich aufgelöst, durch den historischen Lauf der Dinge, durch tiefere Erkenntnis, aber auch durch guten Willen und eine Gelassenheit, die man um 1986 kaum für möglich gehalten hätte.

Was nicht verstummen wollte, war der Ruf nach Patriotismus. Um 1990 trat er zwar ein wenig in den Hintergrund, weil die deutsche Politik ein starkes Interesse hatte, die Wiedervereinigung europäisch abzusichern. Doch dann kamen die jugoslawischen Flüchtlingsströme, und konservative Politiker glaubten, den fremdenfeindlichen rechten Rand durch nationales Bramarbasieren sichern zu müssen. Der Take-off im Osten misslang, die Arbeitslosigkeit blieb dauerhaft hoch, rechtsradikale Ausschreitungen alarmierten Liberale und Konservative. Ziemlich genau zehn Jahre nach dem Historikerstreit kam um 1997 der neue Ruf nach Leitkultur und nationalen Werten auf, der seither in regelmäßigen Abständen wiederholt wird.

All diese Bestrebungen seit den achtziger Jahren hatten eines gemeinsam: Sie waren vor allem die Sache von Hochschullehrern und Politikern. Die vorerst letzte große Zeit des politisch wirkenden Geschichtsprofessors waren die beiden Jahrzehnte um 1990. Historiker lösten damals die Dominanz einer soziologisch orientierten Gesellschaftskritik triumphal ab, im Bündnis mit Politikern, die sich gern in Fluchtlinien der Geschichte sahen. Der Ruf nach Leitkultur enthielt immer auch das Verlangen nach Reduktion von geistiger Komplexität, sie sollte eine gemeinsame Basis sichern, auf der auch Politiker mit den Intellektuellen auf Augenhöhe sprechen konnten. Mit Händen zu greifen war das jetzt wieder bei der Eröffnung des Marbacher Literaturmuseums der Moderne durch den Bundespräsidenten: Was man da in einer rätselvoll magischen Präsentation sehen kann – die Spuren und Überreste einer tief zersplitterten, katastrophisch zerfallenen Geisteskultur voller abgebrochener Versuche, innerer Widersprüche, Sackgassen und höchst vereinzeltem Gelingen –, ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was nationale Identität tragen könnte. Doch Horst Köhler wollte selbst daraus am Ende noch Stolz auf den geistigen Reichtum der Nation saugen.

Ach ja. Da ist sogar etwas dran. Denn man kann ja wirklich stolz sein auf eine flackernde Interessantheit, die wir glücklicheren Nationen mit runderen Vergangenheiten voraus haben. Nur ist das ein komplizierter Gesichtspunkt, mit dem man wohl kaum ein breites nationales Bürgerbewusstsein nähren kann. Trotzdem tut sich derzeit etwas auf dem Feld des Patriotismus. Denn seit einiger Zeit sind es nicht nur Politiker und Professoren, die sich des Themas annehmen, sondern auch jüngere Publizisten und Schriftsteller. Mat-thias Matusseks aggressiv witziges Buch „Wir Deutschen“ speist sich nicht zuletzt aus den Erfahrungen eines Auslandskorrespondenten, die viele, die im Ausland arbeiten, teilen: Was in der europäischen, vor allem der englischen und italienischen Presse über Deutschland steht, stimmt oft einfach nicht mehr – jenseits der Frage von Sympathie oder Abneigung. Da tun Journalisten, nicht selten behindert durch miserable Sprachkenntnisse, ihre Arbeit nicht. Das ärgert gerade kosmopolitische jüngere Deutsche, und so könnte hier eine neue Gestalt eines globalisierten Patriotismus entstehen, auch durch die vergleichende Wahrnehmung der immer noch glänzenden Lebensbedingungen in unserem Land.

Viel tiefer reicht ein Buch wie Wolfgang Büschers Bericht „Deutschland, eine Reise“ (2005), das eine Fahrt um unser Land, an seinen Grenzen entlang, schildert. Büscher ist ein Liebender, dem alle Schrecken vor Augen stehen und der zugleich aus allen Vergangenheiten zu schöpfen versteht – vom Nibelungenlied bis zum Wirtschaftswunder. Sein mitreißender Text hat nichts von Sinnstiftung aus übergeordneten Erwägungen. Hier wird nichts postuliert, und darum wirkt die Liebe echt. Denn mit dem Patriotismus ist es wie mit dem Glauben an Gott: Man kann ihn sich nicht anschaffen, bloß weil es gut wäre, ihn zu haben. Er kann nur ohne Selbstüberredung bestehen. Büscher wird demnächst den Börne-Preis aus der Hand des Bundespräsidenten erhalten. Man kann nur hoffen, dass das Staatsoberhaupt und seine Redenschreiber die unverwechselbar persönliche Gestalt dieses Patriotismus respektieren und ihn nicht vor einen staatlichen Karren spannen.

Dr. GUSTAV SEIBT, geb. 1959, Historiker und Literaturkritiker, ist Autor der Süddeutschen Zeitung. Seine jüngsten Buchpublikationen sind: „Rom oder Tod“ (2001), „Rudolf Bochardts Leben von ihm selbst erzählt“ (Hrsg., 2002) und „Canaletto im Bahnhofsviertel“ (2005).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7, Juli 2006, S. 98-99

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